Fuchs, du alter Städter!

Wir kennen das alle. Es klingelt an der Tür; Besuch ist da, mal angekündigt, mal überraschend, mal willkommen, mal eher nicht. Doch das, was eine 75jährige dieser Tage in Icking nahe München erlebte, geht einigermaßen darüber hinaus.
Die Frau war auf ihrem Sofa eingenickt, als sie plötzlich etwas Haariges an ihrer Hand spürte. Sie zuckte erschrocken zurück – und schrie auf vor Schmerzen. Ein Fuchs hatte sie in die Hand gebissen, vermutlich seinerseits erschreckt vom Zucken der Hand.
Das Tier, so mutmaßen Veterinäre, sei aus Neugier durch die offene Terrassentür in das Haus spaziert. Tollwut vermuten sie bei ihm nicht. Die tödliche Krankheit gilt in Deutschland seit 2008 als ausgerottet.
Glück für die Frau. Und Glück für den Fuchs. Der suchte schnell das Weite. Dass ihm die Jäger nun nachstellen, muss er eher nicht befürchten.
Wobei – er lebt auf dem Land, wenn auch nahe an der Stadt. Dort ist das Leben für einen Fuchs von gelegentlich gefährlicher Natur. Er kann auf der Straße unter die Räder kommen. Er kann doch noch einem Jäger vor die Flinte laufen. Er kann auf vielerlei Art sein rothaariges Leben verlieren.
Das macht einsam. So um die vier Füchse teilen sich einen Quadratkilometer flachen Landes. Viel Raum für die Vierbeiner. Eigentlich geht es ihnen wie den Menschen. Draußen haben sie Platz. In der Stadt dagegen drängen sie sich.
München, so schätzen die Fachleute, beherbergt um die 4000 Füchse. Bis zu 15 der Tiere drängen sich hier auf einem Quadratkilometer. Nur zum Vergleich: Dackel, das inoffizielle Wappentier der Münchener, leben nur noch 700 in der Stadt.
Die Natur, so viel ist sicher, holt sich die Städte zurück. In Berlin sind es die Wildschweine, auf den Friedhöfen die Rehe, in den parks die Karnickel und in den Parkhäusern die Marder. An der Isar hinter dem Deutschen Museum lebt seit Jahren eine Biberfamilie. Und dass die Wildgänse die Wiesen rund um die Seen im Stadtgebiet regelrecht zu-, äh, -dingsen, nervt die Münchener schon lange.
Die Tier haben ihre Scheu vor den Menschen verloren. Sie streunen durch die Gärten, landen in den Zierteichen. Es kann einem gut passieren, dass nachts der Fuchs durch die Verandatür blickt. Sie alle finden in der Stadt, was ihnen auf dem Land fehlt: Fressen im Überfluss dank der stets gut gefüllten Mülltonnen, ruhige Plätzchen und, vor allem, keine Feinde.
Der Ickinger Fuchs wird folglich nicht der Letzte gewesen sein, der sich ins Haus vorgewagt hat. Und die Fachleute sehen sich schon genötigt, an eine simple Tatsache zu erinnern: „Nicht jagen, nicht füttern nicht streicheln.“ Denn auch in der Stadt bleiben die Viecher, was sie draußen schon immer waren: wilde Tiere.

Von Goldfischen, Sofas und Raketen

Im Englischen Garten zu München gibt es Teiche, jede Menge Teiche, der größte so groß, dass er sich schon See nennen darf. Andere wiederum bleiben wohl für immer namenlos, weil sie kaum größer als eine Pfütze sind.

So klein sie sind, zum Lebensraum taugen sie dennoch. Irgend jemand hat in einer dieser Pfützen ein paar Goldfische ausgesetzt. Die fühlen sich wohl, treiben im Schwarm dahin, vermehren sich, ernähren sich, von was auch immer. Und bereichern den Alltag, obwohl sie sind, wo sie nicht hingehören.

