Fuchs, du alter Städter!

Wir kennen das alle. Es klingelt an der Tür; Besuch ist da, mal angekündigt, mal überraschend, mal willkommen, mal eher nicht. Doch das, was eine 75jährige dieser Tage in Icking nahe München erlebte, geht einigermaßen darüber hinaus.
Die Frau war auf ihrem Sofa eingenickt, als sie plötzlich etwas Haariges an ihrer Hand spürte. Sie zuckte erschrocken zurück – und schrie auf vor Schmerzen. Ein Fuchs hatte sie in die Hand gebissen, vermutlich seinerseits erschreckt vom Zucken der Hand.
Das Tier, so mutmaßen Veterinäre, sei aus Neugier durch die offene Terrassentür in das Haus spaziert. Tollwut vermuten sie bei ihm nicht. Die tödliche Krankheit gilt in Deutschland seit 2008 als ausgerottet.
Glück für die Frau. Und Glück für den Fuchs. Der suchte schnell das Weite. Dass ihm die Jäger nun nachstellen, muss er eher nicht befürchten.
Wobei – er lebt auf dem Land, wenn auch nahe an der Stadt. Dort ist das Leben für einen Fuchs von gelegentlich gefährlicher Natur. Er kann auf der Straße unter die Räder kommen. Er kann doch noch einem Jäger vor die Flinte laufen. Er kann auf vielerlei Art sein rothaariges Leben verlieren.
Das macht einsam. So um die vier Füchse teilen sich einen Quadratkilometer flachen Landes. Viel Raum für die Vierbeiner. Eigentlich geht es ihnen wie den Menschen. Draußen haben sie Platz. In der Stadt dagegen drängen sie sich.
München, so schätzen die Fachleute, beherbergt um die 4000 Füchse. Bis zu 15 der Tiere drängen sich hier auf einem Quadratkilometer. Nur zum Vergleich: Dackel, das inoffizielle Wappentier der Münchener, leben nur noch 700 in der Stadt.
Die Natur, so viel ist sicher, holt sich die Städte zurück. In Berlin sind es die Wildschweine, auf den Friedhöfen die Rehe, in den parks die Karnickel und in den Parkhäusern die Marder. An der Isar hinter dem Deutschen Museum lebt seit Jahren eine Biberfamilie. Und dass die Wildgänse die Wiesen rund um die Seen im Stadtgebiet regelrecht zu-, äh, -dingsen, nervt die Münchener schon lange.
Die Tier haben ihre Scheu vor den Menschen verloren. Sie streunen durch die Gärten, landen in den Zierteichen. Es kann einem gut passieren, dass nachts der Fuchs durch die Verandatür blickt. Sie alle finden in der Stadt, was ihnen auf dem Land fehlt: Fressen im Überfluss dank der stets gut gefüllten Mülltonnen, ruhige Plätzchen und, vor allem, keine Feinde.
Der Ickinger Fuchs wird folglich nicht der Letzte gewesen sein, der sich ins Haus vorgewagt hat. Und die Fachleute sehen sich schon genötigt, an eine simple Tatsache zu erinnern: „Nicht jagen, nicht füttern nicht streicheln.“ Denn auch in der Stadt bleiben die Viecher, was sie draußen schon immer waren: wilde Tiere.

Immer der Nase nach

Es ist, sehen wir den Dingen mal ins Auge, die bittere Wahrheit: Wir sind kleine, fremdbestimmte Würstchen. Unsere Instinkte steuern uns, sie, die wir vermeintlich längst abgelegt haben als Relikte aus der tierischen Vergangenheit. Die ist uns weit näher, als wir wahrhaben.

Männer zum Beispiel. Dass sie Frauen erst auf und dann in die Augen schauen – sie können nichts dafür. Reine Biologie, Zwangssteuerung von innen. Dient dem Fortbestand der Art. Oder Frauen. Finden jedes Baby süß, egal wie hässlich es  ist. Dient auch dem Fortbestand der Art. Selbst die schmerzhafte Erkenntnis ändert nichts, dass die süßen Kleinen zwingend zu nervenden Pubertisten mutieren werden. Die Bindung hält. Und das macht Sinn, weil wir andernfalls längst ausgestorben wären.

