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Das Schreibportrait: Elmar Tannert

Elmar Tannert
Es dauerte Jahre, Krisenjahre auch, bis das Schreiben im Leben von Elmar Tannert seinen Platz fand. Im Rückblick vermag der 1964 geborene Schriftsteller nicht zu sagen, wie das damals, Anfang der Neunziger, genau war: Löste das Schreiben die Krise aus? Verstärkte es sie? Oder half es, sie zu überwinden? Bis zum Alter von 27 Jahren jedenfalls führte er ein „zielloses“ Leben: Er flog von der Schule, machte eine kaufmännische Ausbildung, studierte kurzzeitig Romanistik und war unzufrieden; nirgends konnte er Wurzeln schlagen. „Ich wollte etwas Eigenes machen, fragte mich aber: Was ist das Eigene? Es zu finden, war ein unglaublich langer Gärungsprozess.“
Er suchte, probierte aus, liebäugelte mit der Musik. Das Schreiben aber war es letztlich, das in ihm Wurzeln schlug, in dem er sich verwurzeln mochte. Anfangs kam es unauffällig daher, dieses Schreiben, als „eine Art Tagebuch“, in das er notierte, was ihn zu jener Zeit, in der er nach dem Eigenen suchte, bewegte: Dialoge, die sich in seiner Phantasie entsponnen, Träume, die ihn noch am Tag beschäftigten, „Wahrnehmungssplitter“, die ihn faszinierten. Schließlich kam die Idee zu einer Geschichte. Der Wendepunkt. Als er diese Geschichte schrieb, wurde ihm klar: „Da will ich weitermachen.“
Plötzlich war es da, das Eigene. Doch mit dieser Entdeckung weitete sich auch Tannerts Krise aus. „Alles brach zusammen.“
Dennoch oder gerade deswegen schrieb er weiter, zum Beispiel während der Nachtschichten in der Tankstelle, in der er arbeitete. Mal entstand eine Geschichte in einer einzigen Nacht, mal waren drei Monate nötig. Einige dieser „Episoden“, wie er sie nennt, flossen ein in sein erstes Buch, den „Stadtvermesser“; ein Roman, der 1998 bei ars vivendi erschien – und eine weitere Krise auslöste. „Mich überrollte alles wie eine Dampfwalze.“
Wie es dazu kam: Als der Verleger las, was Tannert, der nun bei der Post arbeitete, geschrieben hatte, war er begeistert. Eine Begeisterung, die auf den jungen Autor übersprang: Innerhalb von nur zwei Wochen schloss er das Manuskript ab, wenige Wochen später stand sein Erstling bereits in den Buchläden. „Eine Frühgeburt.“
Tannert realisierte, dass das Manuskript für ihn noch längst nicht abgeschlossen war, der Text sich in ihm weiterschreiben wollte. Doch nun gab es ein gedrucktes Werk, und er musste Lesungen halten und fühlte sich mit alledem unbehaglich. „Ich bin innerlich nicht mitgekommen.“ Aus seiner Sicht war er zu schnell in den Literaturbetrieb gerutscht.
Außerdem war das Gespräch über seinen Erstling bisweilen frustrierend. Auf dem Erlanger Poetenfest beispielsweise, da saß er nach der Lesung mit der Kritikerin Verena Auffermann auf dem Nebenpodium. Doch mit ihrer Sicht auf sein Buch war er alles andere als einverstanden. „Ich musste sie ständig korrigieren.“ Und da Kritiker oft ebenso eitel sind wie Autoren, brach Frau Auffermann schließlich das Gespräch ab.
Tannert fühlte sich innerlich zerrissen. Die Buchveröffentlichung entfernte ihn von den Post-Kollegen. Und mit dem neuen Autorendasein konnte er nichts anfangen („Ich dachte, das hat mit mir gar nichts zu tun“). Die zwei Welten, in denen er lebte, kamen ihm „absurd“ vor; in keine schien er zu passen. Die Folge: Rückzug; jahrelang schrieb er nicht mehr. Erst 2002 sollte sein nächstes Buch, der Erzählungsband „Kein Nacht, kein Ort“, erscheinen.
Mittlerweile hat sich Tannert an den Literaturbetrieb gewöhnt. Doch für sein Schreiben braucht er weiterhin einen „Schutzraum“, in den der Literaturbetrieb nicht vordringen kann, in dem er innere Ruhe zum literarischen Arbeiten findet. Ein Schutzraum, der sich nur entfaltet, wenn man finanziell abgesichert ist. Tannert aber führt heute als Freiberufler – er hält sich mit Auftragstexten, Lektoratsarbeiten oder Übersetzungen über Wasser – eine unsichere Existenz.
