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Die spinnen, die Briten. Das Cabrio zwischen Trotz und Protz
Manchmal flattern mir skurrile Dinge auf den Schreibtisch. Was zum Beispiel soll ich jetzt von einer Meldung wie dieser halten: “Oben offen. Die meisten Cabrios gibt’s in Starnberg und in England”?
Gedanke Nummer eins: Typisch Starnberg. Wahrscheinlich alles Porsches und Jaguars, Audi TTs und dann noch ein paar Exoten, deren Namen ich gar nicht kenne. Wir wissen ja, dass am See in Münchens Süden die richtig fette Kohle sitzt. Obwohl Starnberg eigentlich ein ziemlich hässlicher Ort ist mit gewaltig Durchgangsverkehr, einer bunt zusammen gewürfelten Architektur und anderen in Beton gegossenen Schrecklichkeiten.
Trotzdem: Wer auf sich hält, der wohnt hier und zeigt sein Geld auch, steckt es in riesige Villen oder in bullige Autos, die gerne offen sein dürfen, damit jeder einen erkennen kann. Acht Prozent der Wagen haben höchstens ein Faltdach. Das ist immerhin gut jeder zwölfte. Im Osten übrigens, in Sachsen, Thüringen und Co, wo das Wetter mit den heißen, trockenen Sommern eigentlich geradezu Cabrio-ideal ist, kommt nur einer von hundert Wagen oben ohne daher. Das sagt doch schon alles, oder? Das Cabrio als Statuszeiger, das hat was. Übrigens: Ich fahre keins, nur bevor einer fragt.
Gedanke Nummer zwei: Die spinnen, die Briten. Wenn es irgendwo in Europa ein Wetter gibt, das NICHT cabriotauglich ist, dann wohl auf der Insel. Freunde von mir haben bis vor kurzem in London gelebt. Schön sei es gewesen, sagen sie. Schön und nass. Weil es dauernd regnet, nieselt, nebelt. Sind eben hart im Nehmen, die Briten. Auch im Auto. Kein Wunder. Wenn ich mich von Nierenpudding ernähren müsste, von Hagis, Pork Pie und Porridge, ehrlich gesagt, ich würde auch lieber mit offenem Dach fahren, weil ich nicht wüsste, wann das Essen genannte Zeug wieder nach oben drängt.
Okay, das war jetzt doch etwas vorurteilsbeladen. Das Essen in England soll sich dramatisch gewandelt haben dank der internationalen Einflüsse. Wie bei uns ja auch. Eisbein und Sauerkraut samt Kartoffelbrei isst hier kaum noch einer. Auch eine Kombination, die bei mir spontanes Würgen auslöst. Aber das mit dem Wetter in England, das wenigstens stimmt.
Wahrscheinlich brauchen die Briten einfach dieses Trommeln des Regens auf dem Stoffdach, die Feuchtigkeit, die durch die Ritzen dringt, das klamme Gefühl, das sich breit macht. Immerhin hat die Insel einige wirklich schöne Cabrios hervorgebracht, wahrscheinlich als Abwehrreaktion auf das miese Wetter, quasi die eleganteste Trotzform.
Das haben die Starnberger freilich nicht ganz verstanden. Vermutlich ist es einfach ein Tippfehler gewesen, wurde aus dem Trotz der Protz. Der liegt den Starnberger Millionären ohnehin näher. Was sich auch auf den Straßen zeigt.
Heißer Kaffee und alte Rituale
Überstanden. Vorbei. Zumindest der erste Teil. Die CSU und die Medien haben Kreuth hinter sich gebracht. Jetzt bin ich wieder in München und frage mich, was ich tun soll. Die Sonne strahlt, die Luft hat sich auf milde minus vier Grad erwärmt, es wäre eigentlich Zeit für einen Kaffee zum Beispiel im Annast am Odeonsplatz. Das gehört zu den wunderbaren Dingen in der Stadt: Wann immer es die Temperaturen zulassen, rücken die Cafehausbesitzer ein paar Tische und Stühle ins Freie.
Das Annast ist so ein Haus. Die Front geht genau nach Süden, der Sonne entgegen. Und dann reihen sie die Stühle davor auf, fein säuberlich ausgerichtet, alle nebeneinander, alle in die gleiche Richtung, zur Sonne hin. Dazu noch ein paar Decken. Ist wie Busfahren, nur schöner. Das ist Münchner Lebensart. Was für eine Versuchung, was für ein Traum: Die Sonne auf dem Bauch, den Kaffee in der Hand und vor mir ein frisches Croissant. . . Wunderbar!
Meine Lebensart ist es als pflichtbewusster Franke, dass ich jetzt gleich trotzdem etwas schreiben werde, drinnen und über die CSU. Über dieses Kreuther Ritual, das Belanglosigkeiten zu Riesenmeldungen hochtreibt, weil sich die Medien gegenseitig aufstacheln. Anders als der echte Kaffee im Annast ist der politische in Kreuth schon leicht abgestanden und wird auch durch wiederholtes Aufwärmen nicht besser. Aber so funktioniert Politik nunmal. Wer weiß, vielleicht wollen es die Wähler ja so haben. Ganz sicher bin ich mir da aber nicht. Aber – wer kann sich schon bei irgendetwas noch sicher sein in diesen verrückten Zeiten?