Oh, wir werden manipuliert. Von unseren Genen, unseren Ahnen, unserer Industrie. Soundingenieure tüfteln für die Ohren daran, dass der Motor optimal röhrt und die Tür mit jenem Plopp ins Schloss fällt, das  in uns irgendetwas anspricht und uns den Kauf erleichtert.

Und erst die Supermärkte.  Riesige Einkaufswagen suggerieren dem Auge, dass wir noch nichts eingekauft haben. Zucker, Brot, Kaffee, Milch sind strategisch so verteilt, dass wir  weite Wege gehen, an jenen Dingen vorbei, die wir  nicht auf der Liste und trotzdem im Wagen haben.
Oder die Nase. Bäcker locken mit dem Duft von frischem Brot, Kaffeeröster mit künstlichem Kaffee-Aroma. Eine Hotelkette setzt auf Zigarren, Zedernholz und Bücher, eine andere auf Feige, Bergamotte und Jasmin. Modeketten besprühen die Wäsche mit ihrem Parfum, Autohersteller ihre Erlebniswelt mit jahreszeitlich passenden Aromen. Und Reisebüros setzen auf den Duft von Sonnenmilch.

Denken Sie daran, wenn sie wieder einmal Einkaufen gehen. Und sich nachher fragen, wieso um alles in der Welt Sie nur den ganzen Schmarrn gekauft haben. Sie können nichts dafür. Es hat nur zu gut gerochen.

Ein Lob der Haxe

Das Leben in München kann schön sein, sogar für einen Franken. Wenn ich aus meinem Büro schaue, blicke ich auf die Isar, auf Enten und gelegentlich auf einen Schwan. Kulinarisch ist es erträglich hier. Um die Ecke ein passabler Inder, ein Franzose, mehrere Italiener und einige weitere Lokale, die sich regional nicht klar eingrenzen lassen.

Aber die wahren kulinarischen Genüsse verdanke ich der CSU,  tatsächlich.

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass wir an dieser Stelle eine Partei loben. Doch diesmal muss es sein. Denn einmal im Jahr reist die CSU-Fraktion nach Kloster Banz, für drei Tage. Und während oben im Kloster in dieser wunderbar weichen fränkischen Landschaft die Abgeordneten tagen, servieren sie unten in den Klosterstuben fränkische Spezialitäten. Krensuppe zum Beispiel. Oder blaue Zipfel. Oder Schweinshaxen.

Solche Haxen gibt es in München nicht, keine Chance. Wunderbar zart das Fleisch, resch die Kruste, dazu Kartoffelklöße groß wie Handbälle. Keine Ahnung, warum die Haxen hier um so vieles besser sind als ihre Münchner Gegenstücke. Aber vielleicht sind die fränkischen Schweine einfach glücklicher als die oberbayerischen, ehe sie ihrer Beine verlustig gehen.

Es trifft sich, dass die CSU-Fraktion drei Tage in Banz bleibt, gerade lang genug für die drei Haxen-Varianten, die der Wirt kredenzt. Wobei mein persönlicher Favorit die Krenhaxe ist, noch vor der Bier- und der Pfefferhaxe.

Und es trifft sich, dass sie nicht länger hier bleiben, die Schwarzen. Drei Tage sind gut für ein Kilo auf der Waage. Was auch daran liegen kann, dass den Münchnern nicht nur der Meerrettich die Tränen in die Augen treibt, wenn sie abends in Staffelstein noch ein Bier trinken gehen und selbst für eine akzeptable Zeche nicht einmal zehn Euro auf den Tisch legen müssen.

Doch, es ist ein Glück, das uns zuteil wird, wenn die CSU Bayern verlässt und für ein paar Tage nach Franken fährt. Ein Glück, das auch meine Münchner Kollegen schätzen.

Und ich sowieso.

Wie verliert frau zwei Tonnen Stahl?

