Typisch deutsch? Aber klar doch!

Manchmal stecken die großen Wahrheiten im kleinen Detail. Wer zum Beispiel im Internet nach der Antwort auf die Frage sucht, was „typisch deutsch“ sei, der kommt ziemlich bald auf eine Seite mit der Überschrift: „Stereotype: Was ist typisch deutsch?“ Und direkt darunter prangt eine Anzeige. Für eine Reiserücktrittsversicherung, zu supergünstigen Konditionen.

Ja, das ist typisch deutsch. Der Deutsche sichert sich gerne ab gegen alle Risiken, die das Leben so bereit hält. Die Versicehrungswirtschaft kann davon ein fröhliches Lied singen. Die haben schon so ziemlich alles versichert, von den Beinen berühmter Schauspielerinnen über die Hinterteile diverser Sängerinnen bis hin zu Fußballfans, die sich gegen den Abstieg ihres Lieblingsvereins versichern wollten.

Deutsch ist die Schrankwand und der Gartenzwerg, der Hang zu Pedanterie und der Schweinsbraten. Jedenfalls im südlichen Teil Deutschlands. Deutsche, lernen ausländische Touristen, sagen am Telefon ihren Namen und regen sich auf, wenn es der Gesprächspartner nicht tut. Sie warten in Lokalen nicht darauf, dass ihnen der Kellner einen Tisch zuweist.

Sie bleiben an roten Ampeln stehen, egal, wie spät es schon ist und wie leer die Straße. Grundsätzlich und immer. So grundsätzlich, dass der französische Kabarettist Alfons schon gespottet hat, statt der Berliner Mauer hätte es auch eine rote Ampel getan.

Die Deutschen hassen dafür das Schlangestehen, eine Disziplin, die andere Völker wie das britische leidenschaftlich pflegen. In der Regel jedenfalls. Doch es gibt Ausnahmen, auch in Deutschland, im Zwischenreich der Disziplinen. Wer es nicht glaubt, dem sei ein Besuch auf dem Münchner Flughafen empfohlen.

Dort, im Ankunftbereich, spucken jeden Tag zwei gläserne Türen etliche Tausend Reisende aus, die auf etliche Tausend Abholer treffen, manche mit Namensschildern in der Hand, viele nur mit einem freudigen Lächeln im Gesicht. Es geht erstaunlich gesittet zu, kein Durcheinander, kein Chaos, sondern geordnetes Warten.

Der Grund dafür findet sich am Boden in Gestalt mehrerer dünner, gelber Linien. Die trennen den Wartebereich von den Glastüren weiträumig ab, geben einen schmalen Korridor für die Passagiere frei und halten die Besucher in einem weitläufigen Karree zurück.

Das Faszinierende: Kein Schild, kein Hinweis, nicht das kleinste Sätzchen erklärt, was die Linien bedeuten sollen. Sie sind einfach da. Und in den deutschen Gehirnen fügt sich ihre Existenz zu einer Bedeutung zusammen, bekommt sie Sinn und Inhalt. So viel Sinn, dass sie das Anarchische im Bayern überdecken kann.

Nicht aber das Deutsche in ihm. Denn wehe, einer überschreitet diese Linie. Der ist mit Sicherheit ein Ausländer. Und er wird sie noch lange spüren, diese brennenden Blicke in seinem Rücken. Und das nächste Mal warten, wie allen anderen auch, hinter der Linie. So wie es sich gehört in Deutschland. Auch in Bayern. Und sogar in München.

Erschien in: Allgemein

Hey, Hirndübel! Wir zahlen!

Lieber Hirndübel,

ja, ich bekenne: Ich rauche nicht. Oder nicht mehr. Ich habe das lange Jahre lang getan. Und es mir dann mühsam abgewöhnt. Weil auch die Bundesregierung gesagt hat: Lasst es. Es ist ungesund. Wir schreiben es Euch auf die Schachteln, auf die Plakate, ins Fernsehen, wie ungesund es ist. Sie haben sogar Schachteln für Frauen gemacht („Rauchen lässt Ihre Haut früher altern“) und für Männer („Rauchen kann Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein“). Unsere Regierung hat da einiges an Hirnschmalz investiert. Werbung verboten, aufgeklärt, die Medien eingespannt, die Ärzte (auch wenn die selber rauchen), das volle Programm. Und dann soll ich noch weiter rauchen?

