Von Goldfischen, Sofas und Raketen

Im Englischen Garten zu München gibt es Teiche, jede Menge Teiche, der größte so groß, dass er sich schon See nennen darf. Andere wiederum bleiben wohl für immer namenlos, weil sie kaum größer als eine Pfütze sind.

So klein sie sind, zum Lebensraum taugen sie dennoch. Irgend jemand hat in einer dieser Pfützen ein paar Goldfische ausgesetzt. Die fühlen sich wohl, treiben im Schwarm dahin, vermehren sich, ernähren sich, von was auch immer. Und bereichern den Alltag, obwohl sie sind, wo sie nicht hingehören.

Unsere Natur ist längst nicht mehr jene, die sie einst war. Rotwangenschildkröten im harmloseren, Schnappschildkröten im härteren Fall tummeln sich in den Seen, Marderhunde und Waschbären in den Wäldern, Füchse, Biber und Biberratten in den Städten. Im Rheinland haben sich die Halsbandsittiche niedergelassen und krakeelen in munteren Kolonien. Bei uns krakeelen die Amseln, die inzwischen im Winter nicht mehr gen Süden ziehen und die Straßenlaternen für Sonnen halten, die sie die Nacht hindurch anzwitschern, bevor sie morgens übermüdet vom Ast kippen.

Zivilisation und Wohlstand verändern die Welt, manchmal zum Positiven, häufiger zum Negativen, wie der gigantische Plastikmüllwirbel im Pazifik mit seinen hundert Millionen Tonnen Plastik beweist.

Klar, der ist weit weg. Doch auch unser Müll dreht sich dort in einer endlosen Spirale. Oder die Autobahnen. 8000 Tonnen Müll klauben die Mitarbeiter der Autobahnmeistereien jedes Jahr zusammen. Kostet 110 Millionen Euro und füllt mal eben 15 Güterzüge.

Lästig, dieser Müll, einerseits. Und gefährlich dazu. Andererseits sagt er uns, welche Jahreszeit wir haben. Und wo wir genau sind. Hat die Münchner Autobahnmeisterei festgestellt. Die hat den Schrott analysiert und sortiert nach dem Speziellen und dem Üblichen, den Reifenteilen, Befestigungsgurten, Bremskeilen, Kühlschränken, Auspufftöpfen, Stoßstangen, Koffern, Taschen, Schuhen, Radkappen.

Im Sommer nämlich purzeln gerne Fahrräder auf die Fahrbahnen, Surfbretter und anderes Sportgerät. Im Winter sind es Skier oder Schlitten. Oder, wie dieser Tage auf der Münchener Ostumgehung, Weihnachtsbäume. Bierlaster, die ihre Ladung auf die Straße und nicht in die Kneipe kippen, arbeiten zwar saisonunabhängig, geben aber einen Einblick in die lokale Wirtschaftsstruktur. Das gilt auch für die Einrichtungshäuser.

Denn auch das findet die Polizei im Münchener Süden immer häufiger auf der Autobahn: Mobiliar, ganze Sofas, Matratzen. Was die Leute so kaufen, auf das Dach ihres Wagens schnallen und unterwegs verlieren. Im Umland, hat die Polizei festgestellt, siedeln sich immer mehr Möbelhäuser an. Das wirke sich auch auf der Autobahn aus.

Es hat auf seine Weise etwas Beruhigendes. Wer weiß, was auf den Bahnen läge, wenn nicht nur Möbelhäuser im Umland siedelten, sondern beispielsweise Rüstungsbetriebe. So ein Crash mit einem Sofa klingt komfortabler als einer mit einer verlorenen Pershing. Die könnte einen schnell dorthin befördern, wo die Goldfische aus dem Englischen Garten noch lange nicht sein werden – in den Himmel.

Wie verliert frau zwei Tonnen Stahl?

