Horror in München: Zwei Tage Halloweeen

Offen gestanden: Für mich ist die Vorstellung ein Alptraum. Halloween an sich nicht wirklich. Für einen Tag geht das. Aber für zwei? Doch der Reihe nach.

Menschen meiner Generation kennen Halloween seit ihrer Kindheit. Seit ein kleiner Junge sich einmal im Jahr aufmachte und in einem Kürbisfeld auf den Großen Kürbis wartete wie einst Gordot. Der Kürbis kam natürlich nie. So wenig wie sein Kumpel Charlie Brown je etwas anderes in seiner Tüte fand als Müll.

All das liegt lange zurück. Heute hat Halloween uns fest im Griff, feiern die Kinder Gruselparties und ziehen anschließend nervend um die Häuser, klingeln, erwarten Kohle und keinen Süßkram und fordern „Süßes oder Saures“, ohne Gegenleistung, versteht sich. Nicht mal das Schild vom bissigen Hund schreckt sie ab, dass wir jedes Jahr eigens an diesem Abend an die Tür pinnen.

Aber darum sollte es jetzt gar nicht gehen. Es geht um München. Und um die Stille.

Denn Halloween liegt am 1. November, an Allerheiligen, mithin an einem Gedenktag, den die Spaßbremsen vom Innenministerium als still einstufen. Ihn und drei weitere Novembertage. Und sie meinen das auch so, ganz wörtlich. Keine Disco, keine laute Musik, kein Spaß, nirgends.

Was blöd ist für die Discos und die Kneipen, die Halloween-Parties machen wollen. Wo doch Party-Verbot herrscht. Strafbewehrtes Party-Verbot, versteht sich. 23 Wirte wissen das inzwischen aus eigener Erfahrung. Weil sie im vergangenen Jahr trotzdem gefeiert haben, sollen sie zahlen. Zwischen tausend und zehntausend Euro. Heftig, das. Wobei die Parties nicht mal an Allerheiligen begonnen hatten, sondern schon am Abend zuvor. Aber die Gäste haben über Mitternacht hinaus durchgehalten. Und damit war Allerheiligen erreicht.

Diesmal wollen die Wirte reagieren. Allerdings ein wenig anders, als es sich das Ministerium vermutlich vorgestellt hat. Weil sie ja nicht blöd sind, die Wirte. Also lassen die einen des nächtens ein paar Geiger antanzen, die musizieren sollen. Andere verzichten ganz auf Musik und bitten ihre Gäste, sie sollten die Hallen mit ihren Handys beschallen oder mit ihren MP3-Playern.

Die ganz Kleveren unter ihnen ziehen Halloween schlicht um 24 Stunden vor. Jetzt gleich, in wenigen Stunden, beginnen also die ersten Halloweenfeiern, soll der Grusel Einzug halten in die Stadt.

Logisch, dass ich auch hingehe. Bevor irgendwelche verfrühten Rotznasen bei mir daheim klingeln und die erste Tagesschicht Schokolade fordern. Ich weiß nur noch nicht, als was ich mich verkleiden soll für den echten Grusel. Vielleicht als Innenminister? Nein, besser noch, als ziviler Kontrolleur. Wird das ein Spaß!

Ein Brief, ein Protokoll und ein zorniger Sozi

Oha. Jetzt ist er sauer, der Professor Peter Paul Gantzer, MDL der SPD und II. Vizepräsident des Bayerischen Landtags. Er habe das Plakat gar nicht im FDP-Flur entdeckt, schreibt er in einem zornigen Brief. Also das Plakat, über das ich ein Stückchen weiter unten geschrieben habe (Wen es interessiert: Hier das Wesentliche). Sondern das Landtagsamt. Und er habe sich nur eingeschaltet, weil MdL Rohde das Plakat nicht habe abhängen wollen. Und überhaupt.