Weg ist schnell was. Der Ring, flutsch, vom Finger, ab in den Gulli und fort. Der Schlüssel, eben noch da, auf einmal unauffindbar. Das Handy, eigentlich garantiert in der Handtasche. Doch da klingelt es nicht. Dinge verlegen sich, verschwinden an unmögliche Orte.

Jeder kennt das Phänomen. Es wäre eine Untersuchung wert, wie viel Lebenszeit der Mensch suchend verbringt. Nicht nach dem Sinn des Lebens oder der einen wahren Liebe. Sondern nach Sachen, einfachen Dingen des Alltags. Früher gab es mal den Keyfinder. Ein Pfiff. Und das Teil piepte los. Oder auch nicht. Auch so eine Frage – gibt es den noch?

Die Fundbüros sind voll mit solchem Krempel. Und jedes Jahr im Oktober, wenn die Wiesn vorbei ist, gehört es zu den Münchener Ritualen, dass die Polizei vermeldet, was sie so gefunden hat. Zahllose Gebisse sind dabei, gelegentlich eine Beinprothese, Geldbeutel und Schlüssel in Legion, dazu Dirndl, Skistiefel, Angelruten. Einer hat mal seinen Hund zurück gelassen, ein anderer seinen kleinen Sohn. Allein ist er trotzdem nicht zuhause angekommen – er hatte nur das falsche Kind im Schlepptau. Natürlich spielt der Alkohol hier eine gewisse Rolle. Im Rausch verliert mancher eben nicht nur Orientierung und Halt, sondern auch all die losen Dinge, die er oder sie so mit sich herumschleppt. Doch sie alle haben dieser Tage ihre Meisterin gefunden.

Nennen wir sie mal Susanne. Susanne hat ein Teil verlegt, rund zwei Tonnen schwer, fast fünf Meter lang, nicht ganz zwei Meter breit und knapp 1,50 Meter hoch. Nicht eben alltäglich, so ein Trumm. Irgendwo in München ist ihr das passiert. Nüchtern. Susanne sucht seit ein paar Wochen ihr Auto. Doch sie findet es nicht. Irgendwann im März war sie von Starnberg in die Stadt gefahren, hinter einer Freundin her, weil sie zu André Heller wollten. Sie sei mal kurz abgelenkt gewesen, sagt sie. Und folgte weiter dem Wagen vor ihr. Nur ist das nicht mehr ihre Freundin, sondern irgendein Fremder. Der biegt in eine private Tiefgarage ein, Susanne fährt ihm nach. Parkt. Steigt aus. Stellt fest, dass sie den anderen gar nicht kennt. Und geht. Seitdem sucht sie ihren Wagen. Sie hat keine Ahnung mehr, wo die Tiefgarage ist, hat schon an etlichen Türen geklingelt, in viele Garagen geblickt und sogar mit der Polizei geredet. Die allerdings sucht allenfalls kleine Kinder und keine großen Autos. Ihre Tochter hat Susanne im März aus dem Wagen mitgenommen. Immerhin. Selbst eine Plakataktion und hundert Euro Finderlohn haben die Limousine nicht zurück gebracht.

Seitdem radelt Susanne oder sie nimmt Bus und Bahn. Dumm gelaufen sozusagen. Im doppelten Sinn. Denn nicht nur ihr Wagen ist weg. Den Auftritt von André Heller hat sie auch noch verpasst.

Hey, Hirndübel! Wir zahlen!

Lieber Hirndübel,

ja, ich bekenne: Ich rauche nicht. Oder nicht mehr. Ich habe das lange Jahre lang getan. Und es mir dann mühsam abgewöhnt. Weil auch die Bundesregierung gesagt hat: Lasst es. Es ist ungesund. Wir schreiben es Euch auf die Schachteln, auf die Plakate, ins Fernsehen, wie ungesund es ist. Sie haben sogar Schachteln für Frauen gemacht („Rauchen lässt Ihre Haut früher altern“) und für Männer („Rauchen kann Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein“). Unsere Regierung hat da einiges an Hirnschmalz investiert. Werbung verboten, aufgeklärt, die Medien eingespannt, die Ärzte (auch wenn die selber rauchen), das volle Programm. Und dann soll ich noch weiter rauchen?

