Nürnberg vor 50 Jahren – wie sich die Themen gleichen
Wie sich die Themen gleichen: Das Kalenderblatt der Nürnberger Nachrichten – Nürnberg vor 50 Jahren - bringt es an den Tag. Vor fünf Jahrzehnten stand eine ganze Reihe wichtiger Entscheidungen auf der Tagesordnung der Stadtpolitik, die in der einen oder anderen Form heute wiederkehren.
Zum Beispiel der Neptunbrunnen. Wir erinnern uns lebhaft, wie der römische Wassergott, der in Bamberg Goblmoo genannt wird (wegen seines Werkzeugs), im vergangenen Herbst die Gemüter in Nürnberg erhitzte. Sogar zwei Vereine wurden seinetwegen gegründet. Einer setzt sich für den Verbleib des Brunnens im Stadtpark ein, einer will ihn an seinen früheren Standort am Hauptmarkt versetzen.
Vor 50 Jahren, das ist im Kalenderblatt nachzulesen, entschied sich der Stadtrat dazu, dem Brunnen im Stadtpark eine neue Heimat anzuweisen. Bis dahin stand er – in der Marienstraße, direkt vor dem Verlagsgebäude der Nürnberger Nachrichten, in Verlängerung der Badstraße. Und an dieser Stelle war das Trumm vor allem im Weg.
Hören wir kurz in die damalige Diskussion hinein:
Die zweite Wanderschaft des Neptunbrunnens seit Ende des vorigen Jahrhunderts brachte die lebhafteste Debatte in sechseinhalb Stunden, zumal noch während der Sitzung Briefe von Bürgern beim Oberbürgermeister eintrafen, in denen gegen den neuen Standort Stadtpark opponiert wurde. Baureferent Heinz Schmeißner beklagte in beredten Worten das Schicksal des Friedensdenkmals.
Also schon damals konnten sich etliche Nürnberger nicht damit abfinden, dass Neptun fürderhin im Park sprudeln sollte. Also wohin damit? An Vorschlägen herrschte kein Mangel:
Die Kunde vom wandernden Brunnen hat in der Bevölkerung ein riesiges Echo gefunden. „Alle Stadtteile wollten ihn haben“, sagte Schmeißner und zitierte aus der Fülle von Vorschlägen für den Standort, die vom Luitpoldhain bis zur Prateranlage, von der Wohnanlage Zollhaus bis zum Friedrich-Ebert-Platz und Kornmarkt reichen. Aber: „Bei der hohen künstlerischen Qualität des Denkmals muß es so aufgestellt werden, daß es von vielen Bürgern gesehen werden kann; nicht nur ein Stadtteil soll daran Freude haben!“ Der Baukunstbeirat hat schließlich vorgeschlagen, ihn im Stadtpark oder im Cramer-Klett-Park aufzustellen; der Bauausschuß hatte sich einstimmig für den Stadtpark ausgesprochen.
Die Fraktionen nahmen durchaus keine geschlossene Haltung zu der kniffligen Frage ein, wie sich bei der Abstimmung zeigen sollte.
Für die SPD-Fraktion, in der es bei der Diskussion des Planes Meinungsverschiedenheiten gegeben hatte, forderte Vorsitzender Willi Prölß eine neuerliche Beratung im Bauausschuß, weil der Stadtpark in seiner Architektur für den Neptun nicht geeignet scheine. Der Fraktionschef meinte, daß der Brunnen gerade in einem Wohngebiet einen beruhigenden Akzent abgeben könnte und warf als Standorte den Annapark, Cramer-Klett-Park, Rathenauplatz und sogar Plärrer in die Debatte. CSU-Fraktionsvorsitzender Dr. Oscar Schneider hingegen erklärte: „Wir sind der Meinung, daß der Neptun in den Park gehört“, denn bislang sei keine günstige Alternative angeboten worden.
„Der Arme kann nicht zur Ruhe kommen“, bedauerte Stadträtin Else Urlaub (FDP) und plädierte für den Stadtpark, während Stadtrat Schmidt (BHE) ebenfalls davor warnte, ihn an die Peripherie zu versetzen. Der Stadtpark sei der gegebene Platz, wie der Bauausschuß nach reiflicher Überlegung herausgefunden habe, versicherte Paul Uebel (SPD), bevor sich der Oberbürgermeister erkundigte: „Wann muß er denn weg?“
Nachdem der Baureferent erklärt hatte, daß man eigens den Abbruch bis heute aufgeschoben habe, setzte sich die Meinung durch, daß ein weiterer Aufschub von 14 Tagen nicht mehr möglich ist. Es wurde abgestimmt – und ein Riß ging durch alle Fraktionen. Gegen 13 Stimmen wurde der Neptun in den Stadtpark beordert, wo er fürderhin plätschern darf.
Tja, und da steht er noch heute. Ein anderes Thema zeigte kurz darauf deutlich, warum der Brunnen in der Marienstraße keinen Platz mehr hatte: der Zentrale Omnibusbahnhof. Die Lokalredaktion der NN ließ seinerzeit schon im Vorspann des Aufmacher-Artikels keinen Zweifel daran, womit es die Nürnberger hier zu tun hatten:
Zum erstenmal hat gestern ein städtischer Omnibus den neuen „Zentral-Omnibusbahnhof“ an der Badstraße angesteuert – und schon erwies sich das mit so viel Vorschußlorbeeren bedachte Bauwerk als eine verkehrsstörende Fehlkonstruktion.
Auweia. Die Begründung für die vernichtende Kritik wird auch gleich nachgereicht:
Die zehn „Bahnsteige“ sind in ihrer Richtung von Nordost nach Südwest falsch angelegt. Die Omnibusse müssen, um sie anfahren zu können, zweimal die Verkehrsströme auf Hauptstraßen kreuzen – bei der Anfahrt in der Marienstraße und bei der Ausfahrt in der Bahnhofstraße.
