Es flasht in München – oder wie das mit dem Urban Hacking geht

Wie hübsch. Da stehen 300 wildfremde Menschen in der Münchner Luxuseinkaufpassage „Fünf Höfe“ und pusten. Pusten Seifenblasen in die Luft, Tausende schillernde kleine Kugeln. Ein paar Minuten nur, dann ist alles vorbei. Zurück bleiben Seifenspritzer am Boden und jede Menge irritierter Passanten.

Richtig, es geht um Flashmob. Nicht zu verwechseln mit Smart Mobs. Die sind irgendwie anders, politischer, sagt das Internet. Flashmob nennt sich neuerdings auch Urban Hacking. Soll „bewusst einen Moment der Verwirrung in der realen Welt“ schaffen, sagen Leute, die das kennen.

Benjamin David formuliert es etwas griffiger. Es gehe darum, sagt der Münchner, „Dinge im öffentlichen Raum zu organisieren und Leute zusammen zu trommeln.“ David gehört zu den Münchner Urbanauten, eine schräge Truppe, die voller Ideen steckt (wer mehr wissen will: Die Urbanauten-Webseite ist hier). Seit Jahren organisieren sie im Sommer mitten in München den Kulturstrand mit echtem Sand, Bar und Action. Seit Neuestem organisieren sie den Flashmob.

McDonalds hat das schon zu spüren bekommen. Rund 700 Flashmobber stürmten die Filiale am Stachus und orderten exakt 4385 Burger. In Berlin brachten sie es sogar auf 10355 Burger. Ob die alle vorrätig waren, ist nicht bekannt. Ein andermal lieferten sich Hunderte Jugendliche mitten in der Stadt eine Kissenschlacht.

Und jetzt die Fünf Höfe. Erst ein gemeinsames Tänzchen auf der Straße, dann die Seifenblasen, später rund 400 Leute, die eine Rolltreppe gegen die Richtung hochhetzen und sich in einer Sparkasse hinter einem Geldautomaten aufreihen, bis weit auf die Straße hinaus. Die anderen Automaten ignorieren sie geflissentlich (Auch dazu gibt es einen Link, sehr lustig).

Der Sinn? Schwierig. Die Macher sehen eine gesellschaftspolitische Aussage. Sie trommeln Leute zusammen, die sich nicht kennen, dirigieren sie per SMS oder Twitter (auch so ein neumodisches Zeug aus dem Internet), steuern sie wie einen Vogelschwarm und lassen sie abgefahrene Dinge tun. Der Star der Szene treibt das auf die Spitze; der New Yorker lässt Dutzende Menschen nur in Unterhosen in der U-Bahn fahren oder er überredet eineiige Zwillingspaare, zieht sie jeweils identisch an und setzt sie dann in der Metro sich gegenüber.

Ein bisschen Gesellschaftskritik ist auf jeden Fall dabei, gegen die alltägliche Hektik, das Desinteresse, die selbst gewählte Isolation. Deshalb hat David am Münchner Marienplatz im U-Bahngeschoss auch das organisiert, was er einen „Freeze“ nennt: Hunderte seiner Schwärmer froren förmlich ein, erstarrten beim Münzeinwurf in den Fahrkartenautomat, beim Trinken, im Gespräch. Die älteren Passanten, sagt Benjamin David, seien irritiert gewesen. Die Jüngeren nicht. „Die haben gerufen: Ah, Flashmob!“

Das gefällt ihm. Davids Vision ist eine Moderne: Irgendwann, so hofft er, verabreden sich die Menschen spontan via Internet und Twitter, weil einer einen schönen Platz gefunden hat, einen besonders sonnigen oder einen mit schönen Menschen, den er (oder sie) teilen möchte mit der Welt. Und Hunderte folgen seinem Ruf. Weil sie es lustig finden und sie sich gern mit anderen treffen. Dann wäre der Flashmob in der Gesellschaft angekommen. und kein Mob mehr, sondern ganz normal. Seltsam nur, dass es sowas in Nürnberg nicht gibt. Also, Nürnberger, ran! Zeigt den Münchnern, dass auch Ihr flashen könnt. Weil: Urban sind wir schon lange.