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Geschafft, wieder mal.
Vorbei. Eine Stunde und vierzig Minuten liegen hinter mir. Eine Stunde vierzig, in der Horst Seehofer die Welt erklärt hat. Aus halb Deutschland sind sie angereist, mit Bussen, im Auto, im Zug. Nur für diese hundert Minuten. Das muss man schon mögen.
Jetzt ist es vorbei, für dieses Jahr. “Bayern und schwarz, Gott erhalt’s!” hat Horst Seehofer am Ende noch recht krachern gereimt. Sei ihm gegönnt. “Ich so CSU und alle so YEAHH!” stand auf einem Plakat an der Wand. Auch nicht viel sinniger. Wie aber will man auch einer Veranstaltung einen Sinn verpassen, die sich längst überlebt hat? Die doch nur noch davon lebt, dass das Fernsehen kommt? In der jeder Redner seine Botschaften auf die Kameras abstimmt und nicht so sehr auf sein Publikum in der Halle?
Die in Passau jedenfalls wollten nichts hören über die Landesbank, über die bäuerliche Landwirtschaft, Steuerreformen und sonstiges Politikgedöns. Und mussten es sich trotzdem anhören. Aber mein Mitleid bekommen sie nicht. Schließlich habe ich sie nicht hierhergezwungen.
Wenigstens räumt Seehofer mit ein paar alten Ritualen auf. Dem endlosen Beifall am Schluss zum Beispiel. Wiehatte Edmund Stoiber doch im Interview gesagt, vor diesem Aschermittwoch: Er habe stetes gewaltigen Applaus bekommen “zehn Minuten undlänger”. Seehofer at das Duell elegant umschifft. Kaum brandete der Beifall nach seiner Rede auf, ging er ans Mikro und bat um Ruhe. Damit dieser Wettkampf auch ein Ende finde.
Sie haben dann aber trotzdem weiter geklatscht und gesungen, von Seehofer dirigiert. Weil es doch “so schön, so schön” gewesen ist in Passau. Na ja. Ich weiß jetzt schon: Sie werden nächstes Jahr wieder hier sein. Und ich auch. Weil das so Tradition ist. Irgendwie. Und wer will sich schon einer Tradition verweigern?
Frau Pauli kann ja noch reden!
Politiker! Also ehrlich. Ich kann ja verstehen, dass sie sich möglichst korrekt ausdrücken wollen (was ihnen zugegebenermaßen nicht immer gelingt), dass zumal die Juristen unter ihnen jeden Winkel bedenken und jede noch so absurde Windung. Da kann dann schon mal das “Schreiben des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs vom 18. Januar 2010 (Vf. 19-VII-09) betreffend Antrag auf Feststellung der Verfassungswidrigkeit des Art. 13 Abs. 1 und 2 und des Art. 25 Satz 1 des Gesetzes über die Erhebung von Steuern durch Kirchen, Religions- und weltanschauliche Gemeinschaften (Kirchensteuergesetz – KirchStG) in der Fassung der bekanntmachung vom 21. November 1994 (GVBl S. 1026, BayRS 2220-3-UK), zuletzt geändert durch Gesetz vom 22. Dezember 2008 (GVBl S. 972) PII/G-1310/09-14″ zum Thema im Verfassungsausschuss des Landtags werden. Logisch, oder?
Ich war dort, also im Ausschuss. Weniger wegen des “Schreibens des Bayerischen. . .” undsoweiterundsofort. Auch wenn das auf der Tagesordnung ganz vorne stand. Ich war dort wegen Gabi Pauli. Weil die nach 34 Wochen oder 240 Tagen oder 5760 Stunden oder 345600 Minuten oder 2073 6000 Sekunden ihr landtägliches Schweigen durchbrochen und geredet hat (ich gebe es zu, ich habe es nicht selbst ausgerechnet. Das waren die hier: http://www.almdorfammertal.de/kalender.html). Wenn sie auch nur ein paar Minuten geredet hat, wir waren doch alle überrascht, dass sie es noch kann.
Es hat ihr aber nix geholfen. Keiner hatte mehr Bock auf sie, kein FDPler, kein Grüner, kein SPDler, kein Freier Wähler und erst recht kein CSUler. Auch die Frauen in den Fraktionen haben ihr die Solidarität verweigert. Was für sich genommen schon eine ziemlich klare Ansage ist.