Gantzer hat dann noch das Protokoll der Ältestenratssitzung beigelegt, quasi als schlagenden Beweis dafür, wie richtig er liegt und wie falsch wir. Sicherheitshalber hat Gantzer den Brief samt zorniger Bemerkungen und Protokoll an die Chefredaktion geschickt, in zweifacher Ausführung. Sollte bestimmt keine Drohung sein. So wie er seinen letzten Satz im Brief juristisch korrekt verneint. „Die einzige Erklärung“, schreibt er, „dass Sie sich bei Rohde einschleimen wollten, will ich Ihnen nicht unterstellen.“ Da bin ich aber froh, dass er mir das nicht unterstellt. Ich hatte schon gedacht, er meint das ironisch.

Und damit auch meine Leser wissen, womit sich unsere Politiker so beschäftigen, wie sie ihre Zeit rumkriegen, nachfolgend die entscheidenden Passagen aus dem Protokoll. Es ist ein Dokument des philosophischen Streites, was Kunst ist und was nicht, voller Selbstbekenntnisse und -bezichtigungen, tiefschürfender Analysen, ein Beleg des politischen Diskurses im Angesicht der Krise, die unser Land gepackt hat.

Es zeigt, dass Kunst für Gantzer im Landtag generell nichts verloren hat (wir warten gespannt darauf, wann er dafür sorgt, dass all die monumentalen historischen Werke in den diversen Sälen abgehängt werden). Es belegt auch, dass die CSU neuerdings die Trennung von partei und Apparat überaus ernst nimmt.

Aber urteilen Sie selbst:

Unterlassung parteibezogener Werbung in den Räumen des Landtags

II. Vizepräsident Prof. Dr. Peter Paul Gantzer erachtet das FDP-Werbeplakat an der Außenseite der Bürotüre des V. Vizepräsidenten Jörg Rohde für unvereinbar mit dem seinerzeit für die Räume des Landtags vereinbarten Neutralitätsgebot. Die Neutralitätsregeln müssten für alle Fraktionen gleichermaßen gelten.

V. Vizepräsident Jörg Rohde bezeichnet den fraglichen FDP-Plakatentwurf aus dem Jahre 1946 an der Außenseite seiner Bürotüre als Kunstwerk. Über Kunst lasse sich trefflich streiten.

II. Vizepräsident Prof. Dr. Peter Paul Gantzer sieht in einer Kunsthalle, nicht aber in den Räumlichkeiten des Landtags, den richtigen Platz für Kunstwerke. Um ein solches handele es sich aber gar nicht, sondern um ein parteipolitisches Werbeplakat. Wenn man dieses zulasse, könnte auch die Präsidentin an ihrer Türe ein CSU-Plakat anbringen.

I. Vizepräsident Reinhold Bocklet empfiehlt eine Bestätigung der bisherigen Praxis durch den Ältestenrat, wonach keine Parteiplakate oder andere Partei-Informationen – z. B. Infoständer mit Parteienwerbung – in den Räumlichkeiten des Landtags aufgestellt bzw. aufgelegt werden dürfen.

IV. Vizepräsidentin Christine Stahl verweist auf die vor dem Sitzungssaal ihrer Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN aufgelegten Prospekte, die eine grüne Urheberschaft sehr wohl erkennen ließen.

Harald Güller (SPD) erachtet die Vorhaltung von Parteienwerbung – z. B. Prospekte und Plakate – der Landtagsfraktionen dann für unbedenklich, wenn in den fraglichen Räumen kein Besucherverkehr stattfindet. Die Durchgansgbereiche in den Fraktionsgeschäftsstellen und -räumen, die auch von Besucherinnen und Besuchern frequentiert würden, müssten jedoch aus Neutralitätsgründen von Parteienwerbung freigehalten werden.

Tobias Thalhammer (FDP) plädiert für einen für alle Fraktionen fleichermaßen gelten Maßstab. Überlegenswert erscheine deshalb z. B. die Auftsellung von Infoständern an einem bestimmten Ort im Hause, wo alle Fraktionen in einer kontrollierten Art und Weise Fraktionsinformationen und -material ausbringen könnten.

Sollten etwa im gesamten Landtag keine Fraktionsinformationen ausgelegt werden dürfen? Dies müsste dann aber für alle Fraktionen gelten.

Petra Guttenberger (CSU) warnt nachdrücklich vor einer Vermischung von Partei- und Fraktionsarbeit. Die Fraktionsarbeit werde über das den einzelnen Fraktionen zustehende Budget abgerechnet. In ihrer Fraktion würden deshalb nur Fraktions- nicht aber Parteibroschüren vorgehalten.

Thomas Kreuzer (CSU) erachtet Fraktionsbroschüren für unproblematisch, in denen sich z. B. eine Fraktion vorstellt oder ein bestimmtes landespolitisches Thema behandelt wird. Dies zähle unstreitig zur Öffentlichkeitsarbeit der Fraktionen. Abzulehnen wäre hingegen die Ausbringung von Parteiaufnahmeanträgen oder Werbebroschüren der Parteien, die über die reine Landtagsarbeit hinausgingen. Würde die FDP-Fraktion und würden auch alle anderen Fraktionen dem Beispiel der Grünen folgen und den Durchgang durch ihre Geschäftsstellen sperren, könnte eine Reihe von Sitzungssälen nur noch mit zeitraubenden Umwegen über das 5. Obergeschoss erreicht werden. Dies würde die gesamte Landtagsarbeit erschweren.

IV. Vizepräsidentin Christine Stahl widerspricht ihrem Vorredner. Der Durchgang durch die Fraktionsgeschäftsstelle des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sei keineswegs gesperrt. Gewisse Schwierigkeiten seien durch bauliche Gegebenheiten bedingt, die bereits beim Bezug der Räume bestanden hätten. Dazu zähle z. B. auch das Problem der Lagerräume.

I. Vizepräsident Reinhold Bocklet stellt das Einverständnis des Ältestenrats damit fest, dass die Auslegung von Fraktionsbroschüren in den Räumen der Fraktionsgeschäftsstellen unbedenklich ist, keine Parteiplakate an der Außenseite der Türen im Landtag angebracht werden dürfen und die Auslegung von Parteibroschüren und anderer Parteienwerbung zu unterlassen ist.“

Wow. Und alles wegen eines 21 mal 29,7 Zentimeter großen Bildes.

Der Landtag schnüffelt

Was war das für eine Aufregung. Es müffelte im Landtag. Es zog ein Geruch durch den Steinernen Saal, den die Abgeordneten nicht mochten. Nach Lösungsmittel, Kleber, Farbe, nach irgendetwas in der Art.

Der Steinerne Saal, das muss man wissen, ist quasi die Lobby des Parlaments. Hier stehen die Abgeordneten, seltener mit ihren Gästen, häufiger mit Journalisten, lassen den Blick aus dem Fenster über die Maximilianstraße und dem ihr angegliederten München schweifen und reden über dies und das. Besonders gern über Horst Seehofer, über die siechende SPD, über die Umwelt, die Wirtschaft, das Leben. Oder über alles zusammen, so wie die Freien Wähler das tun.

In Berlin, habe ich mal gelesen, haben sie Kokain auf den Toiletten nachgewiesen, im Bundestag. Was seltsam ist – schließlich gibt es dort viele Büros, wozu muss dann einer sein Koks auf dem Klo schniefen? Soll aber nicht mein Problem sein. In Bayern kokst eh keiner, hier nennt das weiße Zeug sich Weißbier.

Zurück zum beißenden Geruch. Seit Kokain offiziell auch für Politiker verboten sei, spottete einer, hätten sich die Abgeordneten eben aufs Schnüffeln verlegt. Die fanden das nicht eben witzig. Im Landtag jedenfalls haben sie den Geruch relativ zügig entfernt, weil das Hohe Haus sich belästigt gefühlt hat von den Handwerkern und den Folgen ihrer Tätigkeiten. Weil, das wäre ja noch schöner, wenn da einer arbeitet, während der Landtag tagt. Und das auch noch alle mitbekommen, zumindest olfaktorisch.