Also habe ich es gelassen. Etliche Male. Immer wieder. Ich habe Pflaster gekauft (denk mal nur an die Mehrwertsteuer, die da drauf ist). Nikotinkaugummis (auch besteuert. Ein Freund von mir kaut die seit etlichen Jahren. Dafür raucht er nicht mehr.). Ratgeber in Buchform (okay, da sind nur sieben Prozent drauf. Aber immerhin!). Ich hätte auch noch zum Arzt gehen können (machen manche) und zur Hypnose sowie zu Akupunktur, Gruppensitzungen, Gesprächstherapien undsoweiter. Bei Ärzten/Therapeuten/Betreuern, die ihrerseits wieder Lohnsteuer zahlen. Und Mehrwertsteuer auf die Nadeln. Und die Pendel. Und die Sitzkissen.

Ehrlich, Hirndübel, da kommt was zusammen, bis unsereiner nicht mehr raucht.

Ich habe es dann geschafft, ohne den ganzen Kram. Dafür ist mein Gummibärchen-Konsum dramatisch angestiegen. Und der Alkoholkonsum auch (hat das schon mal einer gemerkt? Wer nicht mehr raucht, der verträgt mehr Alkohol. Oder trinkt er nur mehr, weil er keine Kippe mehr zwischen den Lippen hat, die den Weg für das Glas versperrt?). Ich habe zugenommen, satt zugenommen. Weil ich mehr gegessen habe. Essen, das ich selbstverständlich versteuert habe. Und weil ich, als frisch geborener Nichtraucher, neuerdings beim Metzger um die Ecke nicht mehr vor die Tür muss für die Leberkässemmel, bringt das dem Finanzamt sogar 19 Prozent. Ist ja bekannt, dass Essen im Imbiss 19 Prozent Steuer macht, Essen davor aber nur sieben Prozent.

Dafür ist mein Kaffeekonsum gesunken. Ich vertrage den irgendwie nicht mehr so richtig. Außerdem schmeckt er mir ohne Zigarette nicht. Ist aber auch nicht so schlimm. Sind ja nur sieben Prozent Mehrwertsteuer drauf. Auf Wein und Bier dagegen sind es 19 Prozent. Und, siehe oben, davon geht jetzt mehr. Macht ein sattes Plus bei meiner Steuerbilanz.

Womit wir bei dem Problem wären, das die Ex-Raucher am meisten quält: ihr Gewicht. Dafür gibt es in den Apotheken wunderbare Mittelchen, die den Appetit zügeln, die Pfunde purzeln lassen. Und mit edlen 19 Prozent besteuert sind. Und funktionieren tut es trotzdem nicht. Tja. Und so verfetten all die ehemaligen Raucher langsam, aber unaufhaltsam mit katastrophalen Cholesterinwerten und einem Zuckerspiegel, der Diabetes Typ 2 ziemlich wahrscheinlich macht. Und dann sollen wir länger leben als die Raucher? Blödsinn, lieber Hirndübel, Blödsinn. Über 90, das werden doch nur Raucher wie Helmut Schmidt.

Soll ich das jetzt mal alles zusammenzählen, was mich meine Nichtraucherei in den vergangenen Jahren so gekostet hat? All das Geld, das ich zusätzlich rausgehauen habe für die Substitute? Und erst die Kohle, die ich ausgegeben habe, weil ich doch jetzt so viel durchs Nichtrauchen spare? Echt, ohne mich und all die anderen nicht mehr rauchenden Raucher wäre die Konjunktur ganz anders eingebrochen. Und Du magst unseren Beitrag anmahnen. Tsts.

Dein Roland

Grausame Kunst!

Schon süß, so ein Reh oder? Diese rehbraunen Augen, der treue Blick, die aufmerksam aufgestellten Ohren. Das ergreift das Herz. Spätestens seit der rührenden Geschichte von Bambi. Okay, der war ein Hirsch. Und ein Halbwaise. Weil die bösen Jäger seine Mutter gemeuchelt haben.

Womit wir mitten in der grausamen Gegenwart wären. und an der Münchener Staatsoper. Die gibt demnächst ein Stück, das mir zugegebenermaßen gänzlich unbekannt war. Rusalka heißt die Oper. Anton Dvorak hat sie geschrieben, und der ist mir mehr durch seine Sinfonien bekannt, vor allem durch die „Aus der Neuen Welt“. Gut, genug geprotzt mit bildungsbürgertümlichem Wissen. Und zurück nach München.

