Abschied vom Sommer

Auch der Herr Pfarrer hat gemerkt, dass jetzt der Herbst kommt. Für ihn war das besonders schlimm, hat er mir neulich aus seinem Leben als Mann berichtet. Denn er hat sich ein Sabbatjahr genommen, um in Ruhe über Gott (hauptsächlich) und die Welt nachdenken zu können. Verbracht hat er es auf einem Campingplatz am Chiemsee, in seinem Wohnwagen. Und weil der Chef im Himmel nicht will, dass der Mensch allein sei, war auch die Frau Pfarrerin mit dabei.

Jetzt haben die beiden gemerkt, dass es frisch geworden ist. Also haben sie den Wohnwagen an die Kupplung gehängt und sind nach Hause gefahren. Ausladen, fegen – und dann sollte die rollende Unterkunft ins Winterquartier.

Die ist ein paar Kilometer weit weg, bei einem Bauern in der Scheune. In einem Dörfchen namens Unternesselbach.  Der Herr Pfarrer (bei der Gelegenheit: Nicht zu verwechselns mit Heiner, dem Seelsorger, aus der September-Geschichte  muss dorthin durch den Ort fahren, in dem er aufgewachsen ist. Und sein Vater Lehrer war. Er tut das gern. Jedenfalls bis jetzt.
Denn am Ortsausgang hörte er ein merkwürdiges Geräusch, erzählte er mir noch immer sichtlich entsetzt im Reihenmittelhaus. Er guckte in den Spiegel – und vermisste seinen Wohnwagen.

Er tat, was ein Mann in so einem Moment tun muss: Anhalten, zurückgehen, suchen.
In der Tat fand er seine Behausung wieder. In einer meterhohen Hecke. Vor einem Haus.
Er läutete. Und gestand. Der Mann in der Tür guckte nur kurz zum Wohnwagen, dann dem Herrn Pfarrer ins Gesicht. Dann strahlte er: „Mensch, Du bist es doch! Der Sohn vom Lehrer! Du warst doch bei uns in der dritten Klasse!“

Der Herr Pfarrer musste schmunzeln, rief aber doch lieber den ADAC, um die Bergung aus der Hecke einzuleiten. Es half nichts: „Magst einen Kaffee?“, rief sein Kinderfreund. „Du hast doch so gut lesen können!“ Dann musste er erzählen, was aus ihm geworden ist, wie viel Kinder er hat und wieso er jetzt durch den Ort seiner Kindheit fährt.

Irgendwann ist er doch in den Garten entkommen, hat sich sorgenvoll seinen Wohnwagen angeguckt und keine großen Schäden gesehen. Dann  kam der erlösende Anruf vom ADAC, dass der Transporter jetzt praktisch schon im Anrollen ist. Das stimmte auch, denn drei Minuten später war er da.

Professionell barg der Automechaniker den Anhänger, hievte ihn auf seinen Laster und guckte sich den Zustand an. „Hm, sieht gar nicht so schlimmm aus“, murmelte er. Mit Betonung auf „so“. Der Herr Pfarrer verabschiedete sich unterdessen möglichst schnell von seinem red- und erinnerungsseligen Kinderfreund.

Kneifen hat er sich müssen, weil er erst gedacht hat, dass das alles gar nicht wahr sein kann. Aber dann hat der Herr Pfarrer  sich schnell noch einmal umgedreht, ehe er ins Auto gestiegen ist. Und die Hecke angeschaut, mit einem großen Loch. Halt so groß wie ein Wohnwagen.

Er hat dann nicht mehr gezweifelt

 

Die Suche nach der Liege

Der Blick nach draußen zeigt: Es wird Herbst. Die ersten Nebel wallen um das Reihenmittelhaus. Es ist kühl. Rainer Maria Rilke hat dereinst gedichtet: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich’s nimmermehr.

Ich erzähle noch schnell eine Geschichte vom Sommer. Denn ich hab’ jetzt meine Strandliegen weggestellt. Die habe ich im Frühjahr für uns gekauft, damit meine Frau und ich den Sommer am Brombachsee genießen können. Jedenfalls, wenn es warm war.

So eine Liege zu kaufen, ist echt anstrengend.

Es gab sie, beim Discounter. Sie sagen stabil aus, der Preis war gut. Also, nichts wie hin. Morgens um acht Uhr. Der Laden war seit einer Stunde offen. Und alle Liegen weg.

