Montag, April 12th, 2010 von Dieter Schwab

Orgasmus im Kurs

Es war einer dieser Tage. Einer, an dem es zur Sache ging in meinem Leben als Mann. Um die intimsten Geheimnisse von Maria und Heiner. Wir kennen uns 40 Jahre. Aber solche Geständnisse habe ich noch nicht erlebt.

Zum Glück waren wir außer Hörweite des Reihenmittelhauses. Weit weg von meiner Frau, in einem Lokal, gerade mit dem Mittagessen fertig. Maria gestand: „Ich mache einen Orgasmuskurs.“ Heiner und ich hielten den Atem an, und es wurde mucksmäuschenstill. Maria fing zu stöhnen an, naja, wie soll ich sagen? An den Nebentischen verstummten die Gespräche, gefühlte hundert Augenpaare richteten sich auf uns. Ich tat so, als ob nichts sei – zum Glück hatte Maria mit dem Stöhnen wieder aufgehört.

Sie redete stattdessen. Eigentlich gehe es um die Sitzhöcker, um gerades Sitzen und Loslassen. Das aber produziere unwillkürlich Lustgefühle, die im Stöhnen ihren Lauf nehmen. Eine der Damen hat vor 15 Jahren damit angefangen, zum Erstaunen aller. Und jetzt, jetzt ist Maria endlich so weit, dass sie es tut. Ihren Ehemann freut es außerordentlich, außerhalb des Kurses.

Sie holte wieder Luft. Ich hatte Angst – ich musste das Stöhnen und damit weiteres Aufsehen verhindern. „Das mögen wir Männer“, warf ich ein, „wenn sie die Mädels beweglich halten.“ „Das mögen wir auch“, hielt Maria dagegen, „wenn ihr Männer beweglich bleibt.“

Ich schwieg betroffen.

Nun kam Heiners große Stunde: „Ich habe einmal einen Yoga-Kurs für über 50-Jährige organisiert. Wegen der Beweglichkeit.“ Leider war er nach der zweiten Stunde beendet. Heiner hatte einen Kopfstand verlangt, und daran war jeder der Herren erbärmlich gescheitert. Das Hinfallen tat außerdem eklig weh. „Vielleicht sollte ich eine Neuauflage machen“, sinnierte mein Freund, und schaute mich auffordernd an. Ich wurde etwas verlegen.

Heiner erzählte über Joga, über die geschmeidigen Bewegungen, über Energieflüsse im Körper, kurz: Ich war danach sicher, ohne Orgasmus-Kurse und Yoga kann es keinen Sex geben. Ich überlegte mir gerade, wie ich an meine beiden Kinder gekommen war.

Ich war mit dem Nachdenken noch nicht fertig, als ich Blicke spürte. Nicht von den Nachbartischen, sondern von Maria und Heiner. Ich sah beiden in die Augen, und erblickte lauter Fragezeichen. Und, hieß das, was tust Du?

Nichts, wollte ich sagen, es geht doch auch so. Aber ich schwieg verlegen, und guckte auf die Uhr, weil mir gerade nichts Besseres einfiel. Es war meine Rettung: „Mensch, ich hätte beinahe den Termin verpasst. Wegen Orgasmus- und Joga-Kursen. Das glaubt mir nie einer.“

Ich schnappte meinen Anorak und wischte durch die Türe. Draußen atmete ich tief durch. Ich war gerade so um ein peinliches Geständnis herumgekommen.


Kategorie: 1
Sie können den Kommentaren zu diesem Posting über diesen RSS 2.0-Feed folgen. Sie können einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback von Ihrer eigenen Seite setzen.

2 Kommentare

12.04.2010

Lieber Dieter,
ich finde es wichtig, dass sich Redakteure auch einmal den tiefen Gefühlen widmen. Übrigens: Probier mal Beckenbodengymnastik…
Viele Grüße



  • 5 + 7 =

    Spam Protection by WP-SpamFree