Mittwoch, November 11th, 2009

Robert Enke und der Lokführer

Der Pressesprecher des Düsseldorfer Zollamtes, Michael Walk, wäre mir wahrscheinlich nie im Leben vorgestellt worden, wäre er kein Twitterer. Als speaker_d zwitschert er über dies und das, und jetzt auch über Robert Enkes Freitod. Er erinnert an die andere Seite des Selbstmordes: an den Lokführer.

Ich habe bereits früher einmal über dieses traurige Thema geschrieben und will mich jetzt nicht wiederholen. Wenn sich ein Mensch selbst umbringt, ist das immer eine höchst traurige Angelegenheit, unabhängig von der Methode des Freitodes. Ein Selbstmord wird nicht “besser” oder auch nur moralisch erträglicher, wenn der Mensch allein für sich stirbt. Reißt er allerdings einen Fremden, Unbeteiligten mit hinein, dann frage ich mich zumindest: Musste das sein? Insofern kann ich speaker_d Michael Walk verstehen.

Nachtrag um 17.12 Uhr: Inzwischen wurde bekannt, dass im Führerstand der Lok zwei Lokführer saßen. Der eine bekam vom anderen eine Einweisung in die Strecke. Beide sahen Enke auf dem Gleis stehen und leiteten noch eine Notbremsung ein.


Kategorie: Pendler-Gedanken
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18 Kommentare

November 11, 2009
Pilsi

Der Selbstmord von Robert Enmke ist mir eigentlich auch egal, dass wird er sich schon überlegt haben (oder auch nicht). ABER: mir tut seine Frau leid die jetzt ohne seine Unterstützung die Tochter großziehen darf…


November 12, 2009

Übrigens ist das kein Einzelfall, die Medien haben nur endlich mal wieder einen Selbstmord, der wegen des “öffentlichen Interesses” auch medial verarbeitet werden darf. Nach meiner (zugegeben flüchtigen) Recherche hat die Bahn im Jahresschnitt täglich drei (!) Suizide zu verbuchen :-( ((


November 12, 2009
Peter Horras

So schlimm ein Suizid auch ist, es ist ein unvermeidbares Ereignis. Vermeidbar wäre allerdings gewesen, einen Lokführer berufsunfähig werden zu lassen. Ausdrücklich dieser Mensch hat mein volles Mitgefühl.


November 12, 2009
Klaus Behnisch

Ich bin Lokführer und finde es gut das man auch über den Tragischen Tod Robert Enkes hinaus des betroffenen Kollegen gedenkt. Ich selbst hatte bisher in meiner 35 jährigen Lokführer Karriere nur einmal einen Suizid zu verkraften. Eine Junge Frau stellte sich morgens ins Gleis vor meinen Güterzug. Die halbe Stunde bis zum Eintreffen der Rettungskräfte war mit die Schwerste meines Lebens. Das was in dem Moment in einem vorgeht kann man nur schwer beschreiben . Eine Mischung von Entsetzen, Wut und Trauer und eine große Leere paralysierten mich. Der Schock kam bei mir erst später als ich zuhause war. Ich habe es Glücklicherweise schon nach sechs Wochen Psychiatrischer Hilfe wieder geschafft zu Fahren. Wir reden unter Kollegen auch über diese Ereignisse und sind darauf immer vorbereitet . Wenn es dann geschieht das man jemanden tötet sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Manche Kollegen sind beim ersten Suizid nicht mehr Fahrdiensttauglich andere werfen erst beim achten das Handtuch. Einer nannte uns mal die Henker der Nation. Ich persönlich habe mein Suizid Ereignis in einer vielleicht etwas Bösen Prosa verarbeitet.

Reiselust

Ach ich möcht so gern verreisen
Den Fahrschein fand ich in den Gleisen
Ich nehm dich mit!
Für Kurzweil will ich sorgen
Komm, spielen wir das alte Spiel
Du lässt gehen
ich bleib stehen
Das dunkle morgen ohne Sorgen
ist mein Ziel
Und mein Gepäck
wird mir zuviel
Ich schenk es dir!
Oh, nur keine Bescheidenheit
Schöne Grüße aus Bad Ewigkeit
Klaus Behnisch


November 12, 2009
V. Zender

Mal ganz ehrlich, mir geht dieser Zirkus um diesen H. Enke ganz schön auf die Nerven. Was hat er den schon großes geleistet, er hat sich vor den Zug geworfen. Toll.

Was ist mit den Lokführer, fragt da mal einer nach wie der sich fühlt und unter welchen Depressionen der Mann in Zukunft leiden wird.

Fragt mal einer nach den Leuten von Feuerwehr und Polizei, nach denen die die Leichenteile einsammeln und die Strecke reinigen mußten.

Wer denkt an die???

