Der Selbstmord der Melonen

Ach ja, das Essen. Keine andere Nation in Europa geht derart lieblos damit um. Wir sparen uns die Qualität, stehen auf Junk Food, auf Convenience, auf Retortenmist.

Wir haben unsere Kühe auf Turbo gestilt und ihnen Euter angezüchtet, dass sie kaum noch laufen können. Puten und Hühner in den Mastbetrieben sind so sehr auf Muskelmasse getrimmt, dass sie im Leben nicht fliegen könnten. Wenigstens ersparen wir ihnen die Erkenntnis und sperren sie in so enge Ställe, dass sie es ohnehin nicht könnten.

Schweine mit 32 Rippen sind inzwischen Standard. Dabei hat die Natur nur zwei Dutzend Rippen vorgesehen. Doch die gewinnoptimierte Sau trägt acht Zusatz-Koteletts mit sich herum. Mehr, sagen Forscher, geht nicht. Weil das Fleisch schlapp wird und sich nicht braten, sondern nur in der eigenen wässrigen Brühe kochen lässt.

Eklig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Natur sich wehrt. Jetzt tut sie es. Wenn auch nicht bei uns, sondern drüben in China. Dort haben sich Zigtausende von Wassermelonen in den kollektiven Selbstmord gestürzt, sind einfach explodiert. Muss gruselig gewesen sein, wie sie platzten, wie sie ihr Fruchtfleisch meterweit schleuderten und hinausschrien: „Seht! Wir sind geknechtet! Wir setzen ein Fanal!“

Und jetzt? Jetzt werden die Killertomaten aus den Gewächshäusern rollen, überzüchtete Dinger, die nie die Sonne gesehen haben. Ihnen folgen die Salatköpfe, deren Wurzeln endlich Erde spüren wollen. Und erst die Salatgurken! Gefährliche schlängelnde Teile ohne Selbstwertgefühl, seit Discounter sie für 30 Cent verramschen.

So wird es kommen. Eines Tages. Denn das in China war eine Panne, ein Betriebsunfall. Die Bauern hatten Forchlorfenuron versprüht, einen Wachstumsbeschleuniger. In der falschen Menge, im falschen Moment, beim falschen Wetter. Die Melonen taten, wie befohlen, und wuchsen. Bis die Schale nicht mehr standhielt und knallend nachgab. Keine Sorge. Forchlorfenuron ist in Europa verboten. Jedenfalls für Melonen.