Archiv der Kategorie ‘Schreiben’

Oktober 3rd, 2011

Schreibwerkstatt: Eine Zeitreise durch die kreative Literaturgeschichte

Mit Freude schreiben, sich spielerisch zur Sprache bringen, literarische Geselligkeit erfahren: Die nächste Schreibwerkstatt auf der WörterWiese” (im Literaturzentrum Nord) findet am 30. Oktober statt und heißt “Triffst Du nur das Zauberwort”. Was da passiert: “Wir lassen uns zu Texten inspirieren, die ebenso fiktiv wie biographisch sein dürfen: Wir schreiben Postcardstories und Haikus, haben Spaß mit der „köstlichen Leiche“ und verfassen, wie sich das für Schriftsteller gehört, ein Manifest. Die Schreibspiele auf unserer Zeitreise durch die kreative Literaturgeschichte führen uns in die Antike, zu den Romantikern und zurück in die Gegenwart. Treffen wir, mit etwas Glück, das ,Zauberwort´, hebt nicht nur die Welt an zu singen, es beginnen auch die Texte auf einmalige Weise zu klingen.” Leitung: c´est moi. Termin: Sonntag, 30. Oktober 2011. Uhrzeit: 10 bis 18 Uhr. Kursgebühr: 40 Euro. Weitere Infos: Literaturzentrum Nord.

September 30th, 2011

Schreibwerkstätten im Literaturzentrum

Wer verrückt genug war, zur Welt zu kommen, sollte irgendwann begreifen, daß er reif ist für die Entbindung durch Poesie. So hat es Peter Sloterdijk bei seiner Frankfurter Poetikvorlesung ausgedrückt. Und natürlich stimme ich ihm zu, vorbehaltlos. Für die Verrückten, die begriffen haben, gibt es nun ein neues Angebot im Literaturzentrum Nord: Schreibwerkstätten, für Anfänger wie Fortgeschrittene. Wen die Schreiblust gepackt hat (oder wer sich davon packen lassen möchte), der kann sich nun auf der “WörterWiese” austoben – so nennt das Literaturzentrum die neue Reihe, die es in Kooperation mit dem hiesigen Schritstellervervand anbietet. Die nächsten Termine: “Triffst Du nur das Zauberwort” (30. Oktober), “Die eigene Sprache finden” (5. November) und “Kurzgeschichte” (12./13. November). Mehr Infos : Literaturzentrum Nord. Oder hier: Schreibwerkstätten (Flyer).

Juli 23rd, 2011

Philosophie des Schreibens

Schreiben. Nicht, um berühmt oder unsterblich zu werden (infantile Wünsche). Sondern: um geburtlich zu sein (wachsend, reifend). Sprich: Schreiben (sich zur Sprache bringen), um: zur Welt zu kommen. Und: sich in der (eigenen) Welt zu halten. Schreiben also: mäeutische, raumöffnende Kraft (durch die Leichtes auch schwer werden kann) und zugleich Auftriebskraft (durch die Schweres wiederum leicht werden kann). Der Schriftsteller ist einer, der von den Qualitäten dieser Kraft angezogen wird, den Umgang mit ihr einübt. Die Eleganz der (Schreib)Bewegung, die Formvollendung gezogener (Schrift)Bahnen ist wesentliche Disziplin (Ästhetik); aber nur eine, wohlgemerkt, neben anderen. Denn: Im Weitwinkel zeigt sich Schreiben letztlich: als Lebenskunst.

Mai 15th, 2011

Max Frischs Poetik: Von der Irritation, dass es noch etwas anderes gibt

Max Frisch (F.: dpa)

Max Frisch (F.: dpa)

Als Max Frisch Anfang der Achtziger Jahre in New York lebte, kam ihm eine Geschichte zu Ohren, von einem Botschafter, der in Leningrad gewesen war und den Wunsch geäußert hatte, man möge ihm jene Kunstwerke der russischen Avantgarde zeigen, die dem Volk vorenthalten wurden, insbesondere das Schwarze Quadrat des Malers Kasimir Malewitsch. Ein schlichtes Gemälde: ein schwarzes Quadrat, umgeben von Weiß. Und auf die Frage, warum man es unter Verschluss halte, wo das Volk doch sofort erkennen würde, Malewitschs Kunst sei Quatsch, antwortete die Funktionärin: „Sie irren sich – das Volk könnte nicht verstehen, wozu dieses schwarze Quadrat, aber es würde sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesellschaft und den Staat.“