Weg ist schnell was. Der Ring, flutsch, vom Finger, ab in den Gulli und fort. Der Schlüssel, eben noch da, auf einmal unauffindbar. Das Handy, eigentlich garantiert in der Handtasche. Doch da klingelt es nicht. Dinge verlegen sich, verschwinden an unmögliche Orte.

Jeder kennt das Phänomen. Es wäre eine Untersuchung wert, wie viel Lebenszeit der Mensch suchend verbringt. Nicht nach dem Sinn des Lebens oder der einen wahren Liebe. Sondern nach Sachen, einfachen Dingen des Alltags. Früher gab es mal den Keyfinder. Ein Pfiff. Und das Teil piepte los. Oder auch nicht. Auch so eine Frage – gibt es den noch?

Die Fundbüros sind voll mit solchem Krempel. Und jedes Jahr im Oktober, wenn die Wiesn vorbei ist, gehört es zu den Münchener Ritualen, dass die Polizei vermeldet, was sie so gefunden hat. Zahllose Gebisse sind dabei, gelegentlich eine Beinprothese, Geldbeutel und Schlüssel in Legion, dazu Dirndl, Skistiefel, Angelruten. Einer hat mal seinen Hund zurück gelassen, ein anderer seinen kleinen Sohn. Allein ist er trotzdem nicht zuhause angekommen – er hatte nur das falsche Kind im Schlepptau. Natürlich spielt der Alkohol hier eine gewisse Rolle. Im Rausch verliert mancher eben nicht nur Orientierung und Halt, sondern auch all die losen Dinge, die er oder sie so mit sich herumschleppt. Doch sie alle haben dieser Tage ihre Meisterin gefunden.

Nennen wir sie mal Susanne. Susanne hat ein Teil verlegt, rund zwei Tonnen schwer, fast fünf Meter lang, nicht ganz zwei Meter breit und knapp 1,50 Meter hoch. Nicht eben alltäglich, so ein Trumm. Irgendwo in München ist ihr das passiert. Nüchtern. Susanne sucht seit ein paar Wochen ihr Auto. Doch sie findet es nicht. Irgendwann im März war sie von Starnberg in die Stadt gefahren, hinter einer Freundin her, weil sie zu André Heller wollten. Sie sei mal kurz abgelenkt gewesen, sagt sie. Und folgte weiter dem Wagen vor ihr. Nur ist das nicht mehr ihre Freundin, sondern irgendein Fremder. Der biegt in eine private Tiefgarage ein, Susanne fährt ihm nach. Parkt. Steigt aus. Stellt fest, dass sie den anderen gar nicht kennt. Und geht. Seitdem sucht sie ihren Wagen. Sie hat keine Ahnung mehr, wo die Tiefgarage ist, hat schon an etlichen Türen geklingelt, in viele Garagen geblickt und sogar mit der Polizei geredet. Die allerdings sucht allenfalls kleine Kinder und keine großen Autos. Ihre Tochter hat Susanne im März aus dem Wagen mitgenommen. Immerhin. Selbst eine Plakataktion und hundert Euro Finderlohn haben die Limousine nicht zurück gebracht.

Seitdem radelt Susanne oder sie nimmt Bus und Bahn. Dumm gelaufen sozusagen. Im doppelten Sinn. Denn nicht nur ihr Wagen ist weg. Den Auftritt von André Heller hat sie auch noch verpasst.

Verrückte Facebook-Welt

Es hat geschneit. Heute Nacht. Alles war weiß in der Früh. Ein Traum. Nicht nur für Kinder, auch für uns. Weil es weihnachtlich wird, draußen, endlich.

Wir saßen dann beim Frühstück. Umgeben von Fenstern. Mit Blick in den Garten. Den verschneiten Garten. Auf verschneite Bäume, Büsche, weiße Hausdächer und weiße Rasenflächen. Mit Schneeflocken, die vor den Scheiben tanzen.

