Archiv der Kategorie ‘Positionen, Gedanken, Blitzlichter’
Weshalb Literaturkritik überflüssig ist
Langweilig, belanglos, miserabel – mit wenigen Worten lässt sich ein Buch vernichtend kommentieren. Für den Kritiker hat das immer auch ein selbsterhebendes Moment: Über die Arbeit eines anderen wird der Daumen gehoben oder gesenkt, caesarengleich. Nennt mich Gott.
Eine hübsch leichtfertige Unterstellung, sicher. Eine Unterstellung aber, die sich ihre Leichtfertgkeit von der Kritik selbst abschaut, mit Leichtigkeit, angesichts vieler Rezensionen, in denen Hunderte Seiten eines Autors innerhalb weniger Absätze vernichtet werden. Eine Unart, die viele Gründe haben mag und sicherlich auch im Bedürfnis des Kritikers zu suchen ist, als wahrsprechende Instanz akzeptiert zu werden. Dieses Bedürfnis, angenommen zu werden, haben Autoren natürlich ebenso. Aber derlei Bedürfnisse erfüllt der Literaturbetrieb nicht. Der Kritiker, der das kurze Wort hat, weiß insgeheim, dass er kein eigenes Wort hat – er reagiert ja immer nur auf das Wort des Autors; der Autor ist es, der (ihm) vorschreibt. Der Autor wiederum, seit jeher, das haben auch Kerle wie Goethe oder Nietzsche erfahren, findet zuverlässig immer zwei Kritiker: den jubelnden und den vernichtenden, die ihre Sicht gleichermaßen plausibel zu formulieren wissen und beide für ihn letztlich kontraproduktiv sind.
Wer sich vom Literaturbetrieb insgeheim die Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse erwartet, ob nun als Autor oder Kritiker, steckt nicht nur persönlich fest, obendrein erlebt er Literatur als fortwährenden Kampf. Dabei ist Literatur im Kern etwas ganz anderes, ein hoffnungsvolles Spiel: Einer schreibt – in der Hoffnung, von einem anderen gehört zu werden. Einer liest – in der Hoffnung, von einem anderen angesprochen zu werden. Wobei es literarische Regel ist, dass diese Hoffnungen in den meisten Fällen enttäuscht werden, enttäuscht werden müssen. Milan Kundera beispielsweise weist auf einen simplen Umstand hin: dass man im Laufe seines Leselebens ohnehin höchstens zehn Autoren findet, die zu einem sprechen. Also muss die Lektüre unzählig anderer Autoren ohne Widerhall bleiben oder eben zu Abwehrreaktionen führen – das ist der literarischen Erfahrung immanent. Anstatt dies aber zu kommunizieren, wird in der Literaturkritik gern so getan, als sei der Autor ein Prüfling, der durch diese oder jene Testanforderung gefallen ist.
Für eine Lektüreerfahrung trägt der Autor jedoch nicht mehr Verantwortung als der Leser – wie ein Leser nur für gewisse Tonlagen empfänglich ist, so schlägt auch ein Autor nur jene Tonlagen an, die ihm notwendig scheinen. Gefällt einem Leser also ein Buch nicht, gibt es keinen Grund, dies dem Autor vorzuhalten; der Autor schreibt nur auf Grundlage seiner eigenen Poetik, was ihn ja erst zum Autor macht. Umso weniger Grund, als der Schriftsteller, der echte, dem das Schreiben nicht Geschäft, sondern Lebensnotwendigkeit ist, ohnehin nicht für eine “Zielgruppe”, nicht für einen “Markt” schreibt; er schreibt für sich und eine Handvoll Leser, vielleicht sogar nur für einen einzigen Leser, der womöglich nicht einmal existiert, weil er lediglich vorgestellt ist, unbewusst projiziert. Das muss man berücksichtigen, wenn man ein Buch aufschlägt, das ist das Lektürerisiko, das man eingeht. Dennoch einen Autor abzukanzeln, weil einen sein Schreiben nicht anspricht, einem seine Sprache missfällt, wird dann aber zur absurden Angelegenheit, die ihre eigene Poesieferne verrät – mag sie noch so sehr im Mantel “professioneller Kritik” daherkommen, mit noch so vielen Argumenten begründet und als Ritual literaturbetrieblich eingeübt sein.