Auf jeden Fall kommt sie nicht rein in den Untersuchungsausschuss zur Landesbank. Ich frage mich, weshalb sie da unbedingt hin wollte. Ist mir ein Rätsel. Wo doch ein Ausschuss grundsätzlich schon Null Erotik ausstrahlt. Und der hier noch viel weniger. Wissen Sie, wie der heißt? Ich verrate es Ihnen. Aber nur, wenn Sie mir ohne einmal Luftholen den Namen des Tagesordnungspunktes nachsprechen. Achtung, es geht los:
“Antrag der Abgeordneten Markus Rinderspacher, Harald Güller, Inge Aures u.a. und Fraktion (SPD), Bernhard Pohl, Hubert Aiwanger und Fraktion (FW), Margarete Bause, Sepp Daxenberger, Ulrike Gote u.a. und Fraktion (Bündnis 90/Die Grünen) Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Prüfung etwaigen Fehlverhaltens und möglicher Versäumnisse von Ministerpräsident Horst Seehofer, Staatsminister Georg Fahrenschon, Staatsminister Joachim Herrmann, Staatsministerin Emilia Müller, Staatsminister Martin Zeil, Ministerpräsident a. D. Dr. Edmund Stoiber, Ministerpräsident a. D. Dr. Günther Beckstein, Staatsminister a. D. Prof. Dr. Kurt Faltlhauser, Staatsminister a. D. Erwin Huber, Staatssekretär a. D. Georg Schmid, Staatssekretär a. D. Jürgen W. Heike in Zusammenhang mit dem Erwerb und dem Verkauf der Hypo Group Alpe Adria (HGAA) durch die Bayerische Landesbank (BayernLB) (Drs. 16/3168)“.
Na, ist das ein Burner? Das Ding haut doch rein, oder? Da steht ja jeder Buchstabe für ungefähr zehn Millionen Euro, die das Land bei der Landesbank schon verbrannt hat. Darüber haben die bestimmt lang nachgedacht.
Wie hat doch der Ausschussvorsitzende Thomas Kreuzer, CSU, so richtig gesagt: “Wir hoffen, dass wir durch eine durchsichtige Arbeit. . . äh, transparente Arbeit zeigen können, dass unsere Arbeit überhaupt einen Sinn hat.” Doch, Herr Kreuzer, das ist gelungen. Schon der Name des Ausschusses garantiert dafür.
Heizt den Mittleren Ring!
Dass die Menschen wie die Bekloppten über Münchens Mittleren Ring heizen, weiß jeder, der sich schon einmal in das Getümmel gewagt hat. Brettern gegen die Krise funktioniert in München bestens. Auch wenn es dabei gewaltig staubt. Was ein Problem ist. Doch dem rückt die Stadt jetzt zu Leibe.
München hat sich bekanntlich vor einigen Jahren zur nationalen Lachnummer gemacht, als es den Aufruf zur Feinstaubmessung allzu ernst genommen hat. Andere Städte parkten die Messsonden in der Grünzone, dort, wo allenfalls Blütenstaub entsteht. München stellte den Container an die Landshuter Allee. Die ist die am stärksten befahrene Straße der Stadt mit weit über 100 000 Fahrzeugen täglich. Kein Wunder, dass es da gewaltig staubt und nach allem riecht, nur nicht nach dem Duft von Rosen.
Jetzt haben die Münchner den Salat, müssen handeln und wissen nicht wie. Trotzdem waren die städtischen Beamten nicht untätig, sondern haben zusammen getragen, was da an kuriosen Vorschlägen so kursiert.
Eine Heizung für den Mittleren Ring zum Beispiel. Weil doch im Winter das Salz auf der Straße einen rechten Staub verursache, einen sehr feinen dazu. Ist die Fahrbahn geheizt, braucht es kein Salz mehr – und die Wagen können noch besser heizen als sonst.
Oder Moos auf dem Mittelstreifen. Bonn macht das auf seiner Stadtautobahn so (echt, das provinzielle Bonn hat so was). Gebracht hat es aber dort auch nix. Wäre für München also allenfalls aus ästhetischen Gründen eine Option.