Schulkinder sind morgens etwas müde. Und, in der Folge, etwas wenig, nun ja, gesprächsbereit. Unsere Tochter jedenfalls sagte: nichts. Aß, schwieg, ging nach oben, schminkte sich, kam wieder runter. Schwieg weiter.

Bis ihr Blick sich dann doch nach draußen verirrte. Sie sagte so etwas in der Art von: „Oh, es hat ja tatsächlich geschneit“, mehr nicht. Es hatte sie zu meiner Überraschung nicht überrascht. Ich habe sie danach gefragt. Und eine Antwort bekommen, die Menschen in meinem Alter nur schwer verkraften, weil sie so überhaupt nicht zu unserer aufkommenden Altersromantik passen: „Ich hab’s schon gewusst, dass es geschneit hat. Stand bei Facebook.“

So weit sind wir also. Wichtig ist nicht mehr, was draußen vor der Tür passiert. Es ist nicht geschehen. Es ist erst dann passiert, wenn es bei Facebook steht, weil es irgendeiner der zahllosen Freunde gepostet hat. Sie haben es geschafft. Die virtuelle Welt hat die reale überholt, sie abgelöst, sie ins virtuelle Nichts gestoßen. Ich fühle mich auch schon ganz transparent, irgendwie so leicht verschwommen. Kann mich mal einer zwicken, ob ich noch echt bin? Bitte!

Wohlfühlen im Romantik-Bunker

Manche Leute haben aber auch merkwürdige Ideen. Überall im Münchner Stadtgebiet stehen Bunker, riesige Betonkästen von unvergleichlicher Hässlichkeit mit winzigen Luftschlitzen, wenn überhaupt. Sie sind, logisch, ein Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs.

Der liegt nun schon eine Weile zurück. Nur die Bunker sind immer noch da und verschandeln die Straßen, weil niemand so recht weiß, was die Stadt mit ihnen anfangen soll. Bis auf Johann Lindner. Der will jetzt handeln. Zumindest in Allach.

Auch da steht ein Bunker von schmutziggrauer Farbe, achteckig, vier Stockwerke hoch, mit einem ziemlich verrotteten Dach oben drauf. Ihn möchte Lindner umbauen _ zu einem „romantischen Hotel mit Wohlfühl-Atmosphäre“.

Klingt gut, ist es aber nicht, jedenfalls nicht für die Lokalbaukommission. Die hat seine Pläne abgelehnt. Ein Glaspavillon auf den Dach! Im Jugendstil! Da haben sie aber gekreischt in der Kommission. Dass Lindner den Bunker aufhübsche, haben sie gesagt und was von Kitsch und Disneyland gemurmelt. Und dass der Bunker „zumindest erahnt werden“ müsse, fordert CSU-Mann Walter Zöller. Weil doch „diese Bauten zum Stadtbild“ gehörten. Muss man nicht verstehen, oder?

Es ließe sich trefflich streiten. Das mit dem Denkmalschutz kann man auch übertreiben. Zöller blickt jedenfalls zuhause nicht auf einen solchen Betonklotz. Die in Allach schon.

Lindner hat sich trotzdem nicht entmutigen lassen und einen neuen Plan entworfen. Der Pavillon ist jetzt weg, das Haus weiter achteckig und die Fenster längs in schmale Streifen geteilt. Bis zu 20 Zimmer könnte Lindner innen unterbringen.

Wenn ihn die Kommission denn lässt. Und sie lässt, schwärmt vom „intelligenten Ansatz“, der „den Bunkergedanken“ aufgreife und von den „klaren, schlichten Linien“. So etwas kann auch nur Fachleuten einfallen. Bunkergedanke. . . du lieber Himmel! Auf den setzt Lindner vermutlich eher weniger, wenn er seine Prospekte druckt. Klingt ja auch merkwürdig: „Verbringen Sie ein paar schöne, romantische Stunden in einmaliger Bunkeratmosphäre. Unsere Spitzenköche wärmen Ihnen gern ein paar Konserven auf. Wir empfehlen dazu einen guten Tropfen aus unserer Wasseraufbereitungsanlage, ehe Sie sich in die romatischen Stockbetten zurückziehen.“ Oder so ähnlich. Grauenvoll. Dann doch lieber Disneyland.

