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Erst Gehirn einschalten, dann lesen
Die FAZ steigt seit dem letzten Wochenende groß in das Mega-Trendthema Hirn ein. Auf der Basis der Erkenntnisse der Hirnforschung wird in einer monatelangen Artikelserie jedes Neuron einzeln auf seine Funktionalität untersucht – oder so ähnlich.
Kein Geringerer als Herausgeber Frank Schirrmacher (“Das Methusalem-Komplott”) verfasste den Eröffnungsbeitrag. Darin stellte er unbeirrbar fest: “Jedermann spürt, dass der unleugbare Verlust an Lesefähigkeit unter Kindern und Jugendlichen, die Aufmerksamkeitsdefizite, die durch die modernen Technologien erzeugt werden, zu einer Veränderung des Denkens und der Denkleistungen führen.”
Gut, wer sich darüber ärgert, wie seine Brut stundenlang vor dem PC sitzt um Monster oder Schlimmeres zu jagen, wer die Telefonrechnung in Beziehung setzt zu der Zeit, die seine Tochter am Hörer verbracht hat, der wird diesem Satz ein gewisses Verständnis entgegenbringen. Man kann das aber auch anders sehen.
Im Übrigen: Es hat lange gedauert, bis die FAZ bemerkte, wie sehr die Themen Hirnforschung und – so der Titel der Serie – “Gehirntraining” im Schwange sind. In jeder Volkshochschule werden seit Jahren Kurse in Gehirnjogging angeboten. Die Ratgeberbücher zum Thema haben eine selbst für geübte Hirne unüberschaubare Zahl erreicht. (Mein Favorit als Pendler ist übrigens Tony Buzan. Warum, habe ich vergessen;-)) Seit Jahr und Tag tourt der Psychiater Manfred Spitzer durch die bis zum letzten Platz gefüllten Stadthallen der Nation, um die eine Botschaft zu verkünden: Unser Gehirn will, dass wir anders lernen!
Und jetzt also die FAZ. Verkehrt ist das nicht. Im Gegenteil. Eine Serie mit einem derart popuären Thema stellt selbstverständlich ein Kaufargument dar. Aber muss ich dafür bedeutungsschwanger und ohne Beweise in den Raum stellen, unsere Kinder würden zunehmend ihre Lesefähigkeit verlieren? Darf’s auch a weng weniger sein?
Wenn der Buchhandel aus Anlass der Leipziger Buchmesse (siehe Bild) verkündet, dass die Geschäfte seit einiger Zeit wieder besser laufen, sprich: dass wieder mehr Bücher verkauft werden, wird es doch nicht gänzlich verkehrt sein festzustellen, dass unter den Käufern (oder Empfängern von Käufen) auch die Zahl der Jugendlichen zugenommen hat. Immerhin gibt auch Schirrmacher in seinem Beitrag zu: Noch ist nicht alle Hoffnung vergebens. Denn das Hirn lernt immer dazu, wenn es in Bewegung gehalten wird.