Hey, Hirndübel! Wir zahlen!

Lieber Hirndübel,

ja, ich bekenne: Ich rauche nicht. Oder nicht mehr. Ich habe das lange Jahre lang getan. Und es mir dann mühsam abgewöhnt. Weil auch die Bundesregierung gesagt hat: Lasst es. Es ist ungesund. Wir schreiben es Euch auf die Schachteln, auf die Plakate, ins Fernsehen, wie ungesund es ist. Sie haben sogar Schachteln für Frauen gemacht („Rauchen lässt Ihre Haut früher altern“) und für Männer („Rauchen kann Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein“). Unsere Regierung hat da einiges an Hirnschmalz investiert. Werbung verboten, aufgeklärt, die Medien eingespannt, die Ärzte (auch wenn die selber rauchen), das volle Programm. Und dann soll ich noch weiter rauchen?

Also habe ich es gelassen. Etliche Male. Immer wieder. Ich habe Pflaster gekauft (denk mal nur an die Mehrwertsteuer, die da drauf ist). Nikotinkaugummis (auch besteuert. Ein Freund von mir kaut die seit etlichen Jahren. Dafür raucht er nicht mehr.). Ratgeber in Buchform (okay, da sind nur sieben Prozent drauf. Aber immerhin!). Ich hätte auch noch zum Arzt gehen können (machen manche) und zur Hypnose sowie zu Akupunktur, Gruppensitzungen, Gesprächstherapien undsoweiter. Bei Ärzten/Therapeuten/Betreuern, die ihrerseits wieder Lohnsteuer zahlen. Und Mehrwertsteuer auf die Nadeln. Und die Pendel. Und die Sitzkissen.

Ehrlich, Hirndübel, da kommt was zusammen, bis unsereiner nicht mehr raucht.

Ich habe es dann geschafft, ohne den ganzen Kram. Dafür ist mein Gummibärchen-Konsum dramatisch angestiegen. Und der Alkoholkonsum auch (hat das schon mal einer gemerkt? Wer nicht mehr raucht, der verträgt mehr Alkohol. Oder trinkt er nur mehr, weil er keine Kippe mehr zwischen den Lippen hat, die den Weg für das Glas versperrt?). Ich habe zugenommen, satt zugenommen. Weil ich mehr gegessen habe. Essen, das ich selbstverständlich versteuert habe. Und weil ich, als frisch geborener Nichtraucher, neuerdings beim Metzger um die Ecke nicht mehr vor die Tür muss für die Leberkässemmel, bringt das dem Finanzamt sogar 19 Prozent. Ist ja bekannt, dass Essen im Imbiss 19 Prozent Steuer macht, Essen davor aber nur sieben Prozent.

Dafür ist mein Kaffeekonsum gesunken. Ich vertrage den irgendwie nicht mehr so richtig. Außerdem schmeckt er mir ohne Zigarette nicht. Ist aber auch nicht so schlimm. Sind ja nur sieben Prozent Mehrwertsteuer drauf. Auf Wein und Bier dagegen sind es 19 Prozent. Und, siehe oben, davon geht jetzt mehr. Macht ein sattes Plus bei meiner Steuerbilanz.

Womit wir bei dem Problem wären, das die Ex-Raucher am meisten quält: ihr Gewicht. Dafür gibt es in den Apotheken wunderbare Mittelchen, die den Appetit zügeln, die Pfunde purzeln lassen. Und mit edlen 19 Prozent besteuert sind. Und funktionieren tut es trotzdem nicht. Tja. Und so verfetten all die ehemaligen Raucher langsam, aber unaufhaltsam mit katastrophalen Cholesterinwerten und einem Zuckerspiegel, der Diabetes Typ 2 ziemlich wahrscheinlich macht. Und dann sollen wir länger leben als die Raucher? Blödsinn, lieber Hirndübel, Blödsinn. Über 90, das werden doch nur Raucher wie Helmut Schmidt.

Soll ich das jetzt mal alles zusammenzählen, was mich meine Nichtraucherei in den vergangenen Jahren so gekostet hat? All das Geld, das ich zusätzlich rausgehauen habe für die Substitute? Und erst die Kohle, die ich ausgegeben habe, weil ich doch jetzt so viel durchs Nichtrauchen spare? Echt, ohne mich und all die anderen nicht mehr rauchenden Raucher wäre die Konjunktur ganz anders eingebrochen. Und Du magst unseren Beitrag anmahnen. Tsts.

Dein Roland

Und bald: Saufen für die Wirtschaft! Und muhen für’s Klima!

Herrje. Das mit der Tabaksteuer eröffnet doch ganz neue Felder. Wie wäre es, wenn wir künftig mehr Alkoholsteuer zahlen? Und die Einnahmen dann in atomare Endlager investieren? Saufen für die Kernkraft, das hätte doch was. Oder hundert Prozent Steuer auf Kondome. Und die Einnahmen dann ab in die Rentenkasse. Weil mit Kondom kein Nachwuchs, ohne Nachwuchs aber kein Rentenbeitragszahler, folglich Ebbe in der Rentenkasse. So könnte jeder entscheiden und immer seinen Beitrag zahlen.

