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Hellas Angel auf Kreta
Ich habe es letzten Monat geschrieben: Wir Reihenmittelhäusler haben alles gegeben. An der Schneeschaufel. Und auch sonst in unseren Leben als Männer.
Wir haben zusätzlich Häuser isoliert. Fenster ausgeschäumt. Ganze Dächer ersetzt. Heizungen im Wert eines Kleinwagens installiert. Und eine Solarthermieanlage dazu. Nur um den Winter zu zeigen: Mit uns nicht!
Was macht der? Sieben Stunden Sonne im Februar. Ein paar Tage im März. Und dann kommt die Kälte zurück. Direkt aus der Arktis. Und mit Temperaturen wie in der Tiefkühltruhe. Das ist nicht fair. Nein, das ist wirklich nicht fair.
Mein lyrisch veranlagter Nachbar mit dem wallenden, grauen Bart hat mich neulich angeknurrt: „Etwas Besseres als die Kälte finden wir überall.“ Und gesagt, dass er jetzt in die Sauna geht. Damit ihm richtig heiß wird.
Der andere, ansonsten sportlich unterwegs, wagt sich gar nicht mehr vor die Tür. Einmal habe ich seine Frau getroffen. Ich habe gefragt. „Depressionen“, hat sie gemurmelt, „Winterdepressionen. Er wird damit nicht mehr fertig.“ Ich kann ihn verstehen. Aber aufgeben gilt nicht.
Der dritte wurde in seinem Garten gesichtet. Er hat das Erdreich lockern wollen. Obwohl es bis einen Meter gefroren war. Er hätte schon einen Pressluftbohrer gebraucht. Übersprunghandlung, nennen erfahrene Psychologen das. Man tut etwas, das keinen Sinn macht. Weil man glaubt, es macht Sinn. Aber das hilft nicht weiter.
Sauna, Depression, Garten – alles nichts für mich. Aber aufgeben zählt nicht. Es muss eine Lösung geben. Eine bessere.
Denn wir Reihenmittelhäusler sind ja, ich muss es geschehen, nicht mehr so ganz jung. Trotz der knackigen Muskeln vom Schneeschaufeln. Und die maroden Knochen brauchen Wärme. Jetzt. Im Frühling.
Jetzt weiß ich es. Ich sitze das Problem aus. Im Internet gibt es billige Flüge nach Kreta. Jeder Grieche freut sich, wenn er mich sieht. Mit meinen Euros bin ich ein Hellas Angel. Einer, der dem Land über die Runden hilft. Wenigstens finanziell.
Ich bleibe dort. Und komme erst wieder, wenn es Frühling ist. Denn, eins ist sicher: Bis Kreta kommt der Winter nicht! Ätsch!
Schnee ade!
Zugegeben: Das macht schon gute Laune. Blauer Himmel. Sonne. Steigende Temperaturen. Das wirkt sich aus auf ein Leben als Mann. Positiv natürlich.
Dabei: Der Schnee ist jetzt zwar geschmolzen. Aber er hatte was. Jedenfalls für uns Reihenmittelhäusler. Wir mussten schaufeln. Runde hundert Meter Gehweg. Praktisch jeden Tag. Gefühlt jedenfalls. Manchmal auch noch streuen. Sand. Oder, bei Glatteis, heimlich Salz. Das ist nämlich eigentlich verboten.
Mancher von uns war den ganzen Sommer nicht so viel an der frischen Luft wie in diesem Winter. Die meisten Männer aus unserer kleinen Siedlung sind jetzt deutlich schlanker. Sie haben bereits jene Badehosen-Figur, von der sie über Jahre meilenweit entfernt waren. Und Muskeln an den Oberarmen. Unsere Frauen sind, ich schreibe das in aller Bescheidenheit, schwer beindruckt.
Doch Schneeschippen fördert nicht nur die Kondition. Sondern auch die Gehgirnzellen. Jedenfalls bei uns. Denn wir haben dafür keinen Plan. Jeder muss mitdenken. Wer hat zuletzt geräumt? Und wie viel? Wer ist jetzt dran? Und warum? Schaufle ich zu wenig? Oder gar zu viel? Stehe ich bei einem Nachbarn in der Schuld? Muss ich deshalb seinen Eingang fegen?
