Selbsterkenntnis – das Zitat des Tages

Respekt. Die Landtagsabgeordnete Petra Dettenhöfer aus der Nähe von Weiden sitzt seit 2008 für die CSU im Landtag, und sie hat nach nur vier Jahren schon verstanden, wie Politik funktioniert. „Ich bin froh“, hat sie vorhin im Hochschulausschuss des Landtags festgestellt, „dass der Sachverstand entschieden hat. Und nicht wir.“ Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt bei ihren Kolleginnen und Kollegen, wie wird sich dann unser Land wohl verändern?

Von Goldfischen, Sofas und Raketen

Im Englischen Garten zu München gibt es Teiche, jede Menge Teiche, der größte so groß, dass er sich schon See nennen darf. Andere wiederum bleiben wohl für immer namenlos, weil sie kaum größer als eine Pfütze sind.

So klein sie sind, zum Lebensraum taugen sie dennoch. Irgend jemand hat in einer dieser Pfützen ein paar Goldfische ausgesetzt. Die fühlen sich wohl, treiben im Schwarm dahin, vermehren sich, ernähren sich, von was auch immer. Und bereichern den Alltag, obwohl sie sind, wo sie nicht hingehören.

Unsere Natur ist längst nicht mehr jene, die sie einst war. Rotwangenschildkröten im harmloseren, Schnappschildkröten im härteren Fall tummeln sich in den Seen, Marderhunde und Waschbären in den Wäldern, Füchse, Biber und Biberratten in den Städten. Im Rheinland haben sich die Halsbandsittiche niedergelassen und krakeelen in munteren Kolonien. Bei uns krakeelen die Amseln, die inzwischen im Winter nicht mehr gen Süden ziehen und die Straßenlaternen für Sonnen halten, die sie die Nacht hindurch anzwitschern, bevor sie morgens übermüdet vom Ast kippen.

Zivilisation und Wohlstand verändern die Welt, manchmal zum Positiven, häufiger zum Negativen, wie der gigantische Plastikmüllwirbel im Pazifik mit seinen hundert Millionen Tonnen Plastik beweist.

Klar, der ist weit weg. Doch auch unser Müll dreht sich dort in einer endlosen Spirale. Oder die Autobahnen. 8000 Tonnen Müll klauben die Mitarbeiter der Autobahnmeistereien jedes Jahr zusammen. Kostet 110 Millionen Euro und füllt mal eben 15 Güterzüge.

Lästig, dieser Müll, einerseits. Und gefährlich dazu. Andererseits sagt er uns, welche Jahreszeit wir haben. Und wo wir genau sind. Hat die Münchner Autobahnmeisterei festgestellt. Die hat den Schrott analysiert und sortiert nach dem Speziellen und dem Üblichen, den Reifenteilen, Befestigungsgurten, Bremskeilen, Kühlschränken, Auspufftöpfen, Stoßstangen, Koffern, Taschen, Schuhen, Radkappen.

Im Sommer nämlich purzeln gerne Fahrräder auf die Fahrbahnen, Surfbretter und anderes Sportgerät. Im Winter sind es Skier oder Schlitten. Oder, wie dieser Tage auf der Münchener Ostumgehung, Weihnachtsbäume. Bierlaster, die ihre Ladung auf die Straße und nicht in die Kneipe kippen, arbeiten zwar saisonunabhängig, geben aber einen Einblick in die lokale Wirtschaftsstruktur. Das gilt auch für die Einrichtungshäuser.

Denn auch das findet die Polizei im Münchener Süden immer häufiger auf der Autobahn: Mobiliar, ganze Sofas, Matratzen. Was die Leute so kaufen, auf das Dach ihres Wagens schnallen und unterwegs verlieren. Im Umland, hat die Polizei festgestellt, siedeln sich immer mehr Möbelhäuser an. Das wirke sich auch auf der Autobahn aus.

Es hat auf seine Weise etwas Beruhigendes. Wer weiß, was auf den Bahnen läge, wenn nicht nur Möbelhäuser im Umland siedelten, sondern beispielsweise Rüstungsbetriebe. So ein Crash mit einem Sofa klingt komfortabler als einer mit einer verlorenen Pershing. Die könnte einen schnell dorthin befördern, wo die Goldfische aus dem Englischen Garten noch lange nicht sein werden – in den Himmel.