Und erst die Kühe. Gibt es das schon, eine Kuhsteuer? Wahrscheinlich nicht. Die ließe sich doch einführen, meinetwegen Muhsteuer nennen und sich, wie die Kfz-Steuer auch, eines Tages quasi schadstoffausstoßabhängig gestalten. Weil Kühe doch, pardon, rülpsen und, nun ja, blähen, dass es eine Pracht ist. Die hauen vorne und hinten mehr klimaschädliches Zeug raus als alle Lastwagen auf der ganzen Welt. Mit den Einnahmen ließe sich dann Wunderbares finanzieren. Elektroautos zum Beispiel. Auf deren Batterie dann eine kleine Akkusteuer, weil die Dinger ja auch nicht wirklich umweltfreundlich sind. Mit den Einnahmen ließen sich dann die Bauern subventionieren, die vermutlich wegen der Muhsteuer gerade in ernsthaften Schwierigkeiten stecken.

Dumm nur, dass auf die Sache mit der Ökosteuer beim Benzin schon einer gekommen ist. Schon vergessen, gell? Liegt zehn Jahre zurück. Da hat Rot-Grün die Ökosteuer auf Sprit eingeführt. Nein, nicht was Sie jetzt denken. Da ging es nicht darum, dass die Leute weniger Auto fahren sollten. Im Gegenteil. Mit dem Geld sollten die Rentenbeiträge stabil bleiben. Rasen für die Rente, ein wunderbarer Gedanke.

Doch, ich bin gespannt, was denen in Berlin noch alles einfällt.

Rauchen für die Wirtschaft!

Wunderbar! Ein Traum! Auf so etwas können doch nur Politiker kommen: Wir heben die Tabaksteuer an, damit die Konzerne nicht so viel Ökosteuer zahlen müssen. Ich finde das okay. Schließlich zahlen die Raucher ja schon für die Sicherheit. Schon vergessen? 2001? Richtig: Nach den Anschlägen in New York hat die Bundesregierung die Tabaksteuer angehoben, für ihr Sicherheitspaket.

Blöd nur, wie das jetzt in Bayern läuft. Schließlich haben wir hier, dank der CSU, „das bundesweit schärfste Nichtraucherschutzgesetz“. O-Ton Georg Schmid, Fraktionschef der CSU. Bevor Sie jetzt wieder auf die armen Bürger losgehen, die beim Volksentscheid sich gegen das Qualmen ausgesprochen haben – die haben nachvollzogen, was die CSU ihnen einst vorgegeben hat. Die Grünen und die ÖDP und all die anderen haben sich erst später auf das Thema geschmissen. Der Mensch vergisst ja schnell. Die Grünen zum Beispiel wollten anfangs, dass in und vor Jugendzentren weiter geraucht werden darf. Weil sonst die Sozialpädagogen an die Jugendlichen nciht mehr herankämen. Haben sie gesagt.

Und jetzt das.

Bayerns Wirtschaft wird leider untergehen. Weil hier kaum noch geraucht werden darf. Und entsprechend geringer muss doch dann die Entlastung bei der Ökosteuer ausfallen. Also, Leute, macht es wie der Typ auf dem Bild. Qualmt, was die Kiste hergibt. Die deutsche Wirtschaft wird es Euch danken.

Ach, noch eine kleine Bitte an die Raucher: Lasst den Quatsch mit dem Aufhören. Das haben Euch sogar die Grünen schon mal krumm genommen. Weil die Einnahmen dann plötzlich nicht mehr wie erwartet sprudeln. Und das will keiner, wo doch Rauchen neuerdings dem Allgemeinwohl dient.

Grausame Kunst!

Schon süß, so ein Reh oder? Diese rehbraunen Augen, der treue Blick, die aufmerksam aufgestellten Ohren. Das ergreift das Herz. Spätestens seit der rührenden Geschichte von Bambi. Okay, der war ein Hirsch. Und ein Halbwaise. Weil die bösen Jäger seine Mutter gemeuchelt haben.

Womit wir mitten in der grausamen Gegenwart wären. und an der Münchener Staatsoper. Die gibt demnächst ein Stück, das mir zugegebenermaßen gänzlich unbekannt war. Rusalka heißt die Oper. Anton Dvorak hat sie geschrieben, und der ist mir mehr durch seine Sinfonien bekannt, vor allem durch die „Aus der Neuen Welt“. Gut, genug geprotzt mit bildungsbürgertümlichem Wissen. Und zurück nach München.

In der Oper geht es offensichtlich recht tragisch zu, mit verschmähtem Liebesglück, Elfen, Irrlichtern und Prinzen. Es wird geliebt, getrennt und gestorben. Und es wird gejagt. Womit wir bei den Rehen wären.

