Freitag, Februar 12th, 2010

Die Bahn redet vom Wetter

Wenn jetzt der bayerische Bahn-Chef Josel sich im Landtag hinstellt, einen Bückling macht und sich dafür entschuldigt, dass sein Unternehmen nicht ausreichend auf ein extremes Wetterereignis namens Winter eingestellt war, dann, liebe Mitpendler, nehmen Sie die Demutshaltung um Himmels willen nicht ernst.

Im nächsten Winter kommt alles ganz genauso, vielleicht sogar schlimmer.

Erinnern Sie sich noch an letztes Jahr? Der Winter war bei weitem nicht so hart, die Probleme der Bahn aber mindestens so groß wie heute. Dahinter steckt kein System, aber Methode.

Die Deutsche Bahn rühmt sich, der weltweit größte Logistiker zu sein. Das kann sein und das ist schön für einen Konzernchef. Aber was steckt dahinter? Die DB betätigt sich in 130 von 200 Ländern. Toll. Güter werden per Zug, Schiff, Flugzeug und Lkw transportiert, Bahnhöfe in China und Trassen in der Mongolei gebaut. Noch toller. Aber für den Nahverkehr in der Fläche am Heimatstandort Deutschland bleibt so gut wie nichts mehr  übrig.

Die Folge ist: Bei Schnee frieren die Weichen ein oder brechen gleich ganz. Auf Hochgeschwindigkeitsstrecken wie Nürnberg-München muss der Hochgeschwindigkeitszug langsam fahren, weil die neuen Fahrstraßen schon bröckeln. Auf Nebenstrecken funktioniert kaum ein Fahrkartenautomat. Die Nürnberger S-Bahnen mussten wochenlang mit weniger Wagen fahren, weil so viele Garnituren in Wartung oder Reparatur standen. Im Fernverkehr dasselbe: Zahlreiche ICE-Verbindungen fallen aus, weil Wartung und Reparatur so lang dauern. Denn dort, wo das Material gepflegt werden müsste, fehlt das Personal. Das wurde abgebaut, um den Welt-Konzern schick zu machen für die Börse.

Aber auch auf den Wagen fehlt Personal. Vor wenigen Jahren wurden Lokführer in die Wartung abgezogen. Jetzt klopfen die Verantwortlichen in den Werkstätten an, ob sie sich nicht die früheren Lokführer wieder einmal ausleihen dürften. Zahlreiche Nahrverkehrszüge fahren heute ohne Zugbegleiter, weil die landeseigenen Eisenbahngesellschaften als Besteller des Nahverkehrs keine 100-prozentige Besetzung verlangen. Die meisten anderen Fahrten sehen nur noch einen Schaffner. Im ersten Fall sind die Fahrgäste auf sich allein gestellt, wenn etwas passiert, im zweiten der Zugbegleiter. Und die Fahrgäste werden zunehmend aggressiv – kein Wunder, bei dem was man ihnen zumutet. Zugbegleiter verdienen keine Reichtümer.

Ein Zugchef im ICE verdient bei 40 Stunden Arbeit pro Woche und 25 Dienstjahren 2500 Euro brutto. Ein Lokführer kommt, ebenfalls nach einem Vierteljahrhundert, bestenfalls auf 3000 Euro brutto. Und das bei einer Riesenverantwortung und – in Pendlerstoßzeiten – höchstem Stress. Das sollten sich die Fahrgäste mal vor Augen halten, wenn sie an den Durchsagen der Zugbegleiter herummäkeln – wie ich das auch gelegentlich tue.

Die Probleme im Bahnverkehr haben nichts mit dem Verkehrsmittel zu tun. Sondern mit dem Betreiber. Wenn ich höre, dass für ein Wahnsinns-Projekt wie “Stuttgart 21″  sechs Milliarden Euro verplant werden, nur um einen Bahnhof tiefer zu legen und eine halbe Stunde schneller nach Ulm zu kommen, dann schwillt mir sowas von der Hals an. Auf der anderen Seite sehe ich dann, was in der Fläche alles an Anlagen, Verbindungen und Personal vor die Hunde geht – ach wisst ihr was: Ich höre jetzt besser auf.


Kategorie: Bahn
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5 Kommentare

Februar 12, 2010
Lukas Iffländer

Man sollte mal Fahrgstrechte ie in Japan eniführen, da bkommt man ab 15 min. Verspätung volle Erstattung der Fahrtkosten.


Februar 13, 2010
Bernd K.

Das ist mir aus der Seele gesprochen. Nur was tun?
Verantwortlich für die DB ist der Staat bzw. die Regierung. Beschwerden schreiben und die zuständigen Abgeordneten und den Verkehrsminister in den Verteiler nehmen…?
Oder ein Volksbegehren mit dem Ziel, dass Minister etc. nur noch öffentlich fahren dürfen :-)


Februar 16, 2010

Die Privatisierungen der Staatsbetriebe stellen sich aus heutiger Sicht als Fehler heraus. Was wurde nicht gewarnt, als die Bahn in den 90er Jahren reihenweise Betriebswerke schloss, und ihr Personal in 1000er Packs rauswarf. Alles für den Börsengang.


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