Also, zum nächsten Laden. Und zum nächsten. Und zu noch einem. Aufgeben gilt in solchen Fällen nicht. Aber immer: Die Verkäuferinnen schüttelten den Kopf. Wo die Liegen stehen sollten, klaffte gähnende Leere.

Die nächste Eskalationsstufe: Eine E-Mail an das Unternehmen. Das hatte nämlich versprochen, solche Aktionsartikel praktisch immer noch zu besorgen.

Eine Woche tat sich nichts. Und dann knarzte eine Stimme auf dem Anrufbeantworter. Dass nämlich zwei Liegen eingetroffen seien. Aber ohne Rufnummer oder Adresse.

Ich bin also schnell zur nächsten Filiale. Nicht, dass ein anderer behauptet, es wären seine Liegen. Ist mir nämlich mit einem Werkzeug schon passiert, und weg war es.

Wieder schüttelten die Damen die Köpfe. Sie wussten schier nicht mehr, dass sie je Liegen verkauft hatten. Aber eine hatte eine Idee: Vielleicht in der nächsten Filiale…

Hartnäckigkeit ist alles. Also ins Auto, fünf Minuten weiter ausgestiegen.

„Guten Morgen, Schwab ist mein Name, haben Sie vielleicht zwei Liegen für mich?`“
Sie rief laut durch das ganze Geschäft: „Der Mann mit den Liegen ist da!“ Der Filialleiter übergab sie mir höchstselbst und erzählte, dass sie in Spalt auf höchst wundersame Weise übrig geblieben sind. Später dachte ich mir: Vielleicht haben dort schon alle Liegen, weil ja die Seen so nahe sind…

Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu einem herrlichen Stück Strand in Absberg. Und ich habe die beiden Liegen besonders gut verstaut, damit sie im kommen Jahr weitergehen kann.

 

Die Sache mit der Leber

Arzt

In der Praxis sympathisch, als Gast eher schwierig: ein Arzt

Manche Gespräche sind echt verräterisch. Zum Beispiel, als ich einem der besten Freunde in meinem Leben als Mann einen guten Tipp geben wollte. Und einfach einen Experten als Zuhörer hatte.Es waren Heiner und Thomas. Beide besuchten mich im Reihenmittelhaus. Der eine ist Seelsorger, der andere ist Internist. Wir aßen,  redeten über alte Zeiten, protzten ein bisschen mit unseren früheren Frauenbekanntschaften und tranken den einen oder anderen Schluck. Was ältere Herren halt so tun.

Irgendwann fragte dann Heiner, der Seelsorger, Thomas, den Internisten: „Wie viele Bier darf ich denn heute trinken? Eins oder zwei?  Gemeint war: Er wollte noch mit dem Auto nach Hause fahren und keine Angst vor dem Polizei-Alcomaten haben. Thomas verstand das sofort. Schwie und dachte nach.

„Zwei“, sagte ich in die Stille hinein.

„Wie kommst Du darauf“, fragte Thomas.

Ich erzählte: Zwei Bier trinke ich oft am Abend, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Denn einmal habe ich blasen müssen. Es waren bloß 0,28 Promille. Bis dahin habe ich es mit schlechtem Gewissen getan, jetzt mit gutem. Und Heiner hat einen ähnlichen Körperbau.

„Hm“, sagte Thomas, runzelte die Stirn und dachte weiter nach. Wir warteten. „Du hast eine gut trainierte Leber“, sagte er mir dann. Ganz offen.
„Meine Werte sind in Ordnung, ich habe sie gerade erst testen lassen“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Gut für Dich“, sagte er, „trotzdem ist sie gut trainiert“.

Ich konnte nicht wirklich widersprechen.

Aber Heiner wusste jetzt, dass er sich ein zweites Bier nehmen konnte. Er hat auch eine gut trainierte Leber. Das wissen wir beide, und Thomas jetzt auch.

Besen auf dem Laster

Lkw

Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn… mit einem Besen hintendran!

Schöne Geschichten machen das Leben als Mann lebenswert. Selbst, wenn nur ich darüber lachen kann  – und  der, der sie ins Reihenmittelhaus mitgebracht hat, gar nicht.

Trotzdem: Es geht um einen Laster, den mein Kumpel steuert. Geladen hat er neue Möbel, die er dahin und dorthin fährt. Damit er sich nicht überarbeitet, werden ihm die Möbel auf der Ladefläche fachgerecht verstaut.