In der Oper geht es offensichtlich recht tragisch zu, mit verschmähtem Liebesglück, Elfen, Irrlichtern und Prinzen. Es wird geliebt, getrennt und gestorben. Und es wird gejagt. Womit wir bei den Rehen wären.

Heutzutage braucht eine Oper nicht mehr nur gute Sänger, sondern auch einen Knalleffekt. Den versteht zwar nicht immer jeder – im Sommer bei den Wagner-Festspielen zum Beispiel waren etliche Zuschauer bei Lohengrin überfordert und konnten den gerupften Schwan so wenig einordnen wie die Rattenkostüme. Schwan und Ratten blieben trotzdem.

München ist da anders. Und handelt. Das ist gut für die Rehe. Und schlecht für Regisseur Martin Kušej. Der wollte das mit den Rehen nämlich besonders authentisch haben, warum auch immer. Und so mussten die Sänger auf der Bühne schon bei den Proben reihenweise tote Rehe häuten. 

Tja, und das ist jetzt bekannt geworden. Wobei die Menschen weniger über die Botschaft nachgedacht haben, die der Regisseur womöglich transportieren wollte – wenn er denn eine Botschaft hat. Es war mehr das Schicksal der, zugegebenermaßen zu diesem Zeitpunkt schon mausetoten Rehe, das sie bewegte. Weil, wenn die zum Essen sterben müssen, ist das schon schlimm genug in den Augen der Tierschützer. Aber auf offener Bühne? Für die Kunst? Und für eine Aussage, für welche auch immer?

Eben. „Es geht auf der Bühne um den Inhalt und die künstlerische Aussage der Interpretation“, hat Staatsintendant Nikolaus Bachler ganz richtig erkannt. „Daher wählen wir Mittel, die es den Boulevardmedien nicht ermöglichen, von der Kunst abzulenken.“ Jetzt müssen die Sänger ohne echte Rehe auskommen und dafür „Reproduktionen“ häuten. Kunstrehe also.

Oha. Da ist einer beleidigt.  Und alles nur, weil der doofe Boulevard wieder einmal nichts begriffen hat und sich als unfähig erwiesen hat, das große Übergeordnete zu erkennen. Wo doch die Rehe gar nicht für die Oper gekillt worden sind, sondern ganz normal von einem Metzgerbetrieb gekauft worden sind. Na ja. Darüber ließe sich jetzt trefflich streiten. Eine geradezu philosophische Frage nach dem Sein und dem Nichtsein: Wären die Rehe noch am Leben, wenn die Oper sie NICHT gekauft hätte? War ihr Tod, so gesehen, gar nicht so sinnlos, wie er uns erscheinen mag? Und sei es nur, dass sie sich opfern mussten, damit die anderen aus ihrem Rudel heute weiterleben dürfen? Weil die Nachfrage nach ganzen, aber dennoch toten Rehen in jener Metzgerei plötzlich einen dramatischen Einbruch erlebt hat? Waren es am Ende gar keine frischen Rehe, sondern tote Asservate aus den Zeiten der Gammelfleischskandale? Und was sagt die Gewerkschaft der Sänger dazu? Ja, gibt es sie überhaupt? Fragen über Fragen. Und so wenige Antworten.

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In Rom, da sind die Räuber

Wir waren dieser Tage in Rom. Okay, nur Idioten fahren um diese Zeit nach Rom. War ja klar, dass die Stadt voll sein würde. Voller ist sie vielleicht nur noch um Ostern herum. Weil doch der Papst, UNSER PAPST, dann seinen Weltsegen spricht. Weihnachten, heißt es, sei das Wetter in Rom eher schlechter, kalt und mit viel Regen. In etwa so wie an Pfingsten bei uns. So gesehen war es in Rom besser. Da hat es an vier Tagen nur zweimal geregnet. Dann dafür aber gleich richtig. In München dagegen, haben wir uns sagen lassen, habe es in der gleichen Zeit nur einmal geregnet.