Es ist, die Fragen zeigen es, ein Lehrgang in praktischer Intelligenz. Frauen, da sind wir Reihenmittelhäusler felsenfest überzeugt, könnten so etwas niemals. Die würden einen Stuhlkreis bilden. Im Schnee. Und diskutieren. Wir packen an.
Tja, vorbei. Die einen haben die Laufschuhe wieder ausgepackt, um die Figur über den Sommer zu retten. Einer hat sich im Fitnessstudio angemeldet, weil ihm seine Muckis so gefallen. Einem anderen ist alles wurscht. Er schnauft tief durch und setzt sich vor den Fernseher. Damit er bei seinen Lieblingsserien endlich wieder auf dem Laufenden ist. Nun ja: Jedem das Seine.
Neulich gab es mal die Idee, eine Maschine gegen den Schnee anzuschaffen. Sie kam, natürlich, von einer Frau. Und fiel einstimmig durch. Denn wir brauchen unsere Aufgaben – wir Helden an der Schneeschaufel!
Die Stunde der Wahrheit
Frauen sagen: Männer gehen nicht zum Arzt. Das Auto ist ihnen wichtiger. Sie haben Angst vor der Diagnose, solche Sachen. Aber was verstehen schon Frauen von einem Leben als Mann?
Also, ich war beim Arzt. Gesundheitscheck. Blut, Urin, Speichel. Lungentest, Blutdruck, EKG. Und noch ein bisschen mehr. Es dauerte dann, bis alles durch Computer, Gaschromatographen und was weiß ich noch gejagt worden war.
Am Ende war klar, wie gut es mir wirklich ging. Und ein Gesunder ist ja bloß ein Patient, der nicht gründlich genug untersucht worden war. Das hatte sich bis ins Reihenmittelhaus herumgesprochen. Ich war extrem gründlich untersucht worden.
Dann saß ich im Wartezimmer. Und wartete, wie der Name schon sagt. Zehn Minuten. 20 Minuten. 30 Minuten. 40 Minuten. Dann war mir klar: Der Arzt hatte eine schreckliche Botschaft für mich. Und brauchte Zeit, um sich auf das Überbringen vorzubereiten.
Vor mir tauchten die Flaschen irischen Whisheys auf, die ich im Lauf meines Lebens getrunken habe. Es müssen so 30 000 gewesen sein. Wenigstens gefühlt. Dann kam mir, dass ich noch keine 22 000 Tage auf der Welt bin. Ich wollte nachrechnen. Doch mein Super-Duber-Handy wollte ich dazu nicht nehmen. Wirkt angeberisch, hat mein geschätzter Kollege mir beigebracht.
Vielleicht die Zigaretten. Auf Zahlen wollte ich mich nicht mehr festlegen. Dann ist mir eingefallen: Ich habe mir vor Jahrzehnten die letzte angezündet.
Oder das viele Fleisch. Mein Opa war Metzger. Er muss mir genetisch etwas mitgegeben haben. So eine Sau gehört geschlachtet, das ist meine Grundüberzeugung. Nun glotzten mich Dutzende Schweine dämlich, aber vorwurfsvoll an: Unsere Rache ist Dein Cholesterin, sagte ihr Blick.
Die Sprechstundenhilfe holte mich ab. Ich saß im Wartezimmer. Allein. Und wusste, dass ich noch am Nachmittag mein Testament machen musste. Und, natürlich, den allerletzten Blog zu schreiben hatte.
Die Tür flog auf, ein gut gelaunter Doktor kam herein. Ich dachte ein hässliches Wort. Er sagte etwas wie: „Das ist sehr gut ausgefallen.“ „“Bitte?“, fragte ich. „Alles im grünen Bereich“, sagte er, und ratterte dann die Werte herunter. Alle in der Norm. Sogar die Leber. Muss am irischen Whiskey liegen. Auch das Cholesterin. Schwein gehabt.
Ach, gefunden hat er doch noch etwas. Ich habe leichte Senkspreiz-Füße. Aber das weiß ich schon seit knapp 50 Jahren. So konnte er mich mit ein wenig Mühe davon überzeugen, dass das nicht lebensgefährlich ist.
