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King Kahn: Experte mit Titanfrisur
Generell sollten Fußballer meiner Meinung nach ja aus dem Fernsehen verbannt werden – solange sie nicht gerade kicken oder meinetwegen ein Interview am Spielfeldrand oder im Aktuellen Sportstudio geben. Ich finde Fußball klasse, aber wenn ich dann Zeuge von Szenen werde wie jene, in der Jens Lehmann in einer Talkshow darüber berichtet, wie er seiner Tochter im Kleinkindalter alkoholfreies Bier zu trinken gibt, wird mir immer ganz schummerig.
Erstaunt hat mich daher Oliver Kahns erster Auftritt als ZDF-Experte neben Johannes B. Kerner (Foto: dpa) beim WM-Qualifikationsspiel gegen Finnland. Im ersten Schreck dachte ich allerdings – da das ZDF ganz offensichtlich den selben Helmzwang eingeführt hat wie die ARD bei Netzer und Delling -, dass den Zuschauern auch ein ähnliches Konzept wie bei den Kollegen im Ersten dräut: Gezinkter Zank unter TV-Diven. Das Aggressionspotenzial des Titans ist ja hinlänglich bekannt. Da kann Kuschelkerner einpacken. Aber siehe da, der entthronte King Kahn gab sich zurückhaltend und sympathisch, stolperte nicht über die eigenen Sätze und bestach durch fortgeschrittenes Expertentum. Da weiß einer eben, wovon er spricht. Der Auftritt versöhnte auch mit dem würdelosen Abschiedsspiel, das am Schluss zu einer Werbeveranstaltung für ein magentafarbenes Großunternehmen geriet, samt mit frischem Gebiss ausgestattetem Paul Potts und inszeniertem letzten Gang in die Kabine.
Sorgen macht mir jetzt nur noch folgende Meldung: Stefan Effenberg wohnt demnächst wieder in Deutschland. Seiner Frau Claudia zuliebe. Das ist nun erstens nicht neu und zweitens eigentlich auch mehr als unbedeutend. Allerdings soll die TV-Nation in Form einer Doku-Soap bei RTL (Start am 12. Oktober) daran teilhaben, wie das Immer-mal-wieder-Glück in Bastian Schweinsteigers ehemalige Villa in München einzieht. Das verspricht Fernsehabende, bei denen alkoholfreies Bier ganz sicher nicht weiterhilft.
Waldis Witze-Grab
Guckt momentan eigentlich jemand etwas anderes als EM? Also ich nicht. König Fußball regiert meine Mattscheibe, weshalb ich derzeit nicht über ARD und ZDF hinauskomme.
Die Kunst dabei ist allerdings, möglichst schnell nach dem Spiel auch wieder ABzuschalten. Denn ansonsten hat er einen, der Waldi (Foto: SWR/Poling). Oder der Ingolf. Beide Spaßbacken treten derzeit an, uns die Freude am Sport zu verderben. Waldi, die Duz-Wanze, lädt in der ARD willige Fußballfreunde in seinen EM-Club ein. Er scheint zu denken, mit dem Ablegen des Nachnamens (nach großen Vorbildern wie Emil oder Otto) werde man automatisch ein lustiges Kerlchen. Is aber nicht so! Was bei der WM schon nicht zum Lachen war, wird auch bei der EM mit so illustren Gästen wie Urban Priol nicht komischer.
Der versuchte bei der ersten Ausgabe immerhin, die Sendung wenigstens noch ein wenig zu retten. Vergeblich. Unfreiwilligen Witz entwickelt das Format allerdings immer dann, wenn Waldi vergisst, dass er eine locker-fröhliche Gesprächsrunde leiten soll, und in die furztrockene Analyse wechselt.
Ähnliches passiert übrigens seinen Grimme-Preis-gekrönten Kollegen Gerhard Delling und Günter Netzer (Foto: SWR/Poling), die auch gerne mal verdrängen, dass sie sich doch vor der Kamera hassen sollen und sich unerträglich einig sind (Netzer war übrigens Dellings Trauzeuge). Sie tragen mittlerweile ja auch die gleiche Haarfrisur und -farbe sowie vermutlich auch bald die gleichen Aufsteck-Plastik-Zähne.![]()
Und im ZDF? Da macht Ingolf Lück so was wie “7 Tage, 7 Köpfe”, nur in noch weniger lustig. Bei “Nachgetreten!” sitzen wackere Recken wie Mike Krüger oder Guido Cantz Moderator Lück gegenüber und besprechen die Lage der Fußballnationen. Das Zweite preist diese muntere Herren- und Damenriege als “Deutschlands erfolgreichste Fußball-Comedy” an. Und wer’s verpasst hat, kann sich die besten Sprüche auch auf der Webseite reinziehen. Da kann man dann nachlesen, dass den Jungs auch in der siebten Show die Mörder-Gags nicht ausgehen. Hier sei nur ein winziges Beispiel genannt, das sich auf das Spiel Italien gegen Frankreich bezog. Urteilen Sie selbst.
Guido Cantz: “Ein schwieriges Spiel war es, glaube ich, im Hause Sarkozy. Herr Sarkozy ist ja natürlich Franzose, und Frau Bruni, soweit ich weiß, Italienerin. Auf der einen Seite war es für ihn dann natürlich schwierig, weil sein Land ausgeschieden ist. Auf der anderen Seite würde ich mich aber auch mal ganz gerne von Frau Bruni trösten lassen.”
Ingolf Lück: “Da wärst nicht der erste, der sich von ihr trösten lässt.”
Cantz: “Und sicherlich auch nicht der letzte.”
Dazu fällt mir jetzt echt nichts mehr ein.

Rekordquote für den Fußball
Einer wird gewinnen: Diesmal war's nur leider Spanien. Foto: dpa
Respekt: Das Halbfinal-Aus gegen Spanien war das meistgesehene TV-Programm der deutschen Geschichte. 31,1 Millionen saßen vor dem Bildschirm und verfolgten die traurige Niederlage unserer liaben Buam in der ARD.
Das gab’s noch nie. Der Marktanteil lag bei 83,2 Prozent, auch das rekordverdächtig und in den letzten Jahren nahezu unmöglich. Mir ist schon klar, warum das funktioniert hat: Die Leute wähnten sich bei der Fortsetzung von Hans- Joachim Kulenkampffs “Einer wird gewinnen”.
Die Samstagabend-Show erreichte in den 60er Jahren auch einen Marktanteil zwischen 80 und 90 Prozent. Und war ähnlich organisiert wie die WM. Da gab’s Vorrunde, Halbfinale und Finale und mitmachen durften Länder aus Europa. Und diesmal war’s halt Spanien. Allerdings hat Kuli damals immer mindestens eine halbe Stunde überzogen…und die deutsche Elf hat’s bekanntllich ja nicht mal in die Verlängerung geschafft.