Immer der Nase nach

Es ist, sehen wir den Dingen mal ins Auge, die bittere Wahrheit: Wir sind kleine, fremdbestimmte Würstchen. Unsere Instinkte steuern uns, sie, die wir vermeintlich längst abgelegt haben als Relikte aus der tierischen Vergangenheit. Die ist uns weit näher, als wir wahrhaben.

Männer zum Beispiel. Dass sie Frauen erst auf und dann in die Augen schauen – sie können nichts dafür. Reine Biologie, Zwangssteuerung von innen. Dient dem Fortbestand der Art. Oder Frauen. Finden jedes Baby süß, egal wie hässlich es  ist. Dient auch dem Fortbestand der Art. Selbst die schmerzhafte Erkenntnis ändert nichts, dass die süßen Kleinen zwingend zu nervenden Pubertisten mutieren werden. Die Bindung hält. Und das macht Sinn, weil wir andernfalls längst ausgestorben wären.

Oh, wir werden manipuliert. Von unseren Genen, unseren Ahnen, unserer Industrie. Soundingenieure tüfteln für die Ohren daran, dass der Motor optimal röhrt und die Tür mit jenem Plopp ins Schloss fällt, das  in uns irgendetwas anspricht und uns den Kauf erleichtert.

Und erst die Supermärkte.  Riesige Einkaufswagen suggerieren dem Auge, dass wir noch nichts eingekauft haben. Zucker, Brot, Kaffee, Milch sind strategisch so verteilt, dass wir  weite Wege gehen, an jenen Dingen vorbei, die wir  nicht auf der Liste und trotzdem im Wagen haben.
Oder die Nase. Bäcker locken mit dem Duft von frischem Brot, Kaffeeröster mit künstlichem Kaffee-Aroma. Eine Hotelkette setzt auf Zigarren, Zedernholz und Bücher, eine andere auf Feige, Bergamotte und Jasmin. Modeketten besprühen die Wäsche mit ihrem Parfum, Autohersteller ihre Erlebniswelt mit jahreszeitlich passenden Aromen. Und Reisebüros setzen auf den Duft von Sonnenmilch.

Denken Sie daran, wenn sie wieder einmal Einkaufen gehen. Und sich nachher fragen, wieso um alles in der Welt Sie nur den ganzen Schmarrn gekauft haben. Sie können nichts dafür. Es hat nur zu gut gerochen.

Ein Lob der Haxe

Das Leben in München kann schön sein, sogar für einen Franken. Wenn ich aus meinem Büro schaue, blicke ich auf die Isar, auf Enten und gelegentlich auf einen Schwan. Kulinarisch ist es erträglich hier. Um die Ecke ein passabler Inder, ein Franzose, mehrere Italiener und einige weitere Lokale, die sich regional nicht klar eingrenzen lassen.

Aber die wahren kulinarischen Genüsse verdanke ich der CSU,  tatsächlich.

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass wir an dieser Stelle eine Partei loben. Doch diesmal muss es sein. Denn einmal im Jahr reist die CSU-Fraktion nach Kloster Banz, für drei Tage. Und während oben im Kloster in dieser wunderbar weichen fränkischen Landschaft die Abgeordneten tagen, servieren sie unten in den Klosterstuben fränkische Spezialitäten. Krensuppe zum Beispiel. Oder blaue Zipfel. Oder Schweinshaxen.

Solche Haxen gibt es in München nicht, keine Chance. Wunderbar zart das Fleisch, resch die Kruste, dazu Kartoffelklöße groß wie Handbälle. Keine Ahnung, warum die Haxen hier um so vieles besser sind als ihre Münchner Gegenstücke. Aber vielleicht sind die fränkischen Schweine einfach glücklicher als die oberbayerischen, ehe sie ihrer Beine verlustig gehen.

Es trifft sich, dass die CSU-Fraktion drei Tage in Banz bleibt, gerade lang genug für die drei Haxen-Varianten, die der Wirt kredenzt. Wobei mein persönlicher Favorit die Krenhaxe ist, noch vor der Bier- und der Pfefferhaxe.

Und es trifft sich, dass sie nicht länger hier bleiben, die Schwarzen. Drei Tage sind gut für ein Kilo auf der Waage. Was auch daran liegen kann, dass den Münchnern nicht nur der Meerrettich die Tränen in die Augen treibt, wenn sie abends in Staffelstein noch ein Bier trinken gehen und selbst für eine akzeptable Zeche nicht einmal zehn Euro auf den Tisch legen müssen.