Christkind im Hochwasser
Also, wir wollten Weihnachten ein wenig weg sein. An einem See, mit Schnee und Kirchlein, ganz romantisch. Zum ersten Mal in meinem Leben als Mann. Ich habe das ja alles letzten Monat brühwarm erzählt.
Um es gleich zu sagen: Geklappt hat es nicht. Wir waren zwar dort, saßen am 4. Advent des Abends aber etwas belämmert zu Hause. Schuld waren Propheten, die ihr Handwerk einfach nicht beherrschen. Sozusagen die Mayas des 21. Jahrhunderts.
Die Geschichte dazu geht so: Es war ein bisschen Regen angesagt. Kein Problem, sagte das Wasserwirtschaftsamt. Der Pegel des Flusses, der am Reihenmittelhaus vorbei fließt, sollte zwar steigen. Aber bloß ein bisschen.
Ein von mir ansonsten sehr geschätzter Hobby-Meteorologe sah das wesentlich anders. Er sagte quasi ein Neuauflage der Sintflut und ein Monsterhochwasser voraus.
Ich habe etwas gegen beides. Vor allem gegen ein Monster, das sich in Form von Wasser in meinem Keller breit macht.
Offenbar war das Wasserwirtschaftsamt schwer beeindruckt. Kaum hatte es ein bisschen geregnet, stellten die Vorhersager mit Beamtenstatus eine Warnung nach der anderen ins Internet. Bedrohliche steigende Pegel, Meldestufen, bebaute Gebiet überschwemmt. Hätte mir alles egal sein können. Aber ich habe jetzt so ein neumodisches Smartphone. Da poppte jede Warnung auf.
Sogar die Pegelstände vor meiner Kellertür kann ich abrufen. Sie stiegen. Drei Zentimeter die Stunde. Fünf. Acht. Dreizehn. Achtzehn. Zweiundzwanzig. Es war furchteinflößend.
Wir haben dann aufgegeben. Sind nach Hause gefahren und haben auf die Überschwemmung gewartet. Eine ganze Nacht lang. Es tat sich aber – nichts. Am Heiligen Abend war der Keller immer noch trocken.
Offenbar, so stelle ich mir das vor, hatte sich das Christkind persönlich in den Fluss gestellt und den Wassermassen Einhalt geboten. Oder waren die Herren Propheten vielleicht … ? Mein Freund, der Hobby-Meteorologe, ruderte jedenfalls kräftig zurück. Alles halb so schlimm, stellte er ins Netz. Und das Wasserwirtschaftsamt verstummte ganz.
Tja. Unsere Nachbarn waren auch in Urlaub. Ohne Smartphone. Sie sind immer noch dort. Und wahrscheinlich nicht die Bohne beunruhigt. Geschweige denn zu Hause.
Kurzfristig habe ich überlegt, mein Gerät in die Tonne zu treten. Aber dafür war es zu teuer. Ich behalte es also trotzdem. Nur über ein Hochwasser will ich von ihm nie mehr etwas erfahren.
Weihnachten in der Fremde

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt ... und wenn es vier sind, gibt es weder Weihnachtsbaum noch Tiramisu!
Neulich waren wir wieder einmal in Irland. Nach längerer Pause. Es musste einfach sein in meinem Leben als Mann. Trotz Regen und Kälte.
Dennoch: Es war schön. Sehr schön. Denn Iren sind fast immer sehr freundliche Menschen. Viele sprechen dich im Coffee Shop – bei tea and scones – oder im Pub – bei Guinness und Whiskey – einfach an. Und stellen die immer gleichen Fragen: Woher kommst du? Wer bist du? Wohin willst du?
Das sind, wir wagen diesen Ausflug in die Welt der Geisteswissenschaft, die großen Fragen der Philosophie. Wer viel Zeit und Lust hat, könnte zum Beispiel in Ernst Blochs grandiosem Hauptwerk “Das Prinzip Hoffnung” nachschauen. Er hat sie dort so formuliert: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Noch ein Hinweis, ehe sich die ersten Leser in die Buchhandlung verabschieden: Es handelt sich dabei um drei Bände und etwa 1500 Seiten. Eng bedruckt.
