Na so was, Gutti hat abgeschrieben…

Ehrlich gesagt – so schnell haben nicht mal wir in München damit gerechnet. Dass Karl Theodor zu Guttenberg eines Tages in Schwierigkeiten geraten würde, das war den meisten hier klar. Der Aufstieg sei zu steil, haben sie in der CSU getuschelt, zu hoch und zu schnell. Der werde mal stolpern, über irgend etwas. Spätestens, wenn das mit seiner Kanzlerkandidatur in trockenen Tüchern sei. So haben sie es vorhergesagt, die ganzen schlauen Köpfe hier. 

Jetzt stolpert er ganz gewaltig. Jetzt schon, wo von seiner Kanzlerkandidatur weit und breit noch nichts zu sehen ist.

Am Hindukusch erschießen sich seine Soldaten gegenseitig, wenn sie nicht gerade fremde Post lesen; auf der Gorch Fock stürzen sie in den Tod, wenn sie nicht gerade wegen des rauen Tons an ihrer Berufung zweifeln. Und zuhause mäkeln sie erst an seinen Bundeswehrsuperreformplänen herum. Und dann an seiner Doktorarbeit. Ausgerechnet an ihr, die er, der Star, mit Bestnote geschrieben hat.

Kein Wunder. Wo er sich doch nur aus den besten Quellen bedient hat, aus anderen Doktorarbeiten etwa. Vor allem aber aus der Elite der Zeitungen, der Neuen Züricher, der Frankfurter Allgemeinen. Fast schon beleidigend für die Süddeutsche, dass sie nicht dabei ist. Wahrscheinlich lesen ihre Redakteure jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben Guttenbergs Doktorarbeit ganz genau, Seite für Seite, Zeile für Zeile, in der Hoffnung, sie könnten noch ein paar gestohlene, pardon, nicht korrekt mit Quellenangaben versehenen Passagen finden.

Und was ist mit unserem Blatt? Nichts. Nicht das allerkleinste Plagiat. Nicht eine Zeile hat der Verteidigungsminister uns gemopst. Hallo Herr Guttenberg! Bei uns lohnt sich das Abschreiben auch! Ehrlich! Wir würden nicht mal ein Honorar von Ihnen verlangen. Glaube ich jedenfalls. Wir wären doch schon mit einer Fußnote zufrieden. Mit einer klitzekleinen. Das muss sich doch machen lassen, oder?

Und bald: Saufen für die Wirtschaft! Und muhen für’s Klima!

Herrje. Das mit der Tabaksteuer eröffnet doch ganz neue Felder. Wie wäre es, wenn wir künftig mehr Alkoholsteuer zahlen? Und die Einnahmen dann in atomare Endlager investieren? Saufen für die Kernkraft, das hätte doch was. Oder hundert Prozent Steuer auf Kondome. Und die Einnahmen dann ab in die Rentenkasse. Weil mit Kondom kein Nachwuchs, ohne Nachwuchs aber kein Rentenbeitragszahler, folglich Ebbe in der Rentenkasse. So könnte jeder entscheiden und immer seinen Beitrag zahlen.

Und erst die Kühe. Gibt es das schon, eine Kuhsteuer? Wahrscheinlich nicht. Die ließe sich doch einführen, meinetwegen Muhsteuer nennen und sich, wie die Kfz-Steuer auch, eines Tages quasi schadstoffausstoßabhängig gestalten. Weil Kühe doch, pardon, rülpsen und, nun ja, blähen, dass es eine Pracht ist. Die hauen vorne und hinten mehr klimaschädliches Zeug raus als alle Lastwagen auf der ganzen Welt. Mit den Einnahmen ließe sich dann Wunderbares finanzieren. Elektroautos zum Beispiel. Auf deren Batterie dann eine kleine Akkusteuer, weil die Dinger ja auch nicht wirklich umweltfreundlich sind. Mit den Einnahmen ließen sich dann die Bauern subventionieren, die vermutlich wegen der Muhsteuer gerade in ernsthaften Schwierigkeiten stecken.