Also habe ich es gelassen. Etliche Male. Immer wieder. Ich habe Pflaster gekauft (denk mal nur an die Mehrwertsteuer, die da drauf ist). Nikotinkaugummis (auch besteuert. Ein Freund von mir kaut die seit etlichen Jahren. Dafür raucht er nicht mehr.). Ratgeber in Buchform (okay, da sind nur sieben Prozent drauf. Aber immerhin!). Ich hätte auch noch zum Arzt gehen können (machen manche) und zur Hypnose sowie zu Akupunktur, Gruppensitzungen, Gesprächstherapien undsoweiter. Bei Ärzten/Therapeuten/Betreuern, die ihrerseits wieder Lohnsteuer zahlen. Und Mehrwertsteuer auf die Nadeln. Und die Pendel. Und die Sitzkissen.

Ehrlich, Hirndübel, da kommt was zusammen, bis unsereiner nicht mehr raucht.

Ich habe es dann geschafft, ohne den ganzen Kram. Dafür ist mein Gummibärchen-Konsum dramatisch angestiegen. Und der Alkoholkonsum auch (hat das schon mal einer gemerkt? Wer nicht mehr raucht, der verträgt mehr Alkohol. Oder trinkt er nur mehr, weil er keine Kippe mehr zwischen den Lippen hat, die den Weg für das Glas versperrt?). Ich habe zugenommen, satt zugenommen. Weil ich mehr gegessen habe. Essen, das ich selbstverständlich versteuert habe. Und weil ich, als frisch geborener Nichtraucher, neuerdings beim Metzger um die Ecke nicht mehr vor die Tür muss für die Leberkässemmel, bringt das dem Finanzamt sogar 19 Prozent. Ist ja bekannt, dass Essen im Imbiss 19 Prozent Steuer macht, Essen davor aber nur sieben Prozent.

Dafür ist mein Kaffeekonsum gesunken. Ich vertrage den irgendwie nicht mehr so richtig. Außerdem schmeckt er mir ohne Zigarette nicht. Ist aber auch nicht so schlimm. Sind ja nur sieben Prozent Mehrwertsteuer drauf. Auf Wein und Bier dagegen sind es 19 Prozent. Und, siehe oben, davon geht jetzt mehr. Macht ein sattes Plus bei meiner Steuerbilanz.

Womit wir bei dem Problem wären, das die Ex-Raucher am meisten quält: ihr Gewicht. Dafür gibt es in den Apotheken wunderbare Mittelchen, die den Appetit zügeln, die Pfunde purzeln lassen. Und mit edlen 19 Prozent besteuert sind. Und funktionieren tut es trotzdem nicht. Tja. Und so verfetten all die ehemaligen Raucher langsam, aber unaufhaltsam mit katastrophalen Cholesterinwerten und einem Zuckerspiegel, der Diabetes Typ 2 ziemlich wahrscheinlich macht. Und dann sollen wir länger leben als die Raucher? Blödsinn, lieber Hirndübel, Blödsinn. Über 90, das werden doch nur Raucher wie Helmut Schmidt.

Soll ich das jetzt mal alles zusammenzählen, was mich meine Nichtraucherei in den vergangenen Jahren so gekostet hat? All das Geld, das ich zusätzlich rausgehauen habe für die Substitute? Und erst die Kohle, die ich ausgegeben habe, weil ich doch jetzt so viel durchs Nichtrauchen spare? Echt, ohne mich und all die anderen nicht mehr rauchenden Raucher wäre die Konjunktur ganz anders eingebrochen. Und Du magst unseren Beitrag anmahnen. Tsts.

Dein Roland

Die spinnen, die Briten. Das Cabrio zwischen Trotz und Protz

Manchmal flattern mir skurrile Dinge auf den Schreibtisch. Was zum Beispiel soll ich jetzt von einer Meldung wie dieser halten: „Oben offen. Die meisten Cabrios gibt’s in Starnberg und in England“?