In Rom, da sind die Räuber
Also, wie gesagt, wir waren in Rom. Nun bin ich von München her einiges gewohnt. Die Autofahrer sind wahre Rüpel hier und die Bedienungen müssen schon beim Einstellungsgespräch beweisen, wie unfreundlich sie sein können. Da wäre ich gerne mal dabei, wenn sie ihrem künftigen Chef die Referenzen auf den Tisch knallen und bei dessen vorsichtigem Reklamieren, dass der Umschlag doch schon ein wenig speckig sei und der Inhalt eher nicht den Erwartungen entspreche, ganz und gar nicht den Erwartungen, und dem Bestellten schon gleich gar nicht, wenn sie sich dann so richtig in die Brust werfen, ihn mit einem kurzen Laserblick töten und dann wortlos gehen, das Nicht-bestellte auf dem Tisch lassend. Und wenn er ihnen dann voller Stolz den Arbeitsvertrag rüberschiebt und das Gehalt gleich mal um 500 Euro erhöht, weil so eine Bedienung hat nicht jeder. Ja, doch, da wäre ich gerne mal dabei.
Aber zurück zu Rom. Sie hatten uns gewarnt, unsere ganzen Frequent Travellers im erweiterten Bekanntenkreis. Dass die Stadt voller Räuber sei. Und dass wir unsere Taschen nur gut festhalten sollten. Und auf keinen, aber auch auf gar keinen Fall sollten wir die Geldbeutel da hineintun. Auch keine Kameras. Auch nicht in die Hosentaschen, Nicht in die Gesäßtaschen. und auch nicht in die Taschen vorne. Weil selbst da sei schon Geld geklaut worden. Wobei ich mich dann doch frage, wie unsensibel einer sein muss, dass er nicht mal merkt, wenn ihm vorne einer in die Hosentasche greift.
Wir haben die Tipps befolgt, was gar nicht so einfach ist, weil ein Geldbeutel samt Kamera unter dem Hemd doch gewaltig aufträgt. Und es hat funktioniert. Wir sind nicht ausgeraubt worden. Wir haben das viel eleganter gelöst. Wir haben uns gleich freiwillig schröpfen lassen.
Zwei Pizzen und zweimal Nudeln zum Beispiel samt viermal Cola, was darf das kosten? Richtig: 130 Euro. Die Cola zu je zehn Euro, dazu die Pizzen zu 15 und die Nudeln zu zwölf Euro. Oben drauf noch Pane e Coperto, dazu 15 Prozent Serviceaufschlag. Geht ganz locker.
Oder, ein anderes Beispiel: Zwei Cappuccini (ja, gut, gell? Gleich mal das Plural-I eingebaut) sowie eine Kugel Eis? Exakt: 22 Euro. Weil der Kellner nämlich irgendetwas in wildem Englisch-Italienisch gebrabbelt hat, darin, das haben wir später rekonstruiert, tauchte das Wort large auf. Nur hat das so nicht geklungen. Und auf unser so misstrauisches wie in bestem Italienisch vorgetragenes: “Normale Cappuccino!” hat der Mann lächelnd genickt. Und uns zwei große Tassen hingestellt. Dazu vier Kugeln Eis. Obwohl nur eine bestellt war. Wir haben natürlich reklamiert. Erst auf Deutsch. Dann auf Englisch. Dann mit Gesten. Es war fast das Geld wert zu sehen, wie sich schlagartig sämtliche Intelligenz aus dem Gesicht des Mannes entfernt hat. Und mit ihr jede Kenntnis irgendeiner Sprache. Wir haben gezahlt, logisch, die vollen 22 Euro.
Weil, es war das Billigste an diesem Tag. Weil der Eintritt ins Kolosseum schon zwölf Euro gekostet hat, pro Nase, versteht sich. Oder die Liftfahrt auf Gottes Schreibmaschine. Geschätzte 20 Meter, einfach. Macht sieben Euro pro Person. Und erst der Petersdom. Gefühlt war die Schlange vor seinem Eingang gut einen Kilometer lang. Mehrere Stunden Wartezeit, die sich aber gegen ein kleines Salär hätte abkürzen lassen. 35 Euro, egal ob Erwachsener oder Kind, dafür kein Anstehen und sagenhafte 20 Minuten Zeit für die Besichtigung zu einem festgeschriebenen Zeitpunkt. Führer geht extra.
Wir haben verzichtet. Auf Gottes Schreibmaschine. Auf den Petersdom. Auf eine zweite Pizza. Wir sind einfach nur durch die Gassen geschlendert, haben in einer unauffälligen, aber wunderbaren Trattoria abseits der Touristenströme gegessen, unseren Espresso dort getrunken, wo auch die Italiener saßen: Und es war ganz wunderbar. Fast so wie in München. Nur schöner.
PS: Haben Sie mal bei Google “Rom +Räuber” eingegeben? Da kommt viel zu Hotzenplotz, ein wenig zu Schiller und ein bisschen was zu Dinosauriern. Nur zu Rom kommt nix. Macht Sinn. Da gibt es keine Räuber mehr. Weil die das Rauben längst legalisiert und verstaatlicht haben.