Unsere Natur ist längst nicht mehr jene, die sie einst war. Rotwangenschildkröten im harmloseren, Schnappschildkröten im härteren Fall tummeln sich in den Seen, Marderhunde und Waschbären in den Wäldern, Füchse, Biber und Biberratten in den Städten. Im Rheinland haben sich die Halsbandsittiche niedergelassen und krakeelen in munteren Kolonien. Bei uns krakeelen die Amseln, die inzwischen im Winter nicht mehr gen Süden ziehen und die Straßenlaternen für Sonnen halten, die sie die Nacht hindurch anzwitschern, bevor sie morgens übermüdet vom Ast kippen.

Zivilisation und Wohlstand verändern die Welt, manchmal zum Positiven, häufiger zum Negativen, wie der gigantische Plastikmüllwirbel im Pazifik mit seinen hundert Millionen Tonnen Plastik beweist.

Klar, der ist weit weg. Doch auch unser Müll dreht sich dort in einer endlosen Spirale. Oder die Autobahnen. 8000 Tonnen Müll klauben die Mitarbeiter der Autobahnmeistereien jedes Jahr zusammen. Kostet 110 Millionen Euro und füllt mal eben 15 Güterzüge.

Lästig, dieser Müll, einerseits. Und gefährlich dazu. Andererseits sagt er uns, welche Jahreszeit wir haben. Und wo wir genau sind. Hat die Münchner Autobahnmeisterei festgestellt. Die hat den Schrott analysiert und sortiert nach dem Speziellen und dem Üblichen, den Reifenteilen, Befestigungsgurten, Bremskeilen, Kühlschränken, Auspufftöpfen, Stoßstangen, Koffern, Taschen, Schuhen, Radkappen.

Im Sommer nämlich purzeln gerne Fahrräder auf die Fahrbahnen, Surfbretter und anderes Sportgerät. Im Winter sind es Skier oder Schlitten. Oder, wie dieser Tage auf der Münchener Ostumgehung, Weihnachtsbäume. Bierlaster, die ihre Ladung auf die Straße und nicht in die Kneipe kippen, arbeiten zwar saisonunabhängig, geben aber einen Einblick in die lokale Wirtschaftsstruktur. Das gilt auch für die Einrichtungshäuser.

Denn auch das findet die Polizei im Münchener Süden immer häufiger auf der Autobahn: Mobiliar, ganze Sofas, Matratzen. Was die Leute so kaufen, auf das Dach ihres Wagens schnallen und unterwegs verlieren. Im Umland, hat die Polizei festgestellt, siedeln sich immer mehr Möbelhäuser an. Das wirke sich auch auf der Autobahn aus.

Es hat auf seine Weise etwas Beruhigendes. Wer weiß, was auf den Bahnen läge, wenn nicht nur Möbelhäuser im Umland siedelten, sondern beispielsweise Rüstungsbetriebe. So ein Crash mit einem Sofa klingt komfortabler als einer mit einer verlorenen Pershing. Die könnte einen schnell dorthin befördern, wo die Goldfische aus dem Englischen Garten noch lange nicht sein werden – in den Himmel.

Immer der Nase nach

Es ist, sehen wir den Dingen mal ins Auge, die bittere Wahrheit: Wir sind kleine, fremdbestimmte Würstchen. Unsere Instinkte steuern uns, sie, die wir vermeintlich längst abgelegt haben als Relikte aus der tierischen Vergangenheit. Die ist uns weit näher, als wir wahrhaben.

Männer zum Beispiel. Dass sie Frauen erst auf und dann in die Augen schauen – sie können nichts dafür. Reine Biologie, Zwangssteuerung von innen. Dient dem Fortbestand der Art. Oder Frauen. Finden jedes Baby süß, egal wie hässlich es  ist. Dient auch dem Fortbestand der Art. Selbst die schmerzhafte Erkenntnis ändert nichts, dass die süßen Kleinen zwingend zu nervenden Pubertisten mutieren werden. Die Bindung hält. Und das macht Sinn, weil wir andernfalls längst ausgestorben wären.

Oh, wir werden manipuliert. Von unseren Genen, unseren Ahnen, unserer Industrie. Soundingenieure tüfteln für die Ohren daran, dass der Motor optimal röhrt und die Tür mit jenem Plopp ins Schloss fällt, das  in uns irgendetwas anspricht und uns den Kauf erleichtert.

