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Weblog statt Telefon
Nach dem Abitur, das war 1982 (Helmut Schmidt regierte noch), bin ich mit meiner Freundin nach Irland aufgebrochen. Wir sind getrampt, wir haben sehr viel erlebt, sehr viele nette Leute kennengelernt, wir schwärmen heute noch davon. Seinerzeit konnten (und wollten) wir der Heimat nur sporadisch per Telefon Rückmeldung geben.
Heute: Da fahren die jungen Leute immer noch in die Welt hinaus. Und sie lassen die Welt daheim per Weblog wissen, was sie gerade tun, sogar unterstützt von Bildern. Wie mein Sohn, der mit einem Kumpel durch ganz Europa tourt. Wie sang Old Bob? “The times, they are a-changin’.”
Nikos und Michael: Macht es gut.
Wir bitten um Ihr Verständnis
Gestern auf dem Heimweg. Ich hetze aus dem Büro, um mal etwas früher als sonst nach Hause zu kommen. Schon der Denkansatz allerdings war falsch: früher aus dem Büro, um früher daheim zu sein – mit der Bahn?
Auf Bahnsteig 5: Der Zug steht nicht da. Die Statuszeile im Display bleibt leer. Ich frage eine Raucherin in ihrer Suchtzone nach meinem verlorenen Zug. “Der fährt auf Gleis 6.” Noch vier Minuten bis zur Abfahrt. Ich unterquere die Gleise 5 und 6. Auf dem Nachbargleis steht eine Regionalbahn nach Erlangen. Ein Zug mit Dreh-Falt-Türe. Und jede Menge Reisende. Erlangen wäre mir zu kurz. Nach wenigen Minuten eine Ansage: Der Regionalexpress nach Haßfurt hat etwa 15 Minuten Verspätung. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Schließlich trifft der Zug mit fast 20 Minuten Verspätung ein. In der Zwischenzeit hatte ich bei weiteren gefühlten 20 Durchsagen mit teils widersprüchlichen Angaben über an- und abfahrende Züge reichlich Gelegenheit, der Bahn weiteres Verständnis entgegenzubringen.
Wir fahren los. In einem Doppelstockwagen, gut gekühlt bei der Affenhitze. Die Verspätung resultiert aus einigen Baustellen und der Zustiegsverspätung aus Richtung Oberstdorf. Wir bitten um Ihr Verständnis. Aha, danke. Ohrstöpsel auf, Bob Dylan, Rod Stewart, Travelling Wilburys, Eagles – alles könnte gut werden.
Plötzlich, kurz vor der Einfahrt in meinen Zielbahnhof Forchheim, rollt der Zug aus und bleibt stehen. Auf der einen Seite: Wiesenttal, auf der anderen der Globus-Einkaufsmarkt. Noch 600 Meter bis zum Bahnhof. Der Zug steht. Ein ICE braust vorbei in Richtung Nürnberg. Die Klimaanlage ist ausgefallen. Die Temperaturen steigen. Vor mir telefoniert eine Reisende mit Zuhause. Sie muss alles dreimal sagen, weil sie in dem sehr stillen, wenngleich vollen Abteil nicht herumschreien will. Da kommt wieder eine Durchsage: Wegen eines Problems mit der Lok wird sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verzögern. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Nach nur sechs Minuten: Die Klimaanlage springt wieder an. Nach sieben Minuten rollt auch der Zug an und langsam in den Bahnhof. Ausstieg heute rechts, weil wir von einem ICE überholt werden. Dadurch verzögert sich die Weiterfahrt. Wir bitten um Ihr Verständnis. Mir ist das jetzt wurscht. Ich will nur raus. Zuhause bin ich zur selben Zeit, wie wenn ich den späteren Zug genommen hätte. Toll. Ich bitte um mein Verständnis.
Pendler-Musik
In der Bahn stopfe ich mir gewöhnlich Hörstöpsel in die Ohren. Ich lausche dann den Nachrichten auf Bayern 5, manchmal den Verkehrsnachrichten, sofern der Frankenschnellweg genannt wird, an dem ich gerade zügig vorbeirausche, und dann schalte ich um auf Musik.
