Montag, September 21st, 2009 von Dieter Schwab

Iren sind anders

In meinem Leben als Mann musste ich lernen: Es rächt sich vieles im Leben. In meinen jungen Jahren hatte ich etliche Freunde, die waren ziemlich verrückt auf Irland. Sie schwärmten stundenlang von Bands mit komischen Instrumenten, die von dort herkamen. Sie kauften ihre Platten. Und wenn eine irgendwo spielte, fuhren sie Hunderte von Kilometern hin. Wenn ich sie wieder traf, wollten die Lobpreisungen überhaupt nicht mehr aufhören. Einer hat sogar einen kratzigen Pulli gekauft, nur weil er made in Ireland war. Nie wollte ich solch ein Irland-Verrückter werden.

Die Rache kam in Gestalt meiner Frau. Sie wollte in unserem allerersten Urlaub – ausgerechnet nach Irland. Schwärmte von Guiness, Fish and Chips und Apple Crumble. Sie stellte mich praktisch vor die Wahl: Irland oder ich. Ich dachte: Liebe macht blind. Hoffentlich auch in Irland.

Es kam anders. Mich irritierte zwar sehr, dass mich überall Iren ansprachen. Und mit mir über das Wetter, über die Liebe und überhaupt über Gott und die Welt redeten. Erst dachte ich, die wollten irgendwie an mein Geld. Meine Güte, ich bin aus Franken, da spricht niemand einfach so einen anderen an. Ein paar  Reisen später begriff ich: Iren sind anders.

Einmal saß ich in einem Café und wollte Karten schreiben. Zweieinhalb Stunden später ging ich zum Auto und hatte keine einzige geschrieben. Dafür fünf Lebensgeschichten gehört, fünfmal meine eigene erzählt und viel Spaß gehabt.

Ich war verloren. Nun trinke ich im Reihenmittelhaus irischen Tee, irischen Whiskey, esse irische Butter und investiere sogar in irische Aktien. Ein paar meiner Freunde halten mich für ziemlich verrückt. Nur meine Tochter nicht, der gehört nämlich ein Schaf irgendwo auf einer Farm an der irischen Südküste bei Killarney. Zum Glück weidet es nicht in unserem Garten. Deshalb teilt auch meine Frau die Liebe zu Irland.

Ich verstehe die Skepsis meiner Freunde zwar irgendwie. Trotzdem fliege ich jedes Jahr nach Irland. Neulich zum Beispiel habe ich mich auf dem Weg nach Castletownbearhaven (so heißen irische Städte) ziemlich verfahren. Ich fragte einen Bauern, ob er den Weg wisse. Er hat lange überlegt, sich ein paarmal gekratzt und dann die Mütze ins Genick geschoben. „Weißt Du“, sagte er, „weißt Du, wenn ich an Deiner Stelle wäre: Von hier aus würde ich nicht nach Castletownbearhaven fahren.“

So schöne Geschichten erleben meine Freunde nicht. Nicht auf Mallorca, nicht auf Kreta und  nicht in der Türkei.

PS: Damit endet der Rückblick  “Best of Reihemittelhaus”; ab nächste Woche gibt es wieder neue Geschichten, bis mindestens Ostern jeden Montag frisch (außer an Feiertagen).  Das nächste Thema: Unter Nackten.


Kategorie: 1
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3 Kommentare

14.06.2008
Janina

Das adoptierte Schaf hört (zumindest in der Theorie) übrigens auf den Namen Kurt!


19.06.2008
DasPixel

Glückwunsch!
Habe eben herzlich gelacht über die Geschichte. Und das kommt nicht sooo oft vor.


22.10.2009

Hallo, Ein wirklich interessanter Beitrag, weiter so.



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