Und erst die Supermärkte.  Riesige Einkaufswagen suggerieren dem Auge, dass wir noch nichts eingekauft haben. Zucker, Brot, Kaffee, Milch sind strategisch so verteilt, dass wir  weite Wege gehen, an jenen Dingen vorbei, die wir  nicht auf der Liste und trotzdem im Wagen haben.
Oder die Nase. Bäcker locken mit dem Duft von frischem Brot, Kaffeeröster mit künstlichem Kaffee-Aroma. Eine Hotelkette setzt auf Zigarren, Zedernholz und Bücher, eine andere auf Feige, Bergamotte und Jasmin. Modeketten besprühen die Wäsche mit ihrem Parfum, Autohersteller ihre Erlebniswelt mit jahreszeitlich passenden Aromen. Und Reisebüros setzen auf den Duft von Sonnenmilch.

Denken Sie daran, wenn sie wieder einmal Einkaufen gehen. Und sich nachher fragen, wieso um alles in der Welt Sie nur den ganzen Schmarrn gekauft haben. Sie können nichts dafür. Es hat nur zu gut gerochen.

Der Selbstmord der Melonen

Ach ja, das Essen. Keine andere Nation in Europa geht derart lieblos damit um. Wir sparen uns die Qualität, stehen auf Junk Food, auf Convenience, auf Retortenmist.

Wir haben unsere Kühe auf Turbo gestilt und ihnen Euter angezüchtet, dass sie kaum noch laufen können. Puten und Hühner in den Mastbetrieben sind so sehr auf Muskelmasse getrimmt, dass sie im Leben nicht fliegen könnten. Wenigstens ersparen wir ihnen die Erkenntnis und sperren sie in so enge Ställe, dass sie es ohnehin nicht könnten.

Schweine mit 32 Rippen sind inzwischen Standard. Dabei hat die Natur nur zwei Dutzend Rippen vorgesehen. Doch die gewinnoptimierte Sau trägt acht Zusatz-Koteletts mit sich herum. Mehr, sagen Forscher, geht nicht. Weil das Fleisch schlapp wird und sich nicht braten, sondern nur in der eigenen wässrigen Brühe kochen lässt.

Eklig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Natur sich wehrt. Jetzt tut sie es. Wenn auch nicht bei uns, sondern drüben in China. Dort haben sich Zigtausende von Wassermelonen in den kollektiven Selbstmord gestürzt, sind einfach explodiert. Muss gruselig gewesen sein, wie sie platzten, wie sie ihr Fruchtfleisch meterweit schleuderten und hinausschrien: „Seht! Wir sind geknechtet! Wir setzen ein Fanal!“

Und jetzt? Jetzt werden die Killertomaten aus den Gewächshäusern rollen, überzüchtete Dinger, die nie die Sonne gesehen haben. Ihnen folgen die Salatköpfe, deren Wurzeln endlich Erde spüren wollen. Und erst die Salatgurken! Gefährliche schlängelnde Teile ohne Selbstwertgefühl, seit Discounter sie für 30 Cent verramschen.

So wird es kommen. Eines Tages. Denn das in China war eine Panne, ein Betriebsunfall. Die Bauern hatten Forchlorfenuron versprüht, einen Wachstumsbeschleuniger. In der falschen Menge, im falschen Moment, beim falschen Wetter. Die Melonen taten, wie befohlen, und wuchsen. Bis die Schale nicht mehr standhielt und knallend nachgab. Keine Sorge. Forchlorfenuron ist in Europa verboten. Jedenfalls für Melonen.

Wie verliert frau zwei Tonnen Stahl?

Weg ist schnell was. Der Ring, flutsch, vom Finger, ab in den Gulli und fort. Der Schlüssel, eben noch da, auf einmal unauffindbar. Das Handy, eigentlich garantiert in der Handtasche. Doch da klingelt es nicht. Dinge verlegen sich, verschwinden an unmögliche Orte.