Doch, es ist ein Glück, das uns zuteil wird, wenn die CSU Bayern verlässt und für ein paar Tage nach Franken fährt. Ein Glück, das auch meine Münchner Kollegen schätzen.

Und ich sowieso.

Der Selbstmord der Melonen

Ach ja, das Essen. Keine andere Nation in Europa geht derart lieblos damit um. Wir sparen uns die Qualität, stehen auf Junk Food, auf Convenience, auf Retortenmist.

Wir haben unsere Kühe auf Turbo gestilt und ihnen Euter angezüchtet, dass sie kaum noch laufen können. Puten und Hühner in den Mastbetrieben sind so sehr auf Muskelmasse getrimmt, dass sie im Leben nicht fliegen könnten. Wenigstens ersparen wir ihnen die Erkenntnis und sperren sie in so enge Ställe, dass sie es ohnehin nicht könnten.

Schweine mit 32 Rippen sind inzwischen Standard. Dabei hat die Natur nur zwei Dutzend Rippen vorgesehen. Doch die gewinnoptimierte Sau trägt acht Zusatz-Koteletts mit sich herum. Mehr, sagen Forscher, geht nicht. Weil das Fleisch schlapp wird und sich nicht braten, sondern nur in der eigenen wässrigen Brühe kochen lässt.

Eklig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Natur sich wehrt. Jetzt tut sie es. Wenn auch nicht bei uns, sondern drüben in China. Dort haben sich Zigtausende von Wassermelonen in den kollektiven Selbstmord gestürzt, sind einfach explodiert. Muss gruselig gewesen sein, wie sie platzten, wie sie ihr Fruchtfleisch meterweit schleuderten und hinausschrien: „Seht! Wir sind geknechtet! Wir setzen ein Fanal!“

Und jetzt? Jetzt werden die Killertomaten aus den Gewächshäusern rollen, überzüchtete Dinger, die nie die Sonne gesehen haben. Ihnen folgen die Salatköpfe, deren Wurzeln endlich Erde spüren wollen. Und erst die Salatgurken! Gefährliche schlängelnde Teile ohne Selbstwertgefühl, seit Discounter sie für 30 Cent verramschen.

So wird es kommen. Eines Tages. Denn das in China war eine Panne, ein Betriebsunfall. Die Bauern hatten Forchlorfenuron versprüht, einen Wachstumsbeschleuniger. In der falschen Menge, im falschen Moment, beim falschen Wetter. Die Melonen taten, wie befohlen, und wuchsen. Bis die Schale nicht mehr standhielt und knallend nachgab. Keine Sorge. Forchlorfenuron ist in Europa verboten. Jedenfalls für Melonen.

Wie verliert frau zwei Tonnen Stahl?

Weg ist schnell was. Der Ring, flutsch, vom Finger, ab in den Gulli und fort. Der Schlüssel, eben noch da, auf einmal unauffindbar. Das Handy, eigentlich garantiert in der Handtasche. Doch da klingelt es nicht. Dinge verlegen sich, verschwinden an unmögliche Orte.

Jeder kennt das Phänomen. Es wäre eine Untersuchung wert, wie viel Lebenszeit der Mensch suchend verbringt. Nicht nach dem Sinn des Lebens oder der einen wahren Liebe. Sondern nach Sachen, einfachen Dingen des Alltags. Früher gab es mal den Keyfinder. Ein Pfiff. Und das Teil piepte los. Oder auch nicht. Auch so eine Frage – gibt es den noch?

Die Fundbüros sind voll mit solchem Krempel. Und jedes Jahr im Oktober, wenn die Wiesn vorbei ist, gehört es zu den Münchener Ritualen, dass die Polizei vermeldet, was sie so gefunden hat. Zahllose Gebisse sind dabei, gelegentlich eine Beinprothese, Geldbeutel und Schlüssel in Legion, dazu Dirndl, Skistiefel, Angelruten. Einer hat mal seinen Hund zurück gelassen, ein anderer seinen kleinen Sohn. Allein ist er trotzdem nicht zuhause angekommen – er hatte nur das falsche Kind im Schlepptau. Natürlich spielt der Alkohol hier eine gewisse Rolle. Im Rausch verliert mancher eben nicht nur Orientierung und Halt, sondern auch all die losen Dinge, die er oder sie so mit sich herumschleppt. Doch sie alle haben dieser Tage ihre Meisterin gefunden.