Die Fragen werden uns bald wieder beschäftigen. Am Heiligen Abend. Wir verbringen in fern des Reihenmittelhauses, in den Bergen, an einem dunklen See. Hoffentlich mit viel Schnee. Und klirrendem Frost. Vor allem wollen wir einmal, einmal keine Debatten um das Tiramisu, das alle essen wollen, aber die geliebte Ehefrau erst nach nach ungezählten Worten der Überzeugung herstellt. In, natürlich, unnachahmlicher Qualität. Sonst würde ich es notfalls selbst machen.
Wir haben das spontan entschieden, vor vielen Monaten. Der Termin rückt näher, und mit ihm die Fragen: Was wollen wir anders? Wie wollen wir es? Und wie ist es besser als bisher? Es sind, da braucht man nur ein bisschen hingucken, die absolut gleichen Fragen. Wie in Irland. Wie bei Bloch. Und in ihnen schwingt bei Bloch die Hoffnung auf ein besseres Leben, bei uns die auf ein paar schöne Tage mit. Der Unterschied ist graduell, nicht prinzipiell.
Zu Hause sind die Antworten noch einfach: Da gibt es keinen Weihnachtsbaum. Sondern nur einen Adventskranz im Bauhaus-Stil. Denn meine Frau noch schnell ein wenig dekoriert hat, damit wenigstens ein paar Tannenzweige im Spiel sind.
Aber in den Alpen?Allein unter Berglern? Wir schauen viel aufgeregter als sonst auf das Christfest. Und planen Weihnachten ganz anders. Sind gespannt, ob es gelingt.
Besonders meine Frau hofft es ganz inständig. Sonst muss sie im nächsten Jahr wieder Tiramisu machen.
PS.:
Allen treuen Lesern – egal woher sie kommen, wer sie sind und wohin sie wollen – friedliche, entspannte Weihnachtstage und ein rundum glückliches und gelingendes neues Jahr!
Globalisierung an der Haustür
Ehrlich, die Globalisierung beeindruckt mich schwer. Denn in meinem Leben als Kind war die Welt in Birkenfeld zu Ende. Oder in Diespeck. Soweit konnte ich von Neustadt/Aisch nämlich radeln; dann ging mir die Puste aus.
Nun komme ich in die Welt. Oder die Welt, manchmal ganz überraschend, zu mir. Jetzt sogar bis an die Haustür. Das geht so: Als meine Frau und ich das Reihenmittelhaus sanierten, war für eine neue Haustür irgendwie kein Geld mehr da. Wir haben dann gespart. Und mit ein paar Aktien aus aller Welt, also global, prächtig verdient. Das musste wieder angelegt werden.
Wir engagierten eine Firma aus Fürth.
Nein, das ist noch keine Globalisierung. Aber, sie kommt gleich wieder dazu. Denn die Gretchenfrage war: Welche Haustüre?
Wir kennen da einen Innenarchitekten aus Mallorca. Haustür mit der Digi-Kamera geknipst, Bild per E-Mail nach Llucmayor geschickt. Einen Tag gewartet. Dann kam ein Link. Draufgeklickt: Es erschien eine wunderbare Haustür.
Sie wurde bestellt – und hergestellt in Nordrhein-Westfalen und in Fürth. Also: Eher keine Globalisierung. Aber die Türe musste natürlich eingebaut werden. Es erschienen: Ein Chemnitzer. Und ein Neuseeländer.
Chemnitz ist Globalisierung. Denn hinter der Mauer war es bis 1989 so weit weg wie Timbuktu. Und Neuseeland ist sowieso Globalisierung pur.
Der Junge hat sich in ein deutsches Mädel verliebt. Die durch seine Heimat reiste. Wo er eigentlich Bäder einbaut. Nun studiert die Dame seines Herzens in Nürnberg fertig. Und er setzt, um näher bei ihr zu sein, so lange in Deutschland Haustüren ein. Dann geht sie mit ihm zurück nach Neuseeland. So geht Liebe heute.
Genauso entscheidend ist aber die Frage: Können Neuseeländer Türen einsetzten? In fränkische Reihenmittelhäuser? Der Sachse aus Chemnitz beantwortete die Frage ganz eindeutig: „Das ist der beste Kollege, den ich je hatte.“ Er meinte das so ernst, wie er es sagte.
