Von Goldfischen, Sofas und Raketen

Im Englischen Garten zu München gibt es Teiche, jede Menge Teiche, der größte so groß, dass er sich schon See nennen darf. Andere wiederum bleiben wohl für immer namenlos, weil sie kaum größer als eine Pfütze sind.

So klein sie sind, zum Lebensraum taugen sie dennoch. Irgend jemand hat in einer dieser Pfützen ein paar Goldfische ausgesetzt. Die fühlen sich wohl, treiben im Schwarm dahin, vermehren sich, ernähren sich, von was auch immer. Und bereichern den Alltag, obwohl sie sind, wo sie nicht hingehören.

Unsere Natur ist längst nicht mehr jene, die sie einst war. Rotwangenschildkröten im harmloseren, Schnappschildkröten im härteren Fall tummeln sich in den Seen, Marderhunde und Waschbären in den Wäldern, Füchse, Biber und Biberratten in den Städten. Im Rheinland haben sich die Halsbandsittiche niedergelassen und krakeelen in munteren Kolonien. Bei uns krakeelen die Amseln, die inzwischen im Winter nicht mehr gen Süden ziehen und die Straßenlaternen für Sonnen halten, die sie die Nacht hindurch anzwitschern, bevor sie morgens übermüdet vom Ast kippen.

Zivilisation und Wohlstand verändern die Welt, manchmal zum Positiven, häufiger zum Negativen, wie der gigantische Plastikmüllwirbel im Pazifik mit seinen hundert Millionen Tonnen Plastik beweist.

Klar, der ist weit weg. Doch auch unser Müll dreht sich dort in einer endlosen Spirale. Oder die Autobahnen. 8000 Tonnen Müll klauben die Mitarbeiter der Autobahnmeistereien jedes Jahr zusammen. Kostet 110 Millionen Euro und füllt mal eben 15 Güterzüge.

Lästig, dieser Müll, einerseits. Und gefährlich dazu. Andererseits sagt er uns, welche Jahreszeit wir haben. Und wo wir genau sind. Hat die Münchner Autobahnmeisterei festgestellt. Die hat den Schrott analysiert und sortiert nach dem Speziellen und dem Üblichen, den Reifenteilen, Befestigungsgurten, Bremskeilen, Kühlschränken, Auspufftöpfen, Stoßstangen, Koffern, Taschen, Schuhen, Radkappen.

Im Sommer nämlich purzeln gerne Fahrräder auf die Fahrbahnen, Surfbretter und anderes Sportgerät. Im Winter sind es Skier oder Schlitten. Oder, wie dieser Tage auf der Münchener Ostumgehung, Weihnachtsbäume. Bierlaster, die ihre Ladung auf die Straße und nicht in die Kneipe kippen, arbeiten zwar saisonunabhängig, geben aber einen Einblick in die lokale Wirtschaftsstruktur. Das gilt auch für die Einrichtungshäuser.

Denn auch das findet die Polizei im Münchener Süden immer häufiger auf der Autobahn: Mobiliar, ganze Sofas, Matratzen. Was die Leute so kaufen, auf das Dach ihres Wagens schnallen und unterwegs verlieren. Im Umland, hat die Polizei festgestellt, siedeln sich immer mehr Möbelhäuser an. Das wirke sich auch auf der Autobahn aus.

Es hat auf seine Weise etwas Beruhigendes. Wer weiß, was auf den Bahnen läge, wenn nicht nur Möbelhäuser im Umland siedelten, sondern beispielsweise Rüstungsbetriebe. So ein Crash mit einem Sofa klingt komfortabler als einer mit einer verlorenen Pershing. Die könnte einen schnell dorthin befördern, wo die Goldfische aus dem Englischen Garten noch lange nicht sein werden – in den Himmel.