Archiv der Kategorie ‘Stadtgeschichte’

April 6th, 2012

Albrecht für 2,99 Euro

Albrecht Dürer darf jetzt die Kinderzimmer erobern: Für 2,99 Euro gibt es den Maler samt Stafffelei und Selbstbildnis als Playmobilfigur - im Schaufenster der Tourismuszentrale im gläsernen Kopfbau wird bereits kräftig dafür geworben.Auf einmal ist er da, der vorösterliche Druck, zumindest den Lieben daheim ein kleines Geschenk zu machen. Freilich täte es ein Schokoladenhase (in Gold natürlich!) plus ein Säckchen voller süffig-süßer Eier. Aber müsste nicht zudem etwas Persönliches mit kultureller Note im Nest landen? Wer jetzt auf dem Schlauch steht, dem kann geholfen werden. Schließlich braucht man in Nürnberg derzeit nicht in die Ferne schweifen, um etwas Persönlich-Kulturelles zu finden. Im Vorfeld der „größten Dürer-Ausstellung in Deutschland seit 40 Jahren“, wie‘s überall zur Schau „Der frühe Dürer“ heißt, die ab 24.Mai im Germanischen Nationalmuseum läuft, bietet sich ein Stück vom großen Vorzeige-Maler förmlich an.

Und: Man muss gar nicht hoch zum Dürer-Haus, um fündig zu werden. Es reicht ein Abstecher in die „Tourist Information“ am Hauptmarkt oder Bahnhof, um den Rucksack voller Dürer-Mitbringsel zu haben. Das fängt beim Lesezeichen und dem kleinen Malbuch „Dürer & Klexi“ für einen Euro an, geht beim Magnet-Dürer (im Pelzrock!) für 3,50 Euro und der Stofftasche mit dem Dürerhasen (3,90 Euro) weiter und hört bei Büchern mit Zeichnungen, dem Dürer-Weg und kreativen Maltipps (14,95 Euro) lange nicht auf.

Das Zeug zum Renner unter den dürerischen Osterpräsenten hat aber der Albrecht für 2,99 Euro, den Playmobil (mit exklusivem Anstrich für www.tourismus.nuernberg.de!) auf den Markt geworfen hat. Darin  findet man eine typische Plastikritterfigur mit Bart und gestreifter Kopfbeckung sowie Pinsel, Palette, Staffelei und Selbstbildnis. Jenes ist aber nicht das umstrittene Werk im Pelzrock. Da wollte der Spielzeugfabrikant aus Zirndorf offenbar nicht bei der Alten Pinakothek in München anecken. Dafür darf Playmobil im Fenster der Tourist-Info im Großformat werben. Frohe Ostern, Leute!

Februar 2nd, 2012

Demo im Pelzrock?

Eine Alternative zum Originalgemälde wäre dieses Bild von Thomas Struth - der Düsseldorfer Fotokünstler lichtet gezielt Museumsbesucher ab - hier ist es ein Kunstfreund vor Dürers "Selbstbildnis im Pelzrock" in der Alten Pinakothek in München.

Ungeachtet dessen, wie das Hickhack und politische Gezerre um Albrecht Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ für die Schau im Germanischen Nationalmuseum ausgehen wird: Es ist ein Kreuz mit den großen Werken berühmter Künstler. Entweder werden sie für zig Millionen versteigert und landen im Safe eines Superreichen. Oder sie gehören einem Museum, das — wie im Dürer-Fall — seine Schätze für sakrosankt und ergo nicht ausleihbar erklärt.

Als Normalbürger, mit dessen Steuergeldern staatliche Kunsthäuser wie die Alte Pinakothek finanziert werden, kann man über ein solch gutsherrenartiges Verhalten nur den Kopf schütteln. Zugleich weckt es den Widerstand. Wie wäre es mit einer Großdemo in Nürnberg, bei der alle mit Perücke und Pelzrock Flagge zeigen? Gleichzeitig könnten alle Ex-Nürnberger, die in der Landeshauptstadt arbeiten, für einen Tag in den Dürer-Streik treten. Dabei würde man gleich mal sehen, wie viele Franken inzwischen in München leben und wie weit es noch mit deren Lokalpatriotismus her ist.

Andererseits: Es spricht auch einiges dafür, die Sache nicht so arg hoch zu hängen. Schließlich gibt es genug Kopien vom Original. Oder auch Bilder, wie sie der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Struth macht, der gezielt Museumsbesucher porträtiert hat. Darunter auch Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“.

Als Inspiration für den Umgang mit großen Künstlern, deren Gemälde eine Stadt nicht besitzt, könnten zudem die französischen Städte Arles und Pont Aven dienen. Dort gibt es herrliche Vincent-van-Gogh- bzw. Paul-Gauguin-Pfade, auf denen man großformatigen Exponaten an Originalschauplätzen begegnet. So könnten wir den Oberbayern zeigen, wo der Franke den Albrecht Dürer originell abholt. Jawohl!

Juli 25th, 2011

Versteckte Ellenbogen

Kein Witz: In Nürnberg gibt es ein Ellenbogengäßchen mitten in der Altstadt — allerdings auf einem Privatgrundstück.

Unsere Straßennamen könnten die Schau sein, wenn sie sich nicht nur auf Personen, Örtlichkeiten, Vögel, Blumen, Bäume, Berufe oder Himmelskörper beziehen würden, sondern direkt und lautmalerisch auf das Leben vor Ort. Wie etwa der Plärrer — ein historischer Geniestreich, weil kein anderes Wort den vom Verkehr umtosten Platz besser treffen könnte.

Anderswo ist das Gegenteil der Fall: Wer denkt bei Kurt-Leucht-Weg schon an Fußballstadion und Eishockey-Arena? Da wäre eine Aufteilung in „Am Elfmeterpunkt“ und Bodycheck-Platz doch einiges wegweisender. Und wie schwungvoll klänge es, wenn die Meistersingerhalle an der Meistersingerstraße statt Münchener Straße residieren würde!

Mut zum Körperteil könnte Ortsunkundigen ohne Navi signalisieren, dass sie sich im Umkreis eines Krankenhauses befinden. Doch eine Blinddarmallee gibt es bis dato nirgendwo — selbst die Internetsuchmaschine Google zeigt null Treffer an. Fündig wird man dafür bei Ellenbogengäßchen — und das in Nürnberg! Selbiges existiert tatsächlich — aber weder beim Klinikum Nord noch beim Arbeitsamt, sondern mitten in der Altstadt.

Architekt Dieter Fritsch hat selbiges 1997 hübsch versteckt in der Durchfahrt vom neuen „Haus der Kirche“ zwischen Burgstraße und Unterer Krämersgasse integriert. Nach historischen Plänen aus dem 17.Jahrhundert, aber auf Privatgelände. Deshalb war kein Stadtratsbeschluss nötig und folglich findet man diese Gasse in keinem offiziellen Straßenverzeichnis der Stadt. Es bleibt die Frage, ob hier ab und zu Ellenbogen eingesetzt werden. Vielleicht im Kellerkulturtreff „Keck“ der evangelischen Kirche, der hier ist. Wir sind gespannt. Und wer mehr darüber weiß: bitte melden!

März 28th, 2011

Nürnberg vor 50 Jahren – wie sich die Themen gleichen

Wie sich die Themen gleichen: Das Kalenderblatt der Nürnberger Nachrichten – Nürnberg vor 50 Jahren - bringt es an den Tag. Vor fünf Jahrzehnten stand eine ganze Reihe wichtiger Entscheidungen auf der Tagesordnung der Stadtpolitik, die in der einen oder anderen Form heute wiederkehren.

Zum Beispiel der Neptunbrunnen. Wir erinnern uns lebhaft, wie der römische Wassergott, der in Bamberg Goblmoo genannt wird (wegen seines Werkzeugs), im vergangenen Herbst die Gemüter in Nürnberg erhitzte. Sogar zwei Vereine wurden seinetwegen gegründet. Einer setzt sich für den Verbleib des Brunnens im Stadtpark ein, einer will ihn an seinen früheren Standort am Hauptmarkt versetzen.

Vor 50 Jahren, das ist im Kalenderblatt nachzulesen, entschied sich der Stadtrat dazu, dem Brunnen im Stadtpark eine neue Heimat anzuweisen. Bis dahin stand er – in der Marienstraße, direkt vor dem Verlagsgebäude der Nürnberger Nachrichten, in Verlängerung der Badstraße. Und an dieser Stelle war das Trumm vor allem im Weg.

Hören wir kurz in die damalige Diskussion hinein:

Die zweite Wanderschaft des Neptunbrunnens seit Ende des vorigen Jahrhunderts brachte die lebhafteste Debatte in sechseinhalb Stunden, zumal noch während der Sitzung Briefe von Bürgern beim Oberbürgermeister eintrafen, in denen gegen den neuen Standort Stadtpark opponiert wurde. Baureferent Heinz Schmeißner beklagte in beredten Worten das Schicksal des Friedensdenkmals.

Also schon damals konnten sich etliche Nürnberger nicht damit abfinden, dass Neptun fürderhin im Park sprudeln sollte.  Also wohin damit? An Vorschlägen herrschte kein Mangel:

Die Kunde vom wandernden Brunnen hat in der Bevölkerung ein riesiges Echo gefunden. „Alle Stadtteile wollten ihn haben“, sagte Schmeißner und zitierte aus der Fülle von Vorschlägen für den Standort, die vom Luitpoldhain bis zur Prateranlage, von der Wohnanlage Zollhaus bis zum Friedrich-Ebert-Platz und Kornmarkt reichen. Aber: „Bei der hohen künstlerischen Qualität des Denkmals muß es so aufgestellt werden, daß es von vielen Bürgern gesehen werden kann; nicht nur ein Stadtteil soll daran Freude haben!“ Der Baukunstbeirat hat schließlich vorgeschlagen, ihn im Stadtpark oder im Cramer-Klett-Park aufzustellen; der Bauausschuß hatte sich einstimmig für den Stadtpark ausgesprochen.

Die Fraktionen nahmen durchaus keine geschlossene Haltung zu der kniffligen Frage ein, wie sich bei der Abstimmung zeigen sollte.

Für die SPD-Fraktion, in der es bei der Diskussion des Planes Meinungsverschiedenheiten gegeben hatte, forderte Vorsitzender Willi Prölß eine neuerliche Beratung im Bauausschuß, weil der Stadtpark in seiner Architektur für den Neptun nicht geeignet scheine.  Der Fraktionschef meinte, daß der Brunnen gerade in einem Wohngebiet einen beruhigenden Akzent abgeben könnte und warf als Standorte den Annapark, Cramer-Klett-Park, Rathenauplatz und sogar Plärrer in die Debatte. CSU-Fraktionsvorsitzender Dr. Oscar Schneider hingegen erklärte: „Wir sind der Meinung, daß der Neptun in den Park gehört“, denn bislang sei keine günstige Alternative angeboten worden.

„Der Arme kann nicht zur Ruhe kommen“, bedauerte Stadträtin Else Urlaub (FDP) und plädierte für den Stadtpark, während Stadtrat Schmidt (BHE) ebenfalls davor warnte, ihn an die Peripherie zu versetzen. Der Stadtpark sei der gegebene Platz, wie der Bauausschuß nach reiflicher Überlegung herausgefunden habe, versicherte Paul Uebel (SPD), bevor sich der Oberbürgermeister erkundigte: „Wann muß er denn weg?“

Nachdem der Baureferent erklärt hatte, daß man eigens den Abbruch bis heute aufgeschoben habe, setzte sich die Meinung durch, daß ein weiterer Aufschub von 14 Tagen nicht mehr möglich ist. Es wurde abgestimmt – und ein Riß ging durch alle Fraktionen. Gegen 13 Stimmen wurde der Neptun in den Stadtpark beordert, wo er fürderhin plätschern darf.

Tja, und da steht er noch heute. Ein anderes Thema zeigte kurz darauf deutlich, warum der Brunnen in der Marienstraße keinen Platz mehr hatte: der Zentrale Omnibusbahnhof. Die Lokalredaktion der NN ließ seinerzeit schon im Vorspann des Aufmacher-Artikels keinen Zweifel daran, womit es die Nürnberger hier zu tun hatten:

Zum erstenmal hat gestern ein städtischer Omnibus den neuen „Zentral-Omnibusbahnhof“ an der Badstraße angesteuert – und schon erwies sich das mit so viel Vorschußlorbeeren bedachte Bauwerk als eine verkehrsstörende Fehlkonstruktion.

Auweia. Die Begründung für die vernichtende Kritik wird auch gleich nachgereicht:

Die zehn „Bahnsteige“ sind in ihrer Richtung von Nordost nach Südwest falsch angelegt. Die Omnibusse müssen, um sie anfahren zu können, zweimal die Verkehrsströme auf Hauptstraßen kreuzen – bei der Anfahrt in der Marienstraße und bei der Ausfahrt in der Bahnhofstraße.

Nach der Planung sollen nämlich, wie unser Bild veranschaulicht, die großen „Straßenschiffe“ den im Amtsjargon sogenannten „ZOB“, vom Marientunnel her kommend, von der Nordseite her ansteuern. Sie müssen deswegen bei der neu anzulegenden Badstraße links abbiegen und deswegen, laut Straßenverkehrsordnung, erst den entgegenkommenden Verkehr abwarten, ehe sie überhaupt zum Ziel gelangen können. Das wäre noch nicht das Schlimmste, denn in der Ausbauplanung für die Marienstraße ist an dieser Stelle eine Linksabbiegerspur vorgesehen, so daß wenigstens der übrige Verkehr nicht von diesen langwierigen Omnibusmanövern gestört wird.

Das „dicke Ende“ aber folgt bei der Ausfahrt aus dem „ZOB“ in die Bahnhofstraße. Dort ist nämlich von den Planern offenbar vorgesehen gewesen, daß die Busse nach rechts ausschwenken und auf dem Umweg über die Gleißbühlstraße wieder in die Marienstraße kommen – ein Plan, den die Omnibusfahrer von vornherein verwerfen: sie wollen auf dem kürzesten Wege und ohne „Karussellfahren“ aus der Stadt herauskommen. Und die Richtung der meisten Omnibuslinien führt ja stadtauswärts, vor allem nach Zabo.

Der Stadtrat freilich wollte diese Kritik weder auf sich noch auf den Stadtplanern sitzen lassen und wehrte sich vehement gegen den Vorwurf der Fehlplanung.

Wie sich die Themen gleichen – das bestätigt auch ein Blick auf den 4. März 1961: In einer großen Reportage berichten die NN von der schweren Arbeit des Sprengkommandos Feucht:

Der Krieg hat noch kein Ende gefunden. Er geht weiter: täglich von 8 bis 16.30 Uhr in der ehemaligen Munitionsanstalt Feucht. Ein knappes Dutzend Männer sind die Vollstrecker eines todbringenden Erbes, das weit im Land verstreut liegt – versteckt in der Erde, hinter Büschen, in dichten Wäldern, tiefen Stauseen, schmutzigen Tümpeln und gemächlich dahinströmenden Flüssen.

“Der Krieg hat noch kein Ende gefunden” – so gesehen gilt der Satz noch heute, da immer wieder das unselige Erbe des Bombenterrors in Nürnbergs Erde entdeckt wird.

Die Lokalredaktion der NN blättert täglich in den Ausgaben von vor 50 Jahren und sucht in Zusammenarbeit mit dem NN-Archiv jeweils ein Thema heraus, das auch für die heutige Leser-Generation interessant sein könnte. So auch in dieser Woche. Am 1. April beispielsweise, der vor 50 Jahren auf das Osterwochenende fiel, berichtete die Zeitung von einer Personengruppe, an die sich heute nur noch wenige erinnern werden: die Evakuierten. Während der Luftangriffe auf Nürnberg wurden viele Menschen aufs Land ausquartiert. 13.000 von ihnen wohnten auch 16 Jahre nach Kriegsende noch in provisorischen Unterkünften irgendwo in Mittelfranken, in der Hoffnung, dereinst doch in die Stadt zurückkehren zu können. Am 31. März endete die Meldefrist bei der Stadt, um einen Anspruch auf Wohnraum erheben zu können:

Es sind erschütternde Fälle darunter, Menschen, die schon nicht mehr daran glauben, in die Heimatstadt zurück zu dürfen, aus der sie die Luftangriffe gewaltsam vertrieben. Alt und oft auch kränklich geworden, haben sie sich teilweise sogar mit dem Geschick abgefunden und sind nur immer recht traurig, wenn sie der wirtschaftswunderlichen Marktschreierei begegnen: sie müssen im Schatten bleiben und ihnen fehlt jede Gelegenheit, an dem Konsumwunder moderner Prägung teilzuhaben.

Die Online-Redaktion der NN veröffentlicht alle in der Zeitung angerissenen Kalenderblatt-Beiträge im Original im Internet, inklusive der damaligen Fotos, sofern noch vorhanden. Den Heutigen muss man vielleicht erklären, dass Fotos seinerzeit noch auf  Zelluloid gebannt wurden. Die Negative sind in aller Regel noch zu finden. Das Bildarchiv der Nürnberger Nachrichten digitalisiert die Fotos und stellt sie der Online-Redaktion zur Verfügung.  So entsteht auf längere Sicht ein öffentlich zugängliches Online-Archiv der jüngeren Stadtgeschichte. Es hat bereits zahlreiche Leserinnen und Leser gefunden, wie die Abrufzahlen zeigen. Wir würden uns auch darüber freuen, wenn auf diese Weise ältere und jüngere Nürnbergerinnen und Nürnberger ins Gespräch kommen. Daher ist natürlich jeder Artikel zum Kommentieren freigeschaltet.