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Gesichtsvermieter Gottschalk
Besser hätte es nicht laufen können: Am Wochenende vor Gottschalks erstem Talk-Abend live aus Berlin gaben Model und Moderatorin Heidi Klum und Ehemann Seal ihre Trennung bekannt. Und wer hat die Schöne einst entdeckt? Jawohl, Thomas Gottschalk in seiner damaligen RTL-Sendung „Gottschalk Late Night“. Viel Stoff zum Plaudern also für die erste Ausgabe der sehnlichst erwarteten Premiere in der ARD. Hier will sich der 61-jährige Franke montags bis donnerstags von 19.20 bis 19.50 Uhr mit allerlei Schabernack und Schwätzchen austoben.
Seine messerscharfe Analyse in der Causa Klum: Zwei in einer Ehe, die Show-Karriere machen wollen, das funktioniert nicht. Auf diesen Hinweis hat die TV-Nation nun wirklich nicht gewartet. Aber Gottschalk wäre nicht Gottschalk, wenn er seine Stärken nicht auszuspielen wüsste. Und die liegen eben nicht unbedingt im Aufarbeiten der Nachrichten des Tages oder im Merken von Jahreszahlen (worunter Gast Michael „Bully“ Herbig zu leiden hatte). Der Moderator, der eigentlich ein Entertainer ist, dreht auf, wenn er spontan sein kann, etwa im Kontakt mit seinem Redaktionsteam. Fragen von Kärtchen ablesen, ist seine Sache nicht. Bullys Antworten schienen auch wenig zu interessieren: Dreimal wurde der Ärmste von der Werbung unterbrochen, die Titelmelodie der Sendung polterte rüde über seine Ausführungen. Es hagelte zu Recht Zuschauerbeschwerden. Nun sollen die Werbeblöcke etwas sensibler eingesetzt werden.
Die Verpflichtung des selbsternannten Gesichtsvermieters nach seinem „Wetten, dass..?“-Abgang ist und bleibt ein großer Coup, denn das ARD–Vorabendprogramm dümpelt quotenmäßig seit Jahren vor sich hin. Wenn Gottschalk das nicht richten kann, wer dann? Für den Anfang muss man jedoch sagen: Recht holprig noch, das Ganze. Aber das Format nach sofort in die Pfanne zu hauen, wäre unfair. Auch ein Gottschalk muss seine Wohlfühlposition erst finden. Wenn er annähernd das Unterhaltungsniveau erreicht, das er bei der Pressekonferenz zu „Gottschalk Live“ zeigte, dann kann die Konkurrenz nur schützend den Mantelkragen hochschlagen.
Neugierig waren am ersten Abend übrigens 4,34 Millionen Menschen (14,3 Prozent Marktanteil). Eine derartige Quote wäre für die ARD ein Traum. Am Dienstag jedoch gleich die Ernüchterung: Nur 2,43 Millionen Zuschauer schalteten ein (8,6 Prozent).
Nicht ohne meine Blitztabelle
Na, da ist aber noch Luft nach oben: Die erste Ausgabe des Grand-Prix-Vorentscheids „Unser Star für Baku“ auf ProSieben geriet solide, aber unspannend. Wäre da nicht Stefan Raabs Einführung der Blitztabelle.
Auf den ersten Eindruck kommt es an: Kaum hatten sich die zehn Kandidaten vorgestellt, landeten sie schon auf der Abstimmungs-Schlachtbank. Da war noch kein Ton über ihre Lippen gekommen. Wer hat’s erfunden? Natürlich Stefan Raab. Und der war sichtlich stolz auf die Einführung der Echtzeit-Tabelle, die ständig eingeblendet wird. Sowas gab’s noch nie in einer Castingshow.
Geniale Idee, mal wieder — süßer die Kassen nie klingelten. Wer sieht, dass sein Favorit auf Rang sechs, dem „Arschplatz“ (so die Nürnberger Moderatorin Sandra Rieß), landet und somit ausscheidet, der ruft bereitwillig gleich noch einmal an. Wegen dieses Verfahrens liegt, so berichtet der Focus in seiner Online-Ausgabe, der Medienanstalt Berlin-Brandenburg eine Beschwerde vor, die nun geprüft wird.