Dumm nur, dass auf die Sache mit der Ökosteuer beim Benzin schon einer gekommen ist. Schon vergessen, gell? Liegt zehn Jahre zurück. Da hat Rot-Grün die Ökosteuer auf Sprit eingeführt. Nein, nicht was Sie jetzt denken. Da ging es nicht darum, dass die Leute weniger Auto fahren sollten. Im Gegenteil. Mit dem Geld sollten die Rentenbeiträge stabil bleiben. Rasen für die Rente, ein wunderbarer Gedanke.

Doch, ich bin gespannt, was denen in Berlin noch alles einfällt.

Mei, der Edmund, gell? Wieder mal ein Zitat

Ja, da ging ein Raunen durch den Zuschauerraum. Eine knappe Stunde hatte Edmund Stoiber geredet. Und es war kein einziger Fehler dabei. Nicht ein Stolperer. Kein „ah, äh, also…“ Und dabei ging es doch um die Landesbank, dieses komplexe Ungeheuer. Oder doch zumindest diesen ungeheuer teuren Komplex.

Aber dann. Gerade, als wir uns sorgen wollten, war das Manuskript zu Ende, dass sie Stoiber mitgegeben hatten in einer gelben Klarsichtmappe. Dann musste er frei reden. Endlich. Und endlich kamen sie, die Jas und Ähs, die Sätze, deren Anfang so gar nichts mit dem Ende zu tun hatten. Sinnentleerte Gebilde, die wohl nur ihr Erfinder selbst verstehen konnte.

Und Beruhigung machte sich breit. Der Edmund, er ist eben doch noch der Alte. Und wie.

„Der Vater des Wunsches ist der Gedankengang.“ Hat er gesagt. Tatsächlich. Jetzt rätseln alle: Wer war die Mutter? Und wie geht es dem kleinen Gedankengang heute? Ist er schon groß, von derart philosophischer Qualität, wie sein Schöpfer Edmund ihm es mit in die Wiege gegeben hat? Und wie geht es dem Wunsch? Erfüllt? Oder doch nur wieder einer dieser vielen, sinnlos in die Sternschnuppe gemurmelten Wünsche, totgeweiht schon bei seiner bloßen Formulierung? Wer von uns erinnert sich schon an all die Wünsche, die er kurz als Gedankengang zwischen den Ohren bewegt und dann dem Universum anvertraut hat? Gut, dass die Sterne so geduldig sind. Wie heißt es doch so schön: „Vakuum, Vakuum. . . Ich hab’s im Kopf, aber ich komm nicht drauf.“

Hoppla, die CSU mag Asylbewerber!

Manchmal bekomme ich doch erstaunliche Dinge auf den Tisch. Die CSU und die Asylbewerber, eine endlose Geschichte mit immer gleichen Positionen. Wir kennen das. Asylbewerber dürfen sich hier nicht allzu wohl fühlen; alles, was ihnen die Heimreise erleichtert, ist gut. Und wenn es Sammelunterkünfte und Essenspakete sind. So war das jedenfalls bisher.

Und jetzt das. Da bekomme ich doch tatsächlich folgende Einladung, die eine radikale Kehrtwende signalisiert. Achtung:

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Bayerisches Staatsministerium des Innern
Pressestelle
Newsletter: StMI-Sofort
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Zukunft der Unterbringung von Asylbewerbern – Einladung zur PK (PM 49/10 vom 17.02.10)

Pressekonferenz zur Zukunft der Unterbringung von Asylbewerbern
Das Bayerische Staatsministerium des Innern erinnert freundlich an folgenden Termin:

Die Aufenthaltsdauer von Asylbewerbern in Gemeinschaftsunterkünften muss sich verkürzen – CSU mit neuem Positionspapier für eine Verbesserung der Unterbringungssituation

