Typisch deutsch? Aber klar doch!

Manchmal stecken die großen Wahrheiten im kleinen Detail. Wer zum Beispiel im Internet nach der Antwort auf die Frage sucht, was „typisch deutsch“ sei, der kommt ziemlich bald auf eine Seite mit der Überschrift: „Stereotype: Was ist typisch deutsch?“ Und direkt darunter prangt eine Anzeige. Für eine Reiserücktrittsversicherung, zu supergünstigen Konditionen.

Ja, das ist typisch deutsch. Der Deutsche sichert sich gerne ab gegen alle Risiken, die das Leben so bereit hält. Die Versicehrungswirtschaft kann davon ein fröhliches Lied singen. Die haben schon so ziemlich alles versichert, von den Beinen berühmter Schauspielerinnen über die Hinterteile diverser Sängerinnen bis hin zu Fußballfans, die sich gegen den Abstieg ihres Lieblingsvereins versichern wollten.

Deutsch ist die Schrankwand und der Gartenzwerg, der Hang zu Pedanterie und der Schweinsbraten. Jedenfalls im südlichen Teil Deutschlands. Deutsche, lernen ausländische Touristen, sagen am Telefon ihren Namen und regen sich auf, wenn es der Gesprächspartner nicht tut. Sie warten in Lokalen nicht darauf, dass ihnen der Kellner einen Tisch zuweist.

Sie bleiben an roten Ampeln stehen, egal, wie spät es schon ist und wie leer die Straße. Grundsätzlich und immer. So grundsätzlich, dass der französische Kabarettist Alfons schon gespottet hat, statt der Berliner Mauer hätte es auch eine rote Ampel getan.

Die Deutschen hassen dafür das Schlangestehen, eine Disziplin, die andere Völker wie das britische leidenschaftlich pflegen. In der Regel jedenfalls. Doch es gibt Ausnahmen, auch in Deutschland, im Zwischenreich der Disziplinen. Wer es nicht glaubt, dem sei ein Besuch auf dem Münchner Flughafen empfohlen.

Dort, im Ankunftbereich, spucken jeden Tag zwei gläserne Türen etliche Tausend Reisende aus, die auf etliche Tausend Abholer treffen, manche mit Namensschildern in der Hand, viele nur mit einem freudigen Lächeln im Gesicht. Es geht erstaunlich gesittet zu, kein Durcheinander, kein Chaos, sondern geordnetes Warten.

Der Grund dafür findet sich am Boden in Gestalt mehrerer dünner, gelber Linien. Die trennen den Wartebereich von den Glastüren weiträumig ab, geben einen schmalen Korridor für die Passagiere frei und halten die Besucher in einem weitläufigen Karree zurück.

Das Faszinierende: Kein Schild, kein Hinweis, nicht das kleinste Sätzchen erklärt, was die Linien bedeuten sollen. Sie sind einfach da. Und in den deutschen Gehirnen fügt sich ihre Existenz zu einer Bedeutung zusammen, bekommt sie Sinn und Inhalt. So viel Sinn, dass sie das Anarchische im Bayern überdecken kann.

Nicht aber das Deutsche in ihm. Denn wehe, einer überschreitet diese Linie. Der ist mit Sicherheit ein Ausländer. Und er wird sie noch lange spüren, diese brennenden Blicke in seinem Rücken. Und das nächste Mal warten, wie allen anderen auch, hinter der Linie. So wie es sich gehört in Deutschland. Auch in Bayern. Und sogar in München.

Verrückte Facebook-Welt

Es hat geschneit. Heute Nacht. Alles war weiß in der Früh. Ein Traum. Nicht nur für Kinder, auch für uns. Weil es weihnachtlich wird, draußen, endlich.

Wir saßen dann beim Frühstück. Umgeben von Fenstern. Mit Blick in den Garten. Den verschneiten Garten. Auf verschneite Bäume, Büsche, weiße Hausdächer und weiße Rasenflächen. Mit Schneeflocken, die vor den Scheiben tanzen.

Schulkinder sind morgens etwas müde. Und, in der Folge, etwas wenig, nun ja, gesprächsbereit. Unsere Tochter jedenfalls sagte: nichts. Aß, schwieg, ging nach oben, schminkte sich, kam wieder runter. Schwieg weiter.