Mir kommt es so vor, egal was passiert, Hauptsache wir haben mal wieder was um die Sender und Zeitschriften zu füllen, das Volk hat wieder einen prominenten und eine Familie dazu über die man reden eine Gelegenheit irgendwohin zu pilgern und seine Blümchen und Kerzchen zu verteilen.

Das alles schon zu Frühstück bis zum Abendessen.

Schönen Dank auch, mein Fernseher bleibt aus.

Und noch was, ich jedenfalls möchte nicht durch irgendeinen Selbstmordkandidaten in Gefahr gebracht werden oder zwangsweise einen Blick auf seine Überreste werfen müssen.

In diesem Sinne, schönen Tag noch.


November 12, 2009
V. Zender

Hi V. Zender, ganzschön ignorant was du da schreibst. Ich leide selbst unter Depressionen und danke Robert Enke und den Medien dafür, das vielleicht jetzt dieses Thema nicht mehr tabuisiert werden. Darüber hinaus, wenn ich einen Beruf bei der Feuerwehr oder Polizei, evtl. auch bei der DB annehme sollte ich denn nicht damit rechnen auch unangenehme Dinge vor Gesicht zu bekommen. Mich wundert es immer wieder, wie ignorant meine Lanzmänner sein können .. ganzschön naiv.


November 12, 2009

Es ist doch positiv, dass jetzt beide Seiten sich “austauschen” können (Lokführer und depressive). Grauenvoll aber doch, dass es dafür den Freitod dieses Mannes benötigt hat?


November 12, 2009
Holger Rösler

Hi all,
das Geheule über den Enke kann ich einfach nicht verstehen.
Für mich ist er der grösste Idiot des 21 Jh. Er hat alles gehabt, er ist in Deutschland aufgewachsen, hatte ne schöne Frau, nen schönen Job, er konnte den ganzen Tag Fussball spielen, das Jubeln der Massen, Geld wie Heu.
In Rumänien stehen an den Bahnschienen viele schwarze Kreuze. Das hat den Vorteil das wenn jemand im Zug fährt und Depressionen hat kommt er gleich auf die richtige Idee (sorry, das war ein Witz).

Ich kann jeden Selbstmörder in Rumänien verstehen, aber die wären heilfroh gewesen, wenn sie nur halb soviel Glück im Leben gehabt hätten wie dieser Tropf.

Der grösste Idiot des 20 Jh. war übrigens Adolf Hitler, aber der hatte wenigstens einen brauchbaren Grund (der Russe kommt). Aber welchen Grund hatte der Enke?
Ich komm mir vor wie bei den Leiden des jungen Wehrter. Das ist übrigens ein grauenhaftes Buch. Das nehme ich Goethe heute noch übel.

Holger Rösler


November 12, 2009

@Holger Rösler: An dieser Stelle muss ich mal eingreifen. Die Äußerungen von Holger Rösler halte ich für total inakzeptabel. Ob ein Mensch nun reich ist oder nicht, ob er eine Frau hat, in Deutschland oder in Rumänien lebt – das hat alles mit der Krankheit, um die es hier geht, überhaupt nichts zu tun. Mit dieser pauschalen Verurteilung eines vermeintlichen Glückspilzes wird man weder dem Thema noch der Person gerecht. Robert Enke stand an herausgehobener Position in der Öffentlichkeit. Es ist doch klar, dass die Reaktion dieser Öffentlichkeit auf den Freitaod eine andere ist als wenn sich du oder ich auf die Gleise stellen.
Mir geht es aber vor allem um die Lokführer, die ohne es zu wollen und ohne es verhindern zu können, in diese Seelenqual gestürzt werden. Und ich glaube nicht, dass alle Fahrgäste, die in diesem Zug saßen, so ohne weiteres mit der Tatsache klar kommen, dass sie einen Menschen überfahren haben – egal, wie der heißt.


November 12, 2009
Robert H.(!)

Hallo Holger ….

vorneweg ist klar, dass auch den Lokführern (die ja fast täglich einen überrollen) unsere Anteilnahmne gilt.

Aber: Du hast keine Ahnung von Depression – das ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Du wachst nachts auf, siehst alles für sinnlos und bringst Dich um. Da hilft dir kein Geld und kein Sex. Nichts aber auch nichts kann dich wieder “normal machen” – es ist eine krankheit, die mit dir macht was sie will – du (und Du auch) hast womöglich keine Chance.
Stell Dir mal vor, Du bist vollkommen übermüdet und willst Dich tagelang wach halten – das geht ‘ne Weile, aber auf einmal ist Dir alles egal und Du schläfst ein, bist seelig und machst die Augen zu – ganz egal w o du dich gerade befindest … Du kannst n i c h t s mehr kontrollieren, und bist dem Schlaf a u s g e l i e f e r t .
Eine schwere Depression macht das Gleiche. Und eine Depression “schafft” es sogar einem klar zu machen, dass man keine Hilfe braucht – ähnlich wie bei Süchtigen …
Einfach erklärt, aber vielleicht verständlich???