„Die Aufnahme von Asylbewerbern ist für Bayern ein humanitäres Gebot. Insbesondere vor der außerordentlich schwierigen Lebenssituation in den Herkunftsländern dürfen wir die Augen nicht verschließen und müssen ihnen deswegen hier eine adäquate Wohnsituation schaffen. Der Hungerstreik der Asylbewerber in den beiden niederbayerischen Gemeinschaftsunterkünften Hauzenberg und Breitenberg hat gezeigt, dass wir unsere grundsätzliche Position nochmals überdenken müssen. Es ist ein Gebot christlicher Nächstenliebe, auf die Forderungen der Streikenden einzugehen.“, sagte Innenminister Herrmann in Bezug auf die wachsenden Proteste von Asylbewerbern in Bayern.

Das Positionspapier der CSU zur Asylpolitik in Bayern, das die Fraktion im Landtag am 26.01.2010 veröffentlichte, wird daher derzeit überarbeitet: „Wir werden uns für eine grundsätzliche Beschränkung der Aufenthaltsdauer in Gemeinschaftsunterkünften von einem Jahr einsetzen. Ich bin mir sicher, dass dies den Menschen hilft, sich schnell und nachhaltig in ihrer neuen Heimat einzuleben. Da sich das System der dezentralen Unterbringung bei den christlichen irakischen Flüchtlingen in München bewährt hat, ist die CSU nun bereit, Änderungsmaßnahmen einzuleiten.“, so Herrmann.

Das neue Positionspapier wird Ende dieser Woche vorgelegt. Herrmann: „Neben der Verkürzung der Aufenthaltsdauer von Asylbewerbern in Gemeinschaftsunterkünften beinhaltet das Positionspapier die Einführung von Wertgutscheinen statt Essenspaketen und die generelle Ausweitung der Residenzpflicht auf den Freistaat Bayern.“

Die Pressekonferenz findet statt am

Freitag, den 19. Februar 2010 um 11.00 Uhr
im Sitzungssaal 111 des Bayerischen Staatsministeriums des Innern, Odeonsplatz 3 in München.

Berichterstatter und Bildberichterstatter sind zu diesem Termin herzlich eingeladen.

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Pressesprecher: Oliver Platzer
Telefon: (089) 2192 -2114
Telefax: (089) 2192 -12721
E-Mail:  presse@stmi.bayern.de
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Zum Abbestellen der Liste benutzen Sie bitte das Formular unter:
http://www.stmi.bayern.de/presse/newsletter/

Wow. Alles neu macht der Februar.

War aber, wie Horst Seehofer gerne sagt, nur Spaß. Oder ein übler Scherz. Da hat sich wohl einer auf Kosten der CSU lustig gemacht. Denn gleich danach kam folgende Mail. Achtung:

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Bayerisches Staatsministerium des Innern
Pressestelle
Newsletter: StMI-Sofort
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Gefälschte PM zum Thema Asylbewerber (PM 49/10 vom 17.02.10)

Angebliche Einladung zur Pressekonferenz am
19. Februar 2010 ist Fälschung

Bei der angeblichen Einladung zu einer Pressekonferenz des Innenministeriums zum Thema „Zukunft der Unterbringung von Asylbewerbern“ für Freitag, den 19. Februar 2010 handelt es sich um eine

F Ä L S C H U N G!

Es findet weder eine Pressekonferenz statt noch hat sich die Haltung von Innenminister Joachim Herrmann zu dem Thema geändert.

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Pressesprecher: Oliver Platzer
Telefon: (089) 2192 -2114
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E-Mail:  presse@stmi.bayern.de
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Respekt. Wir hätten es fast nicht gemerkt. War aber auch dermaßen überzeugend, wie Herrmann da argumentiert hat, der falsche Herrmann. Äh, logisch. Auch das „war nur Spaß.“

Was darf ein MP a.D. kosten?