Bis ihr Blick sich dann doch nach draußen verirrte. Sie sagte so etwas in der Art von: „Oh, es hat ja tatsächlich geschneit“, mehr nicht. Es hatte sie zu meiner Überraschung nicht überrascht. Ich habe sie danach gefragt. Und eine Antwort bekommen, die Menschen in meinem Alter nur schwer verkraften, weil sie so überhaupt nicht zu unserer aufkommenden Altersromantik passen: „Ich hab’s schon gewusst, dass es geschneit hat. Stand bei Facebook.“

So weit sind wir also. Wichtig ist nicht mehr, was draußen vor der Tür passiert. Es ist nicht geschehen. Es ist erst dann passiert, wenn es bei Facebook steht, weil es irgendeiner der zahllosen Freunde gepostet hat. Sie haben es geschafft. Die virtuelle Welt hat die reale überholt, sie abgelöst, sie ins virtuelle Nichts gestoßen. Ich fühle mich auch schon ganz transparent, irgendwie so leicht verschwommen. Kann mich mal einer zwicken, ob ich noch echt bin? Bitte!

Mei, die Wiesnwirte, ha?

Da schau her, so einfach geht das. Vergangenes Jahr drohte noch der Weltuntergang, sah die Stadt die Anarchie heraufziehen, warnten die Wiesnwirte vor Unruhen in ihren Zelten. Und jetzt das. Rauchverbot? Kein Problem, sagen sie. Machen wir, sagen sie. Dieses Jahr noch, sagen sie.

War da was? Oh ja. Eine Lex Wiesn sollte es geben. Bayernweites Rauchverbot, nur nicht in die Bierzelten auf dem Oktoberfest. Die Wiesn galt als Beleg dafür, wie hirnrissig das Verbot doch sei, und wie wenig praxisorientiert. Sie müssten erst noch ihre Zelte umbauen, hatten die Wirte argumentiert – ein Argument übrigens, auf das die Wirte all der anderen Zelte im Freistaat nicht gekommen waren. Das dauere, koste Unsummen und sei trotzdem keine Lösung. Weil die Wiesnbesucher sich gewiss nicht daran halten wollten. So hatten es die Wirte gesagt. Und alle haben es sich gemerkt. Als dann die Bayern sich trotzdem nicht haben abschrecken lassen und für das radikalste aller Rauchverbote stimmten – radikaler noch als jenes, für das sich die CSU einmal hat feiern lassen, auch wenn sie heute davon lieber nichts mehr wissen will, weil sie vor der eigenen Verwegenheit erschrocken ist und plötzlich das Volk als Souverän entdeckt hat, als einen Souverän, den sie sonst gerne mal übersieht, beim Sparen zum Beispiel, der ihr aber gerade in dieser Situation sehr gelegen kam, weil sie sich dann nicht mehr zwischen ihren eigenen beiden Entwürfen entscheiden musste, sondern diese Entscheidung übertragen durfte, auf eben jene Menschen, denen sie das zuvor nicht zugetraut hatte. . . wo war ich? Ah ja: – da hatte der Staat ein Einsehen und versprach den Wiesnwirten, aber nur ihnen, dass das verbot für sie nicht gelte. Nicht für sie und nicht für ihre Zelte. Weil offensichtlich ohne Qualm das Bier nicht schmeckt, dieses Bier aber die bayerische Gemütlichkeit verkörpert und nur wirklich rauchgeschwängerte Bilder um die Werlt gehen können nach dem Motto: Da seht her, wie die Münchner feiern können und wie viel Spaß sie dabei haben, wenn sie nur rauchen dürfen.

Tja. Es ist wie so oft im Leben. War nur Schall und Rauch. Quasi Politik mit anderen Mitteln. Rauchverbot? Kein Problem, sagt Wirtesprecher Toni Roiderer, der vor kurzem noch „Chaos und Ärger“ am Horizont erkannt hatte. Offensichtlich wollen sich die Münchner Festzeltwirte nicht nachsagen lassen, sie seien unfähiger als ihre Kollegen auf dem Land. Die setzen das Verbot nämlich um, ganz unaufgeregt und leise. 