Gibt es die ideale Pendler-Musik? So viele Pendler sitzen im Zug, die Ohren abgeschlossen mit mal größeren, mal kleinen Hörern. Was hören die alle? Zum Glück dringt meistens nichts durch. Ich glaube, ich hielte es nicht aus. Solche Zeitgenossen treffe ich natürlich auch immer mal wieder an, junge Typen, die Handy-Musik voll aufgedreht, egal was die Mitreisenden davon halten…
Aber das ist die Ausnahme. Auf meinem mp3-Player läuft, was ich beim jeweiligen Befüllen gerade für geeignet halte. Lese ich gleichzeitig Zeitung, was eigentlich die Regel ist, dann gleitet die Musik an meinem Inneren vorbei wie die wassergesättigten Wiesen neben den Gleisen an meinem Äußeren. Die Musik dient in diesem Fall tatsächlich dazu, mich von der Außenwelt abzuschotten, so dass ich mich auf die Buchstaben vor meinen Augen konzentrieren kann.
Kommt dann von hinten der Schaffner und will meine Fahrkarte sehen, muss er leider einige Sekunden warten, bis ich den Schein herausgekramt habe.
Heute hat mich allerdings ein Lied vom Zeitunglesen abgelenkt. “Black Diamond Bay” von Bob Dylan. Wie üblich bei Dylan ist der Text nur in Bruchstücken zu verstehen. Und selbst wenn du die Worte einzeln auseinanderhalten kannst, heißt das noch lange nicht, dass du den Sinn entziffert hast. Der Song stammt von der LP/CD “Desire”. Eine der, wie ich finde, schönsten Platten von Old Bob. Emmylou Harris singt mit, Scarlett Rivera gibt den Songs mit der Geige einen unverwechselbaren Sound. Herrlich!
Sicher, liebe Mit-Pendler, ihr könnt nun einwenden: Der hat aber einen konservativen Geschmack. Wenn ihr wüsstet, was sonst noch beim Pendeln in meine Ohren kriecht: Kinks, Who, Beatles, Free, Clapton, Led Zeppelin, Dixie Chicks, … eine fürchterlich altmodische Auswahl mehr oder weniger klassischer Rockmusik halt, kein Jazz. Aber ich steh drauf – und dazu.
Gibt es die ideale Pendler-Musik?
Ronald Schill – der Richter mit der Koks-Nuss
Kennen Sie schon die Mode-Farben des politischen Sommers? Rot-rot-grün ist jedenfalls gerade wieder out, ehe es so richtig in war. Statt dessen deutet sich schwarz-grün als der nächste letzte Schrei an. Jedenfalls in Hamburg.
In Bayern und auf Bundesebene, das hat der bekannte niederbayerische Polit-Modeschöpfer Erwin Huber verkündet, wird es schwarz-grün niemals geben. Aber gut, der Hubers Erwin hat auch schon mal gesagt, dass die Landesbank gut da steht und dass das bayerische Rauchverbot nicht verändert wird.
Wie sagen wir Lateiner unter den Pendlern in solchen Fällen? Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich. Und wir ändern uns mit ihnen. Manche jedenfalls. Eine bemerkenswerte Veränderung in der politischen Farbenlehre führt uns ja der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust vor. Vor sieben Jahren fand er nichts dabei, mit einem windigen Hasardeur namens Ronald Schill eine Koalition einzugehen, weil der halt genügend Stimmen mitbrachte, um die Macht an sich zu reißen.
Schill disqualifizierte sich, wie zu erwarten, selbst und flog hochkant aus dem Amt. Eine faulig riechende Spur aus Koks, Verleumdung und Verbrechen hinter sich her ziehend. Inzwischen findet es Ole von Beust opportun, von ganz rechts nach ökolinks zu wechseln und – zwecks Machterhalt – sein Glück bei den Grünen zu suchen. Eigentlich wäre es ein völlig normaler Vorgang, wenn CDU und Grüne über eine Koalition verhandeln. Aber vor dem Hintergrund der Schill-Affäre hat jedes Zusammengehen mit Beust für mich als einfacher fränkischer Pendler ein Gschmäckle. Und dieses Unbehagen wird nicht besser durch das Video, das gerade jetzt aufgetaucht ist und mächtig Wirbel verursacht.
Es zeigt Ronald Schill offenbar beim Schnupfen von Kokain (“Bei mir wirkt das Koks jetzt”). Drei Jahre lang war dieser Mann mitsamt seinen Hofschranzen dem Hamburger Bürgermeister gut genug als Koalitionspartner. Ich fragte mich schon damals, wie eine Partei, die für konservative Werte wie Anstand, Gesetzestreue, christliche Moral, Glaubwürdigkeit stehen will, eine Liaison mit derartigen Leuten mit ihrem politischen Gewissen vereinbaren kann. Die Parteivorsitzende Angela Merkel jedenfalls gab der Verbindung damals in aller Öffentlichkeit ihren Segen.
Und heute stellt sie sich hin und wirft der SPD und Kurt Beck einen Mangel an politischer Glaubwürdigkeit vor.