Also, wie gesagt, wir waren in Rom. Nun bin ich von München her einiges gewohnt. Die Autofahrer sind wahre Rüpel hier und die Bedienungen müssen schon beim Einstellungsgespräch beweisen, wie unfreundlich sie sein können. Da wäre ich gerne mal dabei, wenn sie ihrem künftigen Chef die Referenzen auf den Tisch knallen und bei dessen vorsichtigem Reklamieren, dass der Umschlag doch schon ein wenig speckig sei und der Inhalt eher nicht den Erwartungen entspreche, ganz und gar nicht den Erwartungen, und dem Bestellten schon gleich gar nicht, wenn sie sich dann so richtig in die Brust werfen, ihn mit einem kurzen Laserblick töten und dann wortlos gehen, das Nicht-bestellte auf dem Tisch lassend. Und wenn er ihnen dann voller Stolz den Arbeitsvertrag rüberschiebt und das Gehalt gleich mal um 500 Euro erhöht, weil so eine Bedienung hat nicht jeder. Ja, doch, da wäre ich gerne mal dabei.

Aber zurück zu Rom. Sie hatten uns gewarnt, unsere ganzen Frequent Travellers im erweiterten Bekanntenkreis. Dass die Stadt voller Räuber sei. Und dass wir unsere Taschen nur gut festhalten sollten. Und auf keinen, aber auch auf gar keinen Fall sollten wir die Geldbeutel da hineintun. Auch keine Kameras. Auch nicht in die Hosentaschen, Nicht in die Gesäßtaschen. und auch nicht in die Taschen vorne. Weil selbst da sei schon Geld geklaut worden. Wobei ich mich dann doch frage, wie unsensibel einer sein muss, dass er nicht mal merkt, wenn ihm vorne einer in die Hosentasche greift.

Wir haben die Tipps befolgt, was gar nicht so einfach ist, weil ein Geldbeutel samt Kamera unter dem Hemd doch gewaltig aufträgt. Und es hat funktioniert. Wir sind nicht ausgeraubt worden. Wir haben das viel eleganter gelöst. Wir haben uns gleich freiwillig schröpfen lassen.

Zwei Pizzen und zweimal Nudeln zum Beispiel samt viermal Cola, was darf das kosten? Richtig: 130 Euro. Die Cola zu je zehn Euro, dazu die Pizzen zu 15 und die Nudeln zu zwölf Euro. Oben drauf noch Pane e Coperto, dazu 15 Prozent Serviceaufschlag. Geht ganz locker.

Oder, ein anderes Beispiel: Zwei Cappuccini (ja, gut, gell? Gleich mal das Plural-I eingebaut) sowie eine Kugel Eis? Exakt: 22 Euro. Weil der Kellner nämlich irgendetwas in wildem Englisch-Italienisch gebrabbelt hat, darin, das haben wir später rekonstruiert, tauchte das Wort large auf. Nur hat das so nicht geklungen.  Und auf unser so misstrauisches wie in bestem Italienisch vorgetragenes: „Normale Cappuccino!“ hat der Mann lächelnd genickt. Und uns zwei große Tassen hingestellt. Dazu vier Kugeln Eis. Obwohl nur eine bestellt war. Wir haben natürlich reklamiert. Erst auf Deutsch. Dann auf Englisch. Dann mit Gesten. Es war fast das Geld wert zu sehen, wie sich schlagartig sämtliche Intelligenz aus dem Gesicht des Mannes entfernt hat. Und mit ihr jede Kenntnis irgendeiner Sprache. Wir haben gezahlt, logisch, die vollen 22 Euro.

Weil, es war das Billigste an diesem Tag. Weil der Eintritt ins Kolosseum schon zwölf Euro gekostet hat, pro Nase, versteht sich. Oder die Liftfahrt auf Gottes Schreibmaschine. Geschätzte 20 Meter, einfach. Macht sieben Euro pro Person. Und erst der Petersdom. Gefühlt war die Schlange vor seinem Eingang gut einen Kilometer lang. Mehrere Stunden Wartezeit, die sich aber gegen ein kleines Salär hätte abkürzen lassen. 35 Euro, egal ob Erwachsener oder Kind, dafür  kein Anstehen und sagenhafte 20 Minuten Zeit für die Besichtigung zu einem festgeschriebenen Zeitpunkt. Führer geht extra.

Wir haben verzichtet. Auf  Gottes Schreibmaschine. Auf den Petersdom. Auf eine zweite Pizza. Wir sind einfach nur durch die Gassen geschlendert, haben in einer unauffälligen, aber wunderbaren Trattoria abseits der Touristenströme gegessen, unseren Espresso dort getrunken, wo auch die Italiener saßen: Und es war ganz wunderbar. Fast so wie in München. Nur schöner.