Vielleicht haben die Wirte auch nur nachgerechnet: Denn was tut einer, der kein Geld mehr für überteuerte Zigarren und Zigaretten ausgeben darf? Richtig: Er kauft sich noch ein überteuertes Bier. Und wer verdient daran? Auch richtig: Der Wirt. So einfach kann das Leben sein. Ja, da schau her, gell?

Heizt den Mittleren Ring!

Dass die Menschen wie die Bekloppten über Münchens Mittleren Ring heizen, weiß jeder, der sich schon einmal in das Getümmel gewagt hat. Brettern gegen die Krise funktioniert in München bestens. Auch wenn es dabei gewaltig staubt. Was ein Problem ist. Doch dem rückt die Stadt jetzt zu Leibe.

München hat sich bekanntlich vor einigen Jahren zur nationalen Lachnummer gemacht, als es den Aufruf zur Feinstaubmessung allzu ernst genommen hat. Andere Städte parkten die Messsonden in der Grünzone, dort, wo allenfalls Blütenstaub entsteht. München stellte den Container an die Landshuter Allee. Die ist die am stärksten befahrene Straße der Stadt mit weit über 100 000 Fahrzeugen täglich. Kein Wunder, dass es da gewaltig staubt und nach allem riecht, nur nicht nach dem Duft von Rosen.

Jetzt haben die Münchner den Salat, müssen handeln und wissen nicht wie. Trotzdem waren die städtischen Beamten nicht untätig, sondern haben zusammen getragen, was da an kuriosen Vorschlägen so kursiert.

Eine Heizung für den Mittleren Ring zum Beispiel. Weil doch im Winter das Salz auf der Straße einen rechten Staub verursache, einen sehr feinen dazu. Ist die Fahrbahn geheizt, braucht es kein Salz mehr – und die Wagen können noch besser heizen als sonst.

Oder Moos auf dem Mittelstreifen. Bonn macht das auf seiner Stadtautobahn so (echt, das provinzielle Bonn hat so was). Gebracht hat es aber dort auch nix. Wäre für München also allenfalls aus ästhetischen Gründen eine Option.

Oder nass kehren. Kennen wir aus südländischen Städten, dass sie da morgens die Fahrbahnen abspritzen. Und die Gehwege. Und die Einfahrten. Riecht immer etwas eigenwillig. Und, sagt München, bringt eigentlich auch nichts. Aber München liegt schließlich im Süden. Wäre also eine Option.

Oder das Wetter. Weil München (siehe oben) weit im Süden liegt, staubt hier auch der Staub der Sahara rein. Und legt sich über die Stadt. Auch über die Landshuter Allee. Und dort in die Messsonden. Von den 61 Grenzwert-Überschreitungen 2008 haben die Experten immerhin fünf auf die Sahara geschoben. Wäre doch eine Idee, das Moos nicht am Ring zu verlegen, sondern in der Sahara. Sähe auch schöner aus. Wird nur schwierig, weil in wirtschaftlich klammen Zeiten das Moos bekanntlich bei allen knapp ist.

Tja. WSo ist das mit dem Feinstaubproblem in München. Es wäre im Prinzip recht einfach zu lösen: einfach weniger Autofahren, dafür mehr mit dem öffentlichen Nahverkehr. Weil das weniger staubt. Rein theoretisch. Denn der Münchner ist wie jeder andere Mensch auch: Solange er nicht selbst am Mittleren Ring wohnt, ist ihm dort die Feinstaubbelastung herzlich egal. Und so heizt er weiter über den Ring, ob der nun beheizt ist oder nicht.

PS: Ich habe es natürlich sofort gemerkt – mein Systemadministrator hat mir ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk gemacht. Ich bin wieder modern, genauso modern wie meine blogenden Kollegen. Puhhh. Danke dafür!

Endlich, München wird scharf

Es geht um die Wurst. Wie so oft in München. Was haben sie nicht für Verrenkungen vorgenommen, damit die original Münchner Weißwurst eine original Münchner Weißwurst bleibt. Nicht mal im Umland dürfe sie produziert sein, sagen die Münchner. Als ob diese seltsame Wurst besser schmeckte, wenn sie denn in München produziert wird.