Jeder kennt das Phänomen. Es wäre eine Untersuchung wert, wie viel Lebenszeit der Mensch suchend verbringt. Nicht nach dem Sinn des Lebens oder der einen wahren Liebe. Sondern nach Sachen, einfachen Dingen des Alltags. Früher gab es mal den Keyfinder. Ein Pfiff. Und das Teil piepte los. Oder auch nicht. Auch so eine Frage – gibt es den noch?

Die Fundbüros sind voll mit solchem Krempel. Und jedes Jahr im Oktober, wenn die Wiesn vorbei ist, gehört es zu den Münchener Ritualen, dass die Polizei vermeldet, was sie so gefunden hat. Zahllose Gebisse sind dabei, gelegentlich eine Beinprothese, Geldbeutel und Schlüssel in Legion, dazu Dirndl, Skistiefel, Angelruten. Einer hat mal seinen Hund zurück gelassen, ein anderer seinen kleinen Sohn. Allein ist er trotzdem nicht zuhause angekommen – er hatte nur das falsche Kind im Schlepptau. Natürlich spielt der Alkohol hier eine gewisse Rolle. Im Rausch verliert mancher eben nicht nur Orientierung und Halt, sondern auch all die losen Dinge, die er oder sie so mit sich herumschleppt. Doch sie alle haben dieser Tage ihre Meisterin gefunden.

Nennen wir sie mal Susanne. Susanne hat ein Teil verlegt, rund zwei Tonnen schwer, fast fünf Meter lang, nicht ganz zwei Meter breit und knapp 1,50 Meter hoch. Nicht eben alltäglich, so ein Trumm. Irgendwo in München ist ihr das passiert. Nüchtern. Susanne sucht seit ein paar Wochen ihr Auto. Doch sie findet es nicht. Irgendwann im März war sie von Starnberg in die Stadt gefahren, hinter einer Freundin her, weil sie zu André Heller wollten. Sie sei mal kurz abgelenkt gewesen, sagt sie. Und folgte weiter dem Wagen vor ihr. Nur ist das nicht mehr ihre Freundin, sondern irgendein Fremder. Der biegt in eine private Tiefgarage ein, Susanne fährt ihm nach. Parkt. Steigt aus. Stellt fest, dass sie den anderen gar nicht kennt. Und geht. Seitdem sucht sie ihren Wagen. Sie hat keine Ahnung mehr, wo die Tiefgarage ist, hat schon an etlichen Türen geklingelt, in viele Garagen geblickt und sogar mit der Polizei geredet. Die allerdings sucht allenfalls kleine Kinder und keine großen Autos. Ihre Tochter hat Susanne im März aus dem Wagen mitgenommen. Immerhin. Selbst eine Plakataktion und hundert Euro Finderlohn haben die Limousine nicht zurück gebracht.

Seitdem radelt Susanne oder sie nimmt Bus und Bahn. Dumm gelaufen sozusagen. Im doppelten Sinn. Denn nicht nur ihr Wagen ist weg. Den Auftritt von André Heller hat sie auch noch verpasst.

Die Schweizer – ein echter Brüller

Okay, mit München hat das Thema nur am Rande zu tun. Aber manchmal lohnt sich ein Blick über die Landesgrenzen. Notfalls sogar in die Schweiz.

Ich für meinen Teil jedenfalls kann Bundesrat Hans-Rudolf Merz nur Recht geben. Ich habe keine Ahnung, über welchen europäischen Wahnsinn er da redet. Aber wie er das macht, das ist absolut sehenswert. Und überaus lustig. Dafür hier klicken. Lohnt sich!

Da kann nicht mal unser Horst mithalten, der Seehofers Horst, obwohl er ähnlich rechnet wie die Brüsseler Bürokraten formulieren. Wie sagte er doch dieser Tage über das unsägliche Grünen-Video seines Generalsekretärs? „70 000 haben sich das angesehen. Ich schaue es mir heute auch noch an. Dann sind es 71 000.“

Verrückte Facebook-Welt

Es hat geschneit. Heute Nacht. Alles war weiß in der Früh. Ein Traum. Nicht nur für Kinder, auch für uns. Weil es weihnachtlich wird, draußen, endlich.