PS: Haben Sie mal bei Google „Rom +Räuber“ eingegeben? Da kommt viel zu Hotzenplotz, ein wenig zu Schiller und ein bisschen was zu Dinosauriern. Nur zu Rom kommt nix. Macht Sinn. Da gibt es keine Räuber mehr. Weil die das Rauben längst legalisiert und verstaatlicht haben.

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Endlich, München wird scharf

Es geht um die Wurst. Wie so oft in München. Was haben sie nicht für Verrenkungen vorgenommen, damit die original Münchner Weißwurst eine original Münchner Weißwurst bleibt. Nicht mal im Umland dürfe sie produziert sein, sagen die Münchner. Als ob diese seltsame Wurst besser schmeckte, wenn sie denn in München produziert wird.

Selbst Edelköche haben sich an ihr schon versucht und Chili dem Teig beigefügt. Oder Trüffel. Oder sonstiges teures Gedöns. Geholfen hat es nichts. Die Weißwurst ist eine Weißwurst geblieben. Also versuchen sich die Stars der Küche jetzt an anderen Objekten.

Eigentlich hat es erstaunlich lange gedauert, bis sie die Currywurst als solche entdeckt haben. In Berlin ist sie längst Kult, in München ein leider ziemlich vernachlässigtes Etwas. Nicht, dass in der Landeshauptstadt jetzt die Currywurstbuden nach dem Vorbild der Bundeshauptstadt aus dem Asphalt schössen. Das geht hier schon auf einem ganz anderen Niveau. Das Curry 73 zum Beispiel an der Balanstraße. Das gehört Holger Stromberg. Der ist Koch, verwöhnt normalerweise die deutsche Fußballnationalmannschaft, und pflegt an der Balanstraße seine proletige Ader. Hat das Pförtnerhaus einer Industriebrache umgebaut zur Currybude. Und die Menschen stehen Schlange. Weil die Wurst bio ist und die Pommes frisch und das Curry selbst gemacht wie auch die Mayo dazu.

 
Oder die Klenzestraße. Gleich drei Edelbräter tummeln sich hier. Einer feiner als der andere. Der Bergwolf und die Gute-Nacht-Wurst sind regelmäßig knall voll, servieren die Wurst in tausend Varianten und dazu die hippen Biere der Saison, Tannenzäpfle aus dem Schwarzwald oder Tegernseer aus dem gleichnamigen Brauhaus. Oder Champagner. Weil das die Schickeria mag, Edelgetränke zur Proll-Wurst.

Jetzt gibt es dort auch noch das Curry. Mit Würsten nach den Rezepten eines Sternekochs. Mit Trüffelmayo, Chili-Aprikose, Senf-Honig oder Preiselbeer-Meerrettich. Zu den Pommes, frisch geschnitten und doppelt fritiert vor den Augen des Gastes. Oder auch zur Wurst, je nach Geschmack.  Wer will, kann sich seine Wurst sogar mit Blattgold belegen lassen. Was selbst dem Wirt „fast schon zu dekadent“ ist. Aber eben nur fast.

Stromberg drüben in der Balan verzichtet auf solchen Schnickschnack. Bei ihm darf der Gast zwischen vier Currysorten wählen. „Blumig, „Mild“, „normal scharf“ oder „scheissescharf“. Steht auch auf den Streuern, wobei bei der schärfsten Variante das „scharf“ nicht mehr drauf gepasst hat. Liest sich jetzt etwas merkwürdig. Wo doch das Auge mitisst.
Ja, Berlin kann sich warm anziehen. Weil sich in München endlich auch so etwas wie eine Wurst-Kultur entwickelt. War aber auch Zeit geworden. Aus fränkischer Sicht jedenfalls ist der Schritt längst überfällig. Ehrlich.

Kein Schafkopf, nirgends

Es ist eine seltsame Zeit, in der wir leben. Einerseits beklagt alle Welt, dass die Traditionen aussterben, dass sich niemand mehr auf das Gute, Bewährte besinnen mag. Und andererseits verhindern die gleichen Leute eben diese Traditionen.

Ich für meinen Teil treffe mich zum Beispiel alle paar Wochen mit drei Freunden zum Kartenspielen. Schafkopf, Sie kennen das wahrscheinlich. Ein urbayerisches Spiel, das auch die Franken mögen. Ich liebe es. Wir gehen dann in eine Kneipe, essen und trinken, spielen ein paar Stunden. Und ziehen glücklich von dannen. Die anderen ein paar Euro reicher und ich um etliche ärmer. Komisch. Irgendwer muss mich immer gerade in diesen Stunden besonders lieb haben.

