Archiv der Kategorie ‘Umwelt’
Großreuther haben genug vom Lärm

SPD-Bundestagsabgeordenter Martin Burkert (re.) und SPD-Stadträtin Katja Strohhacker überreichen 130 "rote Karten" an Sirko Kellner (li.) von der Deutschen Bahn - Unterschriften für eine Lärmschutzwand in Großreuth. (F.: privat)
In der Stille der Nacht erscheint jedes Geräusch doppelt so laut. Da genügt das montone Keuchen einer Lüftungsanlage in der Nachbarschaft, um auf die Nerven zu gehen, da braucht es nicht einmal einen Zug, der nebenan vorbeidonnert, um den Schlaf zu rauben. Aber genau damit, mit Bahnlärm, haben die Bürger in Großreuth (bei Schweinau) seit Jahren zu kämpfen.
Es ist, als würde der Zug mitten durchs Wohnzimmer fahren, sagt SPD-Stadrätin Katja Strohhacker, die sich – gemeinsam mit SPD-Bundestagsabgeordneten Martin Burkert – dafür einsetzt, dass die Bahn Wort hält. Ein Wort, das im Februar 2010 gegeben wurde: Die Bahn sagte damals zu, eine 257 Meter lange Lärmschutzwand aufzustellen. Weil seither nichts geschehen ist, hakte Burkert kürzlich nach, und es stellte sich heraus: Die Bahn mag nicht mehr. Der Grund, wie Bahnvertreter Sirko Kellner sagt: Die Pläne für den Güterzugtunnel hätten sich verändert, weshalb es nicht sinnvoll sei, heute eine Lärmschutzwand aufzustellen, wo in fünf Jahren Zuggleise verlaufen würden. Und die Zusage? Tja, da muss Kellner einräumen, dass die Bahn etwas voreilig war. An der internen Abstimmung soll es gehapert haben, was schließlich zu einem “Kommunikationsleck” geführt habe. Nun, ein Leck, das jedenfalls groß genug ist für reichlich Bürger-Ärger.
Bei einem Ortstermin in Großreuth machten sich Anwohner jüngst Luft, weil sie sich von der Bahn veräppelt fühlen. Dennoch hatte Kellner für sie keine frohe Botschaft dabei - vor 2016 , sofern es gut läuft, wird sich in Großreuth nichts ändern. Burkert indes versprach, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass die Großreuther so früh wie möglich einen Lärmschutz bekommen.
Müllberg als Kunststück?
Kunst und Müll liegen oft näher beisammen, als man meint. Das hat zum einen damit zu tun, dass manches Kunstwerk auf den ersten Blick nicht als solches zu erkennen ist. Als legendär gilt in diesem Zusammenhang die Entsorgung einer „Fettecke“ von Joseph Beuys durch den Hausmeister der Kunstakademie Düsseldorf anno 1986. Derweil hatte Beuys zuvor klar definiert: Eine Fettecke sei „nicht deswegen gemacht, um einen Tisch mit Fett zu beschmieren“, sondern „um als Fettecke im Gegensatz zu stehen zu anderen Prozessen, die ein solches plastisches, anfälliges Material macht, in Raum und Zeit, also gerade die Sachen mit Fett erheben einen großen Anspruch auf Theorie“.
Der praktische Lapsus des Hausmeisters kostete das Land Nordrhein-Westfalen damals in zweiter Instanz 40000 Mark Schadensersatz. Angesichts eines solchen Präzedenzfalles wird seitdem mit vermeintlicher Müll-Kunst ein bisschen vorsichtiger umgegangen. Selbst Olaf Metzels Stuhlplastik „Auf Wiedersehen“ durfte 2006 trotz heftigster Anfeindungen zwei Monate auf dem Nürnberger Hauptmarkt stehen bleiben. Der zeitgenössische italienische Künstler Paolo Bianchi hat 2007 geschrieben: „Müll ist der Schatten der Kunst.“ Insofern ist es denkbar, dass jeder schön drapierte Müllberg, wie er nun wieder regelmäßig etwa im Pegnitztal-West auftaucht, a priori das Zeug zum Kulturgut haben könnte und man die kommunalen Aufräumer vor übereilten Aktionen à la Beuys warnen muss.