Natürlich ist das, aus Kritikersicht, eine ketzerische Position. Aus Sicht eines Autors jedoch, der lediglich zwei, drei Menschen braucht, die mit ihm über sein Werk sprechen, ist die Literaturkritik oft störendes Nebengeräusch, sei sie nun positiv oder negativ. Ähnliches mag für den Leser gelten – ob nämlich ein Kritiker (der ja auch nur ein Leser ist) seinen Daumen hebt oder senkt, kann einem anderen Leser herzlich gleichgültig sein; denn der Kritiker vermag niemals persönlicher Maßstab zu sein, ob ein Buch jene intime literarische Erfahrung ermöglicht, auf die man hofft. So gesehen, ist Literaturkritik eine bisweilen unterhaltsame (siehe MRR), für den Leser aber auch belanglose Angelegenheit, die ihn zudem bei der einzigen Aufgabe beeinflusst, die er als Leser hat: eine vorurteilslose Haltung einzunehmen, mit offenem Ohr zu lauschen, dem Autor, dem Erzähler.
Ob ein Buch zu einem spricht, kann nur der einzelne Leser herausfinden: indem er es liest. Spricht es an, liegt das nicht am Kritiker. Ebenso wenig, wenn es unberührt lässt. In dieser Perspektive ist der Kritiker daher eine Gestalt, die aus dem Szenario entfernt werden kann, ohne den Charakter der literarischen Erfahrung zu beeinträchtigen. In dieser Perspektive ist der Kritiker nur ein Vor-Leser, der Caesar spielt und Lektüre(Kauf)empfehlungen ausspricht mit der wohlfeilen Absicht, den Leser vor der vermeintlichen Orientierungslosigkeit innerhalb der Bücherflut zu retten. Mag die Darstellerleistung noch so überzeugend sein, im Kern bleibt sie nebenfigürliches Beiwerk. Für den Leser ist der essentielle Unterschied zwischen Kritiker und Autor schlicht: Auf den einen kann er verzichten, auf den anderen nicht.
Die Gegenwärtigkeit von Literatur
Was heißt es, die Literatur zu lieben? Wenn Lieben, wie Erich Fromm meinte, voraussetzt, dass man das, was man liebt, kennt, dann bedeutet “die Literatur lieben”: sie zu kennen. Aber nicht in dem banalen Sinne, möglichst viele Bücher gelesen zu haben. Vielmehr: um ihr Innerstes zu wissen, ihre Essenz. Ein Symptom für die Liebe zur Literatur beschreibt Roland Barthes. Er meint: Einer, der die Literatur liebt, hat beim Lesen keinen Zweifel über ihre Gegenwärtigkeit. Die Angst beispielsweise, die Pascal einst vor dem Tod hatte, ist auch heute im Menschen so gegenwärtig wie damals und wird es noch in vielen Jahren sein. Insofern steckt in der (alten) Literatur Pascals eine Gegenwärtigkeit, die der Liebende wahrnimmt (kennt). Eine Gegenwärtigkeit, die vielem in der postmodernen Informationslawine, die täglich abrollt, fehlt (=> Irrelevanz, Beliebigkeit, auch wenn die “Information” anderes von sich behauptet). Laut Barthes ist das Gegenwärtige lebendig, das Aktuelle hingegen oft nur Geräusch. Eine Frage, die sich stellt: Wie viel Gegenwärtigkeit gibt es überhaupt in unserer lärmenden Medien-Gesellschaft? Eine andere: Kann man diesen Lärm, so gut man ihn auch zu kennen glaubt, lieben? Oder: Was sagt es über den (nicht)lesenden Menschen aus, wenn das Essentielle (Gegenwärtige) vom Beliebigen (Aktuellen) in den Hintergrund verbannt wird?