Was muss der arme Mensch für eine Angst haben. Weniger vor dem gemeinen Volk. Mehr vor der Prominenz dieses Landes. Anders lässt sich kaum erklären, dass seine Leibwächter ihn vom Tisch zur Tanzfläche und wieder zurück begleiten mussten. So ist es geschehen auf dem Münchner Filmball.

Nein, die Rede ist hier nicht von Bill Gates oder George Clooney oder Barack Obama. Bei ihnen hätte ich das noch nachvollziehen können. Weil Gates sich vor entnervten W indows-Usern schützen muss, Clooney vor all seinen Fans und Obama vor wem auch immer (Vielleicht vor Al Qaida? Den Republikanern? Guido Westerwelle?).

Es geht um Edmund Stoiber. Sie erinnern sich vielleicht noch an ihn. Er war mal Ministerpräsident von Bayern, so vor gut zweieinviertel Jahren, hat die CSU an den Abgrund geführt, bis ihn seine eigene Partei vor die Tür setzte. Schuldig allerdings fühlt er sich bis heute nicht.

Stoiber jedenfalsl besteht auf Personenschutz. Überall. Selbst auf dem Filmball. Mehrere LKA-Beamte (die genaue Zahl ist, logisch, ein Geheimnis) sind stets an seiner Seite. Wie auch beim Filmball. Wobei sich die Bedrohung mir nicht recht erschließen mag. Nirgendwo. Und schon gar nicht beim Filmball.

Selbst Theo Waigel hatte als Finanzminister im Ruhestand weniger Schutz nötig – und wer mag schon Finanzminister? Aber Stoiber stehen die Wachen zu, außer, er verzichtet freiwillig darauf. So wie einst Günther Beckstein. Der fuhr sogar als hoch gefährdeter Innenminister nachts gerne mal mit der U-Bahn, schickte LKA und Fahrer nach Hause und gab sich als das, was er immer geblieben ist: als ganz normaler Mensch.

Stoiber ist da anders. Ganz anders. Leibwächter machen einfach etwas her. Und während Beckstein, inzwischen wie Stoiber ein ehemaliger Ministerpäsident, bescheiden ein kleines Büro in der Dependance der Staatskanzlei bezogen hat, residiert der Oberbayer seit zwei Jahren in einem mehr als komfortablen Komplex mitten in München. 13 Zimmer hat sein Büro; Fahrer stehen Stoiber zur Verfügung, Sekretärinnen, Mitarbeiter, und einen eigenen Pressesprecher hat er auch immer noch. Weil, sagen die in der CSU, er schließlich in Brüssel die Bürokratie entbürokratisiert. Und dafür brauche er schon eine gewisse Ausstattung, auch als ehemaliger MP stehe ihm das zu.

Stimmt schon. Ex-MPs haben Verpflichtungen, bekommen Briefe, sollen irgendwo reden. Aber gleich ein solcher Luxus? Und was das kostet. Mehr als 400 000 Euro. Pro Jahr. Nur für Stoiber. Und ohne LKA-Beamte. Die kommen noch oben drauf. Und seine Rente auch noch. Die ist da ebenfalls nicht eingerechnet.

Ehrlich, das halte ich für übertrieben. Schon in wirtschaftlich guten Zeiten wirkt das einigermaßen maßlos. Aber jetzt, da die Kassen leer sind (und nur mal so als Frage: Welche Rolle hat Stoiber dabei gespielt, bei der Landesbank, beim Verkaufen des Tafelsilbers?), da stinkt das doch gewaltig. Darüber sollte Stoiber mal nachdenken. Und dann vrzichten. Als Geste sozusagen. Als Zeichen, dass ihm das Wohl des Landes am Herzen liegt. Wäre eine Nummer. Wird nur nicht passieren.