Alles hat seine Ordnung. In einer riesigen Halle liegt die Ware in einer Box, und die hat eine Nummer. Die Lagerarbeiter haben zwei Nummern. Eine mit der Box, eine mit dem Lkw. Dann gehen sie zur Box, holen die Ware heraus, bringen sie mit dem Hubwagen zum Lkw und verstauen sie. Fertig.

Viel denken muss man dabei eigentlich nicht. Trotzdem könnte es nicht schaden, wenn doch. Wie der folgende Vorfall zeigt.

Ein Arbeiter hatte eine der Boxen mit einem Besen sauber gemacht und dort sein Arbeitsgerät liegen lassen. Das war Fehler Nummer eins. Die Ladefachkräfte hatten eine Zettel mit der falschen Nummer. Das war Fehler Nummer zwei. Und mein Kumpel vergaß die Kontrolle seiner Ladung. Das war Fehler Nummer drei.

Und so ist er dann mit seinem Laster von Nürnberg bis kurz vor die tschechische Grenze gefahren. Dort machte er, was er immer tat: Er suchte die angegebene Adresse, kündigte die Lieferung an und begann mit dem Abladen. Das heißt in diesem Fall: Er wollte.

Denn auf seiner Ladefläche lag – nichts außer einem altem Besen. Mein Kumpel war sprachlos, und das passiert bei ihm nicht so oft. Er ist dann die ganze Strecke zurückgefahren, hat den Besen ab- und die mittlerweile in einer anderen Box aufgetauchten Möbel aufgeladen. Diesmal richtig, und er hat es mindestens dreimal kontrolliert.

Ich habe laut lachen müssen, nachdem er mir das alles erzählt hatte. Da hat er bitterböse geguckt, wie das sonst seine Art ist, mich durchdringend angeschaut und schließlich gesagt: „Das ist nicht zum Lachen!“

 

 

 

Fahrerflucht mit Rollator

Rollator

Und weg war er – der Mann mit dem Rollator!

Der Rentner ist heutzutage desöfteren auch nicht mehr das, was er früher einmal war – ein liebenswürdiger, nachsichtiger Mensch. Manche von ihnen, natürlich nicht alle, begehen sogar Straftaten; es sind immerhin so viele, dass es schon seniorengerechte Knäste gibt. Dass es die auch wirklich braucht, musste mein Sohn lernen in seinem Leben als Mann.

Die Geschichte, der er mit ins Reihenmittelhaus brachte, geht so: Er war mit seiner Freundin unterwegs und parkte sein Auto. Ein Rentner ging vorbei und beschädigte mit seinem Rollator den Kotflügel. Anstatt aber seine Personalien aufzusagen oder sich wenigstens zu entschuldigen machte er sich mit unerwartet hohem Tempo von dannen. Es handelte sich sozusagen um eine Fahrerflucht mit Rollator.

Leider Gottes blieb er verschwunden und mein Sohn fürchtete schon, dass er den Schaden selbst begleichen muss. Und: Lackreparaturen sind teuer.

Glücklicherweise wiegte sich der Übeltäter in falscher Sicherheit. Am Sonntag darauf wagte er sich wieder auf die Straße. Samt Rollator. Und lief den beiden in die Arme. „Da ist er“, rief die Freundin meines Sohnes, als sie ihn wiedererkannte.

Der rabiate Rentner wollte seinen Fehler korrigieren – und flüchtete wieder. Doch diesmal waren die beiden schlauer und verfolgten ihn bis ins Seniorenheim. Nachdem er dort verschwunden war, riefen sie die Polizei.

Zwei Beamte kamen und ermittelten. Durchaus mit Erfolg: Sie fanden den Mann. Sie stellten die Personalien fest. Und trotz hartnäckigem Leugnens überführten sie in der Tat. Die Beweise waren so überwältigend, dass sie den Rollator als Tatwerkzeug nicht beschlagnahmen mussten. Um eine Haftstrafe kommt der ältere Herr noch einmal herum, aber nicht um die Begleichung des Schadens.

Und, was lernen wir daraus? Manche Sprichwörter stimmen eben doch. Zum Beispiel: Alter schützt vor Torheit nicht.

Der Anfang vom Ende

Plötzlich steht meine Frau vor mir. Und dem Sofa, auf dem ich im Reihenmittelhaus liege. Sie hat einen energischen Zug um den Mund. „So geht das nicht“, sagt sie. „Das kann nicht das Ende sein.“

Ende? Welches Ende? Das unserer Ehe? Ich winde mich zum Fragezeichen. Mein Leben als Mann droht plötzlich aus den Fugen zu geraten. Vorsichtshalber schweige ich.  Sie scheint aber meine Gedanken zu erahnen.