Es konnte also nur gut werden. Es wurde gut. Das Zusammenspiel aus Mallorca, Chemnitz und Neuseeland. Es ist die perfekte Haustür, perfekt eingesetzt. Und kein bisschen weniger.
Also, wir finden Globalisierung jetzt total gut.
Teuere Rasierer-Reparatur
Es ist, man muss das einfach einmal sagen, ziemlich schwer geworden, ein guter Mensch zu sein. In meinem Leben als junger Mann dagegen war es noch recht einfach: Es reichte, weder Frau noch Kinder zu schlagen und bloß einmal in der Woche mit einem Rausch nach Hause zu kommen.
Heute dagegen sind die Ansprüche wesentlich komplexer: Der gute Mann von heute ist gastrosexuell. Will heißen, er kocht für seine Frau, ehe er den Schlafzimmer-Blick aufsetzt. Er lebt ökologisch korrekt. Deshalb wird für teures Geld das Haus energetisch saniert. Damit die Kinder eine Zukunft ohne Überhitzung haben. Und überhaupt lebt er aus dem gleichen Grund ziemlich nachhaltig. Also: Er wirft nichts weg.
Das fällt mir, zugegeben, nicht schwer. Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Da lebten die meisten Familien auf einem Wohlstandsniveau – na, wie heute Hartz IV. Das war okay, wir kannten es nicht anders. Aber weggeworfen wurde aus eben diesem Grund nichts. Die Strümpfe hatten Löcher? Wurden gestopft. Die H0se hatte einen Riss? Wurde geflickt. Der Fernseher war kaputt? Wurde repariert, war ja erst 15 Jahre alt. Beim Abschied vom ersten VW Käfer gab es Tränen, weil der schon nach zwölf Jahren verschrottet werden musste – er war so verrostet, dass das Schweißen nicht mehr lohnte.
Also, im Reihenmittelhaus wird folglich repariert, was das Zeug hält. Die Munddusche tut es noch, wenn ihr ein neuer Schlauch spendiert wird. Und der Rasierer? Erst acht Jahre, braucht bloß zwei neue Klingen und eine neue Scherfolie.
Kein Problem, das gibt es im Internet. Für zusammen bloß 29 Euro. Sechs Euro kostet der Versand, garantiert CO²-neutral. Und drei Euro siebzig kommen obendrauf, als Gebühr fürs Bezahlen. Macht 38,70 Euro. Bingo.
Drei Tage später kommt ein kleines Paket mit drei winzigen Teilen ins Haus. Langsam kommt mir die Idee, dass das alles ziemlicher Wucher sein könnte. Aber egal, nachhaltig geht vor. Zwei Minuten Austausch, das Ding funktioniert wieder.
Am Tag darauf fällt mir ein Prospekt in die Hand. Mit einem Sonderangebot. Nagelneuer Rasierer, bloß 39,90 Euro.
Ich atme tief durch. Ja, manchmal ist es verdammt schwer, ein guter Mensch zu sein. Und dabei entspannt zu bleiben.
Bürgermeister in der Psychiatrie

So in etwa sah der Gasthof aus, nach dessen Besuch der Herr Bürgermeister die Fahrt in die Psychiatrie antreten musste.
Manchmal finden auf wundersame Weise merkwürdige Geschichten in das Reihenmittelhaus. Aus einem Ort, den wir hier aus Gründen der Diskretion Gallstadt nennen wollen. Den ich in meinem Leben als kleiner junge ziemlich gut kannte und bis heute nicht vergessen hatte.
Also: Eben dieses Gallstadt suchte, na, so etwa zu Beginn der sechziger Jahre, einen neuen Bürgermeister. Es bewarb sich einer, bei dem sich das Talent zur Bürgermeisterei durchaus mit dem Hang zum Alkohol messen konnte. Bei kritischen Fragen pflegte er schlicht zu sagen: „Mein Rausch vergeht, Deine Dummheit bleibt.“ Die gegnerische Partei warb schließlich mit dem Spruch: „Wir wollen einen nüchternen Bürgermeister!“ Der Kandidat konterte trocken: „Ich bin besoffen zehn Mal besser als der nüchtern!“
Solche Argumente überzeugten: Der Mann siegte überlegen. Er pflegte seine Abende dann in einem bestimmten Wirtshaus zu verbringen. Der Heimweg fiel ihm regelmäßig schwer. Weil er klugerweise keinen Führerschein hatte, hielt er gelegentlich ein Polizeiauto an. Die Beamten chauffierten in dann nach Hause.
