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Eine Frau gesucht
Ich suche eine Frau. Nein, nicht falsch verstehen. Ich habe schon eine, mit der ich seit 45 Jahren äußerst zufrieden bin. Trotzdem suche ich eine weitere. Und das hat mit dem Laufen zu tun.
Naja, nach 25 Jahren Läuferaktivitäten und rund 200 Wettkämpfen hat man im Prinzip nicht mehr den ganz großen Spaß daran, sich mit anderen zu messen. Wenn man mit 64 sehr gut ist, landet man trotzdem höchstens trotzdem im Mittelfeld. Und wenn es schlecht läuft, dann tröstet einen das Jungvolk: “Äääi, du bist doch Vierasechzich, da mussmer nimmer so schnell saa”. Bei mir ballt sich ob solcher Reden oft die Faust zusammen. Und nur weil mir mein Großhirn Vernunft signalisiert, fahre ich sie nie aus.
Jedenfalls verbrachte ich auf der wunderschönen Nordsee-Insel Wangerooge einen ebenso wunderschönen Oster-Urlaub. Und da begab es sich, dass die Kurverwaltung für einen Osterlauf warb, acht Kilometer lang am Deich und auf dem Deich, fast direkt vor meiner Hotel-Haustür beginnend.
Obwohl das Knie nach den Strandspaziergängen im tiefen Sand a weng zwackte, ließ ich mich von der besten aller Ehefrauen dazu überreden, mitzulaufen. Nach eineinhalb Jahren wieder mal ein Wettkampf. Und schlecht lief er nicht. Das Ziel der meisten Amateure, wie ich, war es, unter 40 Minuten zu bleiben. Als ich – noch mit erstaunlich viel Kraft in den Beinen – auf die Zielgerade einbog, die bergauf zum Deich führte, stellte ich erfreut fest: Des mit der Zeit unter 40 müsste klappen. Dann geschah es: Aus dem Zuschauerpulk am Rand rief plötzlich jemand: “Uli, los, Tempo. Super”.
Wer kennt mich hier, 750 Kilometer von Mittelfranken entfernt? Ich blickte kurz hinüber – und sah eine wunderhübsche junge Dame, die mich erneut namentlich anfeuerte. Nun war ich in der Zwickmühle. 39 Minuten zeigte meine Lauf-Uhr. Also: Stehen bleiben, die junge Schöne nach ihrer Beziehung zu mir fragen oder die 40 Minuten unterschreiten?
Ich bin, wie erwähnt, 64, befinde mich im langjährigen Eheglück und entwickle im Wettkampf halt dann doch a bissla ann Ehrgeiz. Also winkte ich kurz und lief 100 Meter weiter in 39:39 Minuten durchs Ziel. Als ich mich dort noch einmal umdrehte, konnte ich das hübsche Mädchen an der Strecke nicht mehr entdecken.
Und nun setze ich auf das weltweite Netz: Wer war die Schöne, die mich so persönlich angefeuert hat, an einem Ort, an dem mich im Prinzip keiner kennt. (Es gab auch keine offiziellen Startlisten oder Ähnliches, wo jemand hätte nachschauen können. Das ging bei diesem Lauf alles sehr zwanglos und unbürokratisch zu). Ach ja, vielleicht entdeckt sie ja diesen Beitrag, rührt sich bei mir und ich finde endlich meinen Seelenfrieden wieder.Uli Rach