Blabla jetzt auch unten

Ich werde das nie verstehen. Warum sind meine Kollegen in München nicht in der Lage, ihre Handys abzuschalten? Dauernd bimmelt auf den Pressekonferenzen so ein Teil. Und dann diese sinnentleerten geflüsterten Gespräche. „Hallo? Ah, ja, hallo. Äh, das ist jetzt grad ganz schlecht. Ich bin in einer PK. Ich ruf später zurück, okay? Weil, ich kann grad nicht telefonieren.“ Was für sich genommen schon eine Lüge ist. Schließlich telefoniert der Kollege ja gerade.

So geht das immer. Und jedesmal frage ich mich, warum gehen die überhaupt ran? Warum schalten sie ihr Handy nicht auf stumm, lesen die Nummer ab und rufen dann später zurück, so wie sie es ohnehin ankündigen? Es lässt sich übrigens eine gewisse Typologie feststellen. Ganz vorne auf der wichtig-weil-Angerufen-worden-Liste stehen die Fernsehkollegen, dicht gefolgt von der Landtagskorrespondentin einer Münchner Boulevardzeitung und dem Landtagskorrespondenten eines großen bayerischen Radiosenders.

Politikern dagegen passiert das nie. Die werden von ihren Fraktionen erzogen. Weil nämlich 50 Euro in die Fraktionskasse abdrücken muss, dessen Handy klingelt. Auch nicht blöd.

Es reißt mich immer noch, wenn mir auf dem Bürgersteig einer entgegenkommt, die Hände lässig in den Taschen, und plötzlich losschreit, mir irgendeine uninteressante Grütze erzählt, ich über die passende Antwort nachdenke, bis er längst an mir vorbei ist und immer noch weiter redet in den leeren Raum hinein. Handys sind schon eine Plage. Besonders die mit Headsets.

Oder diese Telefonate in der S-Bahn. Ich tu es nicht mit Absicht, aber natürlich muss ich zuhören. Wenn supercoole Typen mit ihrem Kumpel am Handy bereden, welche Mädels sie wieder „klargemacht“ haben. Und die Mädels, die mit ihren Freundinnen klären, welchen Fummel sie auf die nächste Party anziehen sollen. Mädels, das interessiert mich nicht nicht die Bohne. Ich bin ja nicht mal eingeladen.

Wenigstens in der U-Bahn herrscht eine angenehme Stille, allenfalls gestört durch das krächzige Knattern eines Walkmans (hat so was heute überhaupt noch jemand oder gibt es nur noch MP3-Player?). Traumhaft ruhig also. Nur leider nicht mehr lang.

Denn München rüstet auf. Auf knapp fünf Kilometern Länge haben Techniker bereits die entsprechenden Anlagen installiert, damit die Menschen endlich auch im Untergrund telefonieren können. Wie schön. Dann haben sie ja nur noch 70 Kilometer und 89 Bahnhöfe vor sich.

Am Ende können sie zu Tausenden gleichzeitig in der U-Bahn telefonieren, von der U4 rüber zur U3 und zurück zur U1. Und ich steh mittendrin, das Handy rücksichtsvoll stumm geschaltet und trotzdem beschallt von allen Seiten. Das hat es echt noch gebraucht.

Der Münchner Brotkreislauf – ein Luxusproblem

Dass unsere Gesellschaft an Luxus erkrankt ist, lässt sich gelegentlich an winzigen Symptomen ablesen, an den kleinen Geschwüren in unserem Alltag. Im Münchner Norden zum Beispiel eitert so eine winzige Beule vor sich hin.