Oder nass kehren. Kennen wir aus südländischen Städten, dass sie da morgens die Fahrbahnen abspritzen. Und die Gehwege. Und die Einfahrten. Riecht immer etwas eigenwillig. Und, sagt München, bringt eigentlich auch nichts. Aber München liegt schließlich im Süden. Wäre also eine Option.
Oder das Wetter. Weil München (siehe oben) weit im Süden liegt, staubt hier auch der Staub der Sahara rein. Und legt sich über die Stadt. Auch über die Landshuter Allee. Und dort in die Messsonden. Von den 61 Grenzwert-Überschreitungen 2008 haben die Experten immerhin fünf auf die Sahara geschoben. Wäre doch eine Idee, das Moos nicht am Ring zu verlegen, sondern in der Sahara. Sähe auch schöner aus. Wird nur schwierig, weil in wirtschaftlich klammen Zeiten das Moos bekanntlich bei allen knapp ist.
Tja. WSo ist das mit dem Feinstaubproblem in München. Es wäre im Prinzip recht einfach zu lösen: einfach weniger Autofahren, dafür mehr mit dem öffentlichen Nahverkehr. Weil das weniger staubt. Rein theoretisch. Denn der Münchner ist wie jeder andere Mensch auch: Solange er nicht selbst am Mittleren Ring wohnt, ist ihm dort die Feinstaubbelastung herzlich egal. Und so heizt er weiter über den Ring, ob der nun beheizt ist oder nicht.
PS: Ich habe es natürlich sofort gemerkt – mein Systemadministrator hat mir ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk gemacht. Ich bin wieder modern, genauso modern wie meine blogenden Kollegen. Puhhh. Danke dafür!
Alles neu – oder doch nicht?
Tja, so geht es im Leben. Da komme ich aus dem Urlaub zurück, ich war Skifahren in den Bergen, wie es sich für einen Münchner gehört, auch wenn er nur exilfränkischer Nürnberger in der Hauptstadt ist. Skifahren ist zurzeit so eine Sache. Denn von wegen Klimawandel – es war schweinekalt. Grimmig, ungewöhnlich für die Jahreszeit. Ach ja, der Klimawandel war dann doch irgendwie da: Es hatte keinen Schnee, oder nur ganz wenig, ungewöhnlich wenig. Also wenig echten. Kunstschnee liegt schon reichlich. Weil es ja kalt ist, ungewöhnlich kalt. Ein schönes Geräusch, wie die Turbinen der Schneekanonen nachts ihr sanftes Liedlein anstimmen und gemeinsam die Stille vertreiben.
Auf jeden Fall bin ich jetzt wieder zurück, mäßig braun, was den Neid der Kollegen ein wenig dämpft, aber nur ein kleines Bisschen. Und dann das.
Eigentlich wollte ich nur wissen, was meine lieben Kollegen so geschrieben haben im Blog, während ich weg war. Doch egal, wessen Blog ich auch anklicke – die sind alle viel schöner als meiner. Nicht inhaltlich, das sollt Ihr Leser bewerten, da halte ich mich raus. Wobei zum Beispiel Harry in Berlin echt fleißig war über die Feiertage. Und es beeindruckt mich, dass er sogar sein Fahrrad wieder erkannt hat. Unter all dem Schnee, der da gefallen ist . . . Jenem Schnee, den wir in den bergen gerne gehabt hätten: Und dann sitzt der in Berlin und beschwert sich. Also echt, Harry!
Nein, ich meinte optisch. Modern, schick, mit Teasern, Logos, neuen Headlines, Gadgets oder wie das alles sonst noch heißt. Nur ich komme echt altbacken daher. Ausgerechnet ich, der ich in München sitze, der Stadt, die sich für die modernste hält. In der nur der zählt, der das hippste neue Telefon hat, den neuesten Modekram, das schickste Auto. Bitter das.
Muss gleich mal meinen Systemadministrator anrufen. Oder besser: anmailen. Vielleicht liest er das hier ja auch? Und reagiert dann? Von sich aus? Weil ich nämlich echt schwer frustriert bin. Und das ist gar nicht gut, so am ersten Arbeitstag!
Wohlfühlen im Romantik-Bunker
Manche Leute haben aber auch merkwürdige Ideen. Überall im Münchner Stadtgebiet stehen Bunker, riesige Betonkästen von unvergleichlicher Hässlichkeit mit winzigen Luftschlitzen, wenn überhaupt. Sie sind, logisch, ein Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs.