Dazu passt auch die aktuelle, bis 29.Mai laufende Ausstellung „Materie am falschen Ort“ des Fotografen Lajos Keresztes in der „Zentrifuge“ auf dem Muggenhofer AEG-Gelände, die wahrlich formvollendete Müllbilder abliefert. Aber auch das „Kunsttandem“-Projekt der Kulturläden hat etwas Trashiges: Hier werden Künstler ab 12.Mai sozusagen Abfallprodukte ihres Schaffens im Duett servieren. Theoretisch klingt das ausgesprochen spannend.
Unerwartete Zeit-Zeichen am Westfriedhof

Symbolträchtig, aber kein Kunstobjekt: Die zeigerlose Uhr am Westfriedhof bei der schmucken neuen Trauerhalle.
Wer vergangenen Freitag nachmittags den Nürnberger Westfriedhof durchquerte, hatte noch keinen Schimmer, dass auf der anderen Seite des Erdballs, womöglich ausgelöst durch ein Luftbläschen am Meeresgrund, eine Kettenreaktion mit apokalyptischen Ausmaßen in Gang kommen würde. Gleich neben der nagelneuen Trauerhalle stieß man auf eine große Uhr, die auf der einen Seite stur 11 Uhr (und nicht etwa 14.30 Uhr…) anzeigte, während die Rückseite mangels Zeiger sozusagen zeitlos war.
Zurückblickend könnte man sagen: ein seltsames, unerwartetes Zeit-Zeichen, das zum Nachdenken über die Crux der Zufälle animieren könnte. „Kein Mensch bleibt unversehrt von blinden Zufallsschlägen“ hat Molière einmal gesagt, während Euripides warnte: „Des Zufalls Wege sind uns unbekannt. Sie zu berechnen, lehrt uns keine Kunst.“
Ob nun ein mehr oder weniger göttlicher Funke hinter dem Zufall steckt oder einfach nur das komplexe Spiel der physikalischen Kräfte: Die öffentliche Uhr im Westfriedhof hat schon länger den Geist aufgegeben und wartet auf Stilllegung oder Ersatz. Also nicht unähnlich zu den alten Kernkraftwerken in Japan, die wohl schon lange nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren. Aber die Menschen waren so an den Zustand gewöhnt, dass sie nicht mehr hingeschaut haben.
Dieses blinde Vertrauen in das Beherrschen des sogenannten Restrisikos rächt sich nun bitter. Wer dagegen nur auf die marode Friedhofsuhr vertraute, kam höchstens zu spät zur Trauerfeier.
Dürfen Vegetarier eigentlich Schmetterlinge im Bauch haben?
Seit kurzem gibt es in Nürnberg eine Bürgerinitiative, die sich für einen fleischlosen Donnerstag einsetzt. Wenigstens an einem Tag in der Woche, so meinen Aktivisten, sollte man doch auf Steak oder Schäufele verzichten können – dem Klimaschutz, den hungernden Menschen in den Entwicklungsländern, der eigenen Gesundheit und den leidenden Tieren zuliebe. Den Mitgliedern steht noch einiges an Überzeugungsarbeit bevor. Dies zeigt zumindest ein Blick in das soziale Online-Netzwerk Facebook. Wer hier nach Vegetarier-Seiten sucht, erlebt sein blaues Wunder.
Die meisten Fans hat bei Facebook die Seite “Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg” – sage und schreibe 57.147 Leute haben hier den Button “gefällt mir” geklickt. Es kommt noch schlimmer: “Wenn es kein Fleisch mehr gibt, dann ess ich eben VEGETARIER” stößt bei 21.027 Facebook-Jüngern auf Zustimmung. Einen Aufruf zum Kannibalismus muss man darin freilich nicht vermuten – hier versammlen sich nur Spaßvögel, denen kein Witz zu schlecht ist.
