Posts Tagged ‘Gottschalk’
Wir wollen Frank zurück
Also nach der heutigen “Wetten, dass…?”-Sendung ist eins ja wohl klar. Nein, sogar zwei Dinge. Erstens: Das Samstagabend-Flaggschiff ist schon längst havariert. Einem Faultier beim schlafen zusehen erscheint mir ungleich spannender als der letzten Show des zweifellos großen Thomas Gottschalk beizuwohnen – die ja noch nicht einmal die letzte war. Dreimal macht er’s noch. Also wozu das ganze Gewese von Abschied und “Danke, Thommy”.
Zweitens: Frank Elstner muss zurück! Der Mann hat’s erfunden, er soll es auch begraben. Als der 69-jährige Altmeister das Mikro in die Hand bekam, war plötzlich alles wie vor 25 Jahren. Da war auf einmal jemand, der sich für die Kandidaten interessiert, die richtigen Fragen stellt und vorbereiteter wirkt als Gottschalk und Hunziker zusammen. Irgendwie aus der Zeit gefallen, aber vielleicht genau das, was “Wetten, dass…?” braucht. So, und das sollte ja wohl auch dem neuen ZDF-Intendanten Thomas Bellut aufgefallen sein. Kann er sich gleich mal nützlich machen.
Invasion der Goldlöckchen

Das darf sonst nur Udo Jürgens: Michelle Hunziker im Bademantel zeigt Thomas Gottschalk, wo's langgeht. Dabei weiß der das schon selbst. Foto: dpa
Eins bleibt festzuhalten: Der Dommy ist einfach der Beste. Hinrissige Wetten, nichtssagende Couch-Gäste, mehr oder weniger interessante musikalische Gäste (hallo, Spandau Ballet sind wieder da??), eine fröhliche Kichererbse mit blonden Locken namens Michelle Hunziker… All das kann die Sendung einfach nicht kleinkriegen. Das Schöne ist, dass man auch mal rausgehen kann, um die Kichererbsen auf dem Herd umzurühren, man findet problemlos wieder den Anschluss, auch wenn man sich kurzzeitig fragt, wer die ebenfalls blonde Bayerin in Pink ist, die da so sorglos vor sich hin palavert. Es war übrigens Fürstin Gloria von Thurn und Taxis’ Tochter. Und sie hat nichts übers Schnackseln erzählt!
Thomas Gottschalk meistert das Stochern im Nebel der geballten Irrelevanz aber in gewohnter Manier – irgendwo zwischen grandioser Schlagfertigkeit, Desinteresse und einer Prise Peinlichkeit (zu den eingefärbten Damen, deren Pos am Abdruck erkannt werden sollten: “Ach goldig, wie ein FKK-Ausflug der Schlümpfe. ” Ich gestehe: Ich kann über sowas lachen). Da konnten selbst Couch-Gast Harald Schmidt samt Traumschiff-Produzent Wolfgang Rademann nicht mithalten.
Mir hat das ganze jedenfalls so gut gefallen, dass ich vollends in die PR-Falle getappt bin und tags drauf dann gleich “Das Traumschiff” mit Schmidt und Gottschalk geguckt hab. Und auch hier gilt: Dieselbe Prozedur wie immer. Im schippernden Rentnerkutter wird einfach alles immer gut und keiner kotzt über die Reling oder ist sonstwie inkontinent. Und das, obwohl Horst Naumann alias Schiffsarzt Horst Schröder am 17. November 84 wird, Heide Keller als Chefstewardess Beatrice 68 ist und Siegfried Rauch als Kapitän Jakob Paulsen 77 Lenze zählt. Die sehen allesamt nicht nur unfassbar gut aus, die haben das Boot aber sowas von im Griff! Genau wie damals vor fast 30 Jahren, als ich zum ersten Mal dem “Traumschiff” beim Gleiten über die Weltmeere zusah. Ich lasse es mir zwei Mal im Jahr jedenfalls sehr gerne warm ums Herz machen von diesem bildgewordenen Groschenroman…
Alle gegen Gottschalk
Von wegen Leuchtturm des Samstagabend-Vergnügens, Flaggschiff der Fernseh-Familienunterhaltung: Heute Abend fehlt RTL, junge 25 Jahre alt, eindeutig der Respekt gegenüber dem Alter, sprich dem 55-jährigen ZDF. Man sendet schamlos seine quotenstärksten Formate “Deutschland sucht den Superstar” und “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” gegen Thomas Gottschalks “Wetten, dass…?”. Das kann ja nur schiefgehen – fürs ZDF.
