Engel im Sturzflug
Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hatte, aber ein bisschen Hoffnung hat man ja schon immer: Die No Angels (Foto: dpa) erwiesen sich als veritable Pleitegeier und stürzten beim Eurovision Song Contest in Belgrad ins Bodenlose. 23. Platz bei 25 Teilnehmern, gleichauf mit Großbritannien und Polen. Wenn man ehrlich ist, war ihr Beitrag “Disappear” aber auch so ziemlich das langweiligste und abwaschbarste, was der Wettbewerb zu bieten hatte. Da nützt auch der exzessive Einsatz von Make-Up, Enthaarungswachs und Windmaschinen nichts mehr.
Die Show hatte aber schon ihre unterhaltsamen Momente: Mich hat ja besonders Bosnien-Herzegowina begeistert. Ein immerhin eingängiges Liedchen, die durchgeknallte Sängerin mit der explodierten Haartracht, die unserer Lucy alle Ehre machte, hängte zwischendrin ihre Dreckwäsche an die Leine und im Hintergrund strickten vier Bräute an Winterschals. “Laka”, so der Name der Interpreten, haben sich allerdings erdreistet, in ihrer Muttersprache zu singen, weshalb ich keine Ahnung habe, was das alles mit dem Lied “Pokusaj” zu tun hatte. Spaßbeiträge gab’s auch aus Spanien (der moderne Ententanz) und Aserbaidschan. Wobei deren Engel-Teufel-Musical, fürchte ich, ernst gemeint war.
Befremdlich ist es schon, dass man bei der Punktevergabe oft ziemlich genau vorhersagen kann, wer für wen angerufen hat. 12 points von Montenegro an Serbien, von Zypern an Griechenland…wie überraschend. Sind wir mal ehrlich: Mit einem echten, fairen Musikwettbewerb, bei dem es auf Qualität ankommt, hat der Grand Prix schon lange nichts mehr zu tun. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen und ein faires Abstimmungs-System zu finden, erscheint mir nahezu unmöglich.
Deswegen kann man das ganze einfach nur wohlwollend als alljährliche kuriose Glitzer-Revue betrachten. Dass mit Dima Bilan ein russischer Superstar gewonnen hat, dessen Song “Believe” vom US-Erfolgsproduzenten Timbaland arrangiert wurde und neben dem ein Geiger auf einer echten Stradivari playbackte sowie ein Eiskunstlauf-Olympiasieger Pirouetten drehte, passt ins Bild. Wenn wir uns weiterhin so blamieren (dabei hatten wir letztes Jahr mit Roger Cicero ja einen wirklich guten Mann im Rennen) muss sich der NDR was einfallen lassen. Immerhin pumpen wir als einer von den “Big Four” jede Menge Kohle in den Eurovision Song Contest. Zur Belohnung sind wir von vorne herein fürs Finale gesetzt (und ich bin sicher, dass die No Angels sonst schon im Halbfinale gescheitert wären). Und dennoch bin ich nicht fürs Aussteigen, so wie es Österreich getan hat: Denn unterhaltsam ist der Grand Prix allemal, und Kult sowieso. Insofern: Weitermachen!
Mein Kollege Klaus Schrage hat sich auch schon seine Gedanken gemacht, wie wir 2009 den Pott nach Hause holen. Lesen Sie hier.
6 Kommentare
Wenn man mal ehrlich ist, hat Deutschland Null Punkte bekommen.
Die 12 aus Bulgarien waren ausschließlich für Lucy und die zwei aus der Schweiz waren mit Sicherheit deutsche Grenzgänger.
Seh ich genau so. Also erstens wird Deutschland auf lange Sicht wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben als auszusteigen. Fände ich sehr schade. Aber das Geld könnte man dann ja für ein ansprechendes Rock-Pop-Format ausgeben.
Und zweitens waren die Punkte aus Bulgarien wirklich nur für unsere liebe Lucy. Die zwei aus der Schweiz waren Mitleidspunkte. Oder die No Angels haben da auch ein paar Fans.
Schließe mich Frau Helmer in allen an. Erstaunlich finde ich aber, dass Aserbaidschan sich tatsächlich Jennifer Aniston gemietet hat! Sie war zwar als männlicher Sänger getarnt, ihre Friusr hat sie aber verraten. Wirklich tolldreist war aber der Russe: Mit Jürgen Klinsmann als Rollschuh-Läufer und Jogi Löw an der Stradivari konnte ja nichts schief gehen!

Kult bestimmt, aber wie lange noch. Wenn wir weiterhin so schlechte Platzierung en machen und die anderen sich die Punkte zuschieben wird auch in Deutschland das Interesse nachlassen und wir steigen, genau so wie die Österreicher, aus dem Grand Prix aus.
Unterhaltsam ist die Show auf jeden Fall, besonders Amüsant finde ich die lustigen Aktzente der Osteuropäer :-)