Der liegt nun schon eine Weile zurück. Nur die Bunker sind immer noch da und verschandeln die Straßen, weil niemand so recht weiß, was die Stadt mit ihnen anfangen soll. Bis auf Johann Lindner. Der will jetzt handeln. Zumindest in Allach.
Auch da steht ein Bunker von schmutziggrauer Farbe, achteckig, vier Stockwerke hoch, mit einem ziemlich verrotteten Dach oben drauf. Ihn möchte Lindner umbauen _ zu einem “romantischen Hotel mit Wohlfühl-Atmosphäre”.
Klingt gut, ist es aber nicht, jedenfalls nicht für die Lokalbaukommission. Die hat seine Pläne abgelehnt. Ein Glaspavillon auf den Dach! Im Jugendstil! Da haben sie aber gekreischt in der Kommission. Dass Lindner den Bunker aufhübsche, haben sie gesagt und was von Kitsch und Disneyland gemurmelt. Und dass der Bunker “zumindest erahnt werden” müsse, fordert CSU-Mann Walter Zöller. Weil doch “diese Bauten zum Stadtbild” gehörten. Muss man nicht verstehen, oder?
Es ließe sich trefflich streiten. Das mit dem Denkmalschutz kann man auch übertreiben. Zöller blickt jedenfalls zuhause nicht auf einen solchen Betonklotz. Die in Allach schon.
Lindner hat sich trotzdem nicht entmutigen lassen und einen neuen Plan entworfen. Der Pavillon ist jetzt weg, das Haus weiter achteckig und die Fenster längs in schmale Streifen geteilt. Bis zu 20 Zimmer könnte Lindner innen unterbringen.
Wenn ihn die Kommission denn lässt. Und sie lässt, schwärmt vom “intelligenten Ansatz”, der “den Bunkergedanken” aufgreife und von den “klaren, schlichten Linien”. So etwas kann auch nur Fachleuten einfallen. Bunkergedanke. . . du lieber Himmel! Auf den setzt Lindner vermutlich eher weniger, wenn er seine Prospekte druckt. Klingt ja auch merkwürdig: “Verbringen Sie ein paar schöne, romantische Stunden in einmaliger Bunkeratmosphäre. Unsere Spitzenköche wärmen Ihnen gern ein paar Konserven auf. Wir empfehlen dazu einen guten Tropfen aus unserer Wasseraufbereitungsanlage, ehe Sie sich in die romatischen Stockbetten zurückziehen.” Oder so ähnlich. Grauenvoll. Dann doch lieber Disneyland.
Parken ist nicht gleich Parken, und schon gar nicht für jeden
Ach ja, Parken in München. Das ist eine wahre Freude. Autos und Kleinlaster in der zweiten, gerne auch in der dritten Reihe. Dazwischen renitente Fußgänger, quer parkende Smarts, Motorroller, Fahrräder. Und ab und an sogar eine Lücke, in die vielleicht und mit viel, sehr viel Geschick ein Auto passen könnte.
So jedenfalls war das früher. Heute sind die Lücken zahlreicher; nur billiger ist es deswegen nicht. Denn ganz München ist eine einzige Parkzone, ein Teppich aus verschiedenfarbigen Bereichen mit so wohlklingenden Namen wie “südliches Klinikviertel” oder “Lehel” oder “Maxvorstadt” oder “Lizenzgebiet Schleissheimers.”, was wohl Schleissheimer Straße heißen soll, aber auf den diesmal gelben Zettel nicht gepasst hat. Andere sind grün rot, rosa, gelb, violett, blau. Sie machen die Stadt ein wenig farbenfroher, die Parkbelege, wie sie im Wind so durch die Straßen taumeln, achtlos weggeworfen von ihren Käufern.
Für die Stadt rechnet sich das Ganze angeblich dennoch nicht. Seltsam eigentlich. Zwar hat sie in den Anwohnergebieten einzelne Zonen ausgewiesen für den normalen Parkplatzssuchenden, der dann zahlen muss. Aber das reicht angeblich nicht. Obwohl zwölf Minuten 20 Cent kosten. Und die Automaten nicht wechseln. Die Leute also meist mehr zahlen, als sie wollen. Oder andernfalls ein Knöllchen riskieren.