„Mein Gott“ – so sieht Horst sich selbst

Ich glaube, ich werde hier mal eine neue Rubrik einrichten. Das aktuelle Politiker-Zitat. Weil ich auf so etwas stehe. Und sie woanders nicht unterbringen kann, all die schönen Sätze, die den Politikern entströmen und die einem im Lauf des Lebens so unterkommen. Wo die doch gelegentlich so wundervoll missverständlich sein können. Und wir Journalisten sie sofort und vorsätzlich immer falsch verstehen wollen. Sagen jedenfalls die Politiker. Recht haben sie. Zwei aktuelle Beispiele:

Den Anfang darf, logisch, Ehre wem Ehre gebührt, in Respekt vor seiner herausragenden Position, dem Amte angemessen und seiner Bedeutung sowieso, weil ja der Ober den Unter sticht, äh, also den Anfang darf Horst Seehofer machen. Sie erinnern sich? Der ist CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern. Ein Amt, bei dem er sich schon gelegentlich frage, sagt er, wieso Franz Josef Strauß das als das schönste der Welt bezeichnet hat. Aber darum geht es jetzt gar nicht.

Sondern um die Frage eines Journalisten, wie sich das Verhältnis zu seinem bayerischen Koalitionspartner entwickelt habe, zur FDP also. Seehofer antwortete wie folgt, mit einem leichten Zögern zwischen dem ersten und dem zweiten Satz:

„Mein Gott. Das ‚Mein Gott‘ war an mich gerichtet.“

Wie hat Bruno Jonas einst den einstigen Finanzminister Kurt Faltlhauser gefragt? Ob er sich denn duze, wenn er mit sich selbst rede? Faltlhauser hat genickt. Er darf sich duzen. Und der Horst? Kniet sich Horst Seehofer folglich nieder, wenn er mit sich selbst spricht? Oder sieht er sich auf Augenhöhe mit sich – und damit leicht über dem Papst?

Auch nicht schlecht war Christine Haderthauer. Sie steht aktuell beim Horst, ihrem Chef, recht weit oben in  der Gunst (der Horst variiert das stark, mal mag er den Markus lieber, den Söder, mal die Christine, je nachdem, wen von beiden er gerade ein wenig disziplinieren muss. Das spült den anderen in der Gunst dann kurz nach oben. Haderthauer durfte sogar eine ganze Pressekonferenz an der Seite von Seehofer bestreiten, nur sie allein und der Horst. Und ungefähr 15 Beamte.). Die Christine jedenfalls fragte den Horst, ob er morgen „auch nach Aschaffenburg“ fahre. Seehofer hat das bejaht. „Aschaffenburg“, stöhnte Haderthauer. „Wie grauenhaft. Das wird ganz schrecklich.“

Keine Sorge, liebe Aschaffenburger, sie hat gar nicht die Stadt gemeint. Sie meinte die Fahrt dahin. Weil doch Schnee und Regen und Sturm angesagt ist.

So. Ich mache mich wieder auf die Suche. Nach neuen Zitaten. Es wird sich gewiss wieder eins finden.

Seehofers Sandkasten und die Bundespolitik

Ach Gott, Politik kann sooooo langweilig sein. Da kündigt Horst Seehofer eine Regierungserklärung an zu dem, was der Berliner Koalitionsvertrag für Bayern bedeutet, wie er sich auswirkt und wie es hier überhaupt weitergeht. Das könnte spannend werden, habe ich gedacht. Und dann sowas.

Eine dreiviertel Stunde lang referiert der bayerische Ministerpräsident den Vertrag. Und sagt nix zu Bayern. Nicht, wie es hier weitergehen soll, nichts dazu, was er so vorhat, nichts, wie er sich das Land in ein paar Jahren vorstellt. Seltsam. Ich hatte immer gedacht, Regierungserklärung heißt, dass uns einer erklärt, wie er regieren will. Oder will er am Ende gar nicht?

Nach ihm haben dann SPD, Freie Wähler, Grüne, CSU und FDP geredet. Ist ja schön, dass das Parlament bunter geworden ist. Aber gleich so bunt? Und jeder 44 Minuten? Und dann gleich drei Redner der Regierung. Es wird wenig überraschen, dass sie alle drei das Gleiche gesagt haben. Alles andere wäre auch eine Sensation gewesen.