Gottschalk wird die Sache zweifach stinken, ist das Dschungelcamp doch zum Ausbildungslager für “Wetten, dass…?”-Nachfolger geworden, seit Giulia Siegels Mama ihre Tochter als Nachfolgerin für den Moderator ins Spiel gebracht hat. Schätze, dass diese Bewerbung allerdings an einer Gummibärchenphobie scheitern wird. Am Ende plant in Wirklichkeit Desirée Nick, Ex-Dschungelkönigin, die feindliche Übernahme: Sie nimmt heute auf Gottschalks Sofa Platz.
Man muss nun kein Wahrsager sein, um den Ausgang des Duells vorherzusagen: Vergangenes Jahr, als es zur gleichen Konstellation gekommen war, siegte Thomas Gottschalk zwar bei der Gesamtzusschauerzahl, in der Gruppe der 14 bis 49-Jährigen lag RTL mit seinen Formaten aber vorne.
Wer nun eh keine Freunde zur Samstagabendgestaltung hat oder mit Erkältung daheim ans Sofa und die Fernbedienung gefesselt ist, sollte sich auf keinen Fall an Gottschalks Rat halten und in den Werbepausen des Dschungelcamps (Beginn 21.30 Uhr) mal schnell rüberschalten, weil man auf Coldplay oder Tom Cruise treffen könne: Da verbreitet die gruseligste Dschungelprüfung ja weniger Schrecken.
Lasst uns gemeinsam verblöden
Grässlich, übel, schlecht findet Marcel Reich-Ranicki das deutsche Fernsehen. Ganz schön geschickt: Mit der Aussage holt man sich natürlich Myriaden von Applausspendern mit ins Boot. Selbst die TV-Nasen bei der Fernsehpreis-Verleihung bejubelten fröhlich die Philippika des großen MRR. Ziemlich widerlich.
Wobei die ganze Diskussion sowieso einen höchst fahlen Beigeschmack hatte (und ausgerechnet in meiner Herbstpause passieren musste). Zwei Herren, Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk (Foto: dpa), die keine Ahnung haben, wie die deutsche Fernsehlandschaft aussieht, reden eine halbe Stunde aneinander vorbei, der eine will Brecht als neuen Intendanten auferstehen lassen, der andere verteidigt – nicht zu Unrecht – den Quotendruck der Sender, auch den der öffentlich-rechtlichen. Im übrigen wurde genau dieses Streitgespräch sicher nicht ins Programm gehoben, damit die TV-Verantwortlichen endlich mal erzählt bekommen, wie man’s richtig macht, sondern der Quote wegen. Denn die war nach der zum Eklat aufgebauschten Kampfrede MRRs, seines Zeichens ein Fernseh-Unterhalter allererster Güte, garantiert.
Ums eins klar zu stellen: Natürlich ist das Fernsehen oft grässlich, übel und schlecht. Aber schon aus gesundheitlichen Gründen ist niemandem zu empfehlen, sich 12 Stunden am Tag vor die Glotze zu hängen und sich “hirnlose Scheiße” (Zitat Elke Heidenreich zum Thema Fernsehpreis-Verleihung) anzusehen. Mehr Shakespeare-Inszenierungen kann auch nicht die Lösung sein – zumal die, wie man so nett sagt, bildungsfernen Schichten dadurch sicher auch nicht auf den Theater-Trip kommen und sich das Gesamtwerk aufs Nachtkästchen stellen. Was Schule und Elternhaus versäumen, können auch ZDF und RTL nicht wieder gutmachen.
Im Fernsehen wird die große Vielfalt dessen abgebildet, was die Zuschauer sehen wollen – wobei man sie tatsächlich oft für viel dümmer hält, als sie sind. Dazu kommt, dass jahrelang der vermeintlich so wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen hinterher gehechelt wurde, was dem Programm sicher nicht immer gut tat. Über die bedingungslose Treue zu der eher willkürlichen Definition wundert sich heute selbst deren “Erfinder”, Ex-RTL-Chef Helmut Thoma.
Andererseits kann es eben auch nicht sein, dass eine arrogante Bildungselite diktiert, was sich die Nation auf der Mattscheibe guten Gewissens reinziehen darf und was nicht. Besser wär’s, man brächte den jungen Menschen in der Schule schon ordentliche Medienkompetenz bei, sei es in Sachen Internet, Zeitung, Radio oder Fernsehen. Wer dahingehend gut gerüstet die Fernbedienung in die Hand nimmt, schaut kritisch hin und kann sich zur Entspannung auch mal “Unterschichten-Fernsehen” reinziehen, ohne gleich komplett zu verblöden.