Das Publikum wendet sich mit Grausen, aber nicht ohne sich zuvor eine Meinung gebildet zu haben.
Stadtbahn, Siemens und die Seku
Eine Stadtbahn in Forchheim? Nö, nur eine Faschingsumzug-Attraktion aus Neunkirchen am Brand. Der Carneval-Verein NCV macht alljährlich mit seiner Seekuh einerseits, und mit seinen sportlichen Mädels andererseits auf den Faschingsumzügen der Region von sich reden.
Aus Sicht des Pendlers ist die Seekuh interessant, die eigentlich eine Seku ist, eine Sekundärbahn. Beziehungsweise war. Zwischen 1886, damals noch unter Wilhelm I., Deutscher Kaiser, respektive (huch, ein Fremdwort) unter Prinzregent Luitpold von Bayern, und 1963 (Kanzler: Ludwig Erhard), verband die Bahn Erlangen und Gräfenberg auf einer Länge von 29 Kilometern. Anderthalb Stunden Reisezeit waren das. Heute würden wir sagen: Slow City oder so ähnlich, vielleicht Slow Train (da fällt mir spontan Bob Dylan ein, aber das ist wieder etwas ganz anderes).
Jedenfalls trauern manche seit Jahren der alten Seku nach. In Gedanken ist sie schon wieder neu erstanden, nämlich als Stadt-Umland-Bahn, die den Großraum Erlangen auf Schienen für den ÖPNV erschließen soll. Tolle Sache, nur: Das kostet einen Haufen Geld, das niemand hat, oder haben will, oder wie auch immer.
Ich fände es toll, wenn die ganzen Siemensianer aus dem Erlanger Umland mit ihren eigenen Zügen zur Arbeit fahren müssten könnten. Die Straßen wären weniger verstopft, die Züge auf der Hauptstrecke entlastet, der Umwelt ginge es besser.
Wie wäre es mit einer fahrerlosen Stadt-Umland-Bahn? Mit den Strecken Herzogenaurach – Erlangen, Eschenau – Neunkirchen – Uttenreuth – Siemens (wie die alte Seku)? Hey, Siemensianer, das müsste doch zu machen sein. (Ich verkneife mir jetzt den Kalauer: Das läuft bestimmt wie geschmiert…). Wie – kein Geld? Also ich meine, wenn für den Aus- und Neubau einer ICE-Strecke durch den Thüringer Wald und über Erfurt, die eigentlich keinen Sinn macht, 10 Milliarden oder mehr da sind, dann müsste für eine StUB doch auch eine Kleinigkeit locker zu machen sein.

Ohne betriebliche Anweisung fährt hier nix
Der Mensch lernt bekanntlich nie aus, manchmal sogar täglich etwas dazu. Als BahnPendler bin ich geneigt, den zweiten Teil dieses Satzes zu betonen. Das Erlebnis vom letzten Freitag unterstreicht meinen Eindruck.
Wobei: Es handelt sich um eine Kleinigkeit. Nichts, worüber sich aufzuregen mächtig lohnte. Zumal ich keinen Anschlusszug oder -bus benötigte, sondern nur einfach eine Viertelstunde später nach Hause kam als üblich.
Die Verzögerung – um eine solche handelt es sich nämlich – begann schon damit, dass der RE aus Richtung Bamberg verspätet in Nürnberg eintraf. Am Bahnsteig wurde durchgesagt, dass sich daher auch die Rückfahrt verzögern werde, um etwa fünf Minuten.
Nach diesen fünf Minuten rührte sich aber gar nichts. Hätte ich in Bamberg einen Anschlusszug bekommen müssen, wäre ich jetzt allmählich nervös geworden. So aber las ich Zeitung und lauschte weiter Bob Dylan im Kopfhörer (“Isis, oh Isis…”)…
Nach fast einer Viertelstunde dann die Erklärung via Durchsage im Zug: “Unsere Abfahrt verzögert sich leider noch um wenige Minuten. Wir haben die Lok gewechselt, auf eine andere Baureihe, und warten jetzt auf eine betriebliche Anweisung unserer Transportleitung. Ohne diese betriebliche Anweisung können wir nicht losfahren. Es tut uns leid.”
Wieder was gelernt. Dass es unterschiedliche Loks für unterschiedliche Züge gibt, das wusste ich ja. Nicht geahnt hätte ich, dass eine Lok, die an einen Doppelstock-RE gespannt wird, eigens eine betriebliche Anweisung benötigt, um sich in Bewegung setzen zu dürfen. Oder – horribile dictu – war das Teil eigentlich gar nicht geeignet, einen Zug voller Pendler nach Hause zu schaukeln?