Manifest
Schriftsteller ist, wer sich schreibend in der Welt hält.
Schreiben ist existentiell. Wie auch das dazu komplementäre Lesen.
Es geht – für Schriftsteller wie Leser – darum, eine Sprache zu finden. Für sich, die Welt, das Ungesagte, das ans Leben bindet.
Die Publikation ist sichtbarer Ausdruck von Autoreneitelkeit, Verlegerhoffnung und Leserhunger – ein Agieren aus der Bedürftigkeit heraus. Literatur ist immer auch Eingeständnis, bedürftig zu sein.
Goldene Literaturregel: Nicht alles, was auf den Tisch kommt, muss verspeist werden.
Nicht verdauen müssen, nicht verdaut werden: Das kann für beide Seiten, Leser wie Schriftsteller, ein Segen sein. Für den Verleger nicht unbedingt.
Der Markt kann in der Welt der Literatur nicht atmen – sein Wesen macht ihm den Zutritt unmöglich. Daher beschränkt er sich darauf, Überfahrten in die Literaturwelt zu organisieren, Fahrscheine zu verkaufen. An sich ist er überflüssig. Das Internet hätte die Kraft, ihm seine autoritäre Funktion zu nehmen. Wird es wohl aber nicht. Weil der Markt längst in die Menschen eingedrungen ist, sie in Besitz genommen hat. Auf diese Weise ist er doch noch in die Welt der Literatur gekommen.
Trotz allem wird der Wert eines Buchs nicht vom Markt bestimmt – er ist nicht (ver)handelbar.
Jedes Schreiben, jedes Lesen hat seinen eigenen Ausgangspunkt. Die Begegnung von Schriftsteller und Leser mittels Buch kann daher aus großer Nähe oder großer Entfernung stattfinden. Im schlechtesten Fall auch: gar nicht. Für dieses Scheitern ist niemand verantwortlich. Denn: Der Leser hat immer Recht – der Schriftsteller aber auch.
Die Abwesenheit der Schriftsteller

Wird die Atmosphäre an einem Ort unbehaglich, nehmen das Künstler oft frühzeitig wahr. Wird sie unerträglich, sind sie die ersten, die gehen. Das galt nicht nur für festliche Bälle im 19. Jahrhundert, das ist auch in modernen Gesellschaft und ihren Teilkulturen festzustellen. Seit Ende der Achtziger Jahre beispielsweise ist ein Rückzug der Künstler aus der politischen Öffentlichkeit zu beobachten. Dieser Rückzug ging einher mit dem Wunsch vieler Nicht-Künstler, die Mahner, die längst lästig geworden waren, möchten doch endlich die Klappe halten. Man war jener überdrüssig, die sich, wie Grass, in die Politik einmischten; ihr Gestus wirkte nicht mehr zeitgemäß. Wünschte sich, dass die ewigen Moralisten und Idealisten sich heraushalten aus dem Feld der Politik, die doch nur eines sein kann: pragmatisch.
Vielleicht war es tatsächlich so, dass sich die so genannten politischen Literaten (wobei es ohnehin keine Kunst gibt, die keine politische Aussage machte) zu sehr der politischen Sprache angenähert hatten – was für einen Schriftsteller künstlerischen Selbstmord bedeuten kann. Nicht ausgeschlossen, dass die Schriftsteller zuletzt sogar ihrer selbst überdrüssig waren im politischen Diskurs. Die Zeiten, da PEN, Verband deutscher Schriftsteller oder prominente Literaten sich einmischen, sind jedenfalls vorbei. Dieses Aufmerksamkeitsvakuum füllte in den Neunzigern das Fräuleinwunder mit Judith Hermann oder Zoë Jenny. Und es gab plötzlich die Popliteraten, über deren Oberflächlichkeit man sich nett aufregen konnte. Obendrein begann die deutsche Literatur wieder zu erzählen – weg mit dem moralischen Ballast, her mit unterhaltsam erzählten Geschichten vom Schlage eines Daniel Kehlmann. Yepp, alle Seiten fühlten sich befreit – die einen vom Anspruch, politisch sein zu müssen; die anderen vom Künstlergestammel, das in ihren Ohren immer auch ein wenig realitätsfremd klang.