Selbst Edelköche haben sich an ihr schon versucht und Chili dem Teig beigefügt. Oder Trüffel. Oder sonstiges teures Gedöns. Geholfen hat es nichts. Die Weißwurst ist eine Weißwurst geblieben. Also versuchen sich die Stars der Küche jetzt an anderen Objekten.

Eigentlich hat es erstaunlich lange gedauert, bis sie die Currywurst als solche entdeckt haben. In Berlin ist sie längst Kult, in München ein leider ziemlich vernachlässigtes Etwas. Nicht, dass in der Landeshauptstadt jetzt die Currywurstbuden nach dem Vorbild der Bundeshauptstadt aus dem Asphalt schössen. Das geht hier schon auf einem ganz anderen Niveau. Das Curry 73 zum Beispiel an der Balanstraße. Das gehört Holger Stromberg. Der ist Koch, verwöhnt normalerweise die deutsche Fußballnationalmannschaft, und pflegt an der Balanstraße seine proletige Ader. Hat das Pförtnerhaus einer Industriebrache umgebaut zur Currybude. Und die Menschen stehen Schlange. Weil die Wurst bio ist und die Pommes frisch und das Curry selbst gemacht wie auch die Mayo dazu.

 
Oder die Klenzestraße. Gleich drei Edelbräter tummeln sich hier. Einer feiner als der andere. Der Bergwolf und die Gute-Nacht-Wurst sind regelmäßig knall voll, servieren die Wurst in tausend Varianten und dazu die hippen Biere der Saison, Tannenzäpfle aus dem Schwarzwald oder Tegernseer aus dem gleichnamigen Brauhaus. Oder Champagner. Weil das die Schickeria mag, Edelgetränke zur Proll-Wurst.

Jetzt gibt es dort auch noch das Curry. Mit Würsten nach den Rezepten eines Sternekochs. Mit Trüffelmayo, Chili-Aprikose, Senf-Honig oder Preiselbeer-Meerrettich. Zu den Pommes, frisch geschnitten und doppelt fritiert vor den Augen des Gastes. Oder auch zur Wurst, je nach Geschmack.  Wer will, kann sich seine Wurst sogar mit Blattgold belegen lassen. Was selbst dem Wirt „fast schon zu dekadent“ ist. Aber eben nur fast.

Stromberg drüben in der Balan verzichtet auf solchen Schnickschnack. Bei ihm darf der Gast zwischen vier Currysorten wählen. „Blumig, „Mild“, „normal scharf“ oder „scheissescharf“. Steht auch auf den Streuern, wobei bei der schärfsten Variante das „scharf“ nicht mehr drauf gepasst hat. Liest sich jetzt etwas merkwürdig. Wo doch das Auge mitisst.
Ja, Berlin kann sich warm anziehen. Weil sich in München endlich auch so etwas wie eine Wurst-Kultur entwickelt. War aber auch Zeit geworden. Aus fränkischer Sicht jedenfalls ist der Schritt längst überfällig. Ehrlich.

Kein Schafkopf, nirgends

Es ist eine seltsame Zeit, in der wir leben. Einerseits beklagt alle Welt, dass die Traditionen aussterben, dass sich niemand mehr auf das Gute, Bewährte besinnen mag. Und andererseits verhindern die gleichen Leute eben diese Traditionen.

Ich für meinen Teil treffe mich zum Beispiel alle paar Wochen mit drei Freunden zum Kartenspielen. Schafkopf, Sie kennen das wahrscheinlich. Ein urbayerisches Spiel, das auch die Franken mögen. Ich liebe es. Wir gehen dann in eine Kneipe, essen und trinken, spielen ein paar Stunden. Und ziehen glücklich von dannen. Die anderen ein paar Euro reicher und ich um etliche ärmer. Komisch. Irgendwer muss mich immer gerade in diesen Stunden besonders lieb haben.