Wir saßen dann beim Frühstück. Umgeben von Fenstern. Mit Blick in den Garten. Den verschneiten Garten. Auf verschneite Bäume, Büsche, weiße Hausdächer und weiße Rasenflächen. Mit Schneeflocken, die vor den Scheiben tanzen.

Schulkinder sind morgens etwas müde. Und, in der Folge, etwas wenig, nun ja, gesprächsbereit. Unsere Tochter jedenfalls sagte: nichts. Aß, schwieg, ging nach oben, schminkte sich, kam wieder runter. Schwieg weiter.

Bis ihr Blick sich dann doch nach draußen verirrte. Sie sagte so etwas in der Art von: „Oh, es hat ja tatsächlich geschneit“, mehr nicht. Es hatte sie zu meiner Überraschung nicht überrascht. Ich habe sie danach gefragt. Und eine Antwort bekommen, die Menschen in meinem Alter nur schwer verkraften, weil sie so überhaupt nicht zu unserer aufkommenden Altersromantik passen: „Ich hab’s schon gewusst, dass es geschneit hat. Stand bei Facebook.“

So weit sind wir also. Wichtig ist nicht mehr, was draußen vor der Tür passiert. Es ist nicht geschehen. Es ist erst dann passiert, wenn es bei Facebook steht, weil es irgendeiner der zahllosen Freunde gepostet hat. Sie haben es geschafft. Die virtuelle Welt hat die reale überholt, sie abgelöst, sie ins virtuelle Nichts gestoßen. Ich fühle mich auch schon ganz transparent, irgendwie so leicht verschwommen. Kann mich mal einer zwicken, ob ich noch echt bin? Bitte!

Hey, Hirndübel! Wir zahlen!

Lieber Hirndübel,

ja, ich bekenne: Ich rauche nicht. Oder nicht mehr. Ich habe das lange Jahre lang getan. Und es mir dann mühsam abgewöhnt. Weil auch die Bundesregierung gesagt hat: Lasst es. Es ist ungesund. Wir schreiben es Euch auf die Schachteln, auf die Plakate, ins Fernsehen, wie ungesund es ist. Sie haben sogar Schachteln für Frauen gemacht („Rauchen lässt Ihre Haut früher altern“) und für Männer („Rauchen kann Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein“). Unsere Regierung hat da einiges an Hirnschmalz investiert. Werbung verboten, aufgeklärt, die Medien eingespannt, die Ärzte (auch wenn die selber rauchen), das volle Programm. Und dann soll ich noch weiter rauchen?

Also habe ich es gelassen. Etliche Male. Immer wieder. Ich habe Pflaster gekauft (denk mal nur an die Mehrwertsteuer, die da drauf ist). Nikotinkaugummis (auch besteuert. Ein Freund von mir kaut die seit etlichen Jahren. Dafür raucht er nicht mehr.). Ratgeber in Buchform (okay, da sind nur sieben Prozent drauf. Aber immerhin!). Ich hätte auch noch zum Arzt gehen können (machen manche) und zur Hypnose sowie zu Akupunktur, Gruppensitzungen, Gesprächstherapien undsoweiter. Bei Ärzten/Therapeuten/Betreuern, die ihrerseits wieder Lohnsteuer zahlen. Und Mehrwertsteuer auf die Nadeln. Und die Pendel. Und die Sitzkissen.

Ehrlich, Hirndübel, da kommt was zusammen, bis unsereiner nicht mehr raucht.

Ich habe es dann geschafft, ohne den ganzen Kram. Dafür ist mein Gummibärchen-Konsum dramatisch angestiegen. Und der Alkoholkonsum auch (hat das schon mal einer gemerkt? Wer nicht mehr raucht, der verträgt mehr Alkohol. Oder trinkt er nur mehr, weil er keine Kippe mehr zwischen den Lippen hat, die den Weg für das Glas versperrt?). Ich habe zugenommen, satt zugenommen. Weil ich mehr gegessen habe. Essen, das ich selbstverständlich versteuert habe. Und weil ich, als frisch geborener Nichtraucher, neuerdings beim Metzger um die Ecke nicht mehr vor die Tür muss für die Leberkässemmel, bringt das dem Finanzamt sogar 19 Prozent. Ist ja bekannt, dass Essen im Imbiss 19 Prozent Steuer macht, Essen davor aber nur sieben Prozent.