Und nun das. Frank Schirrmacher (Foto) klagt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass eine Stimme fehlt im Diskurs: die der Schriftsteller. Sie sollten sich doch bitte wieder einmischen. Weil Literatur das Instrument der Menschen sei, „das sie fast intuitiv herausfinden lässt, warum jemand sagt, was er sagt“. Literatur als Blick hinter Masken, als Schlüssel zum Menschenverständnis – eine noble Funktion.
Die Literaten, so möchte es der FAZ-Herausgeber, sollen einschreiten, wenn Politiker (die sonst sehr schweigsam sind, sprich: viel plappern, ohne etwas zu sagen) wieder mal Sprache missbrauchen. Sollen aufjaulen, wenn ein Innenminister meine, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Die Literatur als „Medium der Freiheit“ müsste bei diesem unglaublichen Satz doch sofort widersprechen.
Sicher täte es (wie in allen Zeiten) der Gesellschaft gut, gäbe es mehr Quertreiber, die den Politikern ihren Unsprech nicht durchgehen ließen. Allerdings ist es den Literaten und ihrer Literatur ebenfalls ganz gut bekommen, politisch abwesend zu sein. Warum sollten sie nun zurückkehren in diesen elenden Ring? In dem ohnehin die Medien stehen, muskulös und elegant wie einst Ali, und Sarrazin & Co. vortrefflich auf die Mütze geben – dafür sind keine Schriftsteller nötig. Weshalb dann Schirrmachers Ruf? Vielleicht stellen sie, die Medien, mittlerweile fest, dass die Politiker nicht nur stumm geworden sind, sondern obendrein schwerhörig. Stellen fest, dass die Medien selbst zunehmend gefangen sind in Diskursroutinen (was auch an zu großer Nähe zur Politik liegen könnte). Allerdings: Ob Literaten gute Lautsprecher abgäben, ist zu bezweifeln. Ebenso, dass sie nicht gleichermaßen verschlungen und deformiert würden von der Symbiose, in der sich Politik und Medien gegenwärtig befinden.
Natürlich ist Schirrmachers Bedürfnis verständlich: sich Verstärkung holen. Aber, und das ist die alte Gretchenfrage der Kunst: Ist das wirklich des Literaten Aufgabe, sich mit Politik abzutun? Sich politisch zu äußern, ist alles andere als ein künstlerischer Akt. Es ist eben nicht Aufgabe der Kunst, auch nicht der Literatur, sich an einer präkomatösen Politik abzuarbeiten, Realität widerzuspiegeln (das macht Journalismus meist besser) oder das Funktionieren der Welt zu erklären (das macht Wissenschaft besser). Literatur ist da am stärksten (und zuhause), wo sie sich im Sinne Kunderas darauf konzentriert, Aspekte der Existenz zu erhellen. Wo sie, im Geiste Musils, ihre Kraft verwendet, eine Sprache zu schaffen, die den Möglichkeitsraum auslotet und Alternativen spürbar werden lässt. Nein, lieber Herr Schirrmacher, die Literaten dürfen sich nicht von der gegenwärtigen politischen Kultur verbrauchen lassen. Ihre Sprache muss frei fließen können, damit sie zur Kunst wird. Der politische Diskurs aber ist ein (selbstgebautes) Gefängnis. Warum sollten Schriftsteller freiwillig einsitzen?




Slavoj Žižek. Ein Porträt. (5/5)