Das mit dem Knöllchen kann allerdings erheblich schneller gehen, als manchem lieb ist. Gerhard Mader kennt das aus eigenem Erleben. Aus Berlin war er nach München gereist, mit dem Wagen, und fand zu seiner freudigen Überraschung vor seinem Hotel tatsächlich auch einen freien Parkplatz. “Gebührenpflicht _ An Werktagen: 9 – 18 Uhr” stand auf dem Parkautomaten. Und weil seine Uhr bereits 18.17 Uhr zeigte, freute sich Mader, ging ins Hotel – und fand wenig später einen Strafzettel über 15 Euro an seinem Wagen vor.
Er hat ziemlich gewütet, der Berliner, hat Briefe geschrieben bis hinauf zum Justizministerium, über “groben Amtsmissbrauch” geschimpft und über “vorsätzliche Täuschung”. Geholfen hat es ihm nichts.
Denn das Parken war nach 18 Uhr zwar tatsächlich gebührenfrei. Doch nur für die Anwohner mit ihren Parklizenzen. Für alle anderen war es verboten. Das hat jetzt zwar so nicht auf dem Automaten gestanden, wohl aber auf den Schildern des Lizenzgebietes.
Pech gehabt, sagt die Stadt. “Da hat der Herr Berliner wohl nicht aufgepasst.” Selbst Schuld also, der Mann, dass er ortsfremd ist. Er könnte es aber auch so sehen: Die Stadt München braucht Geld, ihr Beutel ist leer. Zum Beispiel für die vielen schönen bunten Schilder. Er hat München subventioniert, er, der Berliner. Normal, sagt die Staatsregierung, läuft das umgekehrt, greift Bayern den Berlinern unter die Arme. Muss doch ein gutes Gefühl sein, wenn man als Berliner davon etwas zurück geben darf. Oder etwa nicht?
Der Münchner Brotkreislauf – ein Luxusproblem
Dass unsere Gesellschaft an Luxus erkrankt ist, lässt sich gelegentlich an winzigen Symptomen ablesen, an den kleinen Geschwüren in unserem Alltag. Im Münchner Norden zum Beispiel eitert so eine winzige Beule vor sich hin.
Sie steht im Hinterhof einer kleinen Bäckerei, einer der letzten, die noch in privater Hand ist mit einem echten Bäckermeister am Ofen und ohne starke Kette im Hintergrund. Er besteht, irgendwie, trotz des erbarmungslosen Verdrängungskampfes in seiner Branche. Die Beule im Hof also ist rot, schon ziemlich zerschunden, mit einer großen Klappe – der Schuttcontainer eines großen Müllentsorgers. Und allabendlich spielt sich an ihm das gleiche Ritual ab.
Dann kommen sie aus der Bäckerei mit Körben voll duftenden Gebäcks, mit Broten, Laugenstangen, Brezen, Semmeln. Und kippen sie hinein in den Container. Ihm bleibe, sagt der Bäcker, der seinen Namen nicht nennen will, nichts anderes übrig. Der Kunden wegen. Sagt er.
Die Kunden: Sie wollen, auch abends kurz vor Ladenschluss noch, aus dem gesamten Sortiment wählen können. Selbst wenn sie dann doch das gleiche wie immer kaufen. “Sonst gehen die zur Konkurrenz”, sagt der Bäcker. Also hält er alles vor, was seine Regale tragen können. Er könnte, logisch, das Brot auch am nächsten Tag noch verkaufen. So wie das die Discounter tun, die das haltbar gemachte Brot in Zellophan verpackt zu wahren Dumpingpreisen anbieten. Weil der Münchner Bäcker ein Mann ist, der auf sein Handwerk noch etwas gibt, verzichtet er freilich auf Zusatzstoffe. Was sonst sollte er auch tun – mit den Preisen der Discounter kann er nicht mithalten, also bleibt ihm nur die Qualität als Erfolgsrezept.
Deshalb also schmeißt er das Brot weg. Er habe, sagt er, natürlich vorher an die Bedürftigen verschenkt, was vertretbar sei, über die Münchner Tafel, die sich um die Armen kümmert wie all die anderen Tafeln, die auch in München und seinem reichen Speckgürtel überall aus dem Boden schießen. Er gibt den Münchnern, was sie nur irgendwie nehmen können.