Das Problem an der Geschichte aber ist ein anderes: Wir finden kaum noch Lokale, die das Karteln zulassen. Ausgerechnet in München stirbt das Spiel aus, weil es keiner mehr spielen darf. In den Bierkneipen nicht mehr. In den Bierhallen nicht mehr. Selbst in den riesigen Bierkellern von Hof- bis Löwenbräu ist es verboten. Wo immer wir anrufen, die Wirte bedauern. Wenn es nach ihnen ginge, ja dann. Aber die anderen Gäste. . . Der Lärm. . . Wir könnten das doch verstehen, oder etwa nicht?

Nein, wir verstehen nicht. Wir verstehen ganz und gar nicht. Weil wir nämlich nicht laut sind. Im Gegensatz zu den anderen Gästen. Die lärmen, die streiten, die diskutieren. Und je mehr Bier geflossen ist, desto hektischer werden sie. Wir dagegen besprechen ruhig und gelassen die Spiele nach. Oli ist da echt gut. Er merkt sich jede Karte von mir und könnte mir noch nach einer Stunde ganz genau aufsagen, wann ich wo wie falsch bedient, zugegeben, an-, nach- oder abgespielt habe. Und das macht er dann auch und sagt mir all das auf, was ich in seinen Augen falsch gemacht habe. Und ich argumentiere dagegen, differenziert, sachlich, ruhig. Sehr erbauend. Und lehrreich obendrein.

Nur, wie gesagt, uns gehen die Lokale aus. Leider. Der Schelling-Salon, der lässt das Karteln noch zu. Der hat das als Marktlücke erkannt und zwangsverkauft den Spielern billige Karten für sündteures Geld. Aber das ist es uns wert. Weil wir ja gerne spielen. Ehrlich. Der Tradition wegen. Einer muss die ja retten. Notfalls eben wir.

Schrottiges München

Es gibt Probleme auf dieser Welt, die erschließen sich erst auf den zweiten Blick. Zum Beispiel das Fahrrad. Umweltfreundlich ist es, lärmarm (außer, der Radler schreit gerade einen Autofahrer nieder, weil der ihn bei Rot nicht über die Kreuzung lassen wollte,  oder er bepöbelt einen Fußgänger, der nicht schnell genug in den Graben springen konnte), das rechte Mittel gegen den Stau. Und doch ist es ein Problem. Jedenfalls in München.

Denn die Stadt ist reich. Oder vielmehr: Ihre Bewohner sind es. Die Stadt selbst ist eher hoch verschuldet. Und verschandelt ist sie jetzt auch noch. Wegen der Radler. Vielmehr: Ihrer Gefährte wegen. Nicht, dass jeder Radler ein optischer Genuss wäre. Wenn sie sich die Hosenbeine in die Socken stecken, dicke Mützen unter den unförmigen Helmen tragen oder sich in viel zu enge Radlerklamotten quetschen, dann können die Zweiradler schon eine ziemliche Zumutung für das ästhetische Empfinden sein.

Problematischer aus Münchner Sicht aber sind andere Hinterlassenschaften. Zu Tausenden stehen sie an den U-Bahnhöfen, hängen sie über Geländer, verschandeln sie die Plätze: Ausgemusterte Zweiräder, gerne auch in Teilen; angekettete Räder ohne Rahmen; Bikes, die irgendwelche Witzbolde an Straßenlaternen gehängt haben; Räder, so platt und verstaubt, dass ihr Besitzer sich vor Jahren das letzte Mal daran erinnert hat, wo das Rad abgestellt ist. Kurz – es geht um klassischen Wohlstandsmüll. Um Räder, die ihre Eigentümer abgeschrieben haben, technischer Defekte wegen oder, wahrscheinlicher, weil sie sich ein neues, trendigeres, teureres Edelgerät gekauft haben.

München ärgert das gewaltig. Allein 1700 dieser Schrottmühlen hat die Stadt vergangenes Jahr innerhalb des Mittleren Rings eingesammelt und entsorgt. Jetzt beginnt die Aktion von Neuem. Es wird, das ist sicher, einen neuen Rekord geben. Denn, Wirtschaftskrise hin, Bankendesaster her, es geht uns immer noch gut, vielleicht zu gut. Sonst müssten nicht so viele arme Drahtesel an so vielen Laternen ausgesetzt werden wie sonst nur kleine Hunde nach Weihnachten. Armes, reiches München!

Dem Horror eine Bahn, jedenfalls bis fünf. Oder drei?