Sie steht im Hinterhof einer kleinen Bäckerei, einer der letzten, die noch in privater Hand ist mit einem echten Bäckermeister am Ofen und ohne starke Kette im Hintergrund. Er besteht, irgendwie, trotz des erbarmungslosen Verdrängungskampfes in seiner Branche. Die Beule im Hof also ist rot, schon ziemlich zerschunden, mit einer großen Klappe – der Schuttcontainer eines großen Müllentsorgers. Und allabendlich spielt sich an ihm das gleiche Ritual ab.

Dann kommen sie aus der Bäckerei mit Körben voll duftenden Gebäcks, mit Broten, Laugenstangen, Brezen, Semmeln. Und kippen sie hinein in den Container. Ihm bleibe, sagt der Bäcker, der seinen Namen nicht nennen will, nichts anderes übrig. Der Kunden wegen. Sagt er.

Die Kunden: Sie wollen, auch abends kurz vor Ladenschluss noch, aus dem gesamten Sortiment wählen können. Selbst wenn sie dann doch das gleiche wie immer kaufen. „Sonst gehen die zur Konkurrenz“, sagt der Bäcker. Also hält er alles vor, was seine Regale tragen können. Er könnte, logisch, das Brot auch am nächsten Tag noch verkaufen. So wie das die Discounter tun, die das haltbar gemachte Brot in Zellophan verpackt zu wahren Dumpingpreisen anbieten. Weil der Münchner Bäcker ein Mann ist, der auf sein Handwerk noch etwas  gibt, verzichtet er freilich auf Zusatzstoffe. Was sonst sollte er auch tun – mit den Preisen der Discounter kann er nicht mithalten, also bleibt ihm nur die Qualität als Erfolgsrezept.

Deshalb also schmeißt er das Brot weg. Er habe, sagt er, natürlich vorher an die Bedürftigen verschenkt, was vertretbar sei, über die Münchner Tafel, die sich um die Armen kümmert wie all die anderen Tafeln, die auch in München und seinem reichen Speckgürtel überall aus dem Boden schießen. Er gibt den Münchnern, was sie nur irgendwie nehmen können.

Ein paar Kilo nehmen ihm auch einige Privatleute ab, die sich zuhause ein paar Schweine halten, für den Eigenbedarf. Er könnte, sagt er, an Bauern verkaufen, an Schweinezüchter. Doch da hat das Gesetz einen Riegel vorgeschoben, verlangt ein Zertifikat, das er nicht hat. Und sortenreines Brot. Weil wegen BSE kein tierisches Eiweiß in den Semmeln sein darf, die an die Schweine gehen. Also müsste der Bäcker für die Bauern sortieren, müsste er die Butterbrezen herausnehmen oder die Pizzastangen. Er müsste einen irren Aufwand betreiben, einen, der sich weit weniger rechne als das simple Wegwerfen der Backwaren.

Deshalb schmeißt der Mann also das Brot weg. Deshalb kommt der Container in eine Biogasanlage. und deshalb wird dort aus dem frischen Brot bald frischer Strom. Strom, mit dem der Bäcker seinen Ofen einheizt. Auf dass er dort neues Brot backen könne für seine wählerischen Kunden. Und in seinem Hinterhof eitert weiter die kleine Luxusbeule.

Arme Münchner Weißwurst

Sie haben es schon wichtig mit ihrer Weißwurst, die Münchener. Was haben sie nicht geklagt und prozessiert, gestritten und gefleht, auf dass sie als „Original Münchner Weißwurst“ geschützt werde und mithin nur in der Hauptstadt selbst als solche hergestellt werden dürfe. Weil da nämlich die Wiege derselbigen stehe, im „Gasthaus zum Ewigen Licht“.

