Was lohnt sich zu sparen?

Es ist nicht zu übersehen: Angelo ist weg. Er hat seine Eisdiele beim Stadtpark blankgeputzt, kein Stäubchen liegt auf der Glasvitrine, in der sonst Tiramisu und Torten warten. Vielleicht ist Angelo längst in Süden bei Mamma und futtert sich Winterspeck an? Nur eine farbige Eistüte mit drei Kugeln, die am leeren Schaufenster klebt, erinnert an das Kühle, Süße, das es hier den Sommer über gab.
Allerdings hat Angelo drinnen ein Schild an die gläserne Ladentür gehängt, das der Kundschaft auch in der kalten Jahreszeit etwas zum Beißen gibt. „Was lohnt sich zu sparen?“ steht da in Großbuchstaben. Ein grammatikalisch bemerkenswerter Satz, der etwas Trappatonihaftes verströmt — und doch eine große, eine existenzielle Frage stellt.
Bevor jetzt Bankberater mit den Fingern schnippen und ihre laschen Zinsen anbieten: Wir sollten Angelo nicht missverstehen. Der Mann ruft ja nicht nach Anlageberatung (so üppig wird der Profit aus dem Eisverkauf dann doch nicht sein). Er fordert vielmehr indirekt dazu auf, im Hier und Jetzt zu leben, lieber nicht zu sparen, zu horten und zu bunkern, was wir eh’ nicht mitnehmen können nach, Sie wissen schon. Nach oben oder nach unten, ganz wie’s beliebt.
Offenkundig hat unser Eisdielenbesitzer seinen Laden mitten in einer schweren Sinnkrise zugesperrt. Er hätte ja auch einfach „Wieder geöffnet ab 15. Februar“ hinschreiben können, oder „Ich wünsche meinen Kunden ein friedliches Weihnachtsfest“. Hat er aber nicht. Angelo bohrt tiefer, gibt sich nicht damit zufrieden, tagein, tagaus Erdbeer- und Vanilleeis über den Tresen zu reichen. Wenn er im Frühling am Stadtpark wieder aufsperrt, sollten wir ein Eis kaufen und ihn nach seiner Antwort fragen.

Liebe Kollegin,
Regina Pemsl wird’s freuen, denn genau das wollte sie mit ihrer Kunst: Zum Nachdenken anregen. Sehr schön, dass Angelo das Schild hängengelassen hat.
Ich hoffe, der Link funktioniert noch: http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=1090533&kat=48
Gruß,
Susanne Helmer