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Rote Karte für die ARD
Fußball hin oder her: So nicht! Die ARD brachte es gestern doch tatsächlich fertig, die am längsten laufende Serie des deutschen Fernsehens ausfallen zu lassen: Die Lindenstraße, die um 19.30 Uhr gesendet werden sollte, wurde auf 5 Uhr morgens (!!!) verschoben. Das gab’s in 25 Jahren noch nie, nicht bei Wahlen, nicht bei Katastrophen, nicht bei Olympia, niemals nie nie nie. Fassunglos saß ich mit Freunden neben mir und Grillgut auf dem Teller vor dem Fernseher. Statt Hilde Scholzens Erbsen in der Dose sahen wir aber nur Waldemar Hartmanns Brezen-Kollektion. Grusel-TV aus der Mottenkiste des Fernsehens ist das (und ich will jetzt niemanden hören, der genau das über die Lindenstraße sagt!). Dafür unsere Lieblingsserie ausfallen zu lassen, geht schlichtweg gar nicht. Um es mit dem Titel der Folge zu formulieren: “Ein großer Fehler!”.
Weil’s so schön war guckten wir dann übrigens eine Stunde später auch noch beim Achtelfinale zwischen Mexiko und Argentinien in die Röhre: Totalausfall von RTL während der ersten Halbzeit bei Kabel Deutschland in Nürnberg.
Ein verkorkster Fernsehabend. Dafür war das Essen aber lecker.
Beimers, Zenkers, Klings und Co.
Ich bekenne: Ich bin ein Lindenstraßen-Junkie. Und zwar von der allerübelsten Sorte. Fans des ARD-Dauerbrenners müssen damit leben, verhöhnt, verlacht und verachtet zu werden. Was uns freilich herzlich wenig kümmert. Keine noch so niedrige menschliche Regung kann uns nach 22 Jahren Geschichten aus dem Haus Nr. 3 noch schocken. Zu meiner Sucht kann ich mittlerweile lässig stehen, zumal es den einen oder anderen Kollegen gibt, mit dem man in der Kaffeeküche sorglos darüber plaudern kann, ob Panne-Hanne gut für Ludwig ist oder Momos Rasta-Betonfrisur nun schön oder einfach nur eine ekelerregende Brutstätte für allerlei Getier ist. Und dass ich sonntags ab 18.50 Uhr nicht ans Telefon gehe, hat mittlerweile auch jeder im Freundeskreis begriffen.
Kaum jemand kennt den sonntäglichen Alltags-Wahnsinn nicht, auch wenn hinterher dann wieder nie jemand einer von den 5 Millionen Zuschauern gewesen sein will. Natürlich: Die Geschichten sind oft banal, werden manchmal nicht auserzählt, sind übertrieben oder kitschig. Und mit ein wenig Schauspielkurs wäre dem einen oder anderen Darsteller auch geholfen. Letztendlich ist die Lindenstraße aber eben doch die beste deutsche Serie, die das Fernsehen zu bieten hat. Weil sie die Themen geradewegs aus der Luft pflückt, und zwar oft schon, bevor die Sau dann durchs mediale Dorf getrieben wird. AIDS, Atomkraft, der erste schwule TV-Kuss: Haben wir alles bei HWG gesehen! Eine Lanze also für den Erfinder Hans Wilhelm Geißendörfer.
Übrigens hat man bei der Lindenstraße schon vor Jahren kapiert, wie man auf Internet und Co. am besten reagiert: Schamlos mitmachen, eine tolle Webseite aufziehen, auf der die Fans diskutieren können, Kultnächte zum Beispiel mit den besten Weihnachtsfolgen senden, DVD-Boxen mit jede Menge Extras herausbringen. Die Rechnung geht auf: Gerade wurde der Vertrag mit dem WDR bis 2011 verlängert. Vorsicht ist allerdings bei hinterhältigen Casting-Agenturen geboten, die ebenso unrechtmäßig wie unseriös Komparsenrollen für die Lindenstraße anbieten. Dabei würd ich in der nächsten Folge so gerne mal eine Semmel bei Ines im Café Beyer kaufen….

Lindenstraße: Na also, geht doch!
Die Protestflut hat gewirkt: Die ARD sendet die für Fußball-WM und Waldi ins Nachtprogramm verbannte Folge der Lindenstraße “Ein großer Fehler!” am kommenden Sonntag um 18:20 Uhr und direkt im Anschluss die neue Folge “Ein Abschied für immer?” zur gewohnten Zeit um 18:50 Uhr.
Eigentlich darf da nix mehr schiefgehen: Ein spielfreier WM-Tag und der Bundespräsident sollte bis dahin auch gewählt sein.