Gedanke Nummer eins: Typisch Starnberg. Wahrscheinlich alles Porsches und Jaguars, Audi TTs und dann noch ein paar Exoten, deren Namen ich gar nicht kenne. Wir wissen ja, dass am See in Münchens Süden die richtig fette Kohle sitzt. Obwohl Starnberg eigentlich ein ziemlich hässlicher Ort ist mit gewaltig Durchgangsverkehr, einer bunt zusammen gewürfelten Architektur und anderen in Beton gegossenen Schrecklichkeiten.

Trotzdem: Wer auf sich hält, der wohnt hier und zeigt sein Geld auch, steckt es in riesige Villen oder in bullige Autos, die gerne offen sein dürfen, damit jeder einen erkennen kann. Acht Prozent der Wagen haben höchstens ein Faltdach. Das ist immerhin gut jeder zwölfte. Im Osten übrigens, in Sachsen, Thüringen und Co, wo das Wetter mit den heißen, trockenen Sommern eigentlich geradezu Cabrio-ideal ist, kommt nur einer von hundert Wagen oben ohne daher. Das sagt doch schon alles, oder? Das Cabrio als Statuszeiger, das hat was. Übrigens: Ich fahre keins, nur bevor einer fragt.

Gedanke Nummer zwei: Die spinnen, die Briten. Wenn es irgendwo in Europa ein Wetter gibt, das NICHT cabriotauglich ist, dann wohl auf der Insel. Freunde von mir haben bis vor kurzem in London gelebt. Schön sei es gewesen, sagen sie. Schön und nass. Weil es dauernd regnet, nieselt, nebelt. Sind eben hart im Nehmen, die Briten. Auch im Auto. Kein Wunder. Wenn ich mich von Nierenpudding ernähren müsste, von Hagis,  Pork Pie und Porridge, ehrlich gesagt, ich würde auch lieber mit offenem Dach fahren, weil ich nicht wüsste, wann das Essen genannte Zeug wieder nach oben drängt.

Okay, das war jetzt doch etwas vorurteilsbeladen. Das Essen in England soll sich dramatisch gewandelt haben dank der internationalen Einflüsse. Wie bei uns ja auch. Eisbein und Sauerkraut samt Kartoffelbrei isst hier kaum noch einer. Auch eine Kombination, die bei mir spontanes Würgen auslöst. Aber das mit dem Wetter in England, das wenigstens stimmt.

Wahrscheinlich brauchen die Briten einfach dieses Trommeln des Regens auf dem Stoffdach, die Feuchtigkeit, die durch die Ritzen dringt, das klamme Gefühl, das sich breit macht. Immerhin hat die Insel einige wirklich schöne Cabrios hervorgebracht, wahrscheinlich als Abwehrreaktion auf das miese Wetter, quasi die eleganteste Trotzform.

Das haben die Starnberger freilich nicht ganz verstanden. Vermutlich ist es einfach ein Tippfehler gewesen, wurde aus dem Trotz der Protz. Der liegt den Starnberger Millionären ohnehin näher. Was sich auch auf den Straßen zeigt.

Passau hilft den Steuersündern

Ich bin gerade in Passau, politischer Aschermittwoch und so. Der Ort, an dem die CSU gottgleich die Menschen mehrt. Wir haben gezählt: 329 Biertische stehen in der Halle. An jeden passen gut geschätzt zehn Menschen. Und dann ist es schon eng. Macht 3290 Gäste. Trotzdem behaupten die Schwarzen mit schöner Regelmäßigkeit, mehr als 6000 seien in die Halle gekommen und wollten Horst Seehofer lauschen.

Ehrlich, wäre ich Künstler, ich hätte die Stadt längst verklagt. Weil die sonst nämlich nur 3000 Menschen in die Halle lässt. Zahlende Gäste. Aus feuerschutzpolizeilichen Gründen. Oder so. Aber so sind die Rituale.

Und zu den Ritualen gehört, dass die lokalen Größen reden dürfen. Manfred Weber zum Beispiel, der niederbayerische Bezirkschef. Oder Konrad Kobler, Bundestagsabgeordneter der CSU.