Durch diese Anekdote wird eine der zentralen poetologischen Ansichten Max Frischs deutlich: Kunst soll irritieren. Darauf hinweisen, dass es mehr gibt als das, was uns umgibt, geläufig ist, was wir für gegeben und alternativlos halten. Kunst nicht als Gegen-Macht, sondern Gegen-Position zur Macht, die den Blick auf Alternativen ermöglicht. Literatur wird da verstanden als Utopie, natürlich, denn das Leben könnte auch ganz anders sein: besser, wärmer. Literatur dient aber auch dazu, die Herrschaftssprache zu entlarven, sich von ihr zu befreien, um zu einer persönlichen, besonderen Sprache durchzubrechen, einer Sprache, die die eigene Erfahrung, eigene Wahrheit trifft.

Aber: Frisch meint auch, es sei nicht möglich, die Erfahrung, die einem zum Schreiben treibt, in Worte zu fassen. Das eigentliche Erlebnis bleibe unsagbar. Es sei lediglich möglich, darumherum zu schreiben: Sprache als Meißel, der alles wegschlage, was an einer Erfahrung, die zum Schreiben treibt, nicht „Geheimnis“ ist. Man schreibt sich voran, hin zum „Geheimnis“, meißelt dessen Körper (Form) heraus – eine Gratwanderung. Wer zu früh aufhört, trifft die Form des Geheimnisses nicht, es bleibt undeutlich. Wer zu spät aufhört, zerstört es. Schreiben heißt: behutsame Annäherung.

Das „Eigentliche“ an einer Erfahrung sind also weniger die Fakten und äußerlichen Umstände, die zu erzählen ja keine Schwierigkeiten machen dürften; vielmehr, so interpretiere ich Frischs Äußerungen, geht es darum, das „Geheimnis“ erahnbar zu machen, das in einer Erfahrung liegt, das Besondere, das ein Erlebnis erst zur Erfahrung werden lässt: jene Kraft, die betroffen macht, jene Magie, die berührt, jenes letztlich Unsagbare, das bewegt.

Schreibarbeit heißt: auf der Suche sein, nach jenem Wort, jenen Sätzen, nach jenem Rhythmus und jener Sprachmelodie, die der eigenen Erfahrung entsprechen. Solange der Text nicht den Ton der Erfahrung trifft, den man innerlich wahrnimmt, ist er Arbeitsmasse, muss überarbeitet werden. Ein solches Schreiben erfordert die Auseinandersetzung des Autors mit sich selbst. Anstrengend, natürlich. Doch genau das macht die schriftstellerische Arbeit aus, zumal: „Wo unser Schreiben nicht zur Selbsterfahrung führt, entsteht keine Literatur, glaube ich, es entstehen nur Bücher.“

Neben der sprachlichen Behutsamkeit bedarf es für Frisch aber auch noch ein zweites, um eine Erfahrung auszudrücken: Fiktion. Seiner Ansicht nach genügt die bloße Beschreibung des Faktischen nicht, um das Erfahrene zu transportieren. „Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben.“ Denn: „Die Wahrheit kann man nicht beschreiben, nur erfinden.“

Wer die Wahrheit seines Lebens mitteilen möchte, sollte – folgt man Frisch – keine Biographie schreiben, sondern die eigenen Erfahrungen literarisieren. „Ausdrücken kann mich nur das Beispiel, das mir so ferne ist wie dem Zuhörer: nämlich das erfundene.“ Was bedeuten mag: In der Nähe zur eigenen Erfahrung liegt für den Schriftsteller ein Manko, ein Stolperstein, der ihn nur dann nicht zu Fall bringt, wenn er den Umweg über die Fiktion nimmt. Das war zumindest die schriftstellerische Wahrheit von Frisch, der sein Leben in Literatur kleidete, weil er nur darin die Möglichkeit sah, seine Erfahrungen zu vermitteln.

