Dem Dackel geht es an den Kragen

Ist er nicht süß? Und kann trotzdem beißen!Es ist seltsam, aber dass manche Dinge verschwunden sind, fällt erst auf, wenn jemand darauf aufmerksam macht. Häuser zum Beispiel. Obwohl der Weg durch die immer gleichen Straßen schon zur vollkommenen Routine geworden ist, fällt der Abriss eines Hauses erst auf, wenn es weg ist. Und zurück bleibt dann in der Regel nicht nur eine Lücke in der Straße, sondern auch eine im Kopf. Weil sich vor dem geistigen Auge absolut kein Bild jenes Gemäuers einstellen will, dass da jahrein jahraus gestanden hat. So ähnlich ist das mit dem Dackel. Der gehört zu München wie die Weißwurst, nicht nur, weil er, bis auf die Farbe vielleicht, ihr ziemlich ähnlich sieht. Länglich und doch gedrungen, mit krummen Haxen un einem freundlichen Gesichtsausdruck, der allerdings dem erlebten gelegentlich recht bissigen Wesen nicht wirklich entspricht. Filzhuttragende Lodenmantelbesitzer, so sagt es das Klischee, sind erst dann wirkliche Oberbayern, wenn sie einen Dackel an der Leine wissen, ganz egal, ob nun Glatthaar oder Rauhaar. So war das jedenfalls mal.
Heute sieht die Welt ganz anders aus, kommt der Münchner im Armani-Anzug daher, trägt er Mammut-Wollmützen und führt entweder riesige oder winzig kleine Modehunde an der Leine. Den Dackel aber führt er nicht. Gerade mal 2000 Exemplare zählt die stadt München noch als steuerpflichtig gemeldet. Was bei  mehr als 1,3 Millionen Münchnern eine eher erbärmliche Zahl abgibt. Und der Nachwuchs sinkt. 6648 Rasse-Dackelwelpen hat die Zuchtwarte 2009 noch gezählt, bundesweit wohlgemerkt, in Ost und West. Ein dramatischer Rückgang – 1999 warfen die Dackeldamen noch 10 000 Welpen. Was an sich schon kläglich genug war. 1972, zu Zeiten der Olympischen Spiele in München mit einem, richtig, Dackel als Maskottchen, gebaren die Dackelinnen deutschlandwestweit  gut 28 000 stramme Nachfahren.   So geht es dahin mit Münchens Traditionstier. So sehr, dass selbst der Bayerische Dackelclub von 1893 seine beiden Münchner Sektionen auflösen musste, ausgerechnet, weil ihm die aktiven Mitglieder ausgehen. Und so bemühen sich andere um die Rettung des Münchner Wahrzeichens. Selbst wenn sie Preußen sind wie der Kölner Komiker Tom Gerhardt, der  schon seit Jahren vor dem Aussterben der Dackel warnt. Und tut, was ihm möglich ist, damit es nie geschieht.
Doch selbst sein selbstloser Einsatz als nervender Hausmeister Krause mit Dackel Bodo an der Seite stoppt den Schwund der Dackel in Deutschland nicht. Aussterben wird er dennoch nicht. Denn Hilfe naht, wenn sie auch einen ziemlich weiten Weg nehmen muss. Die Japaner, heißt es, schätzten den Dackel sehr. Kein Wunder. Denn was bei uns als spießiges Tierchen gilt, hat bei ihnen Exotenstatus.
So kann es eines Tages geschehen, dass wir gedankenverloren durch Tokio schlendern. Und dann beim Anblick der rennenden Wurst plötzlich denken: Ach ja, ein Dackel – das war es, was uns zuhause gefehlt hat.

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