Dafür ist mein Kaffeekonsum gesunken. Ich vertrage den irgendwie nicht mehr so richtig. Außerdem schmeckt er mir ohne Zigarette nicht. Ist aber auch nicht so schlimm. Sind ja nur sieben Prozent Mehrwertsteuer drauf. Auf Wein und Bier dagegen sind es 19 Prozent. Und, siehe oben, davon geht jetzt mehr. Macht ein sattes Plus bei meiner Steuerbilanz.

Womit wir bei dem Problem wären, das die Ex-Raucher am meisten quält: ihr Gewicht. Dafür gibt es in den Apotheken wunderbare Mittelchen, die den Appetit zügeln, die Pfunde purzeln lassen. Und mit edlen 19 Prozent besteuert sind. Und funktionieren tut es trotzdem nicht. Tja. Und so verfetten all die ehemaligen Raucher langsam, aber unaufhaltsam mit katastrophalen Cholesterinwerten und einem Zuckerspiegel, der Diabetes Typ 2 ziemlich wahrscheinlich macht. Und dann sollen wir länger leben als die Raucher? Blödsinn, lieber Hirndübel, Blödsinn. Über 90, das werden doch nur Raucher wie Helmut Schmidt.

Soll ich das jetzt mal alles zusammenzählen, was mich meine Nichtraucherei in den vergangenen Jahren so gekostet hat? All das Geld, das ich zusätzlich rausgehauen habe für die Substitute? Und erst die Kohle, die ich ausgegeben habe, weil ich doch jetzt so viel durchs Nichtrauchen spare? Echt, ohne mich und all die anderen nicht mehr rauchenden Raucher wäre die Konjunktur ganz anders eingebrochen. Und Du magst unseren Beitrag anmahnen. Tsts.

Dein Roland

Rauchen für die Wirtschaft!

Wunderbar! Ein Traum! Auf so etwas können doch nur Politiker kommen: Wir heben die Tabaksteuer an, damit die Konzerne nicht so viel Ökosteuer zahlen müssen. Ich finde das okay. Schließlich zahlen die Raucher ja schon für die Sicherheit. Schon vergessen? 2001? Richtig: Nach den Anschlägen in New York hat die Bundesregierung die Tabaksteuer angehoben, für ihr Sicherheitspaket.

Blöd nur, wie das jetzt in Bayern läuft. Schließlich haben wir hier, dank der CSU, „das bundesweit schärfste Nichtraucherschutzgesetz“. O-Ton Georg Schmid, Fraktionschef der CSU. Bevor Sie jetzt wieder auf die armen Bürger losgehen, die beim Volksentscheid sich gegen das Qualmen ausgesprochen haben – die haben nachvollzogen, was die CSU ihnen einst vorgegeben hat. Die Grünen und die ÖDP und all die anderen haben sich erst später auf das Thema geschmissen. Der Mensch vergisst ja schnell. Die Grünen zum Beispiel wollten anfangs, dass in und vor Jugendzentren weiter geraucht werden darf. Weil sonst die Sozialpädagogen an die Jugendlichen nciht mehr herankämen. Haben sie gesagt.

Und jetzt das.

Bayerns Wirtschaft wird leider untergehen. Weil hier kaum noch geraucht werden darf. Und entsprechend geringer muss doch dann die Entlastung bei der Ökosteuer ausfallen. Also, Leute, macht es wie der Typ auf dem Bild. Qualmt, was die Kiste hergibt. Die deutsche Wirtschaft wird es Euch danken.

Ach, noch eine kleine Bitte an die Raucher: Lasst den Quatsch mit dem Aufhören. Das haben Euch sogar die Grünen schon mal krumm genommen. Weil die Einnahmen dann plötzlich nicht mehr wie erwartet sprudeln. Und das will keiner, wo doch Rauchen neuerdings dem Allgemeinwohl dient.