Nennen wir sie mal Susanne. Susanne hat ein Teil verlegt, rund zwei Tonnen schwer, fast fünf Meter lang, nicht ganz zwei Meter breit und knapp 1,50 Meter hoch. Nicht eben alltäglich, so ein Trumm. Irgendwo in München ist ihr das passiert. Nüchtern. Susanne sucht seit ein paar Wochen ihr Auto. Doch sie findet es nicht. Irgendwann im März war sie von Starnberg in die Stadt gefahren, hinter einer Freundin her, weil sie zu André Heller wollten. Sie sei mal kurz abgelenkt gewesen, sagt sie. Und folgte weiter dem Wagen vor ihr. Nur ist das nicht mehr ihre Freundin, sondern irgendein Fremder. Der biegt in eine private Tiefgarage ein, Susanne fährt ihm nach. Parkt. Steigt aus. Stellt fest, dass sie den anderen gar nicht kennt. Und geht. Seitdem sucht sie ihren Wagen. Sie hat keine Ahnung mehr, wo die Tiefgarage ist, hat schon an etlichen Türen geklingelt, in viele Garagen geblickt und sogar mit der Polizei geredet. Die allerdings sucht allenfalls kleine Kinder und keine großen Autos. Ihre Tochter hat Susanne im März aus dem Wagen mitgenommen. Immerhin. Selbst eine Plakataktion und hundert Euro Finderlohn haben die Limousine nicht zurück gebracht.

Seitdem radelt Susanne oder sie nimmt Bus und Bahn. Dumm gelaufen sozusagen. Im doppelten Sinn. Denn nicht nur ihr Wagen ist weg. Den Auftritt von André Heller hat sie auch noch verpasst.

Na so was, Gutti hat abgeschrieben…

Ehrlich gesagt – so schnell haben nicht mal wir in München damit gerechnet. Dass Karl Theodor zu Guttenberg eines Tages in Schwierigkeiten geraten würde, das war den meisten hier klar. Der Aufstieg sei zu steil, haben sie in der CSU getuschelt, zu hoch und zu schnell. Der werde mal stolpern, über irgend etwas. Spätestens, wenn das mit seiner Kanzlerkandidatur in trockenen Tüchern sei. So haben sie es vorhergesagt, die ganzen schlauen Köpfe hier. 

Jetzt stolpert er ganz gewaltig. Jetzt schon, wo von seiner Kanzlerkandidatur weit und breit noch nichts zu sehen ist.

Am Hindukusch erschießen sich seine Soldaten gegenseitig, wenn sie nicht gerade fremde Post lesen; auf der Gorch Fock stürzen sie in den Tod, wenn sie nicht gerade wegen des rauen Tons an ihrer Berufung zweifeln. Und zuhause mäkeln sie erst an seinen Bundeswehrsuperreformplänen herum. Und dann an seiner Doktorarbeit. Ausgerechnet an ihr, die er, der Star, mit Bestnote geschrieben hat.

Kein Wunder. Wo er sich doch nur aus den besten Quellen bedient hat, aus anderen Doktorarbeiten etwa. Vor allem aber aus der Elite der Zeitungen, der Neuen Züricher, der Frankfurter Allgemeinen. Fast schon beleidigend für die Süddeutsche, dass sie nicht dabei ist. Wahrscheinlich lesen ihre Redakteure jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben Guttenbergs Doktorarbeit ganz genau, Seite für Seite, Zeile für Zeile, in der Hoffnung, sie könnten noch ein paar gestohlene, pardon, nicht korrekt mit Quellenangaben versehenen Passagen finden.

Und was ist mit unserem Blatt? Nichts. Nicht das allerkleinste Plagiat. Nicht eine Zeile hat der Verteidigungsminister uns gemopst. Hallo Herr Guttenberg! Bei uns lohnt sich das Abschreiben auch! Ehrlich! Wir würden nicht mal ein Honorar von Ihnen verlangen. Glaube ich jedenfalls. Wir wären doch schon mit einer Fußnote zufrieden. Mit einer klitzekleinen. Das muss sich doch machen lassen, oder?