November 12, 2009
resnik

Das tragische Ende von Robert zeigt wieder einmal, dass wir unbedingt professionelle Tötungsfabriken brauchen. Noch gibt es viel zu viele amateurhafte Suizide, mit grossen Kosten für die Allgemeinheit (inklusive arme Lokführer). Statt dessen sollte es dringend Tötungsfabriken geben, wo sich jeder Sterbewillige kostenlos von Robotern einschläfern, narkotisieren und schliesslich umbringen & einäschern sowie auch gleich begraben lassen kann.

Und: ich dachte immer, christliche Kirchen feiern keine Gottesdienste und auch keine Begräbnisse für Selbstmörder? Wieso wird dann für Robert gefeiert? Tja, die Zeiten ändern sich…

Und: Die Frau von Enke (Teresa) hat in der Pressekonferenz garantiert gelogen oder etwas verheimlicht — die wusste mehr, als sie zugeben will..

So ist das halt auf diesem Planeten: die Idioten überall haben nur Geld, Autos und eben Fussball im Kopf, sind aber darüber hinaus absolut impotent, um auch nur so etwas wie Depressionen heilen zu können…. Fröhliche Wissenschaft und netter Erdball….


November 13, 2009
Markus

Nun, ich halte Selbstmörder, die sich vor den Zug werfen – egal ob prominent oder nicht – für Egoisten.
Die wollen mit einem großen Knall abtreten und möglichst viele andere in ihren Selbstmord mit hineinziehen, wie die Lokführer, die Fahrgäste, die Hinterbliebenen sowieso. Letztere werden noch eine dicke Rechnung bekommen, denn die Bahn übernimmt die Reinigungskosten, Reparaturen, den Polizeieinsatz etc. nämlich nicht. Das zahlen alles die “Erben”.
Geholfen hat Herr Enke mit seinem Freitod, vor allem mit dieser Art des Freitodes, niemanden, ganz im Gegenteil …

Im Grunde sind solche Leute gar nicht mal soweit weg von Amokläufern, die häufig ihre Tat auch als letzten Ausweg sehen, nochmal auf sich aufmerksam machen wollen und dann von der Polizei zur Strecke gebracht werden. Suicid by Cop (SOC) nennt man das. Und im Fall von Herrn Enke waren es eben die Lokführer.

Hat er darüber nachgedacht, was mit den Fahrgästen bei einer Schnellbremsung hätte alles passieren können? Was wäre gewesen, wenn eine ältere Person unglücklich gestürzt wäre und an den Verletzungsfolgen gestorben wäre?

Mein Mitleid für Herrn Enke hält sich in Grenzen, Depression hin oder her. Die Gesellschaft sollte sich lieber Gedanken machen, warum “Depression” inzwischen fast eine (tabuisierte) Volkskrankheit ist.
Manche können damit besser umgehen, andere nicht. Und um einer Depression vorzubeugen, hilft es sehr häufig auch schon, in den richtigen Momenten “Nein” zu sagen. Aber auch das will gelernt sein.


November 13, 2009

@resnik: Tötungsfabriken? Ich hoffe, das ist nur die Ausgeburt eines besonders krummen Zynismus. Solche Äußerungen sind geeignet, die an sich interessante Diskussion auf ein unterirdisches Niveau zu ziehen. Ich vermisse in diesem Beitrag eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich werde derartige Meinungen auch nicht mehr zulassen.


November 15, 2009
Erika

Jemand der sich das Leben nimmt, denkt in dem Moment nur an sich. An keinen Anderen sonst. Er meint, er kann die oft vorübergehende schwierige Lebenssituation nicht bewältigen.
Am allerwenigsten denkt er an den Lokführer und die Helfer. Leider; sonst würde er einen Strick nehmen.


November 16, 2009

Gedanken zur öffentlichen Aufarbeitung von Robert Enkes Suizid gibt es in den NN-Blogs auch hier
http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2009/11/15/trauer-um-robert-enke-eine-ganze-nummer-zu-gros/
und hier
http://blog.nn-online.de/sendung/2009/11/11/ein-offentlicher-tod/


November 18, 2009
Hans Berger

Der kluge Rösler gibt d… Kommentare ab und zensiert sogar ein Werk von Goethe negativ, kann aber nicht einmal den Namen der Hauptperson dieses Romans richtig schreiben.
Solche Beiträge über eine Verzweiflungstat einer besonders liebenswerten Person sind einfach widerlich und dazu passen auch die genannten Kriterien “Geld wie Heu” usw. Vielleicht haben ihn Menschen dieser Güteklasse depressiv werden lassen.


November 18, 2009
tilo koch

hallo robert

ob man ahnung von depressionen hat oder nich ist doch wurst,wenn alles schlecht geht,haben wir jetzt einen depressiven und völlig unschuldigen lokführer mehr und wir sonnen uns in exzessivem mitgefühl für denjenigen der
den scheiß gemacht hat.


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