Deshalb lächelt sie etwas. „Es geht um Deinen Blog“, sagt sie. „Du hast monatelang nichts mehr geschrieben. Das geht so nicht.“ Ich versuche eine Entgegnung: „Du brauchst den Blog doch gar nicht. Du weißt doch sowieso, was hier los ist!“

„Ich schon“, sagt sie. „Aber Deine Leser? Nix wissen die! Du hast Dich noch nicht einmal verabschiedet. Das geht gar nicht!“

Ich murmle etwas von Stress, zuviel Arbeit und dergleichen. „Es war einfach zuviel in den letzten Monaten. Ist auf fast nichts Lustiges passiert.“

„Ha“, sagt sie, „und was war mit der Fahrerflucht am Rollator? Ist das etwa nicht lustig gewesen?“ Schon, sehr, auch wenn unser Sohn darunter ein wenig hat leiden müssen.

„Also gut“, verspreche  ich ihr. „Ich mache weiter. Jedenfalls bis Weihnachten, und dann gibt es das große Finale“.

Mein Leben als Mann gibt es bis dahin wieder jeden ersten Montag im Monat. Beim nächsten Mal mit dem fahrerflüchtigen Senior am Rollator.

Drucker ohne Tinte

 
Drucker

Der Beweis: Alter Drucker, neue Patrone

Ich muss gestehen: Gelegentlich bin ich ein konservativer Mensch. Ich liebe es, wenn die Dinge so bleiben, wie sie sind. Einmal habe ich meiner Frau gesagt, dass ich darum gern bei ihr bleibe. Das war grundfalsch, musste ich lernen. Es folgte eine kleinere Krise in meinem Leben als Mann.

Aber es geht hier nicht um meine Frau. Sondern um meinen Drucker. Der ist schon etwas älter, tut aber brav seinen Dienst. So er denn Tinte hat. In einer Patrone. Und da liegt das Problem.

Es ist schon viele Jahre her, da ließ mich einer dieser Nerds im Elektronikmarkt wissen: Die stellt Canon nicht mehr her. Und wollte mir sofort ein neues Gerät andrehen. Ich habe ihn dann grußlos stehen lassen. So schnell trenne ich mich nicht.

Vor allem weiß ich: Tintenpatronen lassen sie wiederaufbreiten. Ich habe eine gute Quelle aufgetan. Firma in Großbritannien. Lieferung aus der Schweiz. So ganz habe ich das nicht geblickt. Aber es hat funktioniert. Und die Patronen auch.

Tja, dann ist die Quelle versiegt. Mein Drucker war bereit, aber ganz ohne Tinte. Aber: Es gibt Google. Und Ebay. Und die USA.

Ich gab BC 02 ein, die Bezeichnung der Patrone. Und, oh Wunder: Sie gibt es noch. Nagelneu. In den USA. Canon liefert sie offenbar nicht mehr nach Deutschland. Oder die Elektronikmärkte bieten sie nicht mehr an, um neue Drucker zu verkaufen. Oder beides. Offenbar geht so Kapitalismus. Aber nicht mit mir.

Also, ich habe sie bestellt. In Erlanger, Kentucky. Sie kostete nur ein Drittel so viel wie damals in der Bundesrepublik. Gut, die Transportkosten waren etwas höher. Aber fünf Tage später traf sie per Luftfracht im Reihenmittelhaus ein. Die CO2-Bilanz ist wahrscheinlich nicht so toll. Aber dafür habe ich der Umwelt Herstellung und Transport eines neuen Druckers erspart. Das müsste mal einer ausrechnen.

Ich kann das nicht. Aber ausrechnen, wie viel mich jetzt das Ganze gekostet hat: Ich schwöre, genau so viel wie damals vor Jahren eine neue Patrone im Elektronikmarkt. Amerika, Du hast es doch manchmal besser – jedenfalls, so lange es nicht ums Abhören geht.

Planung mit Frau

Frau an der Kasse

Da wird es schwierig - wenn eine Frau zur Suipermarkt-Kasse kommt...

Erfahrene Organisatoren wissen: Planung ist der Ersatz des Zufalls durch den Irrtum. Gut, das ist schon problematisch  genug. Aber alles und noch mehr kann  außer Kontrolle geraten, wenn Frauen im Spiel sind. Besonders Marita. Eine Tragikomödie aus meinem Leben als Mann  zeigt es.