Nach der Planung sollen nämlich, wie unser Bild veranschaulicht, die großen „Straßenschiffe“ den im Amtsjargon sogenannten „ZOB“, vom Marientunnel her kommend, von der Nordseite her ansteuern. Sie müssen deswegen bei der neu anzulegenden Badstraße links abbiegen und deswegen, laut Straßenverkehrsordnung, erst den entgegenkommenden Verkehr abwarten, ehe sie überhaupt zum Ziel gelangen können. Das wäre noch nicht das Schlimmste, denn in der Ausbauplanung für die Marienstraße ist an dieser Stelle eine Linksabbiegerspur vorgesehen, so daß wenigstens der übrige Verkehr nicht von diesen langwierigen Omnibusmanövern gestört wird.
Das „dicke Ende“ aber folgt bei der Ausfahrt aus dem „ZOB“ in die Bahnhofstraße. Dort ist nämlich von den Planern offenbar vorgesehen gewesen, daß die Busse nach rechts ausschwenken und auf dem Umweg über die Gleißbühlstraße wieder in die Marienstraße kommen – ein Plan, den die Omnibusfahrer von vornherein verwerfen: sie wollen auf dem kürzesten Wege und ohne „Karussellfahren“ aus der Stadt herauskommen. Und die Richtung der meisten Omnibuslinien führt ja stadtauswärts, vor allem nach Zabo.
Der Stadtrat freilich wollte diese Kritik weder auf sich noch auf den Stadtplanern sitzen lassen und wehrte sich vehement gegen den Vorwurf der Fehlplanung.
Wie sich die Themen gleichen – das bestätigt auch ein Blick auf den 4. März 1961: In einer großen Reportage berichten die NN von der schweren Arbeit des Sprengkommandos Feucht:
Der Krieg hat noch kein Ende gefunden. Er geht weiter: täglich von 8 bis 16.30 Uhr in der ehemaligen Munitionsanstalt Feucht. Ein knappes Dutzend Männer sind die Vollstrecker eines todbringenden Erbes, das weit im Land verstreut liegt – versteckt in der Erde, hinter Büschen, in dichten Wäldern, tiefen Stauseen, schmutzigen Tümpeln und gemächlich dahinströmenden Flüssen.
“Der Krieg hat noch kein Ende gefunden” – so gesehen gilt der Satz noch heute, da immer wieder das unselige Erbe des Bombenterrors in Nürnbergs Erde entdeckt wird.
Die Lokalredaktion der NN blättert täglich in den Ausgaben von vor 50 Jahren und sucht in Zusammenarbeit mit dem NN-Archiv jeweils ein Thema heraus, das auch für die heutige Leser-Generation interessant sein könnte. So auch in dieser Woche. Am 1. April beispielsweise, der vor 50 Jahren auf das Osterwochenende fiel, berichtete die Zeitung von einer Personengruppe, an die sich heute nur noch wenige erinnern werden: die Evakuierten. Während der Luftangriffe auf Nürnberg wurden viele Menschen aufs Land ausquartiert. 13.000 von ihnen wohnten auch 16 Jahre nach Kriegsende noch in provisorischen Unterkünften irgendwo in Mittelfranken, in der Hoffnung, dereinst doch in die Stadt zurückkehren zu können. Am 31. März endete die Meldefrist bei der Stadt, um einen Anspruch auf Wohnraum erheben zu können:
Es sind erschütternde Fälle darunter, Menschen, die schon nicht mehr daran glauben, in die Heimatstadt zurück zu dürfen, aus der sie die Luftangriffe gewaltsam vertrieben. Alt und oft auch kränklich geworden, haben sie sich teilweise sogar mit dem Geschick abgefunden und sind nur immer recht traurig, wenn sie der wirtschaftswunderlichen Marktschreierei begegnen: sie müssen im Schatten bleiben und ihnen fehlt jede Gelegenheit, an dem Konsumwunder moderner Prägung teilzuhaben.
Die Online-Redaktion der NN veröffentlicht alle in der Zeitung angerissenen Kalenderblatt-Beiträge im Original im Internet, inklusive der damaligen Fotos, sofern noch vorhanden. Den Heutigen muss man vielleicht erklären, dass Fotos seinerzeit noch auf Zelluloid gebannt wurden. Die Negative sind in aller Regel noch zu finden. Das Bildarchiv der Nürnberger Nachrichten digitalisiert die Fotos und stellt sie der Online-Redaktion zur Verfügung. So entsteht auf längere Sicht ein öffentlich zugängliches Online-Archiv der jüngeren Stadtgeschichte. Es hat bereits zahlreiche Leserinnen und Leser gefunden, wie die Abrufzahlen zeigen. Wir würden uns auch darüber freuen, wenn auf diese Weise ältere und jüngere Nürnbergerinnen und Nürnberger ins Gespräch kommen. Daher ist natürlich jeder Artikel zum Kommentieren freigeschaltet.
5 Kommentare
@Thomas: Der Artikel zum Rauchverbot in Straßenbahnen stand im Sonntagsblitz, in der Reihe “Ausgegraben” – http://www.nordbayern.de/nuernberger-nachrichten/sonntagsblitz/1961-am-raucherhimmel-ziehen-erste-wolken-auf-1.1103249
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Interessant. Da sieht man mal wieder, wie sich die Zeiten ändern – oder auch nicht. Ging es in einem Kalenderblatt die Tage nicht auch um ein Rauchverbot in der Straßenbahn? Das würde auch gut in obige Reihe passen.