Pendler-Musik
In der Bahn stopfe ich mir gewöhnlich Hörstöpsel in die Ohren. Ich lausche dann den Nachrichten auf Bayern 5, manchmal den Verkehrsnachrichten, sofern der Frankenschnellweg genannt wird, an dem ich gerade zügig vorbeirausche, und dann schalte ich um auf Musik.
Gibt es die ideale Pendler-Musik? So viele Pendler sitzen im Zug, die Ohren abgeschlossen mit mal größeren, mal kleinen Hörern. Was hören die alle? Zum Glück dringt meistens nichts durch. Ich glaube, ich hielte es nicht aus. Solche Zeitgenossen treffe ich natürlich auch immer mal wieder an, junge Typen, die Handy-Musik voll aufgedreht, egal was die Mitreisenden davon halten…
Aber das ist die Ausnahme. Auf meinem mp3-Player läuft, was ich beim jeweiligen Befüllen gerade für geeignet halte. Lese ich gleichzeitig Zeitung, was eigentlich die Regel ist, dann gleitet die Musik an meinem Inneren vorbei wie die wassergesättigten Wiesen neben den Gleisen an meinem Äußeren. Die Musik dient in diesem Fall tatsächlich dazu, mich von der Außenwelt abzuschotten, so dass ich mich auf die Buchstaben vor meinen Augen konzentrieren kann.
Kommt dann von hinten der Schaffner und will meine Fahrkarte sehen, muss er leider einige Sekunden warten, bis ich den Schein herausgekramt habe.
Heute hat mich allerdings ein Lied vom Zeitunglesen abgelenkt. “Black Diamond Bay” von Bob Dylan. Wie üblich bei Dylan ist der Text nur in Bruchstücken zu verstehen. Und selbst wenn du die Worte einzeln auseinanderhalten kannst, heißt das noch lange nicht, dass du den Sinn entziffert hast. Der Song stammt von der LP/CD “Desire”. Eine der, wie ich finde, schönsten Platten von Old Bob. Emmylou Harris singt mit, Scarlett Rivera gibt den Songs mit der Geige einen unverwechselbaren Sound. Herrlich!
Sicher, liebe Mit-Pendler, ihr könnt nun einwenden: Der hat aber einen konservativen Geschmack. Wenn ihr wüsstet, was sonst noch beim Pendeln in meine Ohren kriecht: Kinks, Who, Beatles, Free, Clapton, Led Zeppelin, Dixie Chicks, … eine fürchterlich altmodische Auswahl mehr oder weniger klassischer Rockmusik halt, kein Jazz. Aber ich steh drauf – und dazu.
Gibt es die ideale Pendler-Musik?
11 Kommentare
Ja, ich bin natürlich auch der Meinung: Hauptsache, es gefällt. Aber mein Punkt ist: Es gibt Musik, der man zuhören muss, und es gibt Klänge, die zum Zeitunglesen, zum Runterkommen nach der Arbeit passen, also zum Pendler-Dasein.
Unabhängig von der Pendlerei habe ich vom Jazz so gut wie keine Ahnung, ärgere mich aber insgeheim ein wenig darüber, weil ich glaube, ein wenig Jazz-Wissen gehört zur Allgemeinbildung dazu.
Na das nenne ich eine Ehrung, dass Du hier über Dylan schreibst und den Namen Seiner Bobschaft mit dem Beitrag verlinkst, in dem ich mal ganz prinzipiell meine Sicht auf den Mann loswurde. Ich glaube, bald werde ich mich der Illusion hingeben, den definierenden Artikel zum Dylan-Phänomen geschrieben zu haben. Zusammen mit dem im New Yorker jedenfalls.
Dass von anderen Zugfahrern “meistens nicht durchdringt”, kann ich leider überhaupt nicht bestätigen. In Phasen, in denen ich regelmäßig Zug fahren musste, hat das massiv mein Nervenkostüm belastet.
Mein Musikgeschmack ist sehr ähnlich dem Ihren, zusätzlich aufgemotzt durch etwas nicht ganz so klassischen Indierock/Alternative/Punkrock und latürnich die Männer um Keith Richards.
Allerdings höre ich nur noch auf der Langstrecke (z.B. Berlin) Musik, da mir oft die Ohrstöpsel rausgefallen sind und ich ab und an auch einfach mal nur (relative) Ruhe am Ende des Zuges brauche.
Das unerzogene Zumüllen anderer mit Akustikschrott ist ein bedauernswertes Phänomen heutiger Tage.
Diese Jugend…tztztz….
@dummyblogger: Wäre ich jetzt ein gewisser Pirat in einem gewissen Comic, der im gallischen Raum spielt, würde ich sagen: “Eh’e, wem Eh’e gebüh’t.”
@ElRayo: Latürnich sind auch bei mir die Mannen um Keef immer dabei. Heute morgen zum Beispiel musste ich schon wieder das Zeitunglesen unterbrechen, weil mir die Stones eine exquisite Live-Fassung von “Can’t you hear me knocking” ins Ohr gepustet haben (von der Doppel-CD “Live Licks”). Meines Wissens die einzige Live-Fassung dieses spannenden Songs.
Dann hoffen wir mal, dass uns nicht der Himmel auf den Kopf fällt.
“Can’t you hear me knocking” ist nett, klar.
Hi Pendler,
mit Musik unterwegs im Zug kann ich nicht viel anfangen, obwohl ich mir dafür extra einen ipod hab schenken lassen. Aber 1. hab ich wohl zu krumme Ohren, die Stöpsel fallen immer raus; und, 2. und viel nerviger: Ich höre vor lauter Gerumpel der Züge und Handy-Gequatsche der Mitreisenden (vor allem abends auf dem Rückweg) kaum einen Ton. Dafür begleitet mich jetzt immer eine Bike-Zeitschrift, in der ich blättere und meinen Träumen auf schönen Trails nachhängen kann. Wirkt Wunder, glaubt es mir!
Lieber Herr Graser,
für mich ist die perfekte Pendler-CD “Cease To Begin” von der sagenhaften Band Of Horses.
Einfach wunderbar zum Abschalten und vor allem um das Gerede der Sitz-Nachbarn zu übertönen.
@ Andreas: Bei mir halten die Ohrstöpsel auch nie. Ausnahme: “In-Ear”-Kopfhörer. Die halten wirklich bombenfest.
Grüße, die Ex-Hospitantin
@Ex-Hospitantin: Guter Tipp, habe mal auf die Website geschaut. Die Musik hört sich wirklich sehr entspannt an. Vielen Dank!

Ich weiß nicht, ob es DIE Pendlermusik gibt. Ich denke, das liegt einzig und allein im Ohr des Pendlers. Gegen klassische Rockmusik ist doch nix einzuwenden. Auch wenn bei mir natürlich bevorzugt Jazz den Gehörgängen schmeichelt.
Entscheidend ist nur, dass keine Pendlermusik so laut gehört wird, dass Mitreisende dadurch beeinträchtigt werden. Deshalb habe ich den Erfinder dieser bescheuerten mp3 abspielenden Mobiltelefone schon oft an den Rand des Universums gewünscht.