Die Münchner wären nicht die Münchner, wenn sie die Geburtsstunde der weißen Wurst nicht wenigstens auf den Tag genau benennen könnten. Der 22. Februar soll es gewesen sein, im Jahre 1857 in oben benanntem Gasthaus. Eine Notlüge des Kochs sei es gewesen, der der Wurst auf die Welt half: Ihm waren die dünnen Därme für die Bratwürste ausgegangen, er presste das Brät kurzerhand in dickeres Gedärm, verzichtete dann aber auf das Braten und kochte sie der dicken Haut wegen. Et Voila: Da war sie, die Weißwurst.

Eine schöne Geschichte. Dumm nur, dass die Franzosen schon ein paar Jahrunderte länger eine ähnliche Wurst bereiten und sie obendrein noch „Boudin Blanc“ nennen, was wenig überraschend Weißwurst heißt. Wenigstens reichen unsere Nachbarn dazu kein Weißbier, keine Brezen und auch keinen süßen Senf.
Den Streit in der Landeshauptstadt schlichtet das nicht. Die Münchner Metzger wollen das Privileg für die Weißwurst haben, wollten sie patentieren wissen und haben das zunächst sogar geschafft. Inzwischen allerdings hat das Bundespatentgericht das Münchner Patent für nichtig erklärt, anders übrigens als bei den Original Nürnberger Rostbratwürsten oder dem Original Parmaschinken.
Wirklich schwer ist den Richtern ihr Urteil nicht gefallen. Schließlich kommt kaum eine der original Münchner Weißwürste original aus München. Gerade mal fünf von hundert Würsten schaffen das. Den Rest wursteln die Metzger aus ganz Oberbayern zusammen. Was, fragten sich die Berliner Richter konsequent, sollten sie da noch schützen? Also erklärten sie die Münchner Weißwurst zu einer regionalen und hauptsächlich südbayerischen, keineswegs aber rein münchnerischen Spezialität.
Die Münchner wären nicht sie selbst, wenn sie nicht sofort ein neues Feld gefunden hätten. Jetzt streiten sie über den richtigen Umgang mit der Pelle. Denn in jenem, wenn auch schrumpfenden Teil der Gesellschaft, der sich noch auf Etikette besinnt, sind Gabel und Messer Pflicht. Der echte Bayer aber zuzelt seine Wurst, die Spitzenkoch Wolfram Siebeck einst diffamierend als „Albino-Pimmel“ einstufte.

Auszuzeln freilich hat einen gewissen Ekel-Faktor. Die Brutaleren schneiden deshalb die Wurst einfach der Länge nach auf, die etwas Feinfühligeren halbieren sie zuerst und pellen sie dann. Kreuztechnik nennt sich das. Wieder andere schneiden die Wurst in schmale Streifen und ziehen ihr danach das Fell ab.

Doch all das sind nur Nebenaspekte im Kampf um die echte, die einzige, die wahre Münchner Weißwurst. Sie muss wirklich unerträglich leiden. Der unvermeidliche Alfons Schuhbeck zum Beispiel verfeinert die Weißwurst mit Chili oder mit Trüffeln. Tim Mälzer vergewaltigt sie mit Curry. Manche Köche servieren sie gebraten auf einem „Bett aus roten Linsen“, andere kombinieren die Weißwurst mit Matjes-Heringen, mit Sardellen oder Kapern. Und die Edel-Metzger kippen Champagner statt Eis ins Brät.

Es ist weit gekommen mit der Münchner Weißwurst, ob nun original aus München, Hamburg oder, wie die Süddeutsche Zeitung mahnte, gar aus Japan, weil selbst das der Richterspruch zuließe. Es gibt Momente, da fühlt mein fränkisches Herz tatsächlich mit der geschundenen Münchner Seele. Jedenfalls ein bisschen.

Ein Turm, kein Tor

Ich finde das schrecklich. Immer wieder erwische ich mich dabei, dass ich zwar wachen Auges durch die Welt gehe, wie es sich für einen Journalisten gehört. Nur meldet mir das Auge nicht alle wesentlichen Dinge weiter. Und dann stelle ich plötzlich fest, dass da seit Jahren etwas ist, etwas Seltsames, Ungewöhnliches, Berichtenswertes. Nur ich habe wieder nichts mitbekommen.

