Ich liebe Knuddelschnubbel!

Jaaaaa, der Landtag singt. Endlich! War aber auch an der Zeit.

Vielleicht singt er nicht ganz so, wie dereinst der Kongress getanzt hat. Aber trotzdem: Er singt. Okay, manche Abgeordnete, besonders die der CSU, tun das bevorzugt spätnachts und dann schon leicht dissonant. Dafür aber aus voller Brust und schmerzendem Herzen, weil die Bürger den Segen der Zwei-Drittel-Mehrheit nicht kapiert haben.

Die Politiker der SPD dagegen singen gerne am Ende ihrer Parteitage und schmettern ein optimistisches „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ an, was ein wenig Wärme in ihr ansonsten so einsames sozialdemokratisches Leben bringt. Die Linke schwört auf „Die Internationale“ und die CSU auf Deutschlandhymne und Bayernlied (damit die offensichtlich wenig textsicheren Delegierten nicht stolpern, liegt den Parteitags-Unterlagen stets ein Zettel bei, beschriftet auf der einen Seite mit der deutschen und auf der anderen mit der bayerischen Variante), nennt sie aber Deutschlandlied und Bayernhymne. Was da jetzt wohl richtig ist?

Nur die Grünen singen irgendwie nicht. Ist aber verständlich. Denn ihre Hymne, den „Müsli-Man„, haben schon die Jungs der Kölner Band BAP vertont. Kölsche Lieder aber im bayerischen Freistaat? Unmöglich.

Sie fragen sich, wo FDP und Freie Wähler bleiben? Nur Geduld. Auch die singen, und die singen mal richtig.

Tobias Thalhammer zum Beispiel ist Freier, also Freier Liberaler. Knuddelschnubbel heißt der Song, mit dem er punktet. Echt der Hammer, das Teil, ein wahrer Thalhammer. Wo er sich doch lieber Bärchen nennen ließe. Oder Schatz. Komisch nur, dass die meisten die Tiefe, die Eleganz, das musikalische Können dieses Liedes nicht erkennen wollen. „Manche können sogar im Landtag weniger Schaden anrichten als in der Musik“, spottet keglerronny bei youtube. Aber machen Sie sich selbst ein Bild vom  Knuddelschnubbel. Und? Genauso begeistert?

Oder Claudia Jung. Auch sie ist eine Freie, also eine Freie Wählerin. Und sie ist sogar noch weiter als der Toby, also der Tobias Thalhammer. Sie hat einen Künstlernamen. Früher hieß sie nämlich Ute Singer und ganz früher Ute Krummenast. Wobei Ute Singer auch cool gewesen wäre für eine Sängerin.

Ute-Claudia jedenfalls singt schon lange, so richtig mit Bühnenbild und Freitreppen, auf denen sie herunterschweben darf. Und manche ihrer Lieder haben ein geradezu prophetisches Element. Das Dunkel der Nacht zum Beispiel könnte genauso gut das Leben der Freien Wähler in der Politik beschreiben und den Schmerz, den sie empfinden, seit Gabi Pauli ihnen den Rücken gekehrt hat. Wie heißt es doch: „Du bist nicht mehr da. Und ich hab erkannt: Ich muss meinen Weg alleine gehen. Ohne dich.“

Das ist schon Kult. Der absolute Wahnsinn aber ist der Hit, mit dem sie im vergangenen Jahr in die Charts gestürmt ist, in jenem Jahr wohlgemerkt, da die Freien Wähler sich anschickten, in den bayerischen Landtag einzuziehen. Wobei in meinen Augen der 67. Platz sehr unverdient war. Der erste hätte es schon sein dürfen für: „Lass uns noch einmal lügen“. . . Und da sage noch mal einer, mit der Wahrheit komme in der Politik niemand voran.

Wie der Seppi sich für die Frauen opfert

Die Welt ist nicht einfacher geworden, auch für die Christsozialen nicht. Einst war alles diskussionslos sauber geregelt, gab es die Dreieinigkeit aus Kirche, Küche und Kindern. Die galt für die Frauen. Die Männer durften arbeiten, abends zum Stammtisch gehen und sonntags schon am Mittag ein Bier trinken, nach dem Gottesdienst.

Heute ist alles anders, jedenfalls in den größeren Städten. Und ganz bestimmt in München. In die Kirche geht in der Landeshauptstadt kaum noch einer; Stammtische gibt es allenfalls in den Biergärten. Und in der Küche steht der trendige Mann inzwischen selbst und verzweifelt an den Rezepten, die ihm die Stars im Fernsehen vorkochen.

Nur die Kinder durften die schwarzen Herren noch den Frauen überlassen, quasi der gottgewollten Ordnung wegen. Das war schon bei Josef und Maria so und hat sich in den Augen der Männer seitdem bewährt.

Josef und Natalia sehen das ein wenig differenzierter, moderner. Josef lässt sich gerne Seppi nennen, Seppi Schmid. Er ist Chef der CSU-Fraktion im Münchner Stadtrat, war ihr Spitzenkandidat im Kampf um den Oberbürgermeistersessel und arbeitet intensiv an seinem Image. Die Brille hat er gegen Kontaktlinsen eingetauscht, die Hemden und Anzüge strahlen neuerdings etwas jugendlich Frisches aus. Demnächt könnte es allerdings sein, dass die Hemden ein paar Flecken bekommen. Denn Josef Seppi Schmid räumt seinen Stuhl im Rathaus. Freiwillig. Wenn auch nur befristet.

Schmid geht in Elternzeit, ab nächster Woche schon, für zwei Monate. Gar so einfach war das nicht. Denn er ist ehrenamtlicher Stadtrat wie alle anderen Stadträte auch, und das ist ein juristisches Problem. Ehrenämter können nicht einfach ruhen; doch Schmid darf fehlen, die Elternzeit gilt als „gewichtiger Grund“. Wie es der Zufall so will, sind allerdings gerade keine Sitzungen. Wie es der Zufall will, ist Sommer, was die Elternzeit mit dem dreijährigen Leonhard und der neun Monate alten Helena erträglich machen dürfte. Er habe schon ein volles Wochenende lang geübt, zitieren ihn die Münchner Medien, Windeln gewechselt, die Tochter gefüttert und all den Kram erledigt. Wow. „Für das Entstehen eines Kindes“, hat er sich zu seiner ganz persönlichen Verantwortung bekannt, „sind Mann und Frau erforderlich.“ Das verdient noch ein Wow.

Schmid hätte natürlich auch die weit hässlicheren Monate November und Dezember oder März und April für seine Elternzeit nehmen können. Hat er aber nicht, die gehören Natalie. Er hätte leise gehen können wie die anderen, weiblichen Stadträte vor und nach ihm auch. Doch am Ende hätte keiner gemerkt, dass er fehlt, was peinlich geworden wäre. Vor allem aber, was ein Zufall, steht im September die Bundestagswahl an, bei der die CSU sich ein modernes Image geben will. Da passt Seppi Schmid, der Progressive, gut ins Bild.

Und sollten seine Anzüge tatsächlich mal voll Baby-Brei sein, er wird es verkraften. Denn seine Aufwandsentschädigung als Stadtrat muss er trotzdem nehmen, der arme Mann. Macht 4200 Euro im Monat. Da ist das Gesetz gnadenlos. Wirklich, es ist ein Opfergang den Schmid antritt, für eine gerechtere, weil gleichberechtigte Welt.

Wenn München duftet, mögen’s alle

Dass es auch anders ginge, dass sich Bomben durchaus sinnvoll und positiv einsetzen ließen, ohne dass sie ihre kritische Botschaft verlören, beweist der Münchner Verein „Green City“. „Green City“, heißt es auf der Internetseite des Vereins, „vertritt die Ansicht, dass München an manchen Stellen noch immer trist und hässlich ist.“ Deshalb haben die Macher die Samenbomben erfunden und die „Guerilla-Gardener“, was militanter klingt, als es ist. Denn es ist nicht wirklich ein Kleinkrieg, den die Gartler führen, nichts Zerstörendes, sondern das Gegenteil davon.
Nachts schleichen die grünen Guerilleros durch Münchens Straßen, suchen gähnend langweilige Grünstreifen, blumenfreie Baumscheiben, grünlose Pflanzkübel. Und dann heben sie im Schutz der Dunkelheit ein kleines Loch aus und versenken darin ihre Samenbomben, Erdkugeln gefüllt mit Blumensamen. Und ein paar Wochen später blüht es, dass es eine wahre Pracht ist, bunt und anarchisch, wo vorher nichts Rechtes gewachsen war.
Wenn die Stadt es denn zulässt. Denn den Beamten im Baureferat gefällt eben dieses Ungeordnete, Eigenwillige ganz und gar nicht. Strafbar, das räumt auch Sprecher Jürgen Marek ein, sei das Guerilla-Garteln zwar nicht. „Aber wir raten, von privaten Pflanzungen abzusehen.“ Schließlich will München ganz offiziell ein einheitliches Bild ihrer Grünstreifen, damit die sich von den gärtnerisch gestalteten Flächen absetzen.
Möglich, dass sich diese Haltung demnächst ändert. Denn die Münchner denken über Grünstreifen-Patenschaften nach Hamburger Vorbild nach, mit Patenschaftsschild und der Freiheit für den Paten, dass er seinen Streifen frei gestalten darf, auf dass es blühe und wuchere, wie er sich das so vorstellt.
München, das ist sicher, wäre wohl der Gewinner. Und die Bomben, jedenfalls die blühfähigen, hätten ein wunderbares Ergebnis erzielt, eines, das sich sehen lassen kann und nicht nur stinkt, sondern duftet. Darüber sollte der Typ mit den Stinkbomben mal nachdenken. Und die Idee von Green City, ganz ehrlich, die kann ich nur zur Nachahmung empfehlen. Die des Stinkbombers eher nicht.

Wenn einem München stinkt, dann stinkt es allen

Es soll Menschen geben, die München hassen. Unlängst hat einer geschrieben, dass er nichts mehr über diese Stadt lesen wolle, keine Zeile mehr, weil jedes Wort eines zu viel für ihn sei. Er hat sich sogar die Mühe gemacht und gezählt, wie oft das Wort München in einem Artikel vorgekommen ist. Und dann erst das Wort Landeshauptstadt. Das hat ihn fast so sehr erzürnt wie der Begriff der „Weltstadt mit Herz“.

Scheint tief zu gehen, dieser Zorn auf die Münchner. Wer weiß, wo sie her kommt, diese Ablehnung der Landeshauptstadt. Irgendein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit vielleicht, Hänseleien in der Schule, weil er eine Lederhose tragen musste. Oder der Spott der Münchner, weil er sich in ihrer Stadt verfahren hat, der Franke. oder etwas in der Art. Das ist mir bislang erspart geblieben. Aber ich habe mir auch, offen gestanden, sofort einen Wagen mit Münchner Kennzeichen zugelegt. Zur Tarnung. Weil sich das Schaf im Wolfspelz besser durch das Rudel bewegen kann.

Wenigstens hat der Leser seinen Zorn nur in Worte gefasst. Ein anderer fasst seinen München-Hass in Gläser mit Schraubverschluss. Die stellt er dann in Münchner U-Bahnhöfe oder in die Abfallkörbe in einem Münchner Einkaufszentrum. Nur den Deckel nimmt er mit.

Zurück bleibt Aluminiumsulfid, eine Gebräu, das sich gegen Wühlmäuse einsetzen lässt. Oder gegen die Umwelt. Denn es stinkt extrem nach faulen Eiern; der Schwefelwasserstoff lässt einen würgen, die Augen tränen, wenn es hart kommt, stellen sich Schwindel und Kopfschmerzen ein.

Warum der Mann das tut? Die Polizei hat keine Ahnung. Aber Fotos hat sie, aufgenommen von mehreren Überwachungskameras. Die zeigen einen unscheinbaren Typen, ein Allerweltsgesicht in Allerweltsklamotten und nichts, was auch nur erahnen ließe, was diesen Typen dazu antreibt, dass er die Münchner mit seinen Stinkbomben quält.

Immerhin, die Polizei passt jetzt auf. Und hat auch schon einen erwischt. Es war nur der Falsche, ein armes kleines Würstchen, das sich wahrscheinlich zu Tode erschreckt hat, als die Polizei die Handschellen klicken ließ. Der Friseur hat irgendwelche Chemikalien aus seinem Laden entsorgt. Er wollte sie nicht in den Gully kippen. Das allerdings wäre ihm besser bekommen.

Parken ist nicht gleich Parken, und schon gar nicht für jeden

Ach ja, Parken in München. Das ist eine wahre Freude. Autos und Kleinlaster in der zweiten, gerne auch in der dritten Reihe. Dazwischen renitente Fußgänger, quer parkende Smarts, Motorroller, Fahrräder. Und ab und an sogar eine Lücke, in die vielleicht und mit viel, sehr viel Geschick ein Auto passen könnte.

So jedenfalls war das früher. Heute sind die Lücken zahlreicher; nur billiger ist es deswegen nicht. Denn ganz München ist eine einzige Parkzone, ein Teppich aus verschiedenfarbigen Bereichen mit so wohlklingenden Namen wie „südliches Klinikviertel“ oder „Lehel“ oder „Maxvorstadt“ oder „Lizenzgebiet Schleissheimers.“, was wohl Schleissheimer Straße heißen soll, aber auf den diesmal gelben Zettel nicht gepasst hat. Andere sind grün rot, rosa, gelb, violett, blau. Sie machen die Stadt ein wenig farbenfroher, die Parkbelege, wie sie im Wind so durch die Straßen taumeln, achtlos weggeworfen von ihren Käufern.

Für die Stadt rechnet sich das Ganze angeblich dennoch nicht. Seltsam eigentlich. Zwar hat sie in den Anwohnergebieten einzelne Zonen ausgewiesen für den normalen Parkplatzssuchenden, der dann zahlen muss. Aber das reicht angeblich nicht. Obwohl zwölf Minuten 20 Cent kosten. Und die Automaten nicht wechseln. Die Leute also meist mehr zahlen, als sie wollen. Oder andernfalls ein Knöllchen riskieren.

Das mit dem Knöllchen kann allerdings erheblich schneller gehen, als manchem lieb ist. Gerhard Mader kennt das aus eigenem Erleben. Aus Berlin war er nach München gereist, mit dem Wagen, und fand zu seiner freudigen Überraschung vor seinem Hotel tatsächlich auch einen freien Parkplatz. „Gebührenpflicht _ An Werktagen: 9 – 18 Uhr“ stand auf dem Parkautomaten. Und weil seine Uhr bereits 18.17 Uhr zeigte, freute sich Mader, ging ins Hotel – und fand wenig später einen Strafzettel über 15 Euro an seinem Wagen vor.

Er hat ziemlich gewütet, der Berliner, hat Briefe geschrieben bis hinauf zum Justizministerium, über „groben Amtsmissbrauch“ geschimpft und über „vorsätzliche Täuschung“. Geholfen hat es ihm nichts.

Denn das Parken war nach 18 Uhr zwar tatsächlich gebührenfrei. Doch nur für die Anwohner mit ihren Parklizenzen. Für alle anderen war es verboten. Das hat jetzt zwar so nicht auf dem Automaten gestanden, wohl aber auf den Schildern des Lizenzgebietes.

Pech gehabt, sagt die Stadt. „Da hat der Herr Berliner wohl nicht aufgepasst.“ Selbst Schuld also, der Mann, dass er ortsfremd ist. Er könnte es aber auch so sehen: Die Stadt München braucht Geld, ihr Beutel ist leer. Zum Beispiel für die vielen schönen bunten Schilder. Er hat München subventioniert, er, der Berliner. Normal, sagt die Staatsregierung, läuft das umgekehrt, greift Bayern den Berlinern unter die Arme. Muss doch ein gutes Gefühl sein, wenn man als Berliner davon etwas zurück geben darf. Oder etwa nicht?