Wenn ein künstlerisches Plakat auf einen Roten trifft

rohde

Ja, was für ein Skandal, den der investigative Fallschirmspringer, Reservesoldat, Professor, Doktor, Notar und Sozialdemokrat Peter Paul Gantzer da aufgedeckt hat. Ausgerechnet in den langen Fluren der Landtags-FDP hat er ein Plakat entdeckt. Auf der Tür von Jörg Rohde. Also auf der seines Büros. Ein Plakat! Der FDP! Im Landtag!

Gantzer ist dann gleich zur Tat geschritten. Schließlich ist er Zweiter Vizepräsident des Bayerischen Landtags und somit ein Wichtiger im Getriebe der Politik. Also hat er im Ältestenrat den FDPler und Fünften Vizepräsidenten zur Rede gestellt und ihn aufgefordert, er solle das Plakat unverzüglich abhängen. Neutralitätspflicht des Präsidiums und so. Eine Schande für das Ansehen des Amtes. Oder so ähnlich. Eine Viertelstunde haben die beiden miteinander gerungen, was die vierte Vizepräsidentin heute noch irritiert. Wo es doch um einen rechten Schmarrn gegangen sei, sagt Christine Stahl von den Grünen. Von dem ersten und dem dritten Präsidenten ist keine Stellungnahme überliefert. Wahrscheinlich haben sie geschwiegen wie die Präsidentin selbst. Weil das ja auch ein eher seltsames Thema ist.

Das Plakat, argumentiert Rohde noch heute, sei kein Wahlplakat. „Das ist ein Unikat, handgezeichnet, aquarelliert, und ein Geschenk ihres früheren Chefs an meine Mitarbeiterin“, sagt er. Von 1946 sei es, und FDP stehe da auch nur ganz klein drauf. Und wer komme schon auf den Flur der FDP, so groß sei der Publikumsverkehr hier auch wieder nicht. Mag sein. Dumm nur, dass Peter Paul Gantzer durch die Gänge patrouilliert, so wie er es als Oberst der Reserve bei der Bundeswehr gelernt hat.

Rohde sieht sich im Recht, im zutiefst liberalen Recht des Lebens und Leben lassens. Er hat das Bild dann trotzdem abgehängt. Um des Friedens willen. Und vielleicht auch aus Sorge, es könnte verschwinden. Jetzt, da es ein wenig berühmt geworden ist. Und deshalb bekommt es einen ordentlichen Rahmen und einen Ehrenplatz. Drinnen, im Büro. Sieht eh besser aus.

Guttenberg geht in die Wüste

Noch strahlt der Baron

Noch strahlt der Baron

Dem Baron ist mal wieder ein wunderbarer Satz gelungen. Gefragt, ob er das Verteidigungsministerium sich habe aussuchen dürfen oder ob er es habe nehmen müssen, antwortet Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester von und zu Guttenberg, 37, überstrahlender Hoffnungsträger halb Deutschlands: „Selbstverständlich“ sei er zufrieden. „Aber richtig zufrieden bin ich erst, wenn ich vereidigt bin.“

Hä? War das die Frage? Natürlich nicht. Hätte Guttenberg die Frage wahrheitsgemäß beantwortet, die Antwort wäre wohl ein wenig anders ausgefallen. Verteidigung ist nicht gerade das Ressort, um das sich die Fraktionen reißen. Schöne, wohlfeile Reden halten sich schwer vor den Särgen gefallener Soldaten. Das wird selbst der Freiherr nicht wirklich hinbekommen, dass er da noch glänzen kann.

Die CSU hat das Ministerium trotzdem genommen und tröstet sich jetzt damit, dass schließlich Franz Josef Strauß den Posten auch schon mal gehabt habe, damals in den 1950ern, und deshalb die ganz große Tradition der Partei. . ., wo doch Strauß, der größte Lenker aller Zeiten. . ., und wenn schon der, dann doch erst recht der Baron. . .usw.

Hat nur zwei Schönheitsfehler, der Gedanke. Strauß war zwar mal Verteidigungsminister (und davor Atom-Minister, auch ein interessanter Gedanke angesichts der neuerlichen Diskussionen um die Atomkraftwerke), umstritten allerdings war er von Anfang an. Erst, weil er die Bundesrepublik atomar bewaffnen wollte. Dann wegen zahlreicher Affären, vom Starfighter bis hin zur so genannten Spiegel-Affäre, die ihn letztlich sein Ministeramt gekostet hat.