Grausame Kunst!

Schon süß, so ein Reh oder? Diese rehbraunen Augen, der treue Blick, die aufmerksam aufgestellten Ohren. Das ergreift das Herz. Spätestens seit der rührenden Geschichte von Bambi. Okay, der war ein Hirsch. Und ein Halbwaise. Weil die bösen Jäger seine Mutter gemeuchelt haben.

Womit wir mitten in der grausamen Gegenwart wären. und an der Münchener Staatsoper. Die gibt demnächst ein Stück, das mir zugegebenermaßen gänzlich unbekannt war. Rusalka heißt die Oper. Anton Dvorak hat sie geschrieben, und der ist mir mehr durch seine Sinfonien bekannt, vor allem durch die „Aus der Neuen Welt“. Gut, genug geprotzt mit bildungsbürgertümlichem Wissen. Und zurück nach München.

In der Oper geht es offensichtlich recht tragisch zu, mit verschmähtem Liebesglück, Elfen, Irrlichtern und Prinzen. Es wird geliebt, getrennt und gestorben. Und es wird gejagt. Womit wir bei den Rehen wären.

Heutzutage braucht eine Oper nicht mehr nur gute Sänger, sondern auch einen Knalleffekt. Den versteht zwar nicht immer jeder – im Sommer bei den Wagner-Festspielen zum Beispiel waren etliche Zuschauer bei Lohengrin überfordert und konnten den gerupften Schwan so wenig einordnen wie die Rattenkostüme. Schwan und Ratten blieben trotzdem.

München ist da anders. Und handelt. Das ist gut für die Rehe. Und schlecht für Regisseur Martin Kušej. Der wollte das mit den Rehen nämlich besonders authentisch haben, warum auch immer. Und so mussten die Sänger auf der Bühne schon bei den Proben reihenweise tote Rehe häuten. 

Tja, und das ist jetzt bekannt geworden. Wobei die Menschen weniger über die Botschaft nachgedacht haben, die der Regisseur womöglich transportieren wollte – wenn er denn eine Botschaft hat. Es war mehr das Schicksal der, zugegebenermaßen zu diesem Zeitpunkt schon mausetoten Rehe, das sie bewegte. Weil, wenn die zum Essen sterben müssen, ist das schon schlimm genug in den Augen der Tierschützer. Aber auf offener Bühne? Für die Kunst? Und für eine Aussage, für welche auch immer?

Eben. „Es geht auf der Bühne um den Inhalt und die künstlerische Aussage der Interpretation“, hat Staatsintendant Nikolaus Bachler ganz richtig erkannt. „Daher wählen wir Mittel, die es den Boulevardmedien nicht ermöglichen, von der Kunst abzulenken.“ Jetzt müssen die Sänger ohne echte Rehe auskommen und dafür „Reproduktionen“ häuten. Kunstrehe also.

Oha. Da ist einer beleidigt.  Und alles nur, weil der doofe Boulevard wieder einmal nichts begriffen hat und sich als unfähig erwiesen hat, das große Übergeordnete zu erkennen. Wo doch die Rehe gar nicht für die Oper gekillt worden sind, sondern ganz normal von einem Metzgerbetrieb gekauft worden sind. Na ja. Darüber ließe sich jetzt trefflich streiten. Eine geradezu philosophische Frage nach dem Sein und dem Nichtsein: Wären die Rehe noch am Leben, wenn die Oper sie NICHT gekauft hätte? War ihr Tod, so gesehen, gar nicht so sinnlos, wie er uns erscheinen mag? Und sei es nur, dass sie sich opfern mussten, damit die anderen aus ihrem Rudel heute weiterleben dürfen? Weil die Nachfrage nach ganzen, aber dennoch toten Rehen in jener Metzgerei plötzlich einen dramatischen Einbruch erlebt hat? Waren es am Ende gar keine frischen Rehe, sondern tote Asservate aus den Zeiten der Gammelfleischskandale? Und was sagt die Gewerkschaft der Sänger dazu? Ja, gibt es sie überhaupt? Fragen über Fragen. Und so wenige Antworten.