Ansonsten nicht viel Neues: Raab, von dem man gedacht hatte, er ziehe sich hinter die Kamera zurück, sitzt breit grinsend auf dem Jurorenstuhl und scheint zwischendrin zu vergessen, dass er den Vorsitz eigentlich an Thomas D. abgegeben hat. Jener wiederum schlägt sich tapfer, und auch die dritte im Bunde, Alina Süggeler, macht ihren Job gut und sensibel.
Zehn Kandidaten gab es zu bewerten, fünf kamen weiter. Die zweite Hälfte der insgesamt 20 startet nächste Woche. Drei Franken hatten sich in das erste Rennen um die Sängerkrone begeben: Yasmin Gueroui aus Würzburg scheiterte ebenso wie der Nürnberger Türke Salih Özcan, der mit seiner Version von Justin Timberlakes „Señorita“ ziemlich daneben langte und Präsident Thomas D. auch noch scherzeshalber androhte, ihn platt zu machen. Aber hey: Alles nur Spaß!
Mit hauchdünnem Vorsprung gewann die 20-jährige Shelly Phillips aus Coburg. Ihre Art, von der man nicht genau weiß, ob sie cool oder aufgesetzt ist, überzeugte offenbar. Sie hatte Amy Whinehouses „Valerie“ interpretiert. Allerdings wurde es hinten raus in der Tat mächtig spannend, noch Sekunden vor Schluss änderten sich die Platzierungen, das vordere Feld lag denkbar eng beieinander. Zweiter Liebling des Abends war ein singendes Holzfällerhemd: Roman Lob bekam ebensolches zuhauf von der Jury und landete auf Platz zwei.
Eine Entdeckung wie Lena Meyer-Landrut war zwar nicht dabei, aber gemach, gemach: Zehn frische Kandidaten spült es am 19. Januar um 20.15 Uhr in unsere Wohnzimmer.
Verzweifelt gesucht: die neue Lena
Jetzt muss die Nation ganz stark sein: „Lovely Lena“ ist passé, Deutschland braucht einen neuen Grand-Prix-Kandidaten. „Unser Star für Baku“ mit Thomas D als neuem Jury-Präsidenten startet am Donnerstag, 12. Januar, um 20.15 Uhr auf ProSieben.
Mutig mutig, Thomas D: Präsidenten haben in diesem Land momentan ja nicht gerade den besten Stand. Dem Ur-HipHopper (“Fanta 4″) kann das aber herzlich egal sein. Der Vegetarier folgt auf den Metzger und löst Stefan Raab als Vorsitzenden der Jury für den Grand-Prix-Vorentscheid ab. „Hauptsache mal Präsident“, sagt der 43-Jährige.
Ab 12. Januar suchen wir also wieder wochenlang nach einem geeigneten Kandidaten für den bunten Sängerwettstreit, der am 26. Mai in Baku (Aserbaidschan) stattfindet. Knapp 5000 Anwärter haben sich beworben, 20 wurden ausgewählt, 12 Damen, acht Herren.
Und wer dachte, Stefan Raab zieht sich nach seiner erfolgreichen “Ich rette den Grand Prix”-Mission zurück, der kennt den 45-jährigen Workaholic schlecht: Der Entertainer, Moderator und Musiker verkündete, als permanenter Gastjuror mit von der Partie zu sein. Er habe nur angekündigt, dass er nicht mehr als Autor und musikalischer Produzent am ESC teilnehmen will. Das dritte Mitglied in der Jury, die dieses Mal nicht wechselt, ist „Frida Gold“-Sängerin Alina Süggeler.
Wer nach Aserbaidschan fährt, entscheiden aber wieder die Zuschauer. Dafür haben sie acht Shows lang Zeit. Das Finale, in dem auch über den Song abgestimmt wird, läuft am 16. Februar in der ARD. Neu ist das Live-Ranking: Das Publikum sieht per Blitztabelle von Anfang an, wer vorn liegt. Die Idee dazu kam Raab, als er sich Skisport im Fernsehen ansah — und zwar angeblich erst vor vier Wochen. Moderieren werden Steven Gätjen und die 25-jährige Sandra Rieß aus Nürnberg.
