Die Stunde der Wahrheit

arzt

Es wird ernst: Der Arzt prüft auf Herz, Nieren und Lunge.

Frauen sagen: Männer gehen nicht zum Arzt. Das Auto ist ihnen wichtiger. Sie haben Angst vor der Diagnose, solche Sachen. Aber was verstehen schon Frauen von einem Leben als Mann?

Also, ich war beim Arzt. Gesundheitscheck. Blut, Urin, Speichel. Lungentest, Blutdruck, EKG. Und noch ein bisschen mehr. Es dauerte dann, bis alles durch Computer, Gaschromatographen und was weiß ich noch gejagt worden war.

Am Ende war klar, wie gut es mir wirklich ging. Und ein Gesunder ist ja bloß ein Patient, der nicht gründlich genug untersucht worden war. Das hatte sich bis ins Reihenmittelhaus herumgesprochen. Ich war extrem gründlich untersucht worden.

Dann  saß ich  im Wartezimmer. Und wartete, wie der Name schon sagt. Zehn Minuten. 20 Minuten. 30 Minuten. 40 Minuten. Dann war mir klar: Der Arzt hatte eine schreckliche Botschaft für mich. Und brauchte Zeit, um sich auf das Überbringen vorzubereiten.

Vor mir tauchten die Flaschen irischen Whisheys auf, die ich im Lauf meines Lebens getrunken habe. Es müssen so 30 000 gewesen sein. Wenigstens gefühlt. Dann kam mir, dass ich noch keine 22 000 Tage auf der Welt bin. Ich wollte nachrechnen. Doch mein Super-Duber-Handy wollte ich dazu nicht nehmen. Wirkt angeberisch, hat mein geschätzter Kollege mir beigebracht.

Vielleicht die Zigaretten. Auf Zahlen wollte ich mich nicht mehr festlegen. Dann ist mir eingefallen: Ich habe mir vor Jahrzehnten die letzte angezündet.

Oder das viele Fleisch. Mein Opa war Metzger. Er muss mir genetisch etwas mitgegeben haben. So eine Sau gehört geschlachtet, das ist meine Grundüberzeugung. Nun glotzten mich Dutzende Schweine dämlich, aber vorwurfsvoll an: Unsere Rache ist Dein Cholesterin, sagte ihr Blick.

Die Sprechstundenhilfe holte mich ab. Ich saß im Wartezimmer. Allein. Und wusste, dass ich noch am Nachmittag mein Testament machen musste. Und, natürlich, den allerletzten Blog zu schreiben hatte.

Die Tür flog auf, ein gut gelaunter Doktor kam herein. Ich dachte ein hässliches Wort. Er sagte etwas wie: „Das ist sehr gut ausgefallen.“ „“Bitte?“, fragte ich. „Alles im grünen Bereich“, sagte er, und ratterte dann die Werte herunter. Alle in der Norm. Sogar die Leber. Muss am irischen Whiskey liegen. Auch das Cholesterin. Schwein gehabt.

Ach, gefunden hat er doch noch etwas. Ich habe leichte Senkspreiz-Füße. Aber das weiß ich schon seit knapp 50 Jahren. So konnte er mich mit ein wenig Mühe davon überzeugen, dass das nicht lebensgefährlich ist.

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