Und dann die Opposition. Bemüht, aber irgendwie auch nicht voll bei der Sache. Markus Rinderspacher von der SPD zum Beispiel. Der ist neu als Fraktionschef, muss quasi seine Feuertaufe bestehen, weil er auf Franz Maget folgt, dem wohl begnadetsten Debattenredner des Landtags. Gut sei „der Markus“ gewesen, sagt ungefragt Maget hinterher. Aber auch da gilt: Jedes andere Statement von ihm wäre überraschend gewesen.

Leider hat Rinderspacher die Gunst der Stunde nur begrenzt genutzt und sich von Seehofer aufs Glatteis führen lassen. Hätte er sich auf Bayern konzentriert und auch noch auf das Desaster der Landesbank, er hätte volle Punktzahl bekommen können. Hat er aber nicht, sondern sich wie Seehofer vor ihm Spiegelstrich für Spiegelstrich durch den Koalitionsvertrag gearbeitet.

Leute, das langweilt! Das hier ist der bayerische Landtag und nicht der Bundestag. Auch wenn Horst Seehofer die bayerische Welt zu klein ist und die Ansprüche der Politiker zu mickrig sind (er hat an einer Stelle zur Opposition tatsächlich gesagt, er gehe mit ihnen „ein anderes Mal in den Sandkasten“, als ob er es mit kleinen Kindern zu tun habe, was schon ein sehr ungewöhnliches Politikverständnis offenbart), es geht immer noch um Bayern. Und darüber, finde ich, sollten sie im Landtag reden. Zu sagen gäbe es da nämlich mehr als genug.

Der Landtag schnüffelt

Was war das für eine Aufregung. Es müffelte im Landtag. Es zog ein Geruch durch den Steinernen Saal, den die Abgeordneten nicht mochten. Nach Lösungsmittel, Kleber, Farbe, nach irgendetwas in der Art.

Der Steinerne Saal, das muss man wissen, ist quasi die Lobby des Parlaments. Hier stehen die Abgeordneten, seltener mit ihren Gästen, häufiger mit Journalisten, lassen den Blick aus dem Fenster über die Maximilianstraße und dem ihr angegliederten München schweifen und reden über dies und das. Besonders gern über Horst Seehofer, über die siechende SPD, über die Umwelt, die Wirtschaft, das Leben. Oder über alles zusammen, so wie die Freien Wähler das tun.

In Berlin, habe ich mal gelesen, haben sie Kokain auf den Toiletten nachgewiesen, im Bundestag. Was seltsam ist – schließlich gibt es dort viele Büros, wozu muss dann einer sein Koks auf dem Klo schniefen? Soll aber nicht mein Problem sein. In Bayern kokst eh keiner, hier nennt das weiße Zeug sich Weißbier.

Zurück zum beißenden Geruch. Seit Kokain offiziell auch für Politiker verboten sei, spottete einer, hätten sich die Abgeordneten eben aufs Schnüffeln verlegt. Die fanden das nicht eben witzig. Im Landtag jedenfalls haben sie den Geruch relativ zügig entfernt, weil das Hohe Haus sich belästigt gefühlt hat von den Handwerkern und den Folgen ihrer Tätigkeiten. Weil, das wäre ja noch schöner, wenn da einer arbeitet, während der Landtag tagt. Und das auch noch alle mitbekommen, zumindest olfaktorisch.

„Der Klausi“ ist der mächtigste Mann Bayerns

Manchmal ist mein Job schon recht mühsam. So eine Hintergrundrunde mit Horst Seehofer zum Beispiel. Endlose zwei Stunden zieht sich das hin, bis endlich eine Kollegin die entscheidende Frage stellt. „Sehr persönlich und ein wenig Boulevard“ sei die, entschuldigt sie sich vorab. Und wir sind alle elektrisiert, zücken die Stifte, holen die längst verräumten Blöcke wieder hervor. Endlich fragt mal jemand nach der Wahrheit über all die Gerüchte um Seehofers Privatleben. Endlich fragt jemand nach Mutter, Kind, Ehefrau, Partnerin und all den Quatsch, der die Medien wochenlang so intensiv wie ergebnislos beschäftigt hat. Ja, liebes Publikum, das ist wahrer investigativer Journalismus!