Immer mehr Kritik erntet übrigens das gastgebende Land, das vor der Veranstaltung eigentlich ordentlich das eigene Image aufpolieren wollte. Amnesty International wirft Aserbaidschan Menschenrechtsverstöße und massive Einschränkungen der Pressefreiheit vor. Grünen-Politiker Volker Beck sagte, das Regime von Präsident Ilham Alijew sei „extrem repressiv“ und auch die Organisation Reporter ohne Grenzen meldet sich zu Wort und erinnert an die schwierigen Arbeitsbedingungen von Journalisten. All das dürfe der Eurovision Song Contest nicht ausblenden.
Das ist natürlich richtig. Doch das Land, in dem die Kult-Veranstaltung über die Bühne geht, suchen sich die Organisatoren ja nicht aus. Gastgeber ist immer der Gewinner. Da hilft nur, Nationen wie Aserbaidschan von vorne herein vom Wettbewerb auszuschließen. Dabei heißt es doch immer, Musik sei völkerverbindend…
Wetten, dass das ZDF niemanden findet?
Oder vielleicht doch? Fest steht, dass es jetzt langsam eng wird für’s ZDF. Die Suche nach einem “Wetten, dass..?”-Nachfolger für Plauderkönig Thomas Gottschalk nimmt nun schon absurde Züge an.
Hape mag nicht, Anke wegen Late-Night-Traumas auch nicht, Carsten Spengemann (“mag gerne Gummibärchen”) bewirbt sich schriftlich via Bild-Zeitung, ein Scherzbold schlägt Jopie Heesters vor – wegen der Nähe zur Zielgruppe. Auch meine persönliche Favoritin Barbara Schöneberger hat vorsichtshalber lieber abgesagt.
Ich bleibe dabei – konsequent wäre es, die Sendung einfach in Würde einzustellen. Ohne Thomas Gottschalk kann sich das Flaggschiff doch ohnehin niemand vorstellen.
Auf Wiedersehen, Loriot
Er hat Fernsehgeschichte geschrieben, manche sagen sogar, er habe den Deutschen den Humor beigebracht: Loriot ist tot.
Über die unsägliche Diskussionsrunde gestern bei Markus Lanz im ZDF, die munter von Loriot zur Fliege-Weihwasser-Essenz sprang, hüllen wir mal lieber den gnädigen Mantel des Schweigens.
Sondern würdigen lieber den großartigen Vicco von Bülow, der mit 87 Jahren am Starnberger See starb und mit dem wir so viel schmunzeln, so viel lachen durften.
Er war der letzte Universalgelehrte des Humors, ein Genie — egal, ob als Cartoonist, Satiriker, Autor, Parodist, Regisseur oder Schauspieler. Niemand sonst konnte dem Volk den Spiegel so unverhohlen vorhalten, ohne es jemals zu beleidigen, ohne respektlos zu werden, ohne für eine gute Pointe seine Seele zu verkaufen.
In Erinnerung behalten werden wir ihn, weil ein Weihnachten ohne Hoppenstedts und den Atomkraftwerk-Baukasten keines ist. Weil wer Hildegard hört, sofort eine Nudel außer Rand und Band vor Augen hat. Weil man das Frühstücksei wachsweich bestellt. Weil einem aus dem Pschyrembel die possierliche Steinlaus entgegenblickt. Weil das Jodeldiplom als „fiktiver Bildungsabschluss“ seinen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Weil Stichworte wie „Ein Klavier, ein Klavier!“ oder „Das Bild hängt schief“ reichen, um das Gegenüber zum lachen zu bringen.
Machen Sie es gut, Loriot — einen wie Sie wird es nicht mehr geben.
Aus für Desperate Housewives
Jetzt darf in der Wisteria Lane noch ein letztes Mal feucht durchgewischt werden und dann ist Schluss: Nach der achten Staffel wird die US-Serie “Desperate Housewives” enden. Zu hohe Gagen, zu wenig Zuschauer.
Sehr schade, einerseits. Denn nicht viele Formate jonglieren so sicher zwischen Drama und Komödie wie die von Marc Cherry entwickelte Story rund um Bree, Susan, Lynette und Gabrielle. Und selten dürfen Frauen gleichzeitig schön und lustig sein. Meist geht nur das eine oder das andere.
