Archiv der Kategorie ‘Literaturgeschichten’

April 23rd, 2011

Der Exzentriker und die Lügen

Die Verleihung des Grillparzer-Preises war nicht nur für Thomas Bernhard ein Desaster, sondern auch für die österreichische Kulturpolitschickeria, deren Maskenhaftigkeit deutlich wurde. Sie feierte keinen Schriftsteller, feierte nicht einmal die Dichtkunst, die offensichtlich nur Schmuck war, Anlass und Dekoration für einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Bernhards Reaktion war die einzig mögliche, schließlich wollte er nicht Dekor sein, sondern als Künstler wahrgenommen werden. Wer Preise an Schriftsteller vergibt, muss mit so einem Anspruch rechnen. Und er sollte ihm auch gerecht werden. Andernfalls ist so eine Zeremonie genau das, was Bernhard am wenigsten ertrug: Lüge.

Ihm, wie vielen anderen Schriftstellern, wird ja gerne Exzentrizität vorgehalten. Als wäre alle Abweichung vom unsichtbaren Mittelmaß lediglich Attitüde, die sich ohne Weiteres beenden ließe. Wenn aber einer wie Bernhard von der eigenen Preisverleihung flüchtet, dann tut er das nicht aus Kalkül. Er tut es, weil er nicht anders kann. Weil ihm sein Empfinden und Erleben dazu drängen.

Eine Exzentrizität, die darauf beruht, ist letztlich nichts anderes als: Notwehr.

Notwehr gegenüber einer Welt, die sich aus subjektiver, deswegen aber nicht weniger relevanten, Perspektive unfassbar verhält.

Bernhard beschimpfte die Welt, weil er an ihr litt. Eine andere Alternative bot sich ihm nicht. Hätte er Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit & Nächstenliebe eingefordert, wäre er ja nur verlacht worden (eine Reaktion, die mehr über eine Gesellschaft aussagt als über jenen, der klagt). Das wäre wohl noch schwerer zu ertragen gewesen als der Zorn einer saturierten bürgerlichen Mehrheit, von Beamten, Journalisten oder Politikern wie jenem Unterrichtsminister, der bei der Verleihung des österrischen Staatspreises empört den Saal verließ, weil er Bernhards Rede nicht ertrug.

Es mag einem Minister nicht gefallen, wenn ein Schriftsteller davon spricht, dass das Volk apathisch sei, geplagt von “Riesen der Angst”, das Chaos verdiene. Dabei sind es genau diese Botschaften von Künstlern, mit denen sich die Politik auseinanderzusetzen hätte. Anstatt vor Bernhards Wahrheit davonzulaufen, hätte der Herr Minister das Gespräch suchen sollen. Das hätte Format gehabt. So aber machte Thomas Bernhards so genannte Exzentrizität das Verlogene sichtbar.

In diesem Jahr wäre der Schriftsteller 80 Jahre alt geworden.

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April 22nd, 2011

Literaturgeschichten: Thomas Bernhard und der Grillparzerpreis

Thomas Bernhard (F.: dpa)

Thomas Bernhard (F.: dpa)

1972. