Je dichter, desto München

Neulich war ich in Hannover. Okay, die Stadt ist nicht wirklich erwähnenswert, jedenfalls unter touristischen Aspekten nicht. Ein See voller Karpfen von erschreckenden Ausmaßen – meine Tochter führte sich auf, als habe sie den weißen Hai persönlich gesehen. Dazu noch ein paar ältere und sehr viel neue, hässliche Häuser. Und das war es dann. Aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Wir waren dort mit dem Auto. Leidenschaftliche Bahnfahrer wenden an dieser Stelle gerne ein, dass es mit dem Zug doch viel schneller gehe und komfortabler und sicherer sei es, und so. Leute! Ich sitze gerade im Zug, in einem ICE auf dem Weg nach Würzburg. Und wir haben unendlich viel Zeit, weil der ICE gerade eine beeindruckende Vollbremsung hingelegt hat, von 250 auf Null. Mit qualmenden Bremsen, direkt neben der Autobahn. Signalstörung bei Allersberg, Fahrer wartet noch auf schriftliche Anweisungen, sagt der Sevice, während sich der Zug in Schritttempo gen Nürnberg quält. Würde ich auch tun an seiner Stelle. Also auf Weisung warten. Man weiß ja nie. Mit dem Auto jedenfalls, das ist sicher, wäre ich schneller gewesen.

Aber zurück nach Hannover. Beziehungsweise zur Heimreise, von Hannover nach München. Ehrlich, ich habe es getestet, vom Süden, vom Westen, aus dem Osten, und jetzt auch vom Norden her: Ich muss nicht auf die Autobahnschilder schauen, wenn ich wissen will, wie weit es noch ist. Ich merke es an den Autos und am Verhalten ihrer Fahrer.

Je dichter München rückt, desto schwärzer werden die Wagen, und größer werden sie auch. Der Münchner an und für sich steht auf protzige Limousinen, auf SUV genannte rasende Wandschränke und auf edle Sportwagen.

Dumm nur, dass ihnen die Autobahnen rund um München nicht allein gehören. Lästige Mittel-, Klein- und Kleinstwagen tummeln sich da. Und was macht der Münchner in so einem Fall? Richtig: Er drängelt, er fährt so nah auf, dass ich die Fliegen auf seinem Kühlergrill zählen kann und die Zornesfalten auf seiner Stirn. Und hinter ihm drängen die anderen Münchner, verdichten sich zu einer kompakten schwarzen Masse. Allenfalls ein paar ostdeutsche Raser können mithalten. Deren Rechtsverständnis istähnlich gut ausgeprägt wie ihr Hang zum Rechtsüberholen.

Vielleicht sollte irgend jemand diese kompakte schwarze Masse einfach einsaugen mit einem riesigen Sauger und dann auf dem Sondermüll entsorgen. Vielleicht wäre, wenn das nicht klappt, Bahnfahren doch eine Alternative. Stressfreier wäre es bestimmt. Jedenfalls für mich. Weniger für den Lokführer. Weil sich vermutlich hinter seiner Tür die Münchner stauen, die nach vorne drängeln, gegen seine Tür treten, ihn nötigen, auf dass er schneller fahre oder zumindest sofort die Spur frei mache. Weil sie sich sonst nicht glücklich fühlen, die Münchner.