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September 18th, 2009

Was ein genialer Katzenjammer

Da lebe ich bald zwanzig Jahre in München, habe über alles Mögliche geschrieben, etliches erlebt und gesehen. Bloß das Atomic Cafe, das ist mir nie begegnet. Der Laden sei voll hipp und in, mit Türsteher und so, sagt mein Freund Rainer. Da müssen wir hin, hat er auch noch gesagt. Und Karten besorgt. Weil an diesem Abend eine Band auftritt. Wir waren dort, gestern.

Ehrlich, manchmal bin ich froh, dass ich in meiner Abteilung sitze und nicht zum Beispiel in der Sportredaktion. Von Sport verstehe ich wenig. Oder im Feuilleton. Davon verstehe ich noch weniger. Das ist diesmal praktisch. Weil ich jetzt nicht kompliziert darüber nachdenken muss, wie der Katzenjammer war, welches Stück warum das beste, welches weniger gut und was für ein Stil das überhaupt war.

Nein, ich kann einfach schreiben – es war genial. Die haben Hit-Potenzial, würden die Fachleute jetzt sagen. Kostprobe gefällig? Achtung, Suchtgefahr: YouTube Preview Image. Na, hat das was?

Gesehen? Vier norwegische Mädels, die das ausverkaufte Atomic Cafe zum Beben gebracht haben.  Und mich mit. Vier Mädels mit Wahnsinns-Stimmen und einer gewaltigen Show, weil sie alle vier singen, jede etliche Instrumente spielt, sich die vier dauernd abwechseln und über die Bühne wirbeln, absolut schmerz- und schweißfrei. Was nicht ganz fair ist, weil mir, selbst ohne allzu große Bewegung (in meinem Alter wippt man nur noch dezent mit dem Fuß im Takt mit und zuckt leicht mit dem Kopf, wirkt cooler), das Wasser auf der Stirn stand.

Was das musikalisch genau war, weiß ich nicht so recht. Im Internet liest sich das so:

“Musikalisch und ästhetisch sind Katzenjammer von unterschiedlichen Stilrichtungen inspiriert und präsentieren in ihrem Repertoire eine bunte Mischung, die “nach Montmarte in Paris, nach russischem Zirkus, Zigeuner-Jahrmärkten und düster-verrauchten Whiskey-Bars in Oslo” klingen. Neben Anklängen an den Stil von Bands wie B52′s fließen in anderen Stücken Elemente von Jazz, Rock, Balkan-Musik, Folk, Country und Chanson. Die erste Single A bar in Amsterdam wurde als „Mariachi-Polka mit hysterischem Trompetenthema“ beschrieben. Ihre kraftvollen und energiegeladenen Performances auf der Bühne veranlassen manche Kritiker zu Vergleichen mit Gogol Bordello, Dixie Chicks oder Leningrad Cowboys.

Eine Besonderheit von Katzenjammer ist, dass jedes Bandmitglied mehrere Instrumente beherrscht, die während Liveauftritten bei fast jedem Lied gewechselt werden. Zu den verwendeten Instrumenten gehören Bass-Balalaika, Akkordeon, Mandoline, Klavier, Schlagzeug, Geige, Mundharmonika, Banjo, Trompete, Glockenspiel und auch improvisierte Instrumente wie Blecheimer.”

Auch nicht schlecht. Auf jeden Fall sind sie mit Spaß dabei. Und hinterher verkaufen sie ihre CDs noch selbst an einem kleinen Tisch. Das hat etwas fast Rührendes Ich als Laie sage: Hingehen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Tut sie, noch zweimal in Bayern. Zum Beispiel am 28. Oktober in Würzburg. Oder am 31. in Augsburg. Nur leider nicht in Nürnberg. Schwerer Fehler.

Sollte sich nicht wiederholen. Und deshalb rufe ich Katzenjammer zu: Ei jenter, neste gang deres kommer til Nürnberg, men, ok?