„Haben Sie einen neuen Friseur?“, fragt die Kollegin und strahlt. „Weil Ihre Haare früher immer so abgestanden haben.“ Wow. Ein echter journalistischer Hammer. Na, wenigstens ist auch Horst Seehofer angemessen überrascht, was ahnen lässt, worauf er sich innerlich schon vorbereitet hatte. Nein, sagt er dann, er habe einfach keine Zeit, sei viel zu sehr im Stress, weil rund um die Uhr um das Wohlergehen Bayerns bemüht, und um das der CSU auch noch. So sehr ist er im Stress, dass er sich nicht einmal mehr die Haare raufen kann. Geschweige denn, sie schneiden. Oder schneiden lassen.

Also liegen sie lang und glatt auf dem ministerpräsidentialen Haupt, reichen, wie ein Blick bestätigt, schon leicht über die Ohren und in die Stirn. War mir bis dahin gar nicht aufgefallen. Das liegt wohl daran, dass ich ein Mann bin und auf die eher anderen, die wirklich wichtigen Dinge achte. Auf die Krawatte beispielsweise, zart rosa an diesem Tag. Oder auf das Hemd, weiß mit irgendwie weißen Streifen (Geht so was überhaupt? Ja, es geht. Jedenfalls beim Horst).

Aber heute will er zum Friseur gehen, das hat er sich fest vorgenommen. „Weil es sonst bis zur Wahl gar nicht mehr klappt“, sagt Seehofer. Und das bringt nun den Klausi ins Spiel. „Klausi schneidet mir die Haare.“

Klausi sitzt in Ingolstadt, und für Seehofer macht er notfalls sogar Überstunden und stellt sich heute zu nachtschlafener Zeit in seinen Salon. „The Art of Hairstyle“ lautet Klausis Devise. „Farb und Stilberatung“ bietet er an. Und  „Body-Competence“. Na ja. Klingt bedeutender, als es ist.

Die Kernkompetenz des Friseurmeisters liegt auf einem anderen Gebiet. Eine Stunde schnippelt er an Seehofers Haaren herum, der ihm dafür 30 Euro gibt. Natürlich ginge das billiger. Der FDP-Fraktionschef Thomas Hacker zum Beispiel, obwohl Liberalwer, zahlt für seinen Haarschnitt nur elf Euro. Oder zwölf, so genau weiß er das gar nicht. Aber das Geld, das Seehofer hinblättert, ist mehr als eine bloße Entlohnung für einen simplen und bei ihm zugegebenermaßen auch recht unoriginellen Haarschnitt. Klausi hat da gewiss mehr drauf. Es ist ein Info-Honorar. In der Stunde, erzählt der bayerische Regent, bekomme er ein vollständiges Update darüber, was die Leute so denken, welche Themen sie wirklich bewegen – „und das sind ganz andere, als Sie und ich immer glauben“, sagt Seehofer -, wie seine Partei so dasteht.

Wie ernst er das nimmt? Sehr ernst, behauptet Seehofer. Extrem ernst sogar. Wann immer ihm Klausi die Welt erklärt hat, hat er das am nächsten Tag gleich in Anträge und Initiativen einfließen lassen. Oder am übernächsten Tag. Er korrigiere danach die eine oder andere Position, sagt Seehofer. Ja, der einfache Mann von der Straße, der hat es ihm angetan.