Der Rindermarkt in München zum Beispiel. Der liegt in der Innenstadt, gleich hinter der Fußgängerzone. X-Mal war ich schon dort, in letzter Zeit sogar noch öfter, weil die FDP dort residiert. Und seit einigen Monaten müssen wir sie ja ernst nehmen und zu ihr hin.

Aber um die FDP soll es jetzt gar nicht gehen, sondern um den Löwenturm. Der wirkt ein wenig fremd in seinem Viertel, ein historischer Bau aus Backstein, umgeben von allerlei moderner, mal mehr, meist weniger gelungener Architektur. Gesehen habe ich ihn oft, wie er da so steht am Rindermarkt. Aber er blieb immer am Rande meiner Wahrnehmung, zwar existent, und trotzdem fern.

Blöd eigentlich. Denn der Turm ist etwas ganz Besonderes mit seinen 500 Jahren, seinen 23 Metern Höhe, seinen 16 Fenstern, und seiner fehlenden Tür (http://mpics.teamone.de/cgi-bin/index.cgi?sort=1&menu=loewtow). Nirgends geht es in den Turm hinein, das habe ich gelesen. Selbst eine Treppe soll es drinnen nicht geben. Nicht einmal den ursprünglichen Zweck des Turms wissen die Wissenschaftler ganz genau. Vielleicht Bestandteil des einstigen Stadtwalls sei er gewesen, glauben die Münchner. Eher schon Wasserturm für eine frühere Gartenanlage, sagen die Forscher. Und ich latsche achtlos an so was vorbei. Was für eine Schande.

Er hätte wohl eine Geschichte zu erzählen, der Löwenturm. Ich müsste nur hinhören, wenn schon die Augen nicht wollen. Wenn ich wieder einmal bei der FDP bin, werde ich das tun, nicht auf Leutheusser und Co. lauschen, sondern auf den Turm ganz in der Nähe. Vermutlich ist das eh interessanter, was er weiß.

Und mit meinen Augen rede ich auch demnächst ein ernstes Wörtchen. So kann das jedenfalls nicht weitergehen.

Solidarität mit den Taxlern dieser Stadt!

Uhhh, die Taxifahrer streiken in München. Das ist mal eine hammerharte Nachricht. Da werden die Münchner Massen aber zittern. Okay, sie streiken nicht im ganzen Stadtgebiet, sondern nur draußen am Flughafen. Und auch nur von morgens um zwei bis mittags um elf. Für die Allgemeinheit ist das jetzt wenig schmerzhaft, für die Geschäftsreisenden schon eher, weil sie die hundert Euro für eine Stadtfahrt hin und zurück auf die Spesenrechnung setzen könnten, wenn denn ein Taxi da wäre. Ist es aber nicht.

Es wäre fast eine Reise wert. Raus an den Flughafen, runter zur S-Bahn. Und dann zusehen, wie die Damen und Herren in ihren Bussiness-Klamotten mit den edlen Lederköfferchen vor den MVG-Automaten stehen und rätseln, wie viele Zonen das jetzt sein werden, wo das Geld reinkommt und wo die Karte raus, was eine Single-, was eine Tages-, was eine 24-Stunden-Karte ist. Und ob sie besser mit der S-Bahnlinie 1 oder doch mit der 8 fahren sollen. Das Leben kann kompliziert sein, auch und gerade für Manager in den heutigen Zeiten.

Die Taxler jedenfalls streiken, weil die Standgebühren für den Flughafen so teuer geworden sind. 243,95 Euro im Jahr müssen sie hinblättern. Plus einen Euro für jede Fahrt. Wusste ich gar nicht, dass sie zahlen müssen. Der Hauptbahnhof ist so gesehen geradezu ein Schnäppchen. Kostet nur 120 Euro im Jahr. Aber am Hauptbahnhof steigen ja auch nur Greti und Pleti zu.