Auch wenn CSU-Chef Seehofer bis heute Strauß für ein leuchtendes Vorbild hält – Guttenberg wird ihm gewiss in dieser Linie nicht folgen. Auf ihm ruht die Hoffung der CSU, dass er das Amt zu einem zweiten Außenministerium ausbaut und die CSU damit aus dem provinziellen Muff dieser Tage befreit. Schließlich, raunen die schwarzen Funktionäre, könne er Englisch weit besser als Außenminister Westerwelle, seien seine Sätze geschliffener, sein Benehmen untadelig, sein Auftreten diplomatischer. Und seine Frau hübscher.

Tatsächlich ist die Truppe mittlerweile ja weltweit im Einsatz, sie schützt, kämpft und stirbt in den verschiedensten Ländern. Doch Außenpolitik macht man nicht im Staub der Wüste, sondern in den klimatisierten Sälen der Regierungspaläste. Spätestens dann, wenn der Dreck des Krieges Guttenbergs gegeltes Haar stumpf werden lässt, werden das auch die Christsozialen verstehen. Der Baron freilich, der weiß das heute schon: Er ist nur zu gut erzogen, als dass er es beim Namen nennen könnte.

Ach Horst!

Ach Horst, hättest Du doch geschwiegen. Dass man in Bayern keine Scherze machen dürfe, hast Du gesagt und dann nachgeschoben, dass Ilse Aigner als Bundeslandwirtschaftsministerin ihre Anweisungen aus der bayerischen Staatskanzlei bekomme. „War aber nur Spaß“, hast Du gesagt und gelächelt. Echt?

Und dass der Ramsauer Peter sich voll einbringen werde als Verkehrsminister. „Mit jeder Pore seines Körpers“, hast Du gesagt. Und wir haben uns leise geschüttelt bei der Vorstellung, wie das wohl aussehen mag. Da war es fast schon ein Trost, dass Du bei allen Punkten, die Deine Unterhändler in den Koalitionsvertrag gebracht haben, stets betont hast, eigentlich seien die Dein Verdienst, Deine Idee, Dein Werk. Ich hatte mich schon gefragt, mit welcher Pore Ramsauer den betonharten Ausbau der Donau doch noch im Bereich des Möglichen gehalten hat.

Dass der Hans-Peter Friedrich, der die CSU-Landesgruppe führen soll, „im Gegensatz zu mir menschliche Qualitäten besitzt“, hast Du gesagt. Und jetzt rätseln wir, ob das ein Scherz gewesen ist. Weil wir ja in Bayern sind und Scherze nicht verstehen, und Du hast es nicht dazu gesagt, hast den Scherz nicht als solchen markiert, was ihm eine gewisse Ernsthaftigkeit verleiht, ich gestehe es. Ich hätte Dir das beinahe geglaubt, das mit den fehlenden menschlichen Qualitäten bei Dir. Aber nur fast, keine Sorge!

Schlimm war auch, was Du alles hast lesen müssen. Über eine gewisse Müdigkeit Deinerseits. Über Deine Krankheit, die schlechten Herzwerte, die miese Stimmung in der CSU. „Vergesst das mal alles“, hast Du gesagt. Dabei stand das doch in der Zeitung. Und Zeitungen lügen nicht, das weiß ich genau. Na ja, nicht alles stand in allen Zeitungen. Das, was nicht in allen stand, also zum Beispiel in unserer nicht, den Nürnberger Nachrichten, also das mit den Herzwerten vielleicht, okay, das hat womöglich nicht ganz voll so gestimmt.