Es ist ein steter Kampf, genügend Honorar für den Lebensunterhalt einzunehmen. Ein Kampf, der den inneren Raum, der zum literarischen Schaffen nötig ist, schrumpfen lässt. Diese unsichere Existenz mit ihren unsicheren Schreibräumen macht Tannert, wie vielen anderen Autoren, zu schaffen.
Hinzu kommt der Druck, den er sich selbst macht: jene Zeit, die ihm zum literarischen Schreiben bleibt, möglichst für Projekte zu nutzen, die finanziellen Ertrag in Aussicht stellen. Für Krimis beispielsweise, die sich viel besser verkaufen als hochliterarische Werke. Also hat er sich zuletzt auf das Genre fokussiert, mit seiner Autorenkollegin Petra Nacke; nach „Rache, Engel“ (2008) und „Blaulicht“ (2010) gibt es Pläne für den dritten gemeinsamen Krimi.
Wie seine früheren Werke haben aber auch seine Krimis mit ihm selbst zu tun – Tannert spricht beispielsweise von seiner Ermittlerfigur als seinem Alter Ego. Tannerts Schreibimpulse entspringen ohnehin dem Biographischen. Was ihn umtreibt, will er „verwandeln“, in Text. So verpackte er beispielsweise viele Erlebnisse aus seiner Zeit als „Postler“ in seinem 2005 erschienen Roman „Ausgeliefert“.
Schreiben also, wie Tannert sagt: „Um etwas loszuwerden.“ Schreiben also, wie Peter Sloterdijk formuliert: um sich zu entbinden. Von dem, was in einem ist, was bewegt und beschäftigt, was bedrängt und beschwert.
Wovon sich Tannert entbinden will? Er meint, er habe „kein großes Thema“. Er mag es vielmehr, in seinen Texten Gegenwärtiges zu verarbeiten: Erfahrungen, Erlebnisse, Wahrnehmungen aus der aktuellen Lebensphase. Und die bevorzugte Form? Wenngleich Tannert bislang vor allem mit Romanen hervorgetreten ist, liegt ihm die lange Strecke nur bedingt. Er liebt vielmehr das episodische Schreiben, die Abschweifung, zumal im Roman, und mag weniger die stringente Komposition über hunderte Seiten hinweg.
Auf der kurzen Distanz fühlt er sich wohler, etwa, wenn es darum geht, „Wahrnehmungssplitter“ zu versprachlichen, ohne festen Plan. Tannert schreibt sich intuitiv voran, lässt sich treiben, erkennt oftmals erst beim Schreiben, was er schreiben will. „Ich schreibe, was mir gerade einfällt.“ Wie viele Schriftsteller. Auch Max Frisch hatte beim Schreiben keinen festen Plan. Die Vorstellung, dass ein Schriftsteller nach festem Plan schreibe, meinte der Schweizer einmal, liebten vor allem Dilettanten. Er habe nur Chaos im Kopf.
Schreiben aus dem Chaos heraus. So betrachtet, wird auch ein Satz Tannerts verständlicher, der jeden, der nicht schreibt, ratlos zurücklassen muss: „Ich habe keine Ahnung, wie Schreiben geht.“
Das Schreibportrait: Petra Nacke
Petra Nacke (F.: Michael Matejka)
Wer Petra Nackes Beziehung zur Literatur verstehen möchte, sollte etwas über ihre Haltung gegenüber der Zeit wissen: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, sagt sie, Heraklit zitierend. Die Zeit als Fluss, dem man sich überlassen, von dem man sich weitertragen lassen muss, um sich lebendig zu fühlen. Im Idealfall gibt es am Ufer nicht einmal Marken, die den Kilometerstand anzeigen. Denn alles, was messen und fixieren will, raubt Freiheit, ist Hemmnis für Gegenwärtigkeit, den „Zauber des Moments“. Sprich: Was fixiert ist, ist tot.
Diese Philosophie ist nicht intellektuell aufgesetzt, sie hat ihre Wurzel in physischem Erleben: Das Buch, sagt Petra Nacke, „ist ein Format, vor dem ich Angst habe“. Das gedruckte Wort ist ein fixiertes, also: ein totes Wort.
Mit Jean-Paul Sartre gesprochen: Schreiben bedeutet, dass sich ein Autor vollständig dem Blick des anderen aussetzt, wodurch die Subjektivität des Autors fixiert, seine Freiheit (anderes als das Geschriebene zu sein, sich zu entwickeln) geleugnet wird. Der Leser (eines Buchs) versetzt den Autor also in die Position des Toten. Bei diesem literarischen Letalgeschäft mag Petra Nacke nicht auch noch Handlangerin der eigenen Mumifizierung sein. An sich.