Juli 24th, 2009

Ich liebe Knuddelschnubbel!

Jaaaaa, der Landtag singt. Endlich! War aber auch an der Zeit.

Vielleicht singt er nicht ganz so, wie dereinst der Kongress getanzt hat. Aber trotzdem: Er singt. Okay, manche Abgeordnete, besonders die der CSU, tun das bevorzugt spätnachts und dann schon leicht dissonant. Dafür aber aus voller Brust und schmerzendem Herzen, weil die Bürger den Segen der Zwei-Drittel-Mehrheit nicht kapiert haben.

Die Politiker der SPD dagegen singen gerne am Ende ihrer Parteitage und schmettern ein optimistisches “Brüder zur Sonne, zur Freiheit” an, was ein wenig Wärme in ihr ansonsten so einsames sozialdemokratisches Leben bringt. Die Linke schwört auf “Die Internationale” und die CSU auf Deutschlandhymne und Bayernlied (damit die offensichtlich wenig textsicheren Delegierten nicht stolpern, liegt den Parteitags-Unterlagen stets ein Zettel bei, beschriftet auf der einen Seite mit der deutschen und auf der anderen mit der bayerischen Variante), nennt sie aber Deutschlandlied und Bayernhymne. Was da jetzt wohl richtig ist?

Nur die Grünen singen irgendwie nicht. Ist aber verständlich. Denn ihre Hymne, den “Müsli-Man“, haben schon die Jungs der Kölner Band BAP vertont. Kölsche Lieder aber im bayerischen Freistaat? Unmöglich.

Sie fragen sich, wo FDP und Freie Wähler bleiben? Nur Geduld. Auch die singen, und die singen mal richtig.

Tobias Thalhammer zum Beispiel ist Freier, also Freier Liberaler. Knuddelschnubbel heißt der Song, mit dem er punktet. Echt der Hammer, das Teil, ein wahrer Thalhammer. Wo er sich doch lieber Bärchen nennen ließe. Oder Schatz. Komisch nur, dass die meisten die Tiefe, die Eleganz, das musikalische Können dieses Liedes nicht erkennen wollen. “Manche können sogar im Landtag weniger Schaden anrichten als in der Musik”, spottet keglerronny bei youtube. Aber machen Sie sich selbst ein Bild vom  Knuddelschnubbel. Und? Genauso begeistert?

Oder Claudia Jung. Auch sie ist eine Freie, also eine Freie Wählerin. Und sie ist sogar noch weiter als der Toby, also der Tobias Thalhammer. Sie hat einen Künstlernamen. Früher hieß sie nämlich Ute Singer und ganz früher Ute Krummenast. Wobei Ute Singer auch cool gewesen wäre für eine Sängerin.

Ute-Claudia jedenfalls singt schon lange, so richtig mit Bühnenbild und Freitreppen, auf denen sie herunterschweben darf. Und manche ihrer Lieder haben ein geradezu prophetisches Element. Das Dunkel der Nacht zum Beispiel könnte genauso gut das Leben der Freien Wähler in der Politik beschreiben und den Schmerz, den sie empfinden, seit Gabi Pauli ihnen den Rücken gekehrt hat. Wie heißt es doch: “Du bist nicht mehr da. Und ich hab erkannt: Ich muss meinen Weg alleine gehen. Ohne dich.”

Das ist schon Kult. Der absolute Wahnsinn aber ist der Hit, mit dem sie im vergangenen Jahr in die Charts gestürmt ist, in jenem Jahr wohlgemerkt, da die Freien Wähler sich anschickten, in den bayerischen Landtag einzuziehen. Wobei in meinen Augen der 67. Platz sehr unverdient war. Der erste hätte es schon sein dürfen für: “Lass uns noch einmal lügen”. . . Und da sage noch mal einer, mit der Wahrheit komme in der Politik niemand voran.