Kobler hat eine insgesamt wenig beachtete Rede gehalten. Ein paar haben sogar gepfiffen, weil sie ihnen zu lang erschien. Und so haben sie den wichtigsten Satz überhört, das Signal an halb Deutschland.

Hier sei „der Gesundheitsstandort Passau“, hat Kobler gesagt, „wo sich die Gäste rehabilitieren können.“ Recht hat er, der Kobler. Schließlich ist Österreich gleich um die Ecke mit seinen deutschen Schwarzgeldkonten, und nur weil bislang lediglich die Schweizer Banker herausgefunden haben, wie sich CDs brennen lassen, bedeutet das noch lange nicht, dass dies den Österreichern auf ewig verborgen bleibt. Das muss einen doch nervös machen. Und wer nervös ist, der neigt zu Magengeschwüren, zu Herz-Kreislauf-Problemen. Zum Kranksein.

Ich finde das gut, dass sich endlich mal jemand um diese geschundenen Kreaturen kümmert, um die, die ihr Geld mühevoll ins Ausland gebracht haben und jetzt darum fürchten. Allein, wenn ich mir vorstelle, welche Ängste sie zurzeit durchstehen. Diese Selbstzweifel. „Bin ich auf der CD und wenn ja, auf welcher? Es sind ja so verdammt viele im Umlauf. Warum war ich nur so blöd und habe das getan? Oder war ich doch kleverer als alle anderen? Wenn ich es doch nur wüsste.“ So oder so ähnlich quälen sie sich durch die Tage, ihre Nerven liegen in Fetzen. Und an Schlaf können sie nicht einmal mehr denken.

Leute, Euch kann geholfen werden. Fahrt nach Passau, lasst Euch rehabilitieren. Und wenn das nicht reicht, dann regeneriert noch ein wenig. Die CSU hilft Euch dabei. Und schön macht es außerdem. Nur, leider, ein wenig ärmer. Aber der Staat, der dankt Euch das. Versprochen.

Schrottiges München

Es gibt Probleme auf dieser Welt, die erschließen sich erst auf den zweiten Blick. Zum Beispiel das Fahrrad. Umweltfreundlich ist es, lärmarm (außer, der Radler schreit gerade einen Autofahrer nieder, weil der ihn bei Rot nicht über die Kreuzung lassen wollte,  oder er bepöbelt einen Fußgänger, der nicht schnell genug in den Graben springen konnte), das rechte Mittel gegen den Stau. Und doch ist es ein Problem. Jedenfalls in München.

Denn die Stadt ist reich. Oder vielmehr: Ihre Bewohner sind es. Die Stadt selbst ist eher hoch verschuldet. Und verschandelt ist sie jetzt auch noch. Wegen der Radler. Vielmehr: Ihrer Gefährte wegen. Nicht, dass jeder Radler ein optischer Genuss wäre. Wenn sie sich die Hosenbeine in die Socken stecken, dicke Mützen unter den unförmigen Helmen tragen oder sich in viel zu enge Radlerklamotten quetschen, dann können die Zweiradler schon eine ziemliche Zumutung für das ästhetische Empfinden sein.

Problematischer aus Münchner Sicht aber sind andere Hinterlassenschaften. Zu Tausenden stehen sie an den U-Bahnhöfen, hängen sie über Geländer, verschandeln sie die Plätze: Ausgemusterte Zweiräder, gerne auch in Teilen; angekettete Räder ohne Rahmen; Bikes, die irgendwelche Witzbolde an Straßenlaternen gehängt haben; Räder, so platt und verstaubt, dass ihr Besitzer sich vor Jahren das letzte Mal daran erinnert hat, wo das Rad abgestellt ist. Kurz – es geht um klassischen Wohlstandsmüll. Um Räder, die ihre Eigentümer abgeschrieben haben, technischer Defekte wegen oder, wahrscheinlicher, weil sie sich ein neues, trendigeres, teureres Edelgerät gekauft haben.