Alte Freunde waren zu Besuch. Marita und Bob waren für ein Wochenende gekommen, und es sollte richtig schön werden. Spanischer Rotwein, irischer Whiskey, phänomenales Essen.

Marita, Bob und ich hatten eingekauft. Saftige, da gut abgehangene  Steaks, knackige Bio-Salate – was der Mensch halt so braucht. Der Wagen war ziemlich voll.

Wir standen also an der Kasse, und Bob machte einen Plan: „Dieter“, sagte er, „Dieter, Du packst die Sachen ein.“ Dann drehte er sich um: „Marita, Du bezahlst bitte.“ Er legte selbst legte die Ware aufs Band.

Das war eine klare Ansage. Also packte ich ein, zwei große Körbe voll.  Wir waren in Rekordzeit fertig. Indes, was uns fehlte, war Geld. Marita war verschwunden. Wir fanden sie dann, nur wenige Mintuen später, in der Drogerie-Abteilung. Die Schlange hinter uns, beim Einpacken noch hocherfreut, wurde merklich unruhig. Wir Männer guckten lieber niemanden mehr so genau an.

Wir brachten es schließlich noch fertig, dass Marita zahlte. Auch ein paar neue Cremes.

Bob ist eine Seele von einem Menschen, so bliebt der Fauxpas ohne große emotionale Folgen.

Er und ich standen dann im Reihenmittelhaus an der Küche. Bob kümmerte sich um die Steaks, ich machte die Salatsoße.  Am Esstisch war noch keiner, insbesondere unsere beiden Frauen nicht. „Ruf’ sie“, sagte er.

Ich tat es: „In zehn Minuten sind wir fertig.“ Sie hat sehr wohl verstanden und an Marita weiter, die noch im Bad ihre Creme ausprobierte. Also, die Frau im Reihenmittelhaus rief nach oben: „Marita, Du kannst Dir Zeit lassen, sie brauchen noch zehn Minuten.“

Es war so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was ich gemeint hatte. Ich wurde bleich, Bob aber grinste süffisant. So kannte ich ihn nicht. Ich riss mich vom Salat los und sah: Es war noch noch kein Steak in der Pfanne. „Ganz ruhig“, sagte Bob. Er briet sie dann und schon sie anschließend in den  Backofen. Nur 20 Minuten später waren sie fertig, dunkle Farbe, innen zartsosa.

Marita war mittlerweile auch aus dem Bad an den Esstisch gekommen. Sie wirkte leicht aufgelöst und seufzte: „Mein Gott, wie kurz doch zehn Minuten sein können.“ Bob lachte leise in sich hinein. Ich dann auch.

Das Drama des Bassisten

Steht überall am Rand: Der Mann am Bass

Steht überall am Rand: Der Mann am Bass

Es gibt Dinge, die gibt es nicht. Die sind kaum zu glauben. Vor allem, wenn sie passieren. Wie in meinem Leben als Mann.

Da verbrennt ein Ahnungsloser Tausende von D-Mark in einem alten Backofen. Und entdeckt sie erst, wenn alles zu spät ist. Oder da wird ein Teppich um ein paar Zehntausend Euro verhökert, der Millionen wert ist. Oder ein Kunstwerk landet auf dem Müll, weil der Vermieter einfach die Garage einfach ausräumt. Aber das ist alles nicht im Vergleich mit einem Bassisten.

Den braucht jedes Orchester und viele Bands. Aber, das ist sein Drama, seine persönliche Tragödie: Es liebt ihn keiner. Schon gar nicht so, dass er freiwillig ein Solo spielen dürfte. Kein Dirigent, kein Hornist, kein Geiger und schon gar kein Paukenschläger möchte es hören. Und, bei der  Gelegenheit, die meisten Zuschauer auch nicht. Es sei denn, sie sind mit dem Bassisten verheiratet. Oder anderweitig verwandt.

Es konnte also nur ein tiefgründiger Abend werden, als ein leibhaftiger Bassist ins Reihenmittelhaus kam. Zum Glück ohne Instrument. Denn er hätte nur ein Solo spielen können.

Das sagte ich nicht. Dafür stärkte meine Frau sein Selbstbewusstsein. Mit vielen aufmunternden Worten über die Bedeutung des Bassisten. Fürs Orchester, für die Musik und die Welt überhaupt. Der Herr Bassist guckte immer trauriger. Und schüttelte still den Kopf.