Eine glatte Lüge verbreitet die Seite “Das Wort ,Vegetarier’ kommt aus dem Indianischen und heißt: ,Zu Blöd zum Jagen’!!!!” – ihr sitzen 10.117 Fans auf. Laut Wikipedia ist das englische Wort vegetarianism nämlich eine moderne Kunstbildung, abgeleitet von vegetation („Pflanzenwelt“) und vegetable („pflanzlich“, „Gemüse“). Der Begriff ist erstmals 1839 belegt. 6926 Leute unterschreiben mit einem Klick die Behauptung “Vegetarier sind grausam…Schweine können wenigstens weglaufen, aber Salat?!” Gar in den Fäkalbereich gleitet die Seite “Vegetarier? Mein Essen scheißt auf dein Essen” ab (585 Fans). So viel zu den Anti-Vegetariern bei Facebook.
Und wo bleiben nun die Anhänger der fleischlosen Kost? Gerade mal 1042 Fans bekennen sich zu der Aussage “Ich bin Vegetarier und stolz darauf”. Die Seite “Terraveggia – für Veganer und Vegetarier” hat auch nur 778 Anhänger versammelt. “Wenn Schlachthöfe Glasfenster hätten, wäre jeder Mensch Vegetarier” meinen immerhin 1837 Facebook-Mitglieder. Das “Kochbuch für eingefleischte Vegetarier” findet 53 Interessenten.
Angesichts dieser scheinbaren Übermacht der Fleischfraktion bleibt einem nur die Flucht in die Philosophie: “Dürfen Vegetarier eigentlich Schmetterlinge im Bauch haben?” wird bei Facebook gefragt. 1501 Fans dieser Seite fragen sich das auch und finden originelle Antworten. Etwa Sabine Schreier: “Wenn Vegetarier beim Karusellfahren einen Drehwurm kriegen können, nicht nur Blümchensex haben und auch manchmal Ohrwürmer hören, dann ja!”
Roboter statt Müllmänner
Was es nicht alles gibt! Die kleine toskanische Kommune Peccioli nahe Pisa schickt Roboter in ihre Altstadt. Die automatischen Mitarbeiter sammeln in den verwinkelten Gassen bei den Bürgern Müll ein. Wäre dies nicht auch eine Lösung für die Nürnberger Altstadt mit ihren engen Straßen? Roboter statt Müllmann?
Die buchstäblich putzigen Helfer können per Telefon angefordert werden. Sie fassen bis zu 70 Pfund Müll und haben eine Reichweite von bis zu 16 Kilometern. Kommt der Roboter angerollt, schickt er eine SMS. Am Gerät geht eine Schublade auf. In die kann der Müllbeutel gelegt werden. Auf einem Display liefert der elektronische Saubermann gleich noch einige Infos aus der Stadt. Ist doch praktisch, oder?
In den engen Gassen von Peccioli haben Müllautos keine Chance. Mit Hilfe von EU-Fördermitteln haben daher Forscher aus Pisa “DustCart” entwickelt. Die Roboter wurden in diesem Sommer zu Tests eingesetzt. Na ja, in Nürnberg gibt es doch auch viele enge Straßen. Da könnte die Stadt doch auch die durchgestylten Roboter losschicken. Einer kostet 15.000 bis 20.000 Euro.
Die Frage ist nur, ob sie mit dem groben Kopfsteinpfalster zurecht kommen. In Peccioli ist es eben verlegt. Auch die Steigungen dürften hier größer sein als in dem schnuckeligen Ort in der Toskana. Außerdem: Ein persönlicher Plausch mit den Müllmännern ist dann nicht mehr möglich.
Die Gewerkschaft verdi würde zudem alles unternehmen, notfalls sogar in den Streik treten, um die Konkurrenz aus Plastik und Platinen zu verhindern. Zumal auch noch eine automatische Version des Straßenkehrers gibt.
