Dienstag, Januar 5th, 2010 von Andreas Dalberg

Teller polarisiert: Selbstportraits mit Nackedei

Juergen Teller

Juergen Teller, im Hintergrund seine Mutter (F.: Hippel)

“Bubenreuth ist also nicht das Ende, sondern der Anfang”, hat Betti in das Besucherbuch der Kunsthalle geschrieben und angefügt: „Ich hoffe.“  Eine junge Frau muss das sein, die in irgendeinem Dorf wohnt und womöglich Ähnliches  vorhat wie Juergen Teller, der Bubenreuther, dessen Fotoausstellung „Logisch“ sie eben gesehen hat: ins  Leben springen, Ungewöhnliches tun. Was bei solchen unbedingt unterstützenswerten Unternehmungen herauskommt, behagt aber nicht jedem: „Hat man erst einmal einen Namen, kann man jeden Mist ausstellen.“ Das ist der Besucherkommentar gleich nach dem von Betti.

Damit war  zu rechnen: dass Tellers Ausstellung, die bis 14. Februar zu sehen ist, das Blut der Besucher in Wallung bringen würde. Manche nehmen es zwar sportlich, in diesem Fall mit einem humorigen Wortspiel: „Interessanter Blick über den Tellerrand. Höhöhö.“ Die meisten aber haben im übertragenen Sinn einen roten Kopf.
Die einen, weil sie angenehm angeregt wurden („wirklich tolle Bilder, inspirierend“). Die anderen, weil sie sich echauffieren, dies sei nun wirklich keine Kunst („peinliche Banalitäten“) — da normalisiert sich der Blutdruck erst wieder, sobald die Begleitung vorbehaltlos  zustimmt.
Die Fotos, die derart polarisieren, kommen zum Teil unspektakulär daher,   wirken  „beiläufig hingeschmissen“, wie eine Feuilletonistin meinte. Gerade dieser  Schnappschusscharakter, den manche Aufnahmen auf den ersten Blick haben, wird bejubelt („moderne, angesagte Kunst“) oder als Verrat an der Kunst der Fotografie ausgemacht.
Es gibt jedenfalls viel nackte Haut zu sehen. Wer daran (oder an den sehr großen und sehr blauen Augen von Tellers Sohn) keine rechte Freude hat, kann sich  auch als Betrachter der Betrachtenden  versuchen. In Raum sieben beispielsweise, der die Fotoserie „Louis XV“ aufträgt. Da sind besonders große  “Zumutungen” zu sehen:  Beispielsweise Kaviar neben Tellers Geschlechtsteil – er liebt nun mal Selbstportraits mit  Nackedei. Oder aber Teller, der nackt auf einem Flügel liegt und der Kamera  seinen Anus entgegenreckt — holla. Spätestens hier stolpern Unbedarfte während ihres Ausstellungslaufs: verschämtes Gucken,  Pikiertsein, wortlose Blickwechsel mit der Begleitung. Die meisten Besucher verfügen jedoch über ausgeprägtes “Koordinationsvermögen” und grinsen bloß.
Gerade  in solchen Momenten wird die Energie der Ausstellung deutlich.  Nur wer abgeschottet  ist, bleibt  unberührt. Andere reagieren irgendwann auf die vielen optischen Distanzlosigkeiten, Irritationen, aber auch Alltäglichkeiten, als wären sie  kreativ gekitzelt worden oder als hätte man ihnen an   die  Hose gefasst. Das ist  nicht das Ende, nein…

…hier weitere Besucherkommentare:
-”Sehr interessant, manches Werk – oder kritikwürdig. Aber das macht das Betrachten erst spannend.”
- “Sehr cool, sehr abwechslunsgreich, sehr sexistisch, sehr familiär. Einfach nur toll.”
- “Ich habe mehr erwartet.”
- “Wir auch.”
-”Der Mann und seine Bilder werden überschätzt.”
- “Bilder sind gut fürs Familienalbum.”
- “So viele schlecht gemachte Fotos auf einmal habe ich zuvor noch nie gesehen.”
- “So viele dumme Kommentare beweisen die gelungene Provokation.”
-”Endlich mal wieder eine Ausstellung für Foto-Freaks.”
-”TOLLER”
-”Man kann sein Studium zu spät beginnen, oder es zu bald abbrechen. Was ist hier geschehen?”
-”Dass man so einen Schwachsinn auch noch zur Schau stellt.”
-”Inhaltlich vielschichte Bilder, die allerdings erst nach dem Überwinden der obersten Schicht, die zweifellos provoziert, erschlossen werden können.”
-”Servus, Jürgen! Schau mal im La Stella vorbei, wennst wieder in Bubenreuth bist. Gruß an die Mama.”


Kategorie: Allgemein
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9 Kommentare

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