Deine Delegierten wollen aber nicht vergessen. „Ich bin hoch motiviert, ich möchte mit euch die Zukunft gestalten“. . . hast Du gemerkt, wie still es geblieben ist in der BMW-Motorwelt, wo Ihr den Koalitionsvertrag abgenickt habt? „Wir können uns nur selbst schädigen“, hast Du gerufen. Und sie haben gedacht: „Wieso ‚wir‘? Doch nur der!“

Ach Horst. Klar, sie haben lange geklatscht. Aber hast Du gesehen, dass keiner aufgestanden ist? Du glaubst Dich sicher. So wie der Club. Der gewinnt auch gelegentlich mal ein Spiel und rettet sich dann aus der Abstiegszone. Aber das hält dann jedesmal nur eine Woche. Das sollte Dir zu denken geben. So wie mir.

Sagt Dir dein sich sorgender Roland

Die CSU – steht wie ein Mann. Mal wieder.

Wie er das nur wieder hinbekommen hat, der Seehofers Horst. Ganz nah am Abgrund haben ihn schon etliche gesehen. Weniger die in seiner Partei, klar. Mehr die in den Medien. Wochenlang haben sie den Bayern-Regenten in die Krise geschrieben. Revolte, Rebellion, Putsch – alles Begriffe, die schon zu lesen waren. Als ob der gemeine Christsoziale zu so etwas auch nur ansatzweise fähig wäre.

Er ist es nicht. Das haben wir jetzt schriftlich. Einstimmig hat der CSU-Vorstand den Koalitionsvertrag angenommen. Und der Parteitag tut es ihm nach. Nicht einer, aber auch nicht er kritischste aller Denker, hat auch nur den Begriff „42,5 Prozent“ in den Mund genommen. Bloß nicht die Harmonie trüben. Nur nicht der Erste sein, der den Stein ins Wasser wirft.

Also wird der schwarze See ruhig und still bleiben. Als ob nie etwas gewesen ist.

Das hat Horst Seehofer wirklich geschickt gemacht. Die Diskussion über Wochen hin abwürgen und in die Zukunft verschieben. Bis die eigenen Leute sich schon bei dem Gedanken daran langweilen, dass sie noch einmal durchkauen müssen, was doch eh schon so weit zurückliegt. Wer redet schon gerne darüber, warum er verloren hat? Nur Masochisten tun so was. Und Journalisten.

Menschlich mag Seehofer ein schwieriger Charakter sein. Politisch ist er mit mehr Wassern gewaschen, als all die selbst ernannten Analytiker für denkbar halten. Er hat überlebt. Jedenfalls für den Moment.

Seehofer dürfte allerdings selbst Profi genug sein, dass er um den Wert seines Sieges weiß. Mehr als Zeit springt für ihn nicht heraus. Längst laufen in München die Wetten, wie lange noch. Bis Weihnachten? Sommer? Oder noch länger? 2011 zum Beispiel. Da wählt die CSU ihren Vorstand neu. Wie neu, das wird sich zeigen.

Papa Schmid arbeitet wieder – und sieht die Welt ganz neu

Erinnern Sie sich noch an Sepp Schmid? Den Chef der Münchner Stadtratsfraktion? Vor ein paar Wochen habe ich hier schon einmal von ihm berichtet. Weil er in Elternzeit gehen wollte. Trotz Politikstress und Anwaltsberuf und so.

Jetzt ist er wieder zurück. Er habe die Zeit genossen, sagt er. Der Sommer war ja auch so schlecht nicht. Okay. In München war er leicht verregnet, verregneter jedenfalls als in Franken. Aber der Regen war warm. Da lässt es sich aushalten.

Für Schmid waren es lehrreiche zwei Monate. Sein Respekt vor den Frauen sei gestiegen, sagt er. „Haushalt und Kinder zu managen ist eine echte Herausforderung.“ Das hat er gelernt. Und dass der Job durchaus vergleichbar sei mit der Selbstorganisation einer Anwaltskanzlei oder einer Stadtratsfraktion.

Das glaube ich ihm aufs Wort. So eine Bande von Politikern im Zaum zu halten, dürfte ähnlich schwer sein wie das Hüten eines Sacks Flöhe – oder zweier kleinerer Kinder. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Obwohl ich nie in Elternzeit war. Das gab es vor zehn Jahren noch nicht, leider. Aber ich kenne meine Kinder.