Von daher ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass in Nürnberg eines Tages Roboter statt Müllmänner durch die Altstadt fegen und den Abfall entsorgen. Ist auch besser so.
Tropenholz, oder: Die Macht des Netzes
Nürnberg steht momentan im Fokus vieler Umweltschützer. Weil die Stadt 3500 Bänke mit Holzlatten aus Tropenholz ausstatten will, machen Verbände im deutschsprachigen Raum mobil gegen die Pläne. In kürzester Zeit entstand so über das Internet eine Protestlinie gegen das Vorhaben.
Einmal trauen die Umweltschützer dem Zertifikat des Sapelli-Holzes aus dem Kongo nicht, weil sie der Regierung vor Ort nicht trauen. Zum anderen gibt es viele ernst zu nehmende Stimmen aus der Region, die sagen: Heimisches Holz kann das auch, nur billiger und besser.
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Initiative wie jüngst “Holz von hier” auf Alternativen aus unseren Wäldern hinweist. Zwei Rats-Ausschüsse haben zwar bereits die Umrüstung der Bänke auf Tropenlatten beschlossen. Doch das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen.
Denn der Einfluss auf die Politik auch in den Rathäusern hat durch den schnellen vernetzten Protest zugenommen. Dahinter steht, eine Erkenntnis des Web-Zeitalters, vielfach mobilisiertes Fachwissen. Das kann nicht so einfach vom Tisch gewischt werden.
Das merken nun auch die Experten im Nürnberger Rathaus, auch wenn es ihre Pläne durchkreuzt und sie nervt. Gerade umweltinteressierte (oft junge) Menschen sind hier auf der Hut und mischen sich ein. Das gilt es künftig bei Entscheidungen stärker mit zu berücksichtigen. So manches Unternehmen hat die Macht des Netzes bereits zu spüren bekommen.

Eine Frage des Klimas
"Warm anziehen" heißt die Ausstellung, die am 7.12. beginnt und für die dieser Flyer wirbt.
Advent, Advent, das erste Lichtlein brennt. Und es wird einem ganz warm ums Herz — nicht nur beim glühweingeladenen Gang über den Christkindlesmarkt. Wobei Temperaturen im Plus-Bereich schon immer noch ein bisschen stören. Wie herrlich war es aus der Sicht der Romantiker vor einem Jahr, als im Dezember bereits der erste dicke Schnee vom Himmel fiel und schön flockig die Angst vor dem Treibhauseffekt vertrieb.
Heuer sieht es anders aus. Und mit dem extrem warmen und trockenen Rekord-November im Rücken werden wir die nächsten zehn Tage die Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban verfolgen. Und garantiert wird ein Kommentator schreiben, dass wir uns angesichts der drohenden klimatischen Turbulenzen „warm anziehen müssen“.
Wegen solcher Vorzeichen stehen auch in Teilen der fränkischen Kulturszene die Zeichen auf unheilschwanger. Wie ein Flyer zeigt, der auf eine Vernissage hinweist, die am 7.Dezember um 19 Uhr in den Räumen von „Design von Designern“ in der Fürther Straße 98—100 beginnt. Mit echt furchteinflößenden Gestalten wird auf einer Druckgrafik der „sagenhafte Winterabend“ angekündigt, an dem die Ausstellung von Kurt Neubauer mit Musik, Feuertonnen und der Lesung von Fitzgerald Kusz, Elmar Tannert und Veit Bronnenmeyer eröffnet wird.
Während eines der Kunstbücher ziemlich blutrünstig „Das wütige Heer am Walberla“ heißt, versprechen die fränkischen Literaten nicht nur so manch mörderisches Treiben, sondern viele ungeschminkte Wahrheiten. Speziell mit Blick auf Kusz sollte man das Motto des Abends unbedingt beherzigen: „Warm anziehen!“