Wir sind… der Musical-Showstar der Herzen
Die schlechte Nachricht: Lokalmatador Alexander Herzog wird definitiv nicht demnächst auf Rollschuhen durch Bochum rasen. Die gute: Die ZDF-Sendung Musical-Showstar 2008 ist endlich vorbei.
Und wer sich nun Sorgen um unseren “Musical-Showstar der Herzen” (Jury-Mitglied Alexander Goebel) macht, den kann Thomas Gottschalk trösten: “Der Junge hat Moderationstalent. Geh zum Fernsehgarten, da gibt’s noch ne Diät gratis dazu.”
Da soll noch einer sagen, die Öffentlich-Rechtlichen ließen ihre Castingkandidaten im Regen stehen.
Unbestrittener Höhepunkt der Sendung war allerdings der Auftritt von Gottschalk und Star-Tenor Rolando Villazón, den man nicht nur dabei beobachten konnte, wie er sich am Hintern kratzt, sondern auch, wie er den Text von “Always Look On The Bright Side Of Life” vergisst. Wobei das Musical “Spamalot” vielleicht auch nicht wirklich seine Baustelle ist.
Sei’s drum, der Castingvorstoß des ZDF ging dann doch eher in die Hose. “Es fehlt bei euch der Depp”, musste sich Gottschalk anhören. Einschalten wollen die meisten Menschen eben nur, wenn die Kandidaten sich nicht nur zum August machen, sondern auch von der Jury so richtig rund gemacht werden. In Sachen Unterhaltung, Lockerheit und spontane Sprüche braucht sich aber wenigstens Gottschalk nicht hinter Dieter Bohlen zu verstecken. Insofern: Wenigstens an dieser Stelle ein Punktsieg für einen Franken.

Gesichtsvermieter Gottschalk
Immerhin, Thomas Gottschalk hatte bei seiner ersten Sendung Spaß. Foto: dapd
Besser hätte es nicht laufen können: Am Wochenende vor Gottschalks erstem Talk-Abend live aus Berlin gaben Model und Moderatorin Heidi Klum und Ehemann Seal ihre Trennung bekannt. Und wer hat die Schöne einst entdeckt? Jawohl, Thomas Gottschalk in seiner damaligen RTL-Sendung „Gottschalk Late Night“. Viel Stoff zum Plaudern also für die erste Ausgabe der sehnlichst erwarteten Premiere in der ARD. Hier will sich der 61-jährige Franke montags bis donnerstags von 19.20 bis 19.50 Uhr mit allerlei Schabernack und Schwätzchen austoben.
Seine messerscharfe Analyse in der Causa Klum: Zwei in einer Ehe, die Show-Karriere machen wollen, das funktioniert nicht. Auf diesen Hinweis hat die TV-Nation nun wirklich nicht gewartet. Aber Gottschalk wäre nicht Gottschalk, wenn er seine Stärken nicht auszuspielen wüsste. Und die liegen eben nicht unbedingt im Aufarbeiten der Nachrichten des Tages oder im Merken von Jahreszahlen (worunter Gast Michael „Bully“ Herbig zu leiden hatte). Der Moderator, der eigentlich ein Entertainer ist, dreht auf, wenn er spontan sein kann, etwa im Kontakt mit seinem Redaktionsteam. Fragen von Kärtchen ablesen, ist seine Sache nicht. Bullys Antworten schienen auch wenig zu interessieren: Dreimal wurde der Ärmste von der Werbung unterbrochen, die Titelmelodie der Sendung polterte rüde über seine Ausführungen. Es hagelte zu Recht Zuschauerbeschwerden. Nun sollen die Werbeblöcke etwas sensibler eingesetzt werden.
Die Verpflichtung des selbsternannten Gesichtsvermieters nach seinem „Wetten, dass..?“-Abgang ist und bleibt ein großer Coup, denn das ARD–Vorabendprogramm dümpelt quotenmäßig seit Jahren vor sich hin. Wenn Gottschalk das nicht richten kann, wer dann? Für den Anfang muss man jedoch sagen: Recht holprig noch, das Ganze. Aber das Format nach sofort in die Pfanne zu hauen, wäre unfair. Auch ein Gottschalk muss seine Wohlfühlposition erst finden. Wenn er annähernd das Unterhaltungsniveau erreicht, das er bei der Pressekonferenz zu „Gottschalk Live“ zeigte, dann kann die Konkurrenz nur schützend den Mantelkragen hochschlagen.
Neugierig waren am ersten Abend übrigens 4,34 Millionen Menschen (14,3 Prozent Marktanteil). Eine derartige Quote wäre für die ARD ein Traum. Am Dienstag jedoch gleich die Ernüchterung: Nur 2,43 Millionen Zuschauer schalteten ein (8,6 Prozent).