Meinen Respekt für den Schritt des CSU-Politikers schmälert das nicht. Ich finde, das sollten mehr Vertreter seiner Partei mal machen, so etwas kann das Weltbild ziemlich verschieben. Und mit ihm auch gleich das Rollenverständnis. Schmid sagt, seine Parteifreunde hätten nicht alle gutgeheißen, was er da gemacht hat. Und auch nicht alle seiner Mandanten. Er habe, sagt er, dauernd irgendwelche Anrufe aufs Handy bekommen, musste sich kümmern, neben der Arbeit zuhause mit den Kindern politische Fragen klären und anwaltliche. Längst nicht alle hätten verstanden, warum er zuhause geblieben ist. Wo er doch eine Frau hat. „Das war nicht leicht“, sagt er.

Ja, so ist das Leben. Besonders für die berufstätigen Mütter. Sie klemmen zwischen zuhause und Job, sollen alles unter einen Hut bekommen und dabei noch fröhlich und entspannt sein. Ihre Geschlechtsgenossinnen, vor allem die auf die Mutterrolle beschränkten, rümpfen gerne mal die Nase über die „Karriereweiber“, ihre Männer können sich nicht wirklich (oder wollen es auch nicht) in den Doppelstress hineindenken. Und ihre Arbeitgeber und Kollegen tun das erst recht nicht, nehmen es vielleicht einmal hin, wenn sie aus familiären Gründen fehlen müssen. Doch verstehen können sie es nur selten. Und wenn es sich wiederholt, dann kommen die dummen Sprüche. Von wegen Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ihnen allen wäre eine Erfahrung zu wünschen, wie sie Schmid jetzt gemacht hat. Der sieht die Welt auf einmal mit ganz neuen Augen. „Wir müssen Kinderbetreuung und Arbeit räumlich besser zusammen bekommen“, hat er gelernt. Weil er wahnsinnig viel Zeit verloren hat zwischen Zuhause und Krippe und Arbeitsstelle. Und dass die Arbeitgeber umdenken müssten, findet er.

So ist das nun mal im Leben: Hätte er auf all die Frauen gehört, die das alles längst wissen, leidvoll erleben und immer wieder beklagen, er hätte die Erkenntnis sehr viel früher gewinnen können. Doch der Mensch lernt nur dann, wenn er es selbst erfährt. So bitter das auch sein mag. In diesem Fall kann es ein Gewinn sein. Wenn Schmid denn nicht schnell wieder vergisst, wie das so war. Ich bin mir sicher, die Welt sähe anders aus, wenn die Elternzeit verpflichtend wäre, für alle Männer. Das, liebe Politiker, wäre mal ein Ansatz. Also, wer trsut sich ran?

Rot ist rot ist rot

Ach ja, unser Innenminister. Stolz ist er auf den Einsatz seiner Polizeibeamten während der Wiesn. Gut gemacht hätten sie es, sagt er, gerade weil sie so höflich gewesen seien. Stimmt. Bis auf einen.

Samstag Mittag, Bavariaring. Gut und gerne dreihundert Meter habe ich da schon zurückgelegt, zu Fuß, weil ich mich im Sicherheitsring bewege auf dem Weg zum Oktoberfest, vorbei an zwei Straßensperren aus Bussen und Lastwagen. Die Straße, sonst befahren wie der Mittlere Ring, ist gähnend leer. Kein Auto weit und breit, mal abgesehen von den rund zwei Dutzend Mannschaftswagen der Polizei, die auf dem Bürgersteig stehen. Dann kommt die dritte Sperre.

Ich bin noch nicht ganz an ihr vorbei, da springt ein Beamter aus dem Wagen, der die Kreuzung blockiert. „Die Ampel ist rot“, sagt er. „Und? Hier ist doch weit und breit kein Auto?“ „Sie ist rot und Sie gehen jetzt zurück. Sofort!“ Okay, ich bin vielleicht kein autoritätsgläubiger, im Ernstfall aber durchaus ein autoritätshöriger Mensch. Also bin ich zurück. Und da stehe ich nun und langweile mich, sehe mit an, wie eine Horde gut angetrunkener Italiener über die Kreuzung wankt, direkt am Streifenwagen vorbei und absolut unbehelligt vom Polizeibeamten. Ich nehme ihre Blicke in kauf, weil sie mich für einen leicht Irren halten, der, typisch deutsch, selbst an einer gesperrten Straße noch auf die Fußgängerampel achtet. Dann erst gehe ich los, bei Grün, versteht sich.

Nein, ich will mich nicht beklagen über diese Aktion. Ich kann den Polizeibeamten verstehen. Ihm war einfach langweilig. Der dritte, der innerste Sperriegel ist ja auch der ödeste. Da kommt keiner von der Al-Kaida vorbei. Höchstens ein paar Fußgänger. So wie ich. Insofern bin ich froh, dass er es bei einer simplen verbalen Ermahnung belassen hat. Ich weiß ja nicht, was sein Lehrbuch sonst noch so vorsieht für Fälle wie mich. In Amerika, da bin ich sicher hätte ich noch den Asphalt geküsst, wegen eines falschen Blickes oder so. Gut, dass unsere Polizeibeamten so höflich sind. Da hat er schon recht, unser Innenminister.

Wohlfühlen im Romantik-Bunker

Manche Leute haben aber auch merkwürdige Ideen. Überall im Münchner Stadtgebiet stehen Bunker, riesige Betonkästen von unvergleichlicher Hässlichkeit mit winzigen Luftschlitzen, wenn überhaupt. Sie sind, logisch, ein Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs.

Der liegt nun schon eine Weile zurück. Nur die Bunker sind immer noch da und verschandeln die Straßen, weil niemand so recht weiß, was die Stadt mit ihnen anfangen soll. Bis auf Johann Lindner. Der will jetzt handeln. Zumindest in Allach.

Auch da steht ein Bunker von schmutziggrauer Farbe, achteckig, vier Stockwerke hoch, mit einem ziemlich verrotteten Dach oben drauf. Ihn möchte Lindner umbauen _ zu einem „romantischen Hotel mit Wohlfühl-Atmosphäre“.

Klingt gut, ist es aber nicht, jedenfalls nicht für die Lokalbaukommission. Die hat seine Pläne abgelehnt. Ein Glaspavillon auf den Dach! Im Jugendstil! Da haben sie aber gekreischt in der Kommission. Dass Lindner den Bunker aufhübsche, haben sie gesagt und was von Kitsch und Disneyland gemurmelt. Und dass der Bunker „zumindest erahnt werden“ müsse, fordert CSU-Mann Walter Zöller. Weil doch „diese Bauten zum Stadtbild“ gehörten. Muss man nicht verstehen, oder?

Es ließe sich trefflich streiten. Das mit dem Denkmalschutz kann man auch übertreiben. Zöller blickt jedenfalls zuhause nicht auf einen solchen Betonklotz. Die in Allach schon.

Lindner hat sich trotzdem nicht entmutigen lassen und einen neuen Plan entworfen. Der Pavillon ist jetzt weg, das Haus weiter achteckig und die Fenster längs in schmale Streifen geteilt. Bis zu 20 Zimmer könnte Lindner innen unterbringen.

Wenn ihn die Kommission denn lässt. Und sie lässt, schwärmt vom „intelligenten Ansatz“, der „den Bunkergedanken“ aufgreife und von den „klaren, schlichten Linien“. So etwas kann auch nur Fachleuten einfallen. Bunkergedanke. . . du lieber Himmel! Auf den setzt Lindner vermutlich eher weniger, wenn er seine Prospekte druckt. Klingt ja auch merkwürdig: „Verbringen Sie ein paar schöne, romantische Stunden in einmaliger Bunkeratmosphäre. Unsere Spitzenköche wärmen Ihnen gern ein paar Konserven auf. Wir empfehlen dazu einen guten Tropfen aus unserer Wasseraufbereitungsanlage, ehe Sie sich in die romatischen Stockbetten zurückziehen.“ Oder so ähnlich. Grauenvoll. Dann doch lieber Disneyland.