Eine Bedingung, um zur eigenen Wahrheit durchzubrechen: Man muss loslassen von der allgemeinen, konventionellen Sprache, die, so meint Frisch, immer auch eine Herrschaftssprache ist (dominiert von den Interessen der Mächtigen); muss sich also abwenden von jener Sprache, die den Einzelnen zwangsläufig von den eigenen Erfahrungen entfremdet.

Die Alltagssprache, jene Sprache, die wir von Kindesbeinen an gelernt haben, mit der wir uns durchs Leben manövrieren, ist ungeeignet, die zentralen Erfahrungen in Worte zu fassen. Die Alltagssprache hält den Einzelnen sprachlos, sie ist letztlich eine Sprache der Sprachlosigkeit. Für den Künstler, der diesen Zustand überwinden will, heißt das: Er muss sich aufmachen, seine eigene (künstlerische) Sprache zu finden – an diesem Punkt erst beginnt die Schriftstellerei, vorher ist das Schreiben an die Konvention gefesselt, an den Markt des Gängigen.

So gesehen hat schriftstellerisches Tun immer auch einen politischen Aspekt, selbst wenn man keine gesellschaftskritischen Themen aufgreift. Indem man die Herrschaftssprache ablehnt und sich zur Sprache bringt (eine Form der Befreiung), lässt man nicht nur eine mögliche Gegen-Position zur Macht sichtbar werden (jene des Individuums). Man zeigt dem Leser auch: dass es noch etwas anderes gibt: eine Sprache für das Eigene, das immer auch die Sehnsucht nach und somit die Utopie einer anderen Welt kennt. Irritierend.

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Mai 10th, 2011

Was Schreiben vermag

Georg Christoph Lichtenberg

“Zu Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vortrefflich, und jeder der je geschrieben hat, wird gefunden haben, daß Schreiben immer etwas erweckt was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag.” (aus: Lichtenbergs Sudelbüchern)

April 7th, 2011

Literarische Jamsession

Hier beginnt das Schreiben. An Orten wie der „aus.lese“, einer Lesebühne in der „Weinerei“. Schreiben, Geschriebenes sind hier noch unverstellt und, ja, authenthisch, literarisch nicht überformt. Das Biographische, das Kraftvolle, ist der Urgrund vieler Texte, die von jungen Autoren, meist zwischen 20 und 25 Jahre alt, vorgetragen werden. Dieser Urgrund wird nicht negiert, versteckt, sondern akzeptiert und zu Wort gebracht – sei es in der Sorge um die Umwelt (Fukushima), sei es im persönlichen Liebessehnen. In gewisser Hinsicht sind Lesebühnen wie die aus.lese Jamsessions der Literatur, in denen auch Raum ist für das Eruptive des Schreibens. Eine Unmittelbarkeit, bisweilen auch Unbedarftheit, wird hier spürbar, die an eine poetologische Äußerung von Max Frisch denken lässt: Beim Schreiben hält der Autor “die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte.” Hier beginnt das Schreiben.

Anders als beim Poetry Slam steht bei der Lesebühne das Showelement nicht gleichwertig neben dem Text, es gibt keinen Wettbewerbscharakter, keine „Schlacht“, kein Heben oder Senken des Daumens, was ohnehin ein Widerspruch zum innersten Wesen von Literatur wäre. Zugleich ist der sprachliche Ausdruckswille noch nicht in ein professionelles Textkorsett gezwungen, sprich: Hier werden (und das ist das Sympathische) auch Texte gefeiert, die literarisch deutliches Potential nach oben haben. Gefeiert, weil Literatur Gemeinschaftserlebnis sein darf, nicht Kampfzone sein muss, in der mit textanalytischen Sprengsätzen gearbeitet wird. Aus alledem beziehen Lesebühnen wie die aus.lese ihren Charme. Hier beginnt das Schreiben. Hier ist es noch nicht in Wertungsschemata gefangen, lediglich im Autor, der sich mit Sprache von Sprache befreit, um zur Sprache zu finden, im besten Fall zur eigenen.