Ach herrje, das arme Bier

Der Bayer an und für sich ist auch nicht mehr das, was er mal war. Sein Dialekt ist Schrott, klingt eher nach Preußen denn nach Süden, wenn er nicht eh schwäbelt oder – immer öfter – sächselt bis berlinert. Und was aus seiner Tracht geworden ist, darüber erregen sich die Münchner jedes Jahr auf im Herbst, wenn im September das Oktoberfest startet und der mit Landhausstil freundlich umschriebene Minidirndl-Lederhosen-Horror in die Bierzelte schwappt.

Die Bierzelte. Wenigstens dort ist die Welt der Brauer noch in Ordnung, saufen die Burschen und Madln, bis sie umfallen. Gute 6,5 Millionen Liter gehen binnen zwei Wochen über die Theken. Ein Geschäft, wie es die Brauer sonst nirgends mehr machen. Denn der Bayern an und für sich trinkt nicht mehr. Oder nicht mehr so exzessiv. Jedenfalls kein Bier mehr.

Binnen zwanzig Jahren ist der Pro-Kopf-Verbrauch beim Bier um mehr als ein Fünftel nach unten gegangen. Nur die Schnapsbrenner hat es härter erwischt. Bei ihnen stehen minus 28 Prozent zu Buche. Heftig, das.

Heftiger wiegt aus altbayerischer Sicht nur noch, dass die Bayern dafür umso mehr Tee trinken, noch mehr Erfrischungsgetränke, vor allem aber: Unmengen Wasser. Wasser macht ein Plus von knapp 75 Prozent. Sehr heftig, das. „Mei, bin i a Kuah, oder wia?“ würde der echte Bayer sich da denken, maximal an seinem Grashalm kauen und sich um zehn in der Früh die nächste Pulle Weißbier aufreißen, die er sich ansatzlos und in einem Zug einverleibt, ehe er zur dritten Weißwurst greift.

Im Sinne der Volksgesundheit ist es, so gesehen, positiv, dass auch hierzulande der Trend weggeht vom Alkohol und hin zum Wasser, ganz gleich, ob das aus Franken kommt, aus Adelholzen, von einem isländischen Gletscher oder von den Fidschji-Inseln. Die Ökobilanz mag in dem einen oder anderen Fall nicht so optimal ausfallen. Dafür freut sich die Leber. Bis jetzt jedenfalls.

Das könnte sich künftig wieder ändern. Denn die Brauer holen zum Gegenschlag aus. Wenn selbst den Bayern das Bier mittlerweile zu prollig erscheint, so ihr Kalkül, dann muss das Bier eben edler werden. Also haben sie ein Cuvée-Bier erfunden, als ob es sich um besten Wein handelt, allen Ernstes.

Mit Champagnerhefe vergoren, erst im Fass und dann in der Champagner-Flasche gereift, hat das Ergebnis seinen Preis. Zwischen 20 und 40 Euro kostet das Gebräu in der 0,7-Liter-Flasche, das sichmal Infinium nennt undmal Fürst Wallenstein 1598. Der Fürst ist besonders edel und bringt an derBar des Berliner Hotels Adlon immerhin 90 Euro, was schon recht nahe an eine gute Flasche Wein herankommt.

Mehr als eine Flasche braucht davon eh kaum einer. Zehn Prozent Alkohol sollten reichen für dasOlut Starköl“, wie der Finne sagt, das Bockbier edel-bayerischer Herkunft. Es spricht so betrachtet fast schon für München, dass sich der Trend zum Luxus-Olut hier noch nicht durchgesetzt hat. Kann aber auch daran liegen, dass die Belgier es erfunden haben. Und die kaufen den Bayern ohnehin dauernd ihre Brauereien weg.

Was die Bayern wiederum verärgert. Dabei verstehen die Belgier mehr vom Bier als die Münchner. Nirgendwo sonst gibt es so viele Sorten mit so klangvollen und selbsterklärenden Namen wieHoegaarden Verboden Vruchtoder„Delirium tremens“. Was der Wahrheit sehr nahe kommen dürfte. Bière Brut nennen die Belgier ihr Champagner-Bier. „Malheur Bière Brut Reserve“ heißt das dann oder, gänzlich unbescheiden „DeuS“, Gott. Das immerhin, käme nicht einmal den Bayern in den Sinn.