Eines Abends war es wieder so weit. Die Beamten stoppten, und unser Politiker sagte mit schwerer Zunge: „Ich bin der Bürgermeister von Gallstadz, fahrt ihr mich nach Hause?“
Dummerweise kannten ihn die beiden Beamten nicht, sie fuhren ihn aber trotzdem – ins Krankenhaus zur Blutprobe. Das war nicht überlegt: Wer keinen Führerschein hat, dem kann selbst der gemeinste Richter keinen entziehen. Sie fragten aber den abnehmenden Arzt, ob das denn der Bürgermeister von Gallstadt sei. Der gute Doktor hatte, so würde man heute sagen, Migrationshintergrund, und wie man hörte, persischen. Das sagt man heute nicht mehr. Letztendlich schüttelte er den Kopf.
Trotz aller Beteuerungen brachten die Beamten den Rathaus-Chef in die nächstgelegene Psychiatrie, rund 40 Kilometer vom Heimatort entfernt. Dort beteuerte er wieder, immer noch leicht lallend: „Ich bin der Bürgermeister von Gallstadt.“ Das kam den Herren Nervenärzten sehr bekannt vor: Napoleon und der liebe Gott waren nämlich auch schon da. Also behielten sie den Bürgermeister.
Im Rathaus löste das Verschwinden zwar Rätselraten aus, wo der Herr Bürgermeister abgeblieben sei. Aber zu einem Ergebnis führte das nicht.
In der fernen Psychiatrie wunderten sich die Ärzte, dass der Bürgermeister so lange bei seinem angeblichen Irrglauben blieb. Irgendwann – meine Quelle sagte: nach drei Tagen – kamen sie dann doch auf die eigentlich nahe liegende Idee, im Rathaus zu Gallstadt nach dem Herrn Bürgermeister, seinem Namen und seinem Verbleib zu fragen. Die Antworten müssen ihnen sehr peinlich gewesen sein.
Mit dem Sanitätsauto wurde der Herr Bürgermeister umgehend wieder in sein Herrschaftsgebiet kutschiert.
Ob er am Abend wieder in seine Stammgaststätte ging und nach Verlassen ein Polizeiauto anzuhalten versuchte, ist nicht überliefert.
Guerilla mit der Stricknadel
Es ist heiß rund ums Reihenmittelhaus. Trotzdem tragen einige Verkehrsschilder ein buntes Mäntelchen. Wären sie aus Fleisch und Blut, müssten sie im eigenen Schweiß ertrinken. So etwas habe ich noch nie gesehen in meinem Leben als Mann.
Keine Ahnung, was das soll. Eigentlich ziemlicher Unfug. Verkehrsschilder im Selbergestrickten.
„Papa, Du hast keine Ahnung“, widerspricht mir meine Tochter. Solche Sachen sagt sie oft. Außer, sie will etwas von mir. Heute ist das anders: „Das ist Guerilla-Stricken, Papa.“
Mit Guerilla kenne ich mich aus. Che Guevara und Ho Tschi Minh, die Helden der 68er Bewegung. Heute sehe ich sie kritisch. Aber damals waren sie gut, weil Symbole des Protests. Und die Provokation überhaupt.
Doch sie hatten wenigstens Knarren. Von Stricknadeln ist nichts überliefert. Revolution mit der Stricknadel? Das muss eine Frauensache sein.
Meine Tochter lächelt müde. „Papa“, sagt sie, „Papa!“ Die doppelte Anrede verheißt nichts Gutes. Sie meint es offensichtlich sehr ernst. „Es geht darum, die Welt zu einem besseren Platz zu machen.“ Da bin ich mit ihr einig: „Das will ich auch.“
Sie guckt leicht erfreut. „Etwas Farbe statt graues Metall. Einfach ein bisschen bunt und verrückt. Das ist doch gleich viel schöner.“
Hm. Irgendwie hat sie recht. Aber ich sag’ ihr das lieber nicht. Am Ende wird sie noch eingebildet. Also schweige ich und gucke nachdenklich in den Himmel.