Andererseits merkte man dann doch, dass den Autoren die absurden Einfälle langsam ausgehen. Insofern ist ein Ende vielleicht ganz konsequent. Den zweiten Teil der siebten Staffel zeigt ProSieben übrigens ab Herbst.
Wir wollen Frank zurück
Also nach der heutigen “Wetten, dass…?”-Sendung ist eins ja wohl klar. Nein, sogar zwei Dinge. Erstens: Das Samstagabend-Flaggschiff ist schon längst havariert. Einem Faultier beim schlafen zusehen erscheint mir ungleich spannender als der letzten Show des zweifellos großen Thomas Gottschalk beizuwohnen – die ja noch nicht einmal die letzte war. Dreimal macht er’s noch. Also wozu das ganze Gewese von Abschied und “Danke, Thommy”.
Zweitens: Frank Elstner muss zurück! Der Mann hat’s erfunden, er soll es auch begraben. Als der 69-jährige Altmeister das Mikro in die Hand bekam, war plötzlich alles wie vor 25 Jahren. Da war auf einmal jemand, der sich für die Kandidaten interessiert, die richtigen Fragen stellt und vorbereiteter wirkt als Gottschalk und Hunziker zusammen. Irgendwie aus der Zeit gefallen, aber vielleicht genau das, was “Wetten, dass…?” braucht. So, und das sollte ja wohl auch dem neuen ZDF-Intendanten Thomas Bellut aufgefallen sein. Kann er sich gleich mal nützlich machen.
Die Faszination des Grauens
Wenn es glitzert und blitzt, stampft und dampft, wenn wallendes Haar vom Gebläse der Windmaschine wild durcheinander gewirbelt wird — dann, ja dann ist endlich wieder Grand Prix. Windmaschinen wurden bei der 56. Ausgabe des Eurovision Song Contest in Düsseldorf zwar erstaunlich sparsam eingesetzt. Sonst hatte die bombastisch inszenierte Sendung aber alles, was eine perfekte ESC-Show braucht.
Aber was war da wieder Ausschuss dabei: Sterbenslangweilige La-La-Lieder, austauschbares Boyband-Gehopse, schwer zu ertragender Euro-Trash, alberne Leibesertüchtigungen, die nur mit viel Liebe als Choreographie durchgehen. Kurz, die Faszination des Grauens. Aber, sind wir mal ehrlich, genau deswegen schaut man sich den einstigen Lieder-Wettbewerb, der schon längst ein Mega-Unterhaltungsevent geworden ist, ja auch an.
Stefan Raabs Rockabilly-Party-Version von „Satellite”, die 42 Lena-Doubles mit den Flaggen der Teilnehmerländer, die beeindruckende LED-Wand, die Raab mit den Worten “Tear down this wall” einreißen ließ, Kommentator Peter Urban (“Die Mama der irischen Zwillinge kann einem leid tun”), Ina Müller (“Hamburg is flipping out!”) – “schön war’s wieder”, sagen die einen, “schön trashig war’s wieder”, die anderen.
An Lenas sexy Auftritt gab es nichts zu meckern. Dennoch reichte es lediglich gerade noch für einen Platz in den Top Ten. Aber sie war nicht allein: Die hyperaktiven Aerobic-Zwillinge Jedward aus Irland scheiterten genauso wie der französische Pathos-Verwalter Amaury Vassili, der hoch im Kurs stand bei den Buchmachern und nur 15. wurde.
Aber so war es wenigstens spannend. Die Länder verteilten ihre Punkte nach dem Gießkannenprinzip. Erst zum Schluss kristallisierte sich heraus, dass das Schmacht-Duo „Ell & Nikki“ mit einer Nahtanz-Performance im Stil von Ringelpiez mit Anfassen den Pokal mit in die vorderasiatische Republik nehmen wird.
Warum die harmlose Ballade die Gunst des Publikums gewann? Logisch ist das nicht zu erklären. Zumal sich trotz der Änderung des Abstimmungs-Modus die Nachbarländer immer noch gegenseitig die Punkte zuschanzen. Dafür gab’s auch ordentlich Buh-Rufe.
