Im Tiefflug auf der Suche nach der Basis

Ehrlich, unsere Politiker sind bedauernswerte Geschöpfe. Morgens um neun sind sie schon so unter Zeitdruck, dass sie nur im Tiefflug mit 250 durchs Land reisen, oder besser rasen können. Wahrscheinlich haben sie die ersten Termine um fünf abgerissen, nach einem kurzen Frühstück unterwegs in einem Drive-in, stets auf Achse für unser Wohl und das Beste fürs Land.

Ich für meinen Teil kann Ihnen, liebe Leser, nur raten: Wenn irgendwo ein Parteitag angesagt ist, meiden Sie die Gegend, bleiben Sie zuhause, wenigstens zwischen acht und 16 Uhr, und wenn das nicht geht, halten Sie die linke Spur der Autobahn frei für die Staatskarossen. Und für Ihre eigene Sicherheit. Wenn Sie überleben wollen. Bayern drei sollte das als Standardwarnung in den Verkehrsfunk aufnehmen.

Samstag, neun Uhr, irgendwo auf der Autobahn zwischen München und Deggendorf. Die CSU hat zum Parteitag gerufen und Horst Seehofer zum Kontakt mit dem Bürger. Den stellen seine Leute und Parteifreunde auf recht eigenwillige Weise her. Rechts der Laster, links der Bürger in seinem, sagen wir mal, Opel, hinten am Horizont zwei schwere Limousinen im Formationsflug. Seehofers Konvoi kommt. Und gibt ein leuchtendes Vorbild. Die Scheinwerfer gehen voll auf, weil der Opel nicht schnell genug wegkommt, so neben dem Laster und ohne 300 PS unter der Haube. Weil aber die Staatsfahrer gnädig sind und sie den Opelbesitzer nicht blenden wollen, fahren sie so dicht auf ihn auf, dass er die Scheinwerfer im Rückspiegel gar nicht mehr sehen kann. Das finde ich sehr rücksichtsvoll.

Klar, dass der Konvoi in der anschließenden Baustelle das Tempo nicht herausgenommen und noch ein paar Dutzend andere rollende Hindernisse von der Autobahn geblinkt hat. Ich kann das verstehen. Bis diese schweren gepanzerten Karren mal in Schwung sind, das braucht seine Zeit. Und schließlich warten die Staatsgeschäfte. Der Parteitag. Die Medien. Der Bürger. 

Tja, so sieht er aus, der Dialog mit dem Bürger. Taghell, feste auf Tuchfühlung. Seehofer und seinen Ministern ist nichts zu schwierig auf der Suche nach der Basis. Beruhigend, dass sich auch die einfachen CSU-Abgeordneten und Delegierten da nicht lumpen lassen und drängeln, dass es eine wahre Freude ist. Die CSU will schließlich vorankommen. Und wer auf der Autobahn nicht 180 fährt, macht sich ohnehin verdächtig, ist womöglich ein Linker oder – noch schlimmer – ein Öko, einer von der Sorte, der sich über Umweltminister Markus Söder lustig macht, nur weil dessen Dienstwagen mit Abstand den meisten Sprit verbraucht. Leute! Söder ist nicht nur Umweltminister! Er ist Lebensminister! Leben wie Lebensfreude! Und die entwickelt sich nun mal erst im Temporausch.

Ach ja, liebe Staatskanzlei. Weil ich das Spiel schon kenne: Ja, ich habe die Nummernschilder der Wagen gelesen. und ja, ich habe Zeugen, ich war nicht allein im Auto. Nein, ich werde niemanden anzeigen. Und nein, es beeindruckt mich auch nicht, dass die Fahrer ihren Führschein riskieren, nur weil wir das jetzt schreiben, und dass die doch Familie haben, und dass wir auch mal an die denken sollten. Und all die anderen Sprüche, die nach solchen Berichten immer kommen, beeindrucken mich auch nicht.

Weil ich das alles schon erlebt habe: Wie Minister ihre Fahrer zusammenfalten, weil sie so wie immer fahren, was dem Minister sonst überaus recht ist, nur diesmal nicht, wo doch im Fonds ausnahmsweise ein Journalist dabei ist. Und für den muss so getan werden, als rase der Minister nie und niemals hirnlos über die Autobahn oder die Landstraße oder durch die Stadt. Weil er ja Vorbild ist. Weil das ja klar ist. Und weil er selbst ständig ans Gewissen der anderen appelliert, mit den Unfallzahlen Jongliert und wenn es ganz hart kommt, auch noch mit den CO2-Emmissionen.

Nein, da fehlt mir das Mitleid. Ich denke mal, zwei, drei Termine am Tag weniger haben noch niemanden geschadet, dafür reicht die Zeit zum gemütlicheren Fahren samt gelegentlichem Blick auf die wunderbare bayerische Landschaft. Und dem friedlichen Zusammenleben auf der Autobahn dient das auch. Also Jungs, Fuß vom Gas. Und wenn der Chef meutert, dann sagt mir Bescheid. Dann schreibe ich das. Versprochen!

Eine dunkle Nacht, sieben Tore und zwei Schlösser

Ach ja, die Münchner und ihre Traditionen. Wenn die Sonne scheint, gehen sie in den Biergarten und lassen sich für sehr, sehr viel Geld sehr, sehr schlecht eingeschenkte Krüge andrehen, dazu staubtrockene Schweinerippchen, neudeutsch auch Spareribs genannt, und Ausgezogene, die aber nicht nackt sind, sondern nur ein aufgeblähtes, fetttriefendes Gebäck.

Wenn im Winter die Sonne scheint, gehen sie in die Berge zum Skifahren. Und wenn der Kalender den 1. Mai ankündigt, gehen sie auf die Straße. Leider, lieber DGB, gehen sie dorthin nicht zum Demonstrieren, sondern zum kultivierten Unfugmachen.

Freinacht nennt sich der Spaß, der vor allem jenen den Angstschweiß auf die Stirn treibt, die keine Garage besitzen oder sie so wie wir als Abstellplatz für alles missbrauchen, nur nicht für Autos. Diesmal aber haben sie unsere Autos verschont.

Untätig waren sie trotzdem nicht. Er habe das alles erst bemerkt, gestand Nachbar Peter, „als ich von meinem Hund und meinem kleinen Sohn nichts mehr gesehen habe“. Er hatte die beiden morgens in den Garten gelassen, so wie häufig, damit sie draußen spielen und ihn nicht um die Ruhe bringen. Leider war sein Gartentor weg, gemopst in der Freinacht. Hund und Sohn nutzten die ungeahnte Freiheit für einen kleinen Ausflug.

Sie waren mal richtig fleißig, die Freinächtler. Allein aus unserer Straße haben sie sieben Tore mitgenommen und zum Maibaum gekarrt. So um die 40 Gartentürchen haben da gelegen. Und außen rum standen die Besitzer. Die mit Humor haben es lässig genommen, die ohne wollten gleich die Polizei rufen und Anzeige erstatten wegen Sachbeschädigung. Wie geistlos!

Unser Nachbar Uli jedenfalls hat alle Tore aus unserer Straße eingepackt. Wir haben sie dann sortiert und wieder eingehängt. Leider hatte er eines zu viel dabei. Das sucht jetzt seinen Besitzer.

Eigentlich kein Wunder, dass Uli sich verzählt hat. Denn die Diebe haben alle Tore mit genommen, bis auf eines. Das gehört Andi, und Andi hatte offensichtlich so eine Ahnung, was passieren würde in der Freinacht. Also hat er sein Tor mit einer Kette gesichert und einem dicken Schloss und einem Zettel daneben, auf dem stand: „Denkt nicht mal dran!“.

Andi ist seitdem um eine Erfahrung reicher. Denn das Tor hat jetzt zwei Schlösser und zwei Zettel. „Haben wir auch nicht“, steht darauf. Das neue Schloss aber verfügt über 9999 Kombinationen. Andi wird noch eine Weile beschäftigt sein, bis er es geknackt hat.