Typisch deutsch? Aber klar doch!

Manchmal stecken die großen Wahrheiten im kleinen Detail. Wer zum Beispiel im Internet nach der Antwort auf die Frage sucht, was „typisch deutsch“ sei, der kommt ziemlich bald auf eine Seite mit der Überschrift: „Stereotype: Was ist typisch deutsch?“ Und direkt darunter prangt eine Anzeige. Für eine Reiserücktrittsversicherung, zu supergünstigen Konditionen.

Ja, das ist typisch deutsch. Der Deutsche sichert sich gerne ab gegen alle Risiken, die das Leben so bereit hält. Die Versicehrungswirtschaft kann davon ein fröhliches Lied singen. Die haben schon so ziemlich alles versichert, von den Beinen berühmter Schauspielerinnen über die Hinterteile diverser Sängerinnen bis hin zu Fußballfans, die sich gegen den Abstieg ihres Lieblingsvereins versichern wollten.

Deutsch ist die Schrankwand und der Gartenzwerg, der Hang zu Pedanterie und der Schweinsbraten. Jedenfalls im südlichen Teil Deutschlands. Deutsche, lernen ausländische Touristen, sagen am Telefon ihren Namen und regen sich auf, wenn es der Gesprächspartner nicht tut. Sie warten in Lokalen nicht darauf, dass ihnen der Kellner einen Tisch zuweist.

Sie bleiben an roten Ampeln stehen, egal, wie spät es schon ist und wie leer die Straße. Grundsätzlich und immer. So grundsätzlich, dass der französische Kabarettist Alfons schon gespottet hat, statt der Berliner Mauer hätte es auch eine rote Ampel getan.

Die Deutschen hassen dafür das Schlangestehen, eine Disziplin, die andere Völker wie das britische leidenschaftlich pflegen. In der Regel jedenfalls. Doch es gibt Ausnahmen, auch in Deutschland, im Zwischenreich der Disziplinen. Wer es nicht glaubt, dem sei ein Besuch auf dem Münchner Flughafen empfohlen.

Dort, im Ankunftbereich, spucken jeden Tag zwei gläserne Türen etliche Tausend Reisende aus, die auf etliche Tausend Abholer treffen, manche mit Namensschildern in der Hand, viele nur mit einem freudigen Lächeln im Gesicht. Es geht erstaunlich gesittet zu, kein Durcheinander, kein Chaos, sondern geordnetes Warten.

Der Grund dafür findet sich am Boden in Gestalt mehrerer dünner, gelber Linien. Die trennen den Wartebereich von den Glastüren weiträumig ab, geben einen schmalen Korridor für die Passagiere frei und halten die Besucher in einem weitläufigen Karree zurück.

Das Faszinierende: Kein Schild, kein Hinweis, nicht das kleinste Sätzchen erklärt, was die Linien bedeuten sollen. Sie sind einfach da. Und in den deutschen Gehirnen fügt sich ihre Existenz zu einer Bedeutung zusammen, bekommt sie Sinn und Inhalt. So viel Sinn, dass sie das Anarchische im Bayern überdecken kann.

Nicht aber das Deutsche in ihm. Denn wehe, einer überschreitet diese Linie. Der ist mit Sicherheit ein Ausländer. Und er wird sie noch lange spüren, diese brennenden Blicke in seinem Rücken. Und das nächste Mal warten, wie allen anderen auch, hinter der Linie. So wie es sich gehört in Deutschland. Auch in Bayern. Und sogar in München.