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Nicht ohne meine Blitztabelle
Na, da ist aber noch Luft nach oben: Die erste Ausgabe des Grand-Prix-Vorentscheids „Unser Star für Baku“ auf ProSieben geriet solide, aber unspannend. Wäre da nicht Stefan Raabs Einführung der Blitztabelle.
Auf den ersten Eindruck kommt es an: Kaum hatten sich die zehn Kandidaten vorgestellt, landeten sie schon auf der Abstimmungs-Schlachtbank. Da war noch kein Ton über ihre Lippen gekommen. Wer hat’s erfunden? Natürlich Stefan Raab. Und der war sichtlich stolz auf die Einführung der Echtzeit-Tabelle, die ständig eingeblendet wird. Sowas gab’s noch nie in einer Castingshow.
Geniale Idee, mal wieder — süßer die Kassen nie klingelten. Wer sieht, dass sein Favorit auf Rang sechs, dem „Arschplatz“ (so die Nürnberger Moderatorin Sandra Rieß), landet und somit ausscheidet, der ruft bereitwillig gleich noch einmal an. Wegen dieses Verfahrens liegt, so berichtet der Focus in seiner Online-Ausgabe, der Medienanstalt Berlin-Brandenburg eine Beschwerde vor, die nun geprüft wird.
Ansonsten nicht viel Neues: Raab, von dem man gedacht hatte, er ziehe sich hinter die Kamera zurück, sitzt breit grinsend auf dem Jurorenstuhl und scheint zwischendrin zu vergessen, dass er den Vorsitz eigentlich an Thomas D. abgegeben hat. Jener wiederum schlägt sich tapfer, und auch die dritte im Bunde, Alina Süggeler, macht ihren Job gut und sensibel.
Zehn Kandidaten gab es zu bewerten, fünf kamen weiter. Die zweite Hälfte der insgesamt 20 startet nächste Woche. Drei Franken hatten sich in das erste Rennen um die Sängerkrone begeben: Yasmin Gueroui aus Würzburg scheiterte ebenso wie der Nürnberger Türke Salih Özcan, der mit seiner Version von Justin Timberlakes „Señorita“ ziemlich daneben langte und Präsident Thomas D. auch noch scherzeshalber androhte, ihn platt zu machen. Aber hey: Alles nur Spaß!
Mit hauchdünnem Vorsprung gewann die 20-jährige Shelly Phillips aus Coburg. Ihre Art, von der man nicht genau weiß, ob sie cool oder aufgesetzt ist, überzeugte offenbar. Sie hatte Amy Whinehouses „Valerie“ interpretiert. Allerdings wurde es hinten raus in der Tat mächtig spannend, noch Sekunden vor Schluss änderten sich die Platzierungen, das vordere Feld lag denkbar eng beieinander. Zweiter Liebling des Abends war ein singendes Holzfällerhemd: Roman Lob bekam ebensolches zuhauf von der Jury und landete auf Platz zwei.
Eine Entdeckung wie Lena Meyer-Landrut war zwar nicht dabei, aber gemach, gemach: Zehn frische Kandidaten spült es am 19. Januar um 20.15 Uhr in unsere Wohnzimmer.


Bambi mit Bart
Ornella de Santis zog gegen Roman Lob den Kürzeren. Foto: dpa
Jetzt haben wir das auch wieder geschafft: Die Grand-Prix-Castingshow „Unser Star für Baku“ ist zu Ende, gewonnen hat ein Bambi mit Bart und Holzfällerhemd — der 21-jährige Roman Lob fährt nach Aserbaidschan. Sehen wollte das Finale in der ARD allerdings kaum jemand.
Es gibt halt auch Sendungen, da sehnt man die Werbepause herbei. In der ARD allerdings laufen nach 20 Uhr nun mal keine Unterbrechungen für nützliche Verbraucherinformationen, und so klebt man gezwungenermaßen auf seiner Couch fest wie Christian Wulff bis gestern an seinem Präsidialamt.
Zwei Kandidaten galt es im Finale von „Unser Star für Baku“ zu bewerten, Roman Lob trat gegen Ornella de Santis an. Davor hatten die Macher rund um Stefan Raab aber wieder die Songauswahl gesetzt. Und davor eine halbe Stunde sinnfreies Vorgeplänkel samt Einspieler über Aserbaidschan, der die Kritik an dem Land im Kaukasus, in dem die Presse- und Meinungsfreiheit extrem eingeschränkt sind, natürlich ausspart.
Quälend lange dauerte dann auch die Entscheidungsfindung. Kürzen wir es ab: Für die 27-jährige Ornella bestimmten die Zuschauer die Power-Ballade „Quietly“, für Roman das vom britischen Pop- und Piano-Star Jamie Cullum mitgeschriebene Lied „Standing Still“. Konventionell und langweilig klangen die von Jury-Präsident Thomas D produzierten Titel eh allesamt.
So wie das ganze Format über Durchschnitt nicht hinauskam. Acht Termine, ausgestrahlt auf ProSieben und in der ARD, dümpelten solide, aber auch ziemlich unaufregend vor sich hin. Im Schatten des neuen Castingshow-Erfolgs „The Voice of Germany“ (Sat1 und ProSieben) konnte sich der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest nicht behaupten. Beim Finale saßen gerade mal 2,1 Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm (6,9 Prozent Marktanteil) . Zum Vergleich: Bei Lena 2010 waren es 4,5 Millionen (14,6 Prozent), 2001 bei Michelle gar 9,1 Millionen (27,4 Prozent).
Vielleicht lag das Desinteresse aber auch daran, dass keiner der anfangs 20 Teilnehmer ähnliche Euphorie auslösen konnte wie einst Lena, die nicht nur Deutschland, sondern auch den Rest Europas eroberte. Was allerdings auch ein bisschen viel verlangt wäre, denn sind wir mal ehrlich: Wie oft kommen solche kleinen Sensationen vor? Roman Lob, Industriemechaniker aus Neustadt/Wied im Westerwald, der sich am Ende knapper als gedacht mit 50,7 Prozent durchsetzte, ist eine konsequente Wahl.
Junge Männer mit Bart, die trotz des angeblichen Potenzsymbols innen drin ganz arg weich sind, liegen schwer im Trend. Und da passt der zweifellos hervorragende Sänger Roman mit seinen rehbraunen Augen und dem treuen Blick wunderbar hinein. Er wird‘s am 26. Mai in Baku beim, so Raab, „Kasperletheater auf großem Niveau“, trotzdem schwer haben.