Wie damit umgehen? Der Philosoph Roland Barthes entwirft an dieser Stelle eine grobe Schriftsteller-Typologie: Der eine will seinem (getöteten) Ich Gerechtigkeit widerfahren lassen und schreibt weiter, beharrt also darauf, am Leben zu sein, anderes, mehr zu sein, als er bislang schreibend offenbart hat; dazu gehören Autoren wie Flaubert oder Proust. Der andere Schriftsteller-Typus, vertreten durch Mallarmé, akzeptiert seinen (bürgerlichen) Tod.
Petra Nacke gehört zu keinem dieser Typen. Sie schreibt nicht an gegen die eigene Versteinerung, sie akzeptiert sie aber auch nicht. Was einen simplen Grund hat: Sie ist keine Schriftstellerin. „Ich würde nie von mir behaupten, Schriftstellerin zu sein.“
Ihr künstlerisches Medium ist natürlich die Sprache, allerdings spricht sie von sich als „Performerin, Erzählerin“: auf der Bühne stehen, Kunst im Augenblick entstehen lassen, im Fluss sein, aber niemals im selben. Zeit, die fließt, lässt sich nicht umblättern.
Wer in eine Buchhandlung geht, wird jedoch feststellen, dass es da Bücher gibt, die den Namen Petra Nackes tragen; zwei Krimis (Rache, Engel! und Blaulicht) hat sie bislang verfasst, zusammen mit Elmar Tannert, ein dritter soll folgen. Wie es dazu kam: Tannert fragte sie eines Tages, ob sie nicht Lust habe, mit ihm einen Krimi zu schreiben. Bis dahin hatte Petra Nacke lediglich kurze Prosa veröffentlicht, von der Gerichtsreportage bis hin zur Nürnberger Sage. Sie sagte ja zum Romanprojekt, da ihr das planende Denken liegt, die Architketur eines großen Plots. Außerdem: Krimis verkaufen sich gut, damit lässt sich etwas verdienen.
Als freiberufliche Sprecherin, Sängerin, Autorin und Journalistin ist sie angewiesen auf Auftragsarbeiten, die Geld bringen. Sie arbeitet für den Bayerischen Rundfunk, schreibt Kolumnen für die Fürther Nachrichten oder Werbetexte für die freie Wirtschaft. Dieses Auftragsschreiben aber, das Themenvorgaben und Abgabetermine kennt, tut bisweilen auch weh. Oft genug „ziehe und reiße ich aus mir heraus, was noch nicht reif ist“.
Es ist außerdem nicht frei. Sobald geschrieben wird, um zu veröffentlichen, gibt es einen unsichtbaren Dritten, der einen beeinflusst, jene Kraft, die der Philosoph George Herbert Mead als „verallgemeinerten Anderen“ bezeichnet hat: den Leser, den Auftraggeber, den Verleger, die allesamt Erwartungen und Vorstellungen haben, die im Autor das Feld des Schreibens abstecken, verengen, die Richtung des Fließens beeinflussen, die Feder führen. Nein, so ein Schreiben ist nicht frei, davor warnt Petra Nacke auch junge Autoren (kürzlich erst, bei der Verleihung des Literaturpreises der Nürnberger Kulturläden), so ein Schreiben schmerzt.
Ganz anders, wenn sie zuhause sitzt, an ihrem Küchentisch, und Gedichte schreibt. Tagebucheinträge verfasst. Aphorismen notiert. Ohne Vorgabe oder Veröffentlichungsabsicht, bedingungslos. Dieses Schreiben, sagt sie, „ist meines“.
In dieser privaten Schreibwelt tönt es anders als in ihrer publizierten. In dieser Schreibwelt hört sie beispielsweise „schopenhauersches Gegackere“. Denn: Was sich wirklich lohne, meint sie, sei doch: über die Welt, über das Leben zu reflektieren. Für das Mysterium eine Sprache zu finden.
Hier erst, ließe sie es zu, beträte man die eigentliche Schreibwelt Petra Nackes. Eine Schreibwelt, die sich in ihren bisherigen Veröffentlichungen andeutet, etwa in Rache, Engel!, zu Beginn, als über den Zusammenhang von Zufall und Perspektive nachgedacht wird. Für den Leser wäre es reizvoll, mehr aus dieser Schreibwelt zu erfahren. Ob es so weit kommt, liegt sicherlich an der Frage des Verlegens. Mehr aber noch an jener, ob Petra Nacke irgendwann einmal Schriftstellerin sein möchte.