Das Problem an der Geschichte aber ist ein anderes: Wir finden kaum noch Lokale, die das Karteln zulassen. Ausgerechnet in München stirbt das Spiel aus, weil es keiner mehr spielen darf. In den Bierkneipen nicht mehr. In den Bierhallen nicht mehr. Selbst in den riesigen Bierkellern von Hof- bis Löwenbräu ist es verboten. Wo immer wir anrufen, die Wirte bedauern. Wenn es nach ihnen ginge, ja dann. Aber die anderen Gäste. . . Der Lärm. . . Wir könnten das doch verstehen, oder etwa nicht?

Nein, wir verstehen nicht. Wir verstehen ganz und gar nicht. Weil wir nämlich nicht laut sind. Im Gegensatz zu den anderen Gästen. Die lärmen, die streiten, die diskutieren. Und je mehr Bier geflossen ist, desto hektischer werden sie. Wir dagegen besprechen ruhig und gelassen die Spiele nach. Oli ist da echt gut. Er merkt sich jede Karte von mir und könnte mir noch nach einer Stunde ganz genau aufsagen, wann ich wo wie falsch bedient, zugegeben, an-, nach- oder abgespielt habe. Und das macht er dann auch und sagt mir all das auf, was ich in seinen Augen falsch gemacht habe. Und ich argumentiere dagegen, differenziert, sachlich, ruhig. Sehr erbauend. Und lehrreich obendrein.

Nur, wie gesagt, uns gehen die Lokale aus. Leider. Der Schelling-Salon, der lässt das Karteln noch zu. Der hat das als Marktlücke erkannt und zwangsverkauft den Spielern billige Karten für sündteures Geld. Aber das ist es uns wert. Weil wir ja gerne spielen. Ehrlich. Der Tradition wegen. Einer muss die ja retten. Notfalls eben wir.

Wohlfühlen im Romantik-Bunker

Manche Leute haben aber auch merkwürdige Ideen. Überall im Münchner Stadtgebiet stehen Bunker, riesige Betonkästen von unvergleichlicher Hässlichkeit mit winzigen Luftschlitzen, wenn überhaupt. Sie sind, logisch, ein Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs.

Der liegt nun schon eine Weile zurück. Nur die Bunker sind immer noch da und verschandeln die Straßen, weil niemand so recht weiß, was die Stadt mit ihnen anfangen soll. Bis auf Johann Lindner. Der will jetzt handeln. Zumindest in Allach.

Auch da steht ein Bunker von schmutziggrauer Farbe, achteckig, vier Stockwerke hoch, mit einem ziemlich verrotteten Dach oben drauf. Ihn möchte Lindner umbauen _ zu einem „romantischen Hotel mit Wohlfühl-Atmosphäre“.

Klingt gut, ist es aber nicht, jedenfalls nicht für die Lokalbaukommission. Die hat seine Pläne abgelehnt. Ein Glaspavillon auf den Dach! Im Jugendstil! Da haben sie aber gekreischt in der Kommission. Dass Lindner den Bunker aufhübsche, haben sie gesagt und was von Kitsch und Disneyland gemurmelt. Und dass der Bunker „zumindest erahnt werden“ müsse, fordert CSU-Mann Walter Zöller. Weil doch „diese Bauten zum Stadtbild“ gehörten. Muss man nicht verstehen, oder?

Es ließe sich trefflich streiten. Das mit dem Denkmalschutz kann man auch übertreiben. Zöller blickt jedenfalls zuhause nicht auf einen solchen Betonklotz. Die in Allach schon.

Lindner hat sich trotzdem nicht entmutigen lassen und einen neuen Plan entworfen. Der Pavillon ist jetzt weg, das Haus weiter achteckig und die Fenster längs in schmale Streifen geteilt. Bis zu 20 Zimmer könnte Lindner innen unterbringen.