München ärgert das gewaltig. Allein 1700 dieser Schrottmühlen hat die Stadt vergangenes Jahr innerhalb des Mittleren Rings eingesammelt und entsorgt. Jetzt beginnt die Aktion von Neuem. Es wird, das ist sicher, einen neuen Rekord geben. Denn, Wirtschaftskrise hin, Bankendesaster her, es geht uns immer noch gut, vielleicht zu gut. Sonst müssten nicht so viele arme Drahtesel an so vielen Laternen ausgesetzt werden wie sonst nur kleine Hunde nach Weihnachten. Armes, reiches München!

Ein DJ für’s Klo. Was will frau mehr?

Ich weiß, ich weiß: Es klingt schnell nach Neid, nach Missgunst und verletztem Stolz, nur weil ich einmal nicht rein gekommen bin, oder, schlimmer noch, weil mir mein Schwager helfen musste an der härtesten Tür Münchens. Liegt zwar schon ein paar Jahre zurück. Aber es gibt Dinge, die verschmerzt einer wie ich nicht so leicht.

Die härteste Tür Münchens also, die vor der Nobel-Edel-Super-Diskotheken-Bar-Lounge P1wird sich demnächst für einige Zeit schließen. Nicht nur für mich, für mich hat sie sich ohnehin nur ein einziges Mal geöffnet, sondern für alle. Weil drinnen alles neu werden soll. Statt zwei Räumen nur noch einer, statt zwei Tanzflächen dann nur noch eine. Wusste ich gar nicht, dass da zwei Räume waren. Und zwei Tanzflächen.

Nun, das ist an sich nicht epochal. Spektakulärer ist da schon die Idee, dass so genannte Private Rooms kommen sollen. Was früher mal ein eher anrüchiges Séparée in eher einschlägigen Läden war, peppt heute die Disko auf. Wer will, kann sich einen eigenen Diskjockey holen, weithin DJ genannt. Und, falls das Ego eher klein geraten ist, auch einen eigenen Türsteher. Damit quasi die härteste Tür nicht mehr die härteste Tür am Eingang ist. Sondern die allerhärteste Tür am Private Room.

Wow. Noch mehr wow aber sollen die Klos werden, jedenfalls die für die Mädels. „Die außergewöhnlichsten Restrooms der Welt“ verspricht das Management. Wer in Wolfratshausen im neuen Lokal neben der alten Loisachhalle mal ins gutbürgerlich-biedere Lokal geht und dort auf die Toilette, der bekommt einen Vorgeschmack. Bewegungsmelder, die den Durchgang öffnen. Sanfter Regen statt Wasserhahn am Waschbecken. Klotüren aus durchsichtigem Glas. Echt. Die werden aber trübe, wenn der Riegel ins Schloss schnappt. ist trotzdem ein seltsames Gefühl.

Die vom P1 toppen das noch, locker. Mit einem DJ, einem Diskjockey. Eigens für die Damentoilette wollen sie einen anstellen. Was für ein Job. Aber denen im P1 ist eh wenig fremd. Die haben für die Reichen von München mal eine Pennerparty veranstaltet. Und bei einem anderen Fest einen Studenten wie Jesus ans Kreuz gehängt, als Dekoration. Da ist der DJ auf dem Klo nur die logische Konsequenz.

Er wird sein Geld wert sein. Denn Geld, das wussten schon die alten Römer, stinkt nicht. Dachte sich auch die Stadt München. 69 öffentliche Toiletten gehören ihr. Die will sie loswerden, als geldwerte, wenn auch leicht anrüchige Investition. Seltsam findet die Stadt nur, dass es an Interessenten mangelt. Jedenfalls an solchen, die tief genug in die Tasche greifen.