Heutzutage braucht eine Oper nicht mehr nur gute Sänger, sondern auch einen Knalleffekt. Den versteht zwar nicht immer jeder – im Sommer bei den Wagner-Festspielen zum Beispiel waren etliche Zuschauer bei Lohengrin überfordert und konnten den gerupften Schwan so wenig einordnen wie die Rattenkostüme. Schwan und Ratten blieben trotzdem.

München ist da anders. Und handelt. Das ist gut für die Rehe. Und schlecht für Regisseur Martin Kušej. Der wollte das mit den Rehen nämlich besonders authentisch haben, warum auch immer. Und so mussten die Sänger auf der Bühne schon bei den Proben reihenweise tote Rehe häuten. 

Tja, und das ist jetzt bekannt geworden. Wobei die Menschen weniger über die Botschaft nachgedacht haben, die der Regisseur womöglich transportieren wollte – wenn er denn eine Botschaft hat. Es war mehr das Schicksal der, zugegebenermaßen zu diesem Zeitpunkt schon mausetoten Rehe, das sie bewegte. Weil, wenn die zum Essen sterben müssen, ist das schon schlimm genug in den Augen der Tierschützer. Aber auf offener Bühne? Für die Kunst? Und für eine Aussage, für welche auch immer?

Eben. „Es geht auf der Bühne um den Inhalt und die künstlerische Aussage der Interpretation“, hat Staatsintendant Nikolaus Bachler ganz richtig erkannt. „Daher wählen wir Mittel, die es den Boulevardmedien nicht ermöglichen, von der Kunst abzulenken.“ Jetzt müssen die Sänger ohne echte Rehe auskommen und dafür „Reproduktionen“ häuten. Kunstrehe also.

Oha. Da ist einer beleidigt.  Und alles nur, weil der doofe Boulevard wieder einmal nichts begriffen hat und sich als unfähig erwiesen hat, das große Übergeordnete zu erkennen. Wo doch die Rehe gar nicht für die Oper gekillt worden sind, sondern ganz normal von einem Metzgerbetrieb gekauft worden sind. Na ja. Darüber ließe sich jetzt trefflich streiten. Eine geradezu philosophische Frage nach dem Sein und dem Nichtsein: Wären die Rehe noch am Leben, wenn die Oper sie NICHT gekauft hätte? War ihr Tod, so gesehen, gar nicht so sinnlos, wie er uns erscheinen mag? Und sei es nur, dass sie sich opfern mussten, damit die anderen aus ihrem Rudel heute weiterleben dürfen? Weil die Nachfrage nach ganzen, aber dennoch toten Rehen in jener Metzgerei plötzlich einen dramatischen Einbruch erlebt hat? Waren es am Ende gar keine frischen Rehe, sondern tote Asservate aus den Zeiten der Gammelfleischskandale? Und was sagt die Gewerkschaft der Sänger dazu? Ja, gibt es sie überhaupt? Fragen über Fragen. Und so wenige Antworten.

Mei, der Edmund, gell? Wieder mal ein Zitat

Ja, da ging ein Raunen durch den Zuschauerraum. Eine knappe Stunde hatte Edmund Stoiber geredet. Und es war kein einziger Fehler dabei. Nicht ein Stolperer. Kein „ah, äh, also…“ Und dabei ging es doch um die Landesbank, dieses komplexe Ungeheuer. Oder doch zumindest diesen ungeheuer teuren Komplex.

Aber dann. Gerade, als wir uns sorgen wollten, war das Manuskript zu Ende, dass sie Stoiber mitgegeben hatten in einer gelben Klarsichtmappe. Dann musste er frei reden. Endlich. Und endlich kamen sie, die Jas und Ähs, die Sätze, deren Anfang so gar nichts mit dem Ende zu tun hatten. Sinnentleerte Gebilde, die wohl nur ihr Erfinder selbst verstehen konnte.

Und Beruhigung machte sich breit. Der Edmund, er ist eben doch noch der Alte. Und wie.

„Der Vater des Wunsches ist der Gedankengang.“ Hat er gesagt. Tatsächlich. Jetzt rätseln alle: Wer war die Mutter? Und wie geht es dem kleinen Gedankengang heute? Ist er schon groß, von derart philosophischer Qualität, wie sein Schöpfer Edmund ihm es mit in die Wiege gegeben hat? Und wie geht es dem Wunsch? Erfüllt? Oder doch nur wieder einer dieser vielen, sinnlos in die Sternschnuppe gemurmelten Wünsche, totgeweiht schon bei seiner bloßen Formulierung? Wer von uns erinnert sich schon an all die Wünsche, die er kurz als Gedankengang zwischen den Ohren bewegt und dann dem Universum anvertraut hat? Gut, dass die Sterne so geduldig sind. Wie heißt es doch so schön: „Vakuum, Vakuum. . . Ich hab’s im Kopf, aber ich komm nicht drauf.“