Wenn ihn die Kommission denn lässt. Und sie lässt, schwärmt vom „intelligenten Ansatz“, der „den Bunkergedanken“ aufgreife und von den „klaren, schlichten Linien“. So etwas kann auch nur Fachleuten einfallen. Bunkergedanke. . . du lieber Himmel! Auf den setzt Lindner vermutlich eher weniger, wenn er seine Prospekte druckt. Klingt ja auch merkwürdig: „Verbringen Sie ein paar schöne, romantische Stunden in einmaliger Bunkeratmosphäre. Unsere Spitzenköche wärmen Ihnen gern ein paar Konserven auf. Wir empfehlen dazu einen guten Tropfen aus unserer Wasseraufbereitungsanlage, ehe Sie sich in die romatischen Stockbetten zurückziehen.“ Oder so ähnlich. Grauenvoll. Dann doch lieber Disneyland.

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Was ein genialer Katzenjammer

Da lebe ich bald zwanzig Jahre in München, habe über alles Mögliche geschrieben, etliches erlebt und gesehen. Bloß das Atomic Cafe, das ist mir nie begegnet. Der Laden sei voll hipp und in, mit Türsteher und so, sagt mein Freund Rainer. Da müssen wir hin, hat er auch noch gesagt. Und Karten besorgt. Weil an diesem Abend eine Band auftritt. Wir waren dort, gestern.

Ehrlich, manchmal bin ich froh, dass ich in meiner Abteilung sitze und nicht zum Beispiel in der Sportredaktion. Von Sport verstehe ich wenig. Oder im Feuilleton. Davon verstehe ich noch weniger. Das ist diesmal praktisch. Weil ich jetzt nicht kompliziert darüber nachdenken muss, wie der Katzenjammer war, welches Stück warum das beste, welches weniger gut und was für ein Stil das überhaupt war.

Nein, ich kann einfach schreiben – es war genial. Die haben Hit-Potenzial, würden die Fachleute jetzt sagen. Kostprobe gefällig? Achtung, Suchtgefahr: YouTube Preview Image. Na, hat das was?

Gesehen? Vier norwegische Mädels, die das ausverkaufte Atomic Cafe zum Beben gebracht haben.  Und mich mit. Vier Mädels mit Wahnsinns-Stimmen und einer gewaltigen Show, weil sie alle vier singen, jede etliche Instrumente spielt, sich die vier dauernd abwechseln und über die Bühne wirbeln, absolut schmerz- und schweißfrei. Was nicht ganz fair ist, weil mir, selbst ohne allzu große Bewegung (in meinem Alter wippt man nur noch dezent mit dem Fuß im Takt mit und zuckt leicht mit dem Kopf, wirkt cooler), das Wasser auf der Stirn stand.

Was das musikalisch genau war, weiß ich nicht so recht. Im Internet liest sich das so:

„Musikalisch und ästhetisch sind Katzenjammer von unterschiedlichen Stilrichtungen inspiriert und präsentieren in ihrem Repertoire eine bunte Mischung, die „nach Montmarte in Paris, nach russischem Zirkus, Zigeuner-Jahrmärkten und düster-verrauchten Whiskey-Bars in Oslo“ klingen. Neben Anklängen an den Stil von Bands wie B52’s fließen in anderen Stücken Elemente von Jazz, Rock, Balkan-Musik, Folk, Country und Chanson. Die erste Single A bar in Amsterdam wurde als „Mariachi-Polka mit hysterischem Trompetenthema“ beschrieben. Ihre kraftvollen und energiegeladenen Performances auf der Bühne veranlassen manche Kritiker zu Vergleichen mit Gogol Bordello, Dixie Chicks oder Leningrad Cowboys.

Eine Besonderheit von Katzenjammer ist, dass jedes Bandmitglied mehrere Instrumente beherrscht, die während Liveauftritten bei fast jedem Lied gewechselt werden. Zu den verwendeten Instrumenten gehören Bass-Balalaika, Akkordeon, Mandoline, Klavier, Schlagzeug, Geige, Mundharmonika, Banjo, Trompete, Glockenspiel und auch improvisierte Instrumente wie Blecheimer.“

Auch nicht schlecht. Auf jeden Fall sind sie mit Spaß dabei. Und hinterher verkaufen sie ihre CDs noch selbst an einem kleinen Tisch. Das hat etwas fast Rührendes Ich als Laie sage: Hingehen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Tut sie, noch zweimal in Bayern. Zum Beispiel am 28. Oktober in Würzburg. Oder am 31. in Augsburg. Nur leider nicht in Nürnberg. Schwerer Fehler.

Sollte sich nicht wiederholen. Und deshalb rufe ich Katzenjammer zu: Ei jenter, neste gang deres kommer til Nürnberg, men, ok?