Die Schweizer – ein echter Brüller

Okay, mit München hat das Thema nur am Rande zu tun. Aber manchmal lohnt sich ein Blick über die Landesgrenzen. Notfalls sogar in die Schweiz.

Ich für meinen Teil jedenfalls kann Bundesrat Hans-Rudolf Merz nur Recht geben. Ich habe keine Ahnung, über welchen europäischen Wahnsinn er da redet. Aber wie er das macht, das ist absolut sehenswert. Und überaus lustig. Dafür hier klicken. Lohnt sich!

Da kann nicht mal unser Horst mithalten, der Seehofers Horst, obwohl er ähnlich rechnet wie die Brüsseler Bürokraten formulieren. Wie sagte er doch dieser Tage über das unsägliche Grünen-Video seines Generalsekretärs? „70 000 haben sich das angesehen. Ich schaue es mir heute auch noch an. Dann sind es 71 000.“

Typisch deutsch? Aber klar doch!

Manchmal stecken die großen Wahrheiten im kleinen Detail. Wer zum Beispiel im Internet nach der Antwort auf die Frage sucht, was „typisch deutsch“ sei, der kommt ziemlich bald auf eine Seite mit der Überschrift: „Stereotype: Was ist typisch deutsch?“ Und direkt darunter prangt eine Anzeige. Für eine Reiserücktrittsversicherung, zu supergünstigen Konditionen.

Ja, das ist typisch deutsch. Der Deutsche sichert sich gerne ab gegen alle Risiken, die das Leben so bereit hält. Die Versicehrungswirtschaft kann davon ein fröhliches Lied singen. Die haben schon so ziemlich alles versichert, von den Beinen berühmter Schauspielerinnen über die Hinterteile diverser Sängerinnen bis hin zu Fußballfans, die sich gegen den Abstieg ihres Lieblingsvereins versichern wollten.

Deutsch ist die Schrankwand und der Gartenzwerg, der Hang zu Pedanterie und der Schweinsbraten. Jedenfalls im südlichen Teil Deutschlands. Deutsche, lernen ausländische Touristen, sagen am Telefon ihren Namen und regen sich auf, wenn es der Gesprächspartner nicht tut. Sie warten in Lokalen nicht darauf, dass ihnen der Kellner einen Tisch zuweist.

Sie bleiben an roten Ampeln stehen, egal, wie spät es schon ist und wie leer die Straße. Grundsätzlich und immer. So grundsätzlich, dass der französische Kabarettist Alfons schon gespottet hat, statt der Berliner Mauer hätte es auch eine rote Ampel getan.

Die Deutschen hassen dafür das Schlangestehen, eine Disziplin, die andere Völker wie das britische leidenschaftlich pflegen. In der Regel jedenfalls. Doch es gibt Ausnahmen, auch in Deutschland, im Zwischenreich der Disziplinen. Wer es nicht glaubt, dem sei ein Besuch auf dem Münchner Flughafen empfohlen.

Dort, im Ankunftbereich, spucken jeden Tag zwei gläserne Türen etliche Tausend Reisende aus, die auf etliche Tausend Abholer treffen, manche mit Namensschildern in der Hand, viele nur mit einem freudigen Lächeln im Gesicht. Es geht erstaunlich gesittet zu, kein Durcheinander, kein Chaos, sondern geordnetes Warten.

Der Grund dafür findet sich am Boden in Gestalt mehrerer dünner, gelber Linien. Die trennen den Wartebereich von den Glastüren weiträumig ab, geben einen schmalen Korridor für die Passagiere frei und halten die Besucher in einem weitläufigen Karree zurück.

Das Faszinierende: Kein Schild, kein Hinweis, nicht das kleinste Sätzchen erklärt, was die Linien bedeuten sollen. Sie sind einfach da. Und in den deutschen Gehirnen fügt sich ihre Existenz zu einer Bedeutung zusammen, bekommt sie Sinn und Inhalt. So viel Sinn, dass sie das Anarchische im Bayern überdecken kann.

Nicht aber das Deutsche in ihm. Denn wehe, einer überschreitet diese Linie. Der ist mit Sicherheit ein Ausländer. Und er wird sie noch lange spüren, diese brennenden Blicke in seinem Rücken. Und das nächste Mal warten, wie allen anderen auch, hinter der Linie. So wie es sich gehört in Deutschland. Auch in Bayern. Und sogar in München.