Fünf Halbe machen 1,09. Eine Aktualisierung

Ich habe dieser Tage in einem selbstlosen Selbstversuch getestet, wie viel Bier einer wie ich braucht, bis er betrunken ist. Es war ein ganz offizieller Termin, im Innenministerium, mit Gerichtsmedizinern, Verkehrsrichtern, einem waschechten Innenminister und etlichen Kollegen. Vielleicht hat der eine oder andere den nachfolgenden Text ja gelesen. Die dürfen ihn jetzt überspringen. Für alle anderen zur Einordung:

Wie viel Bier braucht man für 0,8 Promille?
Innenminister Joachim Herrmann lädt zum Selbstversuch — Das Ergebnis ist verblüffend und erschreckend

VON ROLAND ENGLISCH

Alkohol am Steuer kos­tet jedes Jahr rund 530 Menschen das Leben. Dabei sind die Grenz­werte in Deutschland niedrig. Ein Selbstver­such.
MÜNCHEN – Schon die Frage mutet seltsam an. „Sind Sie mit dem Auto da?“, will die Sicherheitsbeamtin am Eingang des Innenminis­teriums wissen. Natür­lich nicht. Schließlich trinken wir uns gleich mit ihrem Chef vorsätz­lich durch die Promille­grenzen.
„Das ist kein Ver­such“, sagt Rechtsmedizi­ner Thomas Gilg, „son­dern ein Alkoholselbster­fahrungstest.“ Wie süß.
Die Journalisten lächeln. Alkohol kennt jeder und Erfahrung haben auch alle. Wie übrigens die meisten der alkoholisier­ten Autofahrer. Im Schnitt, sagt die Polizei, kommen die auf 1,6 Pro­mille. Für Gilg sind das routinierte Trinker. Rein rechtlich dürfte einer mit knapp unter 1,6 Promille noch radeln. „Aber bei 1,6 Promille steigt jeder Normale auf der einen Seite auf und kippt auf der anderen wieder run­ter.“ Wer da noch ein Auto steuern kann, der sei „eher ein fahrender Trin­ker als ein trinkender Fahrer.“

Das deutsche Recht kennt drei Stu­fen, lässt zwischen 0,3 und 0,5 Pro­mille die relative Fahruntüchtigkeit zu, stuft ab 0,5 alles als Ordnungswid­rigkeit ein. Und ab 1,1 Promille als strafbare absolute Fahruntüchtigkeit. Mehr als 1,1 Promille lässt auch Gilg nicht zu. Früher, sagt er, der den Test häufig mit Richtern, Staatsanwälten, Referendaren und Anwälten macht, sei das anders gewesen. „Unschöne Dinge“ seien da passiert. „Wir sind ein diagnostisches Institut, kein thera­peutisches“, sagt Gilg.
Henry nimmt 0,8, ich 1,1. Damit wir das später vergleichen können. Henry und ich sind gleich groß und schwer. 0,8 klingt undramatisch niedrig. Und 1,1 Promille auch – wo doch Promis in letzter Zeit mit weit höheren Werten durch die Gegend gekurvt sind.
Der Blick auf den Handzettel ist ein Schock. Eineinhalb Stunden gibt er als Limit vor, und fünf Bier auf nüch­teren Magen für mich, vier für Henry. Allein das Volumen ist bedenklich. Ob sie sich verrechnet hätten, ich wolle keinen Vollrausch, sondern nur 1,1 Promille? Doch, versichern die Medizi­ner, Gewicht und Körperfett, all das spiele zusammen. Fünf Bier müssten es schon sein. Wir trinken, ermuntern uns gegenseitig, registrieren anfangs, wie die Stimmung steigt und mit ihr der Lärmpegel. Dann sollen wir ins Röhrchen blasen. 0,97 Promille zeigt das Messgerät, weniger als ange­strebt, selbst nach der gewaltigen Bier­menge. „Der Alkohol flutet noch an“, sagt Gilg. „Das geht noch etwas rauf.“

Und wie der Alkohol anflutet, quer durchs Hirn flutet der. Ein Auto steu­ern könnte ich jetzt nie und nimmer, wie auch kein anderer der Mittrinker. Laut geht es zu im Sitzungssaal des Ministeriums, und undiszipliniert. Henry und ich vergleichen nichts mehr. Selbst die, die sich an niedri­gere Grenzen herangetrunken haben, sind verblüfft, wie stark der Alkohol wirkt. Ein Erlebnis, das sie mit den Richtern teilen. „Das stellen wir jedes Mal fest“, sagt Rechtsmediziner Gilg: „Die urteilen nach dem Test bei Alko­holdelikten härter, weil sie selbst so daneben gewesen sind.“ Am nächsten Tag und wieder nüchtern können wir das nachvollziehen. Und fragen uns, ob die Grenzwerte nicht zu hoch sind in Deutschland.

So war das damals. Ich könnte noch nachtragen, dass es mir am nächsten Morgen gar nicht gut ging. Dicke Birne und so. Ich könnte nachtragen, dass meine Frau verblüfft war, wie besoffen ich gewirkt habe mit nur 0,97 Promille. Und dass ich selbst wiederum darüber am meisten erstaunt war, dass ich mit fünf Bier nur auf diesen Promillewert gekommen bin, weil ich insgeheim mit sehr viel mehr gerechnet hatte.

Ich könnte ferner nachtragen, dass mich ein Leser danach angerufen hat, weil ich nur von fünf Bieren geschrieben habe. Und die könnten wahlweise doch in Gläsern des Fassungsvermögens 0,2 Liter, 0,3 Liter, 0,4 Liter oder 1 Liter gewesen sein. Was mich fast schon wieder beledigt hat. Weil von einem Liter Bier (5 x 0,2 = 1) werde ich dann doch noch nicht so betrunken. Nach fünf Maß allerdings hätte ich nicht mal mehr auf den ministeriellen Tischen tanzen können. Was ich nach fünf Halben selbstverständlich auch nicht getan habe. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran.

Weiterhin könnte ich nachtragen, dass der Blutalkoholwert inzwischen auch vorliegt. 1,09 Promille, quasi eine alkoholtechnische Punktlandung, die einen Millimeter unterhalb des Führerscheinentzugs liegt.

Doch, das hat mich erschreckt, wie viel einer trinken darf. Und wie trügerisch die Zahlen sind, die so vermeintlich niedrig daher kommen. Weil es ahnen lässt, wie besoffen all jene gewesen sein müssen, die sie regelmäßig auf Deutschlands Straßen erwischen mit 1,6 und mehr Promille im Blut. Was es für ein Zufall ist, dass nicht noch mehr passiert mit alkoholisierten Fahrern. Wie dämlich die eigentlich sind, wie rücksichts- und verantwortungslos in einem Land, in dem der Nahverkehr funktioniert und Taxis auch nicht die Welt kosten.

Puuh, beinahe hätte ich mich doch noch aufgeregt. Gut, dass ich es nicht getan habe.

Die spinnen, die Briten. Das Cabrio zwischen Trotz und Protz

Manchmal flattern mir skurrile Dinge auf den Schreibtisch. Was zum Beispiel soll ich jetzt von einer Meldung wie dieser halten: „Oben offen. Die meisten Cabrios gibt’s in Starnberg und in England“?

Gedanke Nummer eins: Typisch Starnberg. Wahrscheinlich alles Porsches und Jaguars, Audi TTs und dann noch ein paar Exoten, deren Namen ich gar nicht kenne. Wir wissen ja, dass am See in Münchens Süden die richtig fette Kohle sitzt. Obwohl Starnberg eigentlich ein ziemlich hässlicher Ort ist mit gewaltig Durchgangsverkehr, einer bunt zusammen gewürfelten Architektur und anderen in Beton gegossenen Schrecklichkeiten.

Trotzdem: Wer auf sich hält, der wohnt hier und zeigt sein Geld auch, steckt es in riesige Villen oder in bullige Autos, die gerne offen sein dürfen, damit jeder einen erkennen kann. Acht Prozent der Wagen haben höchstens ein Faltdach. Das ist immerhin gut jeder zwölfte. Im Osten übrigens, in Sachsen, Thüringen und Co, wo das Wetter mit den heißen, trockenen Sommern eigentlich geradezu Cabrio-ideal ist, kommt nur einer von hundert Wagen oben ohne daher. Das sagt doch schon alles, oder? Das Cabrio als Statuszeiger, das hat was. Übrigens: Ich fahre keins, nur bevor einer fragt.

Gedanke Nummer zwei: Die spinnen, die Briten. Wenn es irgendwo in Europa ein Wetter gibt, das NICHT cabriotauglich ist, dann wohl auf der Insel. Freunde von mir haben bis vor kurzem in London gelebt. Schön sei es gewesen, sagen sie. Schön und nass. Weil es dauernd regnet, nieselt, nebelt. Sind eben hart im Nehmen, die Briten. Auch im Auto. Kein Wunder. Wenn ich mich von Nierenpudding ernähren müsste, von Hagis,  Pork Pie und Porridge, ehrlich gesagt, ich würde auch lieber mit offenem Dach fahren, weil ich nicht wüsste, wann das Essen genannte Zeug wieder nach oben drängt.

Okay, das war jetzt doch etwas vorurteilsbeladen. Das Essen in England soll sich dramatisch gewandelt haben dank der internationalen Einflüsse. Wie bei uns ja auch. Eisbein und Sauerkraut samt Kartoffelbrei isst hier kaum noch einer. Auch eine Kombination, die bei mir spontanes Würgen auslöst. Aber das mit dem Wetter in England, das wenigstens stimmt.

Wahrscheinlich brauchen die Briten einfach dieses Trommeln des Regens auf dem Stoffdach, die Feuchtigkeit, die durch die Ritzen dringt, das klamme Gefühl, das sich breit macht. Immerhin hat die Insel einige wirklich schöne Cabrios hervorgebracht, wahrscheinlich als Abwehrreaktion auf das miese Wetter, quasi die eleganteste Trotzform.

Das haben die Starnberger freilich nicht ganz verstanden. Vermutlich ist es einfach ein Tippfehler gewesen, wurde aus dem Trotz der Protz. Der liegt den Starnberger Millionären ohnehin näher. Was sich auch auf den Straßen zeigt.