Für die Betreiber der Stellplätze lohnt sich das bei rund 3500 Münchner Taxis. Für deren Fahrer lohnt sich der Job eher nicht mehr. Der Sprit ist zwar im Moment vergleichsweise billig. Das liegt allerdings daran, dass wir uns an die hohen Beträge allmählich gewöhnt haben. Sozusagen gefühlt billig. Gefühlt teuer ist dafür die Taxifahrt, weil in München die Strecken einfach weiter sind als in Nürnberg. Das kann sich ewig ziehen, während das Taxameter munter durchklickt.

Also doch ab in die U- und in die S-Bahn. Wenn die fahren. Was in diesen Tagen nicht sicher ist. Schnee auf den Schienen, Frost in den Weichen, klemmende Türen, all das macht den Fahrplan zu einer echten Herausforderung.

Aber zurück zu den Taxlern. Die wollen, heißt es, zwar streiken, sind aber zu Ausnahmen bereit. Immer dann, wenn Messen in München sind, könnten sie eine Streikpause einlegen, sagen sie.  Ah ja. Wie nett von ihnen. Das kennt man aus anderen Branchen: Immer wenn Sonntagszuschläge anstehen oder Sonderverdienste, ist der Streik plötzlich vorbei. Seltsam. Aber mal ehrlich: Auch die Taxifahrer müssen schließlich leben, ihre Familien ernähren, ihr Studium finanzieren, den Wagen, den Sprit. Die Gebühren. Lustig ist das schon lange nicht mehr. Und romantisch auch nicht. Also: Ich bin jetzt solidarisch mit den Taxlern und steige nicht mehr am Flughafen ein. Habe ich zwar noch nie gemacht. Aber jetzt mach ich es mit Absicht nicht mehr. Jungs (und Mädels)!!! Ich bin bei Euch!!!!

Heißer Kaffee und alte Rituale

Überstanden. Vorbei. Zumindest der erste Teil. Die CSU und die Medien haben Kreuth hinter sich gebracht. Jetzt bin ich wieder in München und frage mich, was ich tun soll. Die Sonne strahlt, die Luft hat sich auf milde minus vier Grad erwärmt, es wäre eigentlich Zeit für einen Kaffee zum Beispiel im Annast am Odeonsplatz. Das gehört zu den wunderbaren Dingen in der Stadt: Wann immer es die Temperaturen zulassen, rücken die Cafehausbesitzer ein paar Tische und Stühle ins Freie.

Das Annast ist so ein Haus. Die Front geht genau nach Süden, der Sonne entgegen. Und dann reihen sie die Stühle davor auf, fein säuberlich ausgerichtet, alle nebeneinander, alle in die gleiche Richtung, zur Sonne hin. Dazu noch ein paar Decken. Ist wie Busfahren, nur schöner. Das ist Münchner Lebensart. Was für eine Versuchung, was für ein Traum: Die Sonne auf dem Bauch, den Kaffee in der Hand und vor mir ein frisches Croissant. . . Wunderbar!

Meine Lebensart ist es als pflichtbewusster Franke, dass ich jetzt gleich trotzdem etwas schreiben werde, drinnen und über die CSU. Über dieses Kreuther Ritual, das Belanglosigkeiten zu Riesenmeldungen hochtreibt, weil sich die Medien gegenseitig aufstacheln. Anders als der echte Kaffee im Annast ist der politische in Kreuth schon leicht abgestanden und wird auch durch wiederholtes Aufwärmen nicht besser. Aber so funktioniert Politik nunmal. Wer weiß, vielleicht wollen es die Wähler ja so haben. Ganz sicher bin ich mir da aber nicht. Aber – wer kann sich schon bei irgendetwas noch sicher sein in diesen verrückten Zeiten?