Dem Vernehmen nach ist die CSU jedenfalls bereits alarmiert. Am Montag tagt der CSU-Vorstand. Und Seehofer ist heute beim Friseur. Also kann er ein ganzes Wochenende darüber nachdenken, was Klausi ihm so  mit auf den Weg gegeben hat. Arme CSU…

Ich liebe Knuddelschnubbel!

Jaaaaa, der Landtag singt. Endlich! War aber auch an der Zeit.

Vielleicht singt er nicht ganz so, wie dereinst der Kongress getanzt hat. Aber trotzdem: Er singt. Okay, manche Abgeordnete, besonders die der CSU, tun das bevorzugt spätnachts und dann schon leicht dissonant. Dafür aber aus voller Brust und schmerzendem Herzen, weil die Bürger den Segen der Zwei-Drittel-Mehrheit nicht kapiert haben.

Die Politiker der SPD dagegen singen gerne am Ende ihrer Parteitage und schmettern ein optimistisches „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ an, was ein wenig Wärme in ihr ansonsten so einsames sozialdemokratisches Leben bringt. Die Linke schwört auf „Die Internationale“ und die CSU auf Deutschlandhymne und Bayernlied (damit die offensichtlich wenig textsicheren Delegierten nicht stolpern, liegt den Parteitags-Unterlagen stets ein Zettel bei, beschriftet auf der einen Seite mit der deutschen und auf der anderen mit der bayerischen Variante), nennt sie aber Deutschlandlied und Bayernhymne. Was da jetzt wohl richtig ist?

Nur die Grünen singen irgendwie nicht. Ist aber verständlich. Denn ihre Hymne, den „Müsli-Man„, haben schon die Jungs der Kölner Band BAP vertont. Kölsche Lieder aber im bayerischen Freistaat? Unmöglich.

Sie fragen sich, wo FDP und Freie Wähler bleiben? Nur Geduld. Auch die singen, und die singen mal richtig.

Tobias Thalhammer zum Beispiel ist Freier, also Freier Liberaler. Knuddelschnubbel heißt der Song, mit dem er punktet. Echt der Hammer, das Teil, ein wahrer Thalhammer. Wo er sich doch lieber Bärchen nennen ließe. Oder Schatz. Komisch nur, dass die meisten die Tiefe, die Eleganz, das musikalische Können dieses Liedes nicht erkennen wollen. „Manche können sogar im Landtag weniger Schaden anrichten als in der Musik“, spottet keglerronny bei youtube. Aber machen Sie sich selbst ein Bild vom  Knuddelschnubbel. Und? Genauso begeistert?

Oder Claudia Jung. Auch sie ist eine Freie, also eine Freie Wählerin. Und sie ist sogar noch weiter als der Toby, also der Tobias Thalhammer. Sie hat einen Künstlernamen. Früher hieß sie nämlich Ute Singer und ganz früher Ute Krummenast. Wobei Ute Singer auch cool gewesen wäre für eine Sängerin.

Ute-Claudia jedenfalls singt schon lange, so richtig mit Bühnenbild und Freitreppen, auf denen sie herunterschweben darf. Und manche ihrer Lieder haben ein geradezu prophetisches Element. Das Dunkel der Nacht zum Beispiel könnte genauso gut das Leben der Freien Wähler in der Politik beschreiben und den Schmerz, den sie empfinden, seit Gabi Pauli ihnen den Rücken gekehrt hat. Wie heißt es doch: „Du bist nicht mehr da. Und ich hab erkannt: Ich muss meinen Weg alleine gehen. Ohne dich.“

Das ist schon Kult. Der absolute Wahnsinn aber ist der Hit, mit dem sie im vergangenen Jahr in die Charts gestürmt ist, in jenem Jahr wohlgemerkt, da die Freien Wähler sich anschickten, in den bayerischen Landtag einzuziehen. Wobei in meinen Augen der 67. Platz sehr unverdient war. Der erste hätte es schon sein dürfen für: „Lass uns noch einmal lügen“. . . Und da sage noch mal einer, mit der Wahrheit komme in der Politik niemand voran.