Leider können Töchter Gedanken lesen. Jedenfalls bei meiner ist das so.“Gell“, sagt sie und lächelt still, „gell, Du findest das jetzt auch schön.“
Tue ich. Irgendwie. Auch wenn ich mir unter Revolution immer etwas anderes vorgestellt haben. Wenigstens Fahnenschwingen, muss ja nicht gleich Schießen sein. Vielleicht so wie damals, 1989, in der DDR.
Und trotzdem: Eine Stricknadel kaufe ich mir jetzt nicht. Diesen Aufstand müssen die zu Ende bringen, die angefangen haben. Masche für Masche.








Reifen für Männer
Reifen sind Männersache - und damit leider nichts für Frauen
Es gibt wenig Orte in diesem Land, wo der Mann noch als Mann zählt. Viele haben Frauen bereits erobert, die Polizei, die Armee, sogar die Feuerwehr. Nur den Reifenhandel noch nicht. Da traut sich frau besser nicht hin, wenigstens nicht allein. Noch nicht einmal die, die mich in meinem Leben als Mann begleitet. Und – das ist auch besser so.
Der Beweis: Für ihr Auto waren neue Winterreifen fällig. Die kauft man besser im Frühling, da sind sie billiger. Ich habe also Tests studiert, Preise verglichen und schließlich den allerbesten Reifen zum allergünstigsten Preis gefunden. Einen, der sich den Weg durch den Schnee praktisch von alleine bahnt.
Wir sind dann zum Händler gefahren, und alles schien ganz einfach: Reifen runter, neuer Reifen rauf, Räder ins Auto, fertig. Wir hatten allerdings nicht mit dem Werkstattleiter gerechnet, der sich stirnrunzelnd hinter dem Computer aufbaute.Abwechselnd den Kfz.-Schein – ja, heißt jetzt Zulassungbescheinigung Teil II – studierte und Daten in sein Terminal eingab.
Schließlich sagte er sorgenvoll: „Diese Reifengröße ist für Ihr Auto nicht zugelassen.“ Ich konterte: „Der Wagen wurde vom Werk damit ausgeliefert.“ Er gab nicht auf: „Hier steht sie aber nicht.“
Ich überlegte, und er nutzte die Pause: Der Versicherungsschutz geht verloren bei einem Unfall mit den falschen Reifen. Oder, die Polizei legt das Auto gleich still, wenn sie bei einer Kontrolle etwas merkt. Reifen hat bei mir die Polizei noch nie überprüft, sondern immer nur meinen Alkoholpegel. Stillgelegt hätte sie gern mich, was aber bei null Promille rechtlich schwierig ist.
„Sie brauchen eine andere Größe“, sagte der Herr Werkstattleiter. „Was kosten die?“, fragte ich zurück. Er schaute wieder lange in seinen Bildschirm. Es waren 40 Euro mehr. Pro Stück.
Wir sind dann dankend wieder gegangen. Zum Glück gibt es Internet. Und eine Rufnummer in Wolfsburg, die solche Fragen beantwortet. Unsere Wunschgröße ist zugelassen, sagte der freundliche Mann im Servicecenter. Sie ist zugelassen, zeigte ein Reifenkonfigurator. Das ist die richtige, sagt sogar das Unternehmen des Herrn Werkstattleiters. Sie bietet nämlich Kompletträder für den Fahrzeugtyp meiner Frau an. Und, genau in der gleichen Größe.
Ich bin dann noch einmal hingefahren, und habe das alles erzählt. Er hat nicht mehr viel gesagt. Und als ich das mit den eigenen Kompletträdern erzählt habe, wollte er die Bestellnummer. Er hat sie eingegeben, anschließend ist er wirklich rot geworden.
Tja, meine Damen, zu irgendetwas sind Männer heutzutage immer noch gut. Und sei es für eine Ersparnis von 160 Euro beim Reifenkauf.