Ein paar Kilo nehmen ihm auch einige Privatleute ab, die sich zuhause ein paar Schweine halten, für den Eigenbedarf. Er könnte, sagt er, an Bauern verkaufen, an Schweinezüchter. Doch da hat das Gesetz einen Riegel vorgeschoben, verlangt ein Zertifikat, das er nicht hat. Und sortenreines Brot. Weil wegen BSE kein tierisches Eiweiß in den Semmeln sein darf, die an die Schweine gehen. Also müsste der Bäcker für die Bauern sortieren, müsste er die Butterbrezen herausnehmen oder die Pizzastangen. Er müsste einen irren Aufwand betreiben, einen, der sich weit weniger rechne als das simple Wegwerfen der Backwaren.
Deshalb schmeißt der Mann also das Brot weg. Deshalb kommt der Container in eine Biogasanlage. und deshalb wird dort aus dem frischen Brot bald frischer Strom. Strom, mit dem der Bäcker seinen Ofen einheizt. Auf dass er dort neues Brot backen könne für seine wählerischen Kunden. Und in seinem Hinterhof eitert weiter die kleine Luxusbeule.
Überlebt!
Geschafft. Wieder mal überlebt. Der Aschermittwoch liegt hinter mir, jedenfalls der politische in Passau, Drei-Länder-Halle. CSU. Wie jedes Jahr.
Warum streicht den Termin niemand? Die Journalisten mögen ihn nicht, weil er unergiebig ist, keine Inhalte bringt und wenig Spaß. Und die Politiker mögen ihn nicht, aus ganz ähnlichen Gründen, jedenfalls die bayerischen nicht. Horst Seehofer hat seine Premiere nur knapp überstanden. Beinahe wäre er umgekippt auf der Bühne, weil geschwächt von seiner Grippe. Er habe, hat er danach erzählt, sich an Franz Müntefering erinnert und nur deshalb durchgehalten. Für ihn war das also auch nichts.
Für die auswärtigen Politiker schon eher, weil sie sich davon bayerische Folklore versprechen. Was übrigens auch für die Journalie gilt. Die Berliner Großstadtpresse reist stets in voller Besetzung nach Niederbayern. Bayern ist ja so schön urig, mit Bier und Brezen und tief ausgeschnittenen Dirndln und ledernen Hosen und derben Sprüchen. Und wir tun ihnen und dem Rest der Nation den Gefallen und benehmen uns auch noch so. Geschieht uns recht, wenn die uns für leicht unterbelichtet halten.
Für mich allerdings schadet das Spektakel auch der Politik an sich. Weil dieses gegenseitige Verächtlichmachen das Ansehen nicht wirklich heben kann. Es passt einfach nicht mehr in die Zeit, diese biergeschwängerten Hallen, diese Räusche in den Gesichtern, dieses “der Gegner ist ein Depp”-Gerede. Hat noch nie wirklich gepasst, aber jetzt schon gar nicht.
Dabei sind sie sonst ganz anders. Tagsüber dreschen sie aufeinander ein. Und abends sitzen sie dann auf den Empfängen an einem Tisch und amüsieren sich köstlich. Auch und gerade übrigens die Schwarzen mit den Grünen. Alles nur Show um der Show willen.
Da frage ich mich doch: Will das der Wähler wirklich? Erwartet er das? Ich nicht. Ich könnte mir Sinnvolleres vorstellen, Produktiveres. Ernsthaft.

In Rom, da sind die Räuber
Also, wie gesagt, wir waren in Rom. Nun bin ich von München her einiges gewohnt. Die Autofahrer sind wahre Rüpel hier und die Bedienungen müssen schon beim Einstellungsgespräch beweisen, wie unfreundlich sie sein können. Da wäre ich gerne mal dabei, wenn sie ihrem künftigen Chef die Referenzen auf den Tisch knallen und bei dessen vorsichtigem Reklamieren, dass der Umschlag doch schon ein wenig speckig sei und der Inhalt eher nicht den Erwartungen entspreche, ganz und gar nicht den Erwartungen, und dem Bestellten schon gleich gar nicht, wenn sie sich dann so richtig in die Brust werfen, ihn mit einem kurzen Laserblick töten und dann wortlos gehen, das Nicht-bestellte auf dem Tisch lassend. Und wenn er ihnen dann voller Stolz den Arbeitsvertrag rüberschiebt und das Gehalt gleich mal um 500 Euro erhöht, weil so eine Bedienung hat nicht jeder. Ja, doch, da wäre ich gerne mal dabei.