Tja, die Politik kann schnell sein. Oder jedenfalls die FDP.

Es ist ja erst ein paar Tage her, dass die Menschen, also die feierwilligen unter ihnen, die trauerwilligen eher nicht, dass also die Menschen sich darüber aufgeregt haben, wie spaßfeindlich dieses Land sein kann. Halloween zum Beispiel fällt auf einen stillen Tag, jedenfalls ab Mitternacht, wenn der 1. November beginnt. An dem sind laut Gesetz laute Musik und Tanzen und all der Kram verboten. Weshalb all die Wirte und Diskothekenbesitzer um Mitternacht die Musik abdrehen müssen. Was sehr spaßbremsig wirkt.

Die FDP will das ändern. Ihr junger Jugendbeauftragter Tobias Thalhammer, Sie wissen schon, der mit dem Lied (ich muss mich schon wieder selbst zitieren, aber da unten gibt es eine Kostprobe), der Thalhammer Tobias also spreizt sich für die Jugend rein und verlangt nach einer Änderung, also einer Gesetzesänderung. Weil er nicht recht nachvollziehen kann, wieso in geschlossenen Räumen nachts die Musik abgedreht werden soll. Nicht mehr zeitgemäß, findet er. Und ich finde das auch.

Sein Chef, der Hacker Thomas aus Bayreuth, hält zu Thalhammer. Einen Gesetzentwurf will seine Fraktion einbringen, der Musik und Tanz und all den Kram auch an stillenTagen genehmigt. Zumindest von Mitternacht bis fünf Uhr früh. Quasi eineSperrzeit will er einführen. Die, sagen Liberale, sei notfalls verhandelbar. „Auch drei Uhr wäre noch okay.“

Bevor Hacker unter falschen Verdacht gerät: Er steht zu den christlichen Werten und der abendländischen Tradition, findet zum Beispiel, dass in Klassenzimmern ganz selbstverständlich ein Kreuz hängen soll. Nur das mit der Musik an den  stillen Tagen versteht er nicht. Niemand, sagt er, auch die stärksten Befürworter nicht, drehe doch um Mitternacht das Radio leise. Und niemand, das sage jetzt ich, käme auf die Idee und schmeißt um zwölf seine Partygäste raus, weil nun ein stiller Tag beginnt. Außer, die Party läuft ohnehin grottenschlecht.

Recht haben sie, die Liberalen. Es muss janiemand in die Disko gehen. Aber die, die drin sind, die sollen ihren Spaß haben. Auch nach Mitternacht noch. Warum auch nicht?

Rot ist rot ist rot

Ach ja, unser Innenminister. Stolz ist er auf den Einsatz seiner Polizeibeamten während der Wiesn. Gut gemacht hätten sie es, sagt er, gerade weil sie so höflich gewesen seien. Stimmt. Bis auf einen.

Samstag Mittag, Bavariaring. Gut und gerne dreihundert Meter habe ich da schon zurückgelegt, zu Fuß, weil ich mich im Sicherheitsring bewege auf dem Weg zum Oktoberfest, vorbei an zwei Straßensperren aus Bussen und Lastwagen. Die Straße, sonst befahren wie der Mittlere Ring, ist gähnend leer. Kein Auto weit und breit, mal abgesehen von den rund zwei Dutzend Mannschaftswagen der Polizei, die auf dem Bürgersteig stehen. Dann kommt die dritte Sperre.

Ich bin noch nicht ganz an ihr vorbei, da springt ein Beamter aus dem Wagen, der die Kreuzung blockiert. „Die Ampel ist rot“, sagt er. „Und? Hier ist doch weit und breit kein Auto?“ „Sie ist rot und Sie gehen jetzt zurück. Sofort!“ Okay, ich bin vielleicht kein autoritätsgläubiger, im Ernstfall aber durchaus ein autoritätshöriger Mensch. Also bin ich zurück. Und da stehe ich nun und langweile mich, sehe mit an, wie eine Horde gut angetrunkener Italiener über die Kreuzung wankt, direkt am Streifenwagen vorbei und absolut unbehelligt vom Polizeibeamten. Ich nehme ihre Blicke in kauf, weil sie mich für einen leicht Irren halten, der, typisch deutsch, selbst an einer gesperrten Straße noch auf die Fußgängerampel achtet. Dann erst gehe ich los, bei Grün, versteht sich.