Natürlich ist Rang 10 enttäuschend. Wer mit der Maßgabe antritt, den Pokal wieder nach Hause holen zu wollen, der muss sich an seinem eigenen Großmaul messen lassen. Dennoch hat Raab, das muss man zähneknirschend zugeben, das meiste nun doch richtig gemacht.
Denn der 44-jährige Entertainer hat den Eurovision Song Contest in Deutschland vom Muff von 1000 Jahren befreit. Ihm ist zu verdanken, dass aus dem staubtrockenen, spaßbefreiten Lieder-Wettstreit für die Fernsehzuschauer der Nation wieder eine Veranstaltung geworden ist, die Laune macht.
Die Schnapsidee, Lena nochmals ins Rennen zu schicken, verzeiht man ihm auch angesichts der pompösen Super-Show. Vergessen ist der öde Vorentscheid, die immer nerviger werdende Lena-Overkill.
Jetzt gilt: Nach dem Grand Prix ist vor dem Grand Prix. Wenn die Verantwortlichen klug sind, lassen sie wieder Raab ran. Denn der Mann weiß in der Regel offenbar doch, was er tut.
Daumen drücken für Lena
Jetzt geht’s los: Morgen steigt das heiß ersehnte Finale des Eurovision Song Contest in Düsseldorf. Und wie stehen die Aktien im Lena-Land? Meist liegen sie ja nicht schlecht, die Buchmacher. Natürlich ist man neugierig, wie hoch im Kurs Lena Meyer-Landrut, im vergangenen Jahr der Deutschen liebstes Musik-Mädel, dieses Mal bei den anderen Nationen steht. Und da sieht es gar nicht so übel aus. Bei dem als äußerst zuverlässig geltenden Google-Orakel wird die 19-jährige Hannoveranerin mit „Taken By A Stranger“ derzeit (Stand: 13. Mai, 17.45 Uhr) gleichauf mit den zappelnden Zwillingen aus Irland auf Platz 1 geführt!
John und Edward Grimes nennen sich „Jedward“ und singen von „Lipstick“ — da hat die erfolgreichste Grand-Prix-Nation aller Zeiten (sieben Siege gehen auf das Konto der Grünen Insel) ein heißes Eisen im Feuer. Als Mitglied der „großen“ fünf Nationen, die in den ESC ordentlich Geld stecken und daher automatisch gesetzt sind, muss sich Deutschland traditionell nicht für das Finale qualifizieren. Insgesamt 25 Teilnehmer sind nach den beiden Vorausscheidungen noch übrig, Lena tritt mit der Startnummer 16 an.
Und wie stehen die Deutschen mittlerweile zur ihrer Eurovisions-Heldin? Wir erinnern uns: Der Rückhalt im eigenen Land war noch vor einem Jahr gewaltig. Alle liebten Lena, dieses putzige Knuddeltierchen mit der natürlichen Ausstrahlung. Naja, fast alle. Heute muss man sagen: Viele lieben Lena, aber viele sind mittlerweile auch massiv genervt von der vorwitzigen Göre, deren „Mission Titelverteidigung“ schon bei den öden Vorentscheid-Shows zur Auswahl des Songs an Reiz verloren hatte.
Ihrem Entdecker Stefan Raab schlug eine Welle an Unverständnis entgegen. Dass die Prognosen für das Abschneiden der Vorjahressiegerin nun so gut sind, lässt einige der Kritiker beschämt verstummen. Glaubt man allen Buchmachern, Umfragen und Statistiken, wird es wohl locker ein Platz unter den ersten sechs werden. Womit sie ihr Ziel „Top Ten“ lässig erreicht hätte.
Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Lena-Lack stellenweise ab ist. Wie viel Lena noch in Lena steckt, war bei der täglichen „Show für Deutschland“ in der ARD zu beobachten. Der als „Mr. Entertainment“ vorgestellte Frank Elstner traf auf eine sichtlich gelangweilte Miss Eurovision, die ungeniert raushängen ließ, was sie von dem altväterlichen Herrn hält, ihn wie ein naseweiser Lümmel von der ersten Bank stets verbessert — und sogar nachäfft. Das kann man nun freilich total frech und selbstbewusst finden. Aber auch unverschämt und zickig. Der Grat, auf dem Lena wandelt, ist schmal.