Aber zurück zu Rom. Sie hatten uns gewarnt, unsere ganzen Frequent Travellers im erweiterten Bekanntenkreis. Dass die Stadt voller Räuber sei. Und dass wir unsere Taschen nur gut festhalten sollten. Und auf keinen, aber auch auf gar keinen Fall sollten wir die Geldbeutel da hineintun. Auch keine Kameras. Auch nicht in die Hosentaschen, Nicht in die Gesäßtaschen. und auch nicht in die Taschen vorne. Weil selbst da sei schon Geld geklaut worden. Wobei ich mich dann doch frage, wie unsensibel einer sein muss, dass er nicht mal merkt, wenn ihm vorne einer in die Hosentasche greift.
Wir haben die Tipps befolgt, was gar nicht so einfach ist, weil ein Geldbeutel samt Kamera unter dem Hemd doch gewaltig aufträgt. Und es hat funktioniert. Wir sind nicht ausgeraubt worden. Wir haben das viel eleganter gelöst. Wir haben uns gleich freiwillig schröpfen lassen.
Zwei Pizzen und zweimal Nudeln zum Beispiel samt viermal Cola, was darf das kosten? Richtig: 130 Euro. Die Cola zu je zehn Euro, dazu die Pizzen zu 15 und die Nudeln zu zwölf Euro. Oben drauf noch Pane e Coperto, dazu 15 Prozent Serviceaufschlag. Geht ganz locker.
Oder, ein anderes Beispiel: Zwei Cappuccini (ja, gut, gell? Gleich mal das Plural-I eingebaut) sowie eine Kugel Eis? Exakt: 22 Euro. Weil der Kellner nämlich irgendetwas in wildem Englisch-Italienisch gebrabbelt hat, darin, das haben wir später rekonstruiert, tauchte das Wort large auf. Nur hat das so nicht geklungen. Und auf unser so misstrauisches wie in bestem Italienisch vorgetragenes: “Normale Cappuccino!” hat der Mann lächelnd genickt. Und uns zwei große Tassen hingestellt. Dazu vier Kugeln Eis. Obwohl nur eine bestellt war. Wir haben natürlich reklamiert. Erst auf Deutsch. Dann auf Englisch. Dann mit Gesten. Es war fast das Geld wert zu sehen, wie sich schlagartig sämtliche Intelligenz aus dem Gesicht des Mannes entfernt hat. Und mit ihr jede Kenntnis irgendeiner Sprache. Wir haben gezahlt, logisch, die vollen 22 Euro.
Weil, es war das Billigste an diesem Tag. Weil der Eintritt ins Kolosseum schon zwölf Euro gekostet hat, pro Nase, versteht sich. Oder die Liftfahrt auf Gottes Schreibmaschine. Geschätzte 20 Meter, einfach. Macht sieben Euro pro Person. Und erst der Petersdom. Gefühlt war die Schlange vor seinem Eingang gut einen Kilometer lang. Mehrere Stunden Wartezeit, die sich aber gegen ein kleines Salär hätte abkürzen lassen. 35 Euro, egal ob Erwachsener oder Kind, dafür kein Anstehen und sagenhafte 20 Minuten Zeit für die Besichtigung zu einem festgeschriebenen Zeitpunkt. Führer geht extra.
Wir haben verzichtet. Auf Gottes Schreibmaschine. Auf den Petersdom. Auf eine zweite Pizza. Wir sind einfach nur durch die Gassen geschlendert, haben in einer unauffälligen, aber wunderbaren Trattoria abseits der Touristenströme gegessen, unseren Espresso dort getrunken, wo auch die Italiener saßen: Und es war ganz wunderbar. Fast so wie in München. Nur schöner.
PS: Haben Sie mal bei Google “Rom +Räuber” eingegeben? Da kommt viel zu Hotzenplotz, ein wenig zu Schiller und ein bisschen was zu Dinosauriern. Nur zu Rom kommt nix. Macht Sinn. Da gibt es keine Räuber mehr. Weil die das Rauben längst legalisiert und verstaatlicht haben.