Nein, ich will mich nicht beklagen über diese Aktion. Ich kann den Polizeibeamten verstehen. Ihm war einfach langweilig. Der dritte, der innerste Sperriegel ist ja auch der ödeste. Da kommt keiner von der Al-Kaida vorbei. Höchstens ein paar Fußgänger. So wie ich. Insofern bin ich froh, dass er es bei einer simplen verbalen Ermahnung belassen hat. Ich weiß ja nicht, was sein Lehrbuch sonst noch so vorsieht für Fälle wie mich. In Amerika, da bin ich sicher hätte ich noch den Asphalt geküsst, wegen eines falschen Blickes oder so. Gut, dass unsere Polizeibeamten so höflich sind. Da hat er schon recht, unser Innenminister.

Blabla jetzt auch unten

Ich werde das nie verstehen. Warum sind meine Kollegen in München nicht in der Lage, ihre Handys abzuschalten? Dauernd bimmelt auf den Pressekonferenzen so ein Teil. Und dann diese sinnentleerten geflüsterten Gespräche. „Hallo? Ah, ja, hallo. Äh, das ist jetzt grad ganz schlecht. Ich bin in einer PK. Ich ruf später zurück, okay? Weil, ich kann grad nicht telefonieren.“ Was für sich genommen schon eine Lüge ist. Schließlich telefoniert der Kollege ja gerade.

So geht das immer. Und jedesmal frage ich mich, warum gehen die überhaupt ran? Warum schalten sie ihr Handy nicht auf stumm, lesen die Nummer ab und rufen dann später zurück, so wie sie es ohnehin ankündigen? Es lässt sich übrigens eine gewisse Typologie feststellen. Ganz vorne auf der wichtig-weil-Angerufen-worden-Liste stehen die Fernsehkollegen, dicht gefolgt von der Landtagskorrespondentin einer Münchner Boulevardzeitung und dem Landtagskorrespondenten eines großen bayerischen Radiosenders.

Politikern dagegen passiert das nie. Die werden von ihren Fraktionen erzogen. Weil nämlich 50 Euro in die Fraktionskasse abdrücken muss, dessen Handy klingelt. Auch nicht blöd.

Es reißt mich immer noch, wenn mir auf dem Bürgersteig einer entgegenkommt, die Hände lässig in den Taschen, und plötzlich losschreit, mir irgendeine uninteressante Grütze erzählt, ich über die passende Antwort nachdenke, bis er längst an mir vorbei ist und immer noch weiter redet in den leeren Raum hinein. Handys sind schon eine Plage. Besonders die mit Headsets.

Oder diese Telefonate in der S-Bahn. Ich tu es nicht mit Absicht, aber natürlich muss ich zuhören. Wenn supercoole Typen mit ihrem Kumpel am Handy bereden, welche Mädels sie wieder „klargemacht“ haben. Und die Mädels, die mit ihren Freundinnen klären, welchen Fummel sie auf die nächste Party anziehen sollen. Mädels, das interessiert mich nicht nicht die Bohne. Ich bin ja nicht mal eingeladen.

Wenigstens in der U-Bahn herrscht eine angenehme Stille, allenfalls gestört durch das krächzige Knattern eines Walkmans (hat so was heute überhaupt noch jemand oder gibt es nur noch MP3-Player?). Traumhaft ruhig also. Nur leider nicht mehr lang.

Denn München rüstet auf. Auf knapp fünf Kilometern Länge haben Techniker bereits die entsprechenden Anlagen installiert, damit die Menschen endlich auch im Untergrund telefonieren können. Wie schön. Dann haben sie ja nur noch 70 Kilometer und 89 Bahnhöfe vor sich.

Am Ende können sie zu Tausenden gleichzeitig in der U-Bahn telefonieren, von der U4 rüber zur U3 und zurück zur U1. Und ich steh mittendrin, das Handy rücksichtsvoll stumm geschaltet und trotzdem beschallt von allen Seiten. Das hat es echt noch gebraucht.