Armes reiches Grünwald

Mit dem Reichtum ist das so eine Sache. Klar, es gibt Typen wie die Geissens, die ohne ihr Geld vermutlich kein Mensch kennen würde. Doch sie haben Geld, und sie zeigen es begeistert im privaten Trash-Fernsehen.
Die Masse der deutschen Reichen aber ist anders, dezenter, lebt ihren Reichtum nicht allzu öffentlich aus. Diese Reichen ziehen sich gern in ihre Ghettos zurück, nach Grünwald bei München beispielsweise. Und dort bevorzugt hinter sehr hohe, sehr dichte Hecken. Damit sie niemand sehen und beneiden muss. Äußerst rücksichtsvoll eigentlich.
Natürlich sind die entsprechend menschenleeren Straßen nicht jedermanns Sache. Grünwald wirkt in weiten Teilen wie entvölkert. Wer wissen will, wie einsam Reichtum machen kann, der muss nur mal durch die Villengegenden fahren. Kein Mensch ist auf der Straße. Nicht mal Autos parken hier.
Trotzdem geht es den Grünwaldern natürlich gut. Dank des nahen Münchens muss die Gemeinde nichts vorhalten, was ins Geld ginge, kein Krankenhaus, keine Oper, kein Theater. Selbst den öffentlichen Nahverkehr finanziert München. Wobei die Grünwalder bevorzugt ihre Kinder in die Straßenbahn setzen. Solange die jedenfalls noch keinen Führerschein haben. Sie selbst nehmen lieber den Wagen.
Es ist für Grünwald eine ersprießliche Nachbarschaft wie für die meisten Gemeinden in den Speckgürteln rund um die großen Städte. Sie können ihre Steuern senken und attraktive Firmen anlocken, deren Mitarbeiter die Vorzüge der nahen Städte genießen, ohne dass die Speckgürtler dafür zahlen müssten.
Und so leistet sich auch Grünwald schieren Luxus, zahlt Babyprämien, baut sich ein  Gymnasium, erschließt seine Straßen für die Geothermie. Der wahre Luxus allerdings zeigt sich an den Grünwalder Ampeln. Die sind, wie mittlerweile vielerorts üblich, mit akustischen Signalgebern ausgestattet. Auf dass auch Blinde wissen, wann die Ampel auf Grün schaltet. Oder rot. Je nachdem.
Zur Sicherheit hat Grünwald auch noch Schilder an die Ampeln schrauben lassen. In Wort und Bild weisen sie darauf hin, dass den Knopf auf dem Kästchen mit dem Blindenzeichen drücken muss, wer das Signal hören will. Allerdings steht das da in Normal- und nicht in Blindenschrift. Schilder für Blinde – sinnlos findet das nicht nur das Landratsamt. Und der Schildbürger lacht.
Nur das Grünwalder Rathaus lacht nicht. Die Schilder, sagen sie dort ein wenig beleidigt, seien doch gar nicht für die Blinden, sondern für die Sehbehinderten. Die freilich bräuchten wohl eine Lupe, damit sie den Aufdruck lesen können. Vielleicht sollte Grünwald es machen wie die Supermärkte zund einfach ein paar Lupen dazuhängen. Am Geld zumindest kann es nicht scheitern.