Wir schwiegen.

Dann erzählte er. Von einem Kollegen aus Großbritannien. Von seinem Leiden unter dem Ausbleiben eines Bass-Solos. Und dass er vor lauter Verzweiflung nach Afrika gereist sei.

Dort reiste er von Dorf zu Dorf. Bis er eins fand, wo viele Trommler um ein Feuer saßen. Und trommelten.

Sehr musikalisch, dachte er. Vielleicht eine Bleibe für micht. Und stellte sich dazu.

Sie trommelten. Und trommelten. Und trommelten.

Und trommelten.

Und trommelten.

Es wurde ihm unheimlich. Er fragte einen Mann, der neben ihm stand: „Warum trommeln sie so lange?

„Ach, wissen Sie“, sagte der in feinstem Oxford-Englisch: „Die wissen genau: Wenn sie jetzt aufhören, kommt das Bass-Solo.“

Unser Besuch trank zwei doppelte irische Wiskeys und eine halbe Flasche Rotwein. Dann wurde es doch noch ein ganz lustiger Abend.

Wenn die Liebe plötzlich weg ist

Mein Metzgereifachverkäufer ist einfach weg - und sein Laden zu.

Mein Metzgereifachverkäufer ist einfach weg - und sein Laden zu.

Er ist weg. Einfach nicht mehr da. Es ist eine dieser unheimlichen Tragödien in meinem Leben als Mann. Es war eine innige Beziehung über zwei Jahrzehnte, und ich liebte ihn. Oder besser: Sein Fleisch. Er war mein Metzgereifachverkäufer.

Er war der Mann, der mir beigebracht hat, was beim Kochen wirklich wichtig ist: das Einkaufen. Ich wusste das vorher nicht. Denn in meiner Kindheit stammte das Fleisch vom Bauernhof meiner Großeltern. Der Opa war Metzger. Er wusste, wie Tiere zu halten sind, damit sie gut schmecken.

Irgendwann habe ich mich selbst an den Herd gestellt. Die Großeltern lebten schon lange nicht mehr. Ich musste mein Fleisch also kaufen. Als Student. Also im Supermarkt. Konnte das schmcken? Nein. Tat es auch nicht.

Später konnte ich zum Metzger gehen. Meine Braten wurden besser. Meine Steaks auch. Sogar die Schnitzel. Da keimte in mir der Verdacht: Das Fleisch, es ist das Fleisch. Ich war zufrieden. Auch wenn es nicht ganz so gut schmeckte wie bei Oma. Die Erinnerung verklärt, dachte ich.

Dann kam er. Ich ging eigentlich nur in den Laden, weil er dort so alleine stand, am Anfang. Sein Fleisch kam von Tieren aus der Region. Artgerecht gehalten. Stressarm geschlachtet. Mein Essen wurde noch besser. So gut, dass ich mir die Frau fürs Reihenmittelhaus erkochen konnte.

Er war – vor allem ehrlich. „Dieses Roastbeef verkaufe ich Ihnen nicht“, hat er mehr als einmal gesagt. „Warum nicht?“, habe ich ihn gefragt. „Tut mir Leid“, antwortete er, „es ist noch nicht richtig abgehangen. Das wird nur zäh.“ Ich verstand.

Vielleicht rechnet es sich ja nicht, wenn ein Metzgereifachverkäufer Fleisch erst verkauft, wenn es richtig gut ist. Sein Laden in Stein ging allmählich nicht mehr richtig. Lange Straßensperrungen, wenig Parkplätze. Und dann Fehler, für die  der Chef im fernen Zirndorf verantwortlich war. Zu wenig Personal, lange Warteizeiten. Das mögen Käufer bei hohen Preisen nicht. Mein Metzgereifachverkäufer wusste das. Aber er schwieg, weil er nichts ändern konnte.

Jedenfalls: Eines Tages sagte er: „Wir schließen jetzt“ und gab mir zum Abschied die Hand. Ich war fassungslos. Ich konnte nicht begreifen, was da passiert ist. Langsam merke ich es: Das gute Fleisch fehlt wirklich. Ich muss weit finden, damit ich etwas vergleichbares finde. Aber: Meine Frau ist verwöhnt. Ich habe Angst, dass sie mir wegläuft. Ohne prima Essen.

Also: Wer einen guten Metzger kennt, so in Eibach, Röthenbach oder Stein – bitte melden. Ich suche dringend. Damit der Haussegen nicht in Schieflage gerät.