Wahrscheinlich fehlt der Stadt nur ein wenig Fantasie. So ein Klo lässt sich doch aufpeppen. Mit feschen Türen oder DJs à la P1. Wir hätten da noch ein paar Ideen. Ein Zeitungsvorleser zum Beispiel wäre eine nette Idee, ideal für alle, die im leicht schummrigen Licht nicht mehr so reichtig mit der Lektüre zurande kommen. Oder einer, der einem das Handtuch am Waschbecken reicht. Dazu vielleicht ein Kaffee und ein kleiner Imbiss? Wäre auch ein super Gedanke für die Toiletten in diversen Firmen. Dann endlich bekäme dieses leidige „Mahlzeit“ einen Sinn, mit dem sich Kollegen, bevorzugt männliche, am Örtchen begrüßen. Also, München, auf zu neuen Ufern!

Der Münchner Brotkreislauf – ein Luxusproblem

Dass unsere Gesellschaft an Luxus erkrankt ist, lässt sich gelegentlich an winzigen Symptomen ablesen, an den kleinen Geschwüren in unserem Alltag. Im Münchner Norden zum Beispiel eitert so eine winzige Beule vor sich hin.

Sie steht im Hinterhof einer kleinen Bäckerei, einer der letzten, die noch in privater Hand ist mit einem echten Bäckermeister am Ofen und ohne starke Kette im Hintergrund. Er besteht, irgendwie, trotz des erbarmungslosen Verdrängungskampfes in seiner Branche. Die Beule im Hof also ist rot, schon ziemlich zerschunden, mit einer großen Klappe – der Schuttcontainer eines großen Müllentsorgers. Und allabendlich spielt sich an ihm das gleiche Ritual ab.

Dann kommen sie aus der Bäckerei mit Körben voll duftenden Gebäcks, mit Broten, Laugenstangen, Brezen, Semmeln. Und kippen sie hinein in den Container. Ihm bleibe, sagt der Bäcker, der seinen Namen nicht nennen will, nichts anderes übrig. Der Kunden wegen. Sagt er.

Die Kunden: Sie wollen, auch abends kurz vor Ladenschluss noch, aus dem gesamten Sortiment wählen können. Selbst wenn sie dann doch das gleiche wie immer kaufen. „Sonst gehen die zur Konkurrenz“, sagt der Bäcker. Also hält er alles vor, was seine Regale tragen können. Er könnte, logisch, das Brot auch am nächsten Tag noch verkaufen. So wie das die Discounter tun, die das haltbar gemachte Brot in Zellophan verpackt zu wahren Dumpingpreisen anbieten. Weil der Münchner Bäcker ein Mann ist, der auf sein Handwerk noch etwas  gibt, verzichtet er freilich auf Zusatzstoffe. Was sonst sollte er auch tun – mit den Preisen der Discounter kann er nicht mithalten, also bleibt ihm nur die Qualität als Erfolgsrezept.

Deshalb also schmeißt er das Brot weg. Er habe, sagt er, natürlich vorher an die Bedürftigen verschenkt, was vertretbar sei, über die Münchner Tafel, die sich um die Armen kümmert wie all die anderen Tafeln, die auch in München und seinem reichen Speckgürtel überall aus dem Boden schießen. Er gibt den Münchnern, was sie nur irgendwie nehmen können.

Ein paar Kilo nehmen ihm auch einige Privatleute ab, die sich zuhause ein paar Schweine halten, für den Eigenbedarf. Er könnte, sagt er, an Bauern verkaufen, an Schweinezüchter. Doch da hat das Gesetz einen Riegel vorgeschoben, verlangt ein Zertifikat, das er nicht hat. Und sortenreines Brot. Weil wegen BSE kein tierisches Eiweiß in den Semmeln sein darf, die an die Schweine gehen. Also müsste der Bäcker für die Bauern sortieren, müsste er die Butterbrezen herausnehmen oder die Pizzastangen. Er müsste einen irren Aufwand betreiben, einen, der sich weit weniger rechne als das simple Wegwerfen der Backwaren.

Deshalb schmeißt der Mann also das Brot weg. Deshalb kommt der Container in eine Biogasanlage. und deshalb wird dort aus dem frischen Brot bald frischer Strom. Strom, mit dem der Bäcker seinen Ofen einheizt. Auf dass er dort neues Brot backen könne für seine wählerischen Kunden. Und in seinem Hinterhof eitert weiter die kleine Luxusbeule.