Schämen werden wir uns am Samstag dennoch nicht müssen. Auch wenn die Konkurrenz natürlich nicht schläft. Als Mit-Favorit gilt etwa der französische Opernsänger Amaury Vassili, der ganz nebenbei auch noch aussieht wie ein Filmstar.
Bei den Proben experimentierte Lena noch ein bisschen mit Gürtel- und Schuhfarben, lieferte ansonsten aber tadellose Auftritte ab — genau wie ihre Tänzerinnen. Deren glitzernde Ganzkörperkondome sind zwar nicht gerade schön. Aber auch alles andere als langweilig.









Bambi mit Bart
Ornella de Santis zog gegen Roman Lob den Kürzeren. Foto: dpa
Jetzt haben wir das auch wieder geschafft: Die Grand-Prix-Castingshow „Unser Star für Baku“ ist zu Ende, gewonnen hat ein Bambi mit Bart und Holzfällerhemd — der 21-jährige Roman Lob fährt nach Aserbaidschan. Sehen wollte das Finale in der ARD allerdings kaum jemand.
Es gibt halt auch Sendungen, da sehnt man die Werbepause herbei. In der ARD allerdings laufen nach 20 Uhr nun mal keine Unterbrechungen für nützliche Verbraucherinformationen, und so klebt man gezwungenermaßen auf seiner Couch fest wie Christian Wulff bis gestern an seinem Präsidialamt.
Zwei Kandidaten galt es im Finale von „Unser Star für Baku“ zu bewerten, Roman Lob trat gegen Ornella de Santis an. Davor hatten die Macher rund um Stefan Raab aber wieder die Songauswahl gesetzt. Und davor eine halbe Stunde sinnfreies Vorgeplänkel samt Einspieler über Aserbaidschan, der die Kritik an dem Land im Kaukasus, in dem die Presse- und Meinungsfreiheit extrem eingeschränkt sind, natürlich ausspart.
Quälend lange dauerte dann auch die Entscheidungsfindung. Kürzen wir es ab: Für die 27-jährige Ornella bestimmten die Zuschauer die Power-Ballade „Quietly“, für Roman das vom britischen Pop- und Piano-Star Jamie Cullum mitgeschriebene Lied „Standing Still“. Konventionell und langweilig klangen die von Jury-Präsident Thomas D produzierten Titel eh allesamt.
So wie das ganze Format über Durchschnitt nicht hinauskam. Acht Termine, ausgestrahlt auf ProSieben und in der ARD, dümpelten solide, aber auch ziemlich unaufregend vor sich hin. Im Schatten des neuen Castingshow-Erfolgs „The Voice of Germany“ (Sat1 und ProSieben) konnte sich der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest nicht behaupten. Beim Finale saßen gerade mal 2,1 Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm (6,9 Prozent Marktanteil) . Zum Vergleich: Bei Lena 2010 waren es 4,5 Millionen (14,6 Prozent), 2001 bei Michelle gar 9,1 Millionen (27,4 Prozent).
Vielleicht lag das Desinteresse aber auch daran, dass keiner der anfangs 20 Teilnehmer ähnliche Euphorie auslösen konnte wie einst Lena, die nicht nur Deutschland, sondern auch den Rest Europas eroberte. Was allerdings auch ein bisschen viel verlangt wäre, denn sind wir mal ehrlich: Wie oft kommen solche kleinen Sensationen vor? Roman Lob, Industriemechaniker aus Neustadt/Wied im Westerwald, der sich am Ende knapper als gedacht mit 50,7 Prozent durchsetzte, ist eine konsequente Wahl.
Junge Männer mit Bart, die trotz des angeblichen Potenzsymbols innen drin ganz arg weich sind, liegen schwer im Trend. Und da passt der zweifellos hervorragende Sänger Roman mit seinen rehbraunen Augen und dem treuen Blick wunderbar hinein. Er wird‘s am 26. Mai in Baku beim, so Raab, „Kasperletheater auf großem Niveau“, trotzdem schwer haben.