Eine Bühne, auf der das gesellschaftskritische Gedicht ebenso vorgetragen wird wie die Einsamkeitsprosa, die sich hin zur Welt tastet. In manchem Auftritt, etwa jenem von Susanne Rudloff mit ihrem Gespür für Klang und Rhythmus eines Textes, wird sofort deutlich, dass hier nicht nur Bühnenneulinge lesen. Andere wie Therese Frosch (sie wird morgen im Video zu sehen sein) versuchen, auch das Vorsprachliche, das Nebelhafte, das den Menschen umgibt, spürbar zu machen. Mittels einer Sprache, die wunderbar zwischen Abstraktion und Bildhaftigkeit changiert und auf diese Weise erahnen lässt, was nicht ganz zu fassen ist. Hier beginnt das Schreiben. Hier ist es (wieder) zu entdecken.

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März 31st, 2011

In der Textarena

Sich aussetzen. Das tut ein Autor mit jeder Veröffentlichung. Mit jedem Text macht er sich zur Zielscheibe für Kritiker, die aus sicherer Position heraus den Cäsarendaumen heben oder senken. Wer schon einmal öffentlich kritisiert wurde, weiß, dass es einer gewissen Konstitution bedarf, damit umzugehen. Umso mutiger ist es, Texte in die Öffentlichkeit zu halten, die noch im Werden sind. Genau das tun die Autoren, die sich in der „Textarena“ präsentieren. Sie bringen aus ihrer Schreibwerkstatt ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder einen Romanauszug mit und lesen vor einem Publikum, das sie womöglich nur teilweise oder auch gar nicht kennen; denn der Ort der „Arena“ ist jedermann zugänglich: die Zwingerbar. Am letzten Sonntag eines Monats findet dort die Textarena statt, die vor über zwei Jahren von Michael Lösel und Christian Schloyer ins Leben gerufen wurde.

Nach der Autorenlesung wird über den jeweiligen Text diskutiert. Es gibt keine schönfärbenden Rückmeldungen wie im Familienkreis. Es wird offen und ehrlich kritisiert. Im besten Fall hebt oder senkt sich der Cäsarendaumen nicht, stattdessen wird auf jene Text-Charakteristika gedeutet, die besonders gelungen oder verbesserungswürdig sind. So üben es die Anfänger in Schreibschulen wie Hildesheim oder Leipzig ein, so machen es auch etablierte Profis. Bevor beispielsweise Thomas Glavinic seinem Lektor ein Romanmanuskript gibt, bittet er andere Leser – meist sind es zehn bis fünfzehn Autorenkollegen, die er kennt – um ihr Urteil, um Anregungen, Verbesserungsvorschläge, mit der Absicht, „blinde Flecken“ zu erkennen, den eigenen Text überarbeiten und voranbringen zu können. Genau das ist auch das Ziel von Literaturwerkstätten, die eine Quasi-Öffentlichkeit darstellen, oder Runden wie der Textarena, die von vornherein öffentlich sind.

An diesem Abend nun wagen sich Christine Treiber, Alexandra Franck, Jörg Knapp und Günter Körner auf die Lesebühne. Die Kritiker, die entspannt an Bartischen sitzen, machen einen Romananfang aus, der stellenweise zu „recherchiert“ klingt; die Überarbeitung sollte das Ziel haben, den Leser schneller, leichter in die Romanwelt zu ziehen. Bei einem anderen Text wird die Frage aufgeworfen, ob die Figuren glaubhaft sind, ihre Sprache adäquat ist. Und ein Text, der Gostenhof thematisiert, sollte „goho“-hafter sein, mehr Lokalkolorit aufweisen.

Das Feedback ist sachlich, konstruktiv – was auch daran liegt, dass die Debatte von erfahrenen Autoren wie Michael Lösel, Andreas Neuner oder Christian Schloyer geprägt wird. Aber jede Kritik, selbst die behutsam formulierte, entwickelt Wucht. Die Autoren und Autorinnen müssen das wegstecken. Tun das auch, geben sich gefasst.

Anstrengend, sicher. Ein Abend jedoch, der auf dem literarischen Weg weiterbringt. Günter Körner beispielsweise, ein Mann der ersten Textarena-Stunde, hat sich in den vergangenen zwei Jahren als Autor stark weiterentwickelt. Das wird bei seinem Textvortrag schnell klar.

Im Video:
1) Jörg Knapp
2) Günter Körner
3) Alexandra Franck

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