Halbnackte Kerle und kreischende Kids

Nein, es war keine Teenie-Band, kein Popsternchen, keine Boygroup, die den Riesenauflauf mitten in München verursacht hat. Wobei – genau genommen hat eine Boygroup durchaus eine Rolle gespielt.
Seit Monaten hat sich das Spektakel angekündigt. Seit Monaten fieberte die Stadt jenem Moment entgegen, da Abercrombie & Fitch seine Tore öffnet. Jetzt ist es, endlich, so weit. Und die Zeitungen berichten, seitenweise.
Für all jene, die mit dem Namen wenig anfangen können: Es geht um Mode, genauer um ein Mode-Label, das sich bisher in Europa extrem rar gemacht hat. Ein cooler Trick war das. Denn die Klamotten gab es nur in den USA. Wer sie trug, transportierte gleich drei Botschaften: Ich bin international, ich bin hipp. Und ich war gerade in New York.
Künftig fallen erstens und drittens weg. Erst rückte Abercrombie & Fitch in London ein, dann in Düsseldorf, Hamburg und jetzt in München. Das sei das Aus, weissagten die Besserwisser dieser Welt. Die Marke werde ihre Besonderheit verlieren. Undsoweiterundsofort.
Die Besonderheit der Marke freilich hat auch in München noch funktioniert. Schon um sechs Uhr in der Früh standen die ersten vor dem Laden, damit sie um elf Uhr als erste reindürfen.
Drinnen, für die, die noch nie in einem Abercrombie & Fitch-Laden waren, ist es dunkel, fast schwarz. Dafür leuchten die Klamotten in allen Farben. Bilder von halb und ganz nackten Männer zieren die Wände. Über allem liegt der Duft des hauseigenen Parfums.
Der wabert übrigens auch durch die Straßen. Die Filialen versprühen das Zeug wohl literweise, damit mit der Nase hinfindet, wer die Adresse nicht weiß. Denn auch das gehört zum Marketing-Konzept: Kein Schild kündigt den Laden an getreu dem Motto, wer zu Abercrombie wolle, der finde auch hin.
So ist die Welt von Abercrombie, deren Kunden oft in krassem Widerspruch stehen zu jenem Bild, das die Marke von sich selbst schafft mit all den durchtrainierten Jungs, die vor und im Laden posen, unter der offenen Jacke nichts als eine so glatt rasierte wie scharf modellierte Brust. Sie sind jene Boygrpoup, die Münchens Kitsch so lautstrak kreischen ließ. Alles hipp, alles easy.
Eine Kunstwelt, in der nicht nur die Jungen und die jungen Erwachsenen eintauchen, sondern zu derem Leidwesen auch gerne mal die Eltern. Anders als ihre Kinder können sie sich die hippen Klamotten auch tatsächlich leisten.
Als das Label noch in weiter Ferne residierte, war das kein Problem. Der Nachwuchs brauchte die Altvorderen schon für die Anreise. Und die Gefahr, dass ein Freund sie mit ihren Eltern entdeckt, war jenseits des Ozeans recht gering.
Jetzt ist sie auf einmal sehr real. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kids beim Bummel durch die düsteren Reihen unfreiwillig auf ihre Erzeuger treffen, hat sich mit sich selbst multipliziert. Nicht gut fürs Geschäft, so etwas. Ob sie das bedacht haben in New Albany? Wenn es blöd läuft, landet die Firma eines Tages wieder bei ihren Wurzeln, und produziert Campingzubehör. Weil campen irgendwie nie aus der Mode gekommen ist.

Wo das Volk noch mitreden darf

Er ist wohl ein wenig in Vergessenheit geraten, der griechische Ursprung des Wortes Demokratie. Jedenfalls in München. Und dort beim Landratsamt München. Dabei ist es so einfach: Demos steht für Volk, kratia für Herrschaft. Und beides zusammen für die Herrschaft des Volkes.
Die beschränkt sich, sehr zum Schmerz etlicher überzeugter Demokraten, auf einen Urnengang alle paar Jahre. Danach, so ihre Klage, liege das Schicksal in den Händen der Politiker. Und nur in ihren Händen. Kritik erreicht die allenfalls über die Leserbriefspalten und, aber nur sehr gelegentlich, bei Bürgersprechstunden.
Ärgerlich? Vielleicht. Vor allem aber von oben so gewollt. Das lernen gerade auch die Pullacher.
Knapp 10 000 Menschen leben im Münchener Vorort; es ist eine ruhige Gemeinde, so reich wie konservativ und dennoch luxusgrün. Die Pullacher leisten sich ein ambitioniertes Geothermie-Projekt; und sie können es sich leisten dank der Steuermillionen, die der Chemieriese Linde an die Gemeindekasse überweist, der Autovermieter Sixt, dazu zwei Leasing-Unternehmen, die sich auf Industrie-Anlagen spezialisiert haben.
Demnächst gilt im gesamten Gemeindegebiet Tempo 30, weil die Bürger es so beschlossen haben. Nicht, dass sie bei einer Wahl darüber abgestimmt hätten. Der konservativ geführte Gemeinderat hatte einfach die Pullacher angeschrieben und sie nach ihrer Meinung gefragt.
Doch, das schwarz-gelbe Bündnis im Pullacher Rathaus schätzt die Basisdemokratie. Was ausgerechnet das rot geführte Landratsamt ziemlich auf die Palme bringt. Denn wenn den Pullacher Bürgern danach ist, und es ist ihnen ziemlich oft danach, setzen sie sich als Zuhörer in den Gemeinderat. Und wenn die Gemeinderäte es für angemessen halten, erteilen sie ihnen das Wort, hören sie sich an, was die Bürger Pullachs zu sagen haben.
Unmöglich, findet das Landratsamt. Keine Mustergeschäftsordnung gebe den Zuhörern ein Rederecht, sagt das Landratsamt. Nur gewählte Kommunalpolitiker dürften, müssten sogar das Wort ergreifen, beraten und dann abstimmen. Sagt das Landratsamt. „Meinungsäußerungen von Außenstehenden sind unzulässige Einflussnahmen.“
Sonderlich demokratisch klingt das nicht. Finden auch die Pullacher Gemeinderäte. Mehrheitlich und Parteiübergreifend stemmen sie sich gegen das Landratsamt, das ihren Bürgern den Mund verbieten will. Bewährt habe sich das System, sagt die SPD. „Total antiquiert“, nennen die Grünen die landrätliche Position. Und die CSU weist zurück, dass sie sich von den Bürgern unzulässig habe beeinflussen lassen.
In der Tat ein pittoresker Vorwurf. Denn was sonst sollten Bürger in einer Demokratie tun als die Politiker beeinflussen? Das Landratsamt jedenfalls hat jetzt erst einmal Zeit und kann darüber nachdenken. Denn Pullach will seinen Bürgern nicht den Mund verbieten lassen.

Amtsschimmel gegen Drahtesel

Ich liebe Münchens Beamte. Sie sind einfach, nun ja, herrlich inkonsequent.

Seit gut einem Jahr schmiegen sich hinter unserem Büro zwei Fahrräder aneinander. Sie stehen in der Wiese, liebkosen sich still, rosten ein wenig und genießen, dass ihre Besitzer sie hier ausgesetzt haben unter der großen Linde. Es ist ein großes Glück.

Nur die gelben Zettel trüben das Bild. Auf dem Sattel kleben sie, an den Stangen hängen sie, an den Lenkern und sonstwo. Sechs, sieben Stück sind es. Ultimative Aufforderungen, dass die Fahrräder zu verschwinden hätten, sonst, da kenne die Stadt kein Pardon, „werden sie kostenpflichtig abgeschleppt“.

Die meisten dieser Zettel sind vergilbt, ausgebleicht von der Sonne und dem Regen, der München in diesem Sommer besonders häufig heimgesucht hat. Alle Zettel. Bis auf den jüngsten. Den hat der zuständige Beamte in Plastikfolie eingeschweißt. Weil alles seine Ordnung haben muss.

Am 14. Oktober soll die Gnadenfrist für die beiden Liebesräder ablaufen. So steht es auf dem kommunalen Stadt-Papier. Aber vielleicht haben sie ein Einsehen. Und gönnen den beiden Rädern einen weiteren Zettel lang Aufschub. Es wäre ihre Rettung. Danach findet sie eh keiner mehr. Weil sie zugewuchert sein werden und mit der Landschaft verschmelzen. Ein junges, altes Glück.