Der Münchner Brotkreislauf – ein Luxusproblem

Dass unsere Gesellschaft an Luxus erkrankt ist, lässt sich gelegentlich an winzigen Symptomen ablesen, an den kleinen Geschwüren in unserem Alltag. Im Münchner Norden zum Beispiel eitert so eine winzige Beule vor sich hin.

Sie steht im Hinterhof einer kleinen Bäckerei, einer der letzten, die noch in privater Hand ist mit einem echten Bäckermeister am Ofen und ohne starke Kette im Hintergrund. Er besteht, irgendwie, trotz des erbarmungslosen Verdrängungskampfes in seiner Branche. Die Beule im Hof also ist rot, schon ziemlich zerschunden, mit einer großen Klappe – der Schuttcontainer eines großen Müllentsorgers. Und allabendlich spielt sich an ihm das gleiche Ritual ab.

Dann kommen sie aus der Bäckerei mit Körben voll duftenden Gebäcks, mit Broten, Laugenstangen, Brezen, Semmeln. Und kippen sie hinein in den Container. Ihm bleibe, sagt der Bäcker, der seinen Namen nicht nennen will, nichts anderes übrig. Der Kunden wegen. Sagt er.

Die Kunden: Sie wollen, auch abends kurz vor Ladenschluss noch, aus dem gesamten Sortiment wählen können. Selbst wenn sie dann doch das gleiche wie immer kaufen. „Sonst gehen die zur Konkurrenz“, sagt der Bäcker. Also hält er alles vor, was seine Regale tragen können. Er könnte, logisch, das Brot auch am nächsten Tag noch verkaufen. So wie das die Discounter tun, die das haltbar gemachte Brot in Zellophan verpackt zu wahren Dumpingpreisen anbieten. Weil der Münchner Bäcker ein Mann ist, der auf sein Handwerk noch etwas  gibt, verzichtet er freilich auf Zusatzstoffe. Was sonst sollte er auch tun – mit den Preisen der Discounter kann er nicht mithalten, also bleibt ihm nur die Qualität als Erfolgsrezept.

Deshalb also schmeißt er das Brot weg. Er habe, sagt er, natürlich vorher an die Bedürftigen verschenkt, was vertretbar sei, über die Münchner Tafel, die sich um die Armen kümmert wie all die anderen Tafeln, die auch in München und seinem reichen Speckgürtel überall aus dem Boden schießen. Er gibt den Münchnern, was sie nur irgendwie nehmen können.

Ein paar Kilo nehmen ihm auch einige Privatleute ab, die sich zuhause ein paar Schweine halten, für den Eigenbedarf. Er könnte, sagt er, an Bauern verkaufen, an Schweinezüchter. Doch da hat das Gesetz einen Riegel vorgeschoben, verlangt ein Zertifikat, das er nicht hat. Und sortenreines Brot. Weil wegen BSE kein tierisches Eiweiß in den Semmeln sein darf, die an die Schweine gehen. Also müsste der Bäcker für die Bauern sortieren, müsste er die Butterbrezen herausnehmen oder die Pizzastangen. Er müsste einen irren Aufwand betreiben, einen, der sich weit weniger rechne als das simple Wegwerfen der Backwaren.

Deshalb schmeißt der Mann also das Brot weg. Deshalb kommt der Container in eine Biogasanlage. und deshalb wird dort aus dem frischen Brot bald frischer Strom. Strom, mit dem der Bäcker seinen Ofen einheizt. Auf dass er dort neues Brot backen könne für seine wählerischen Kunden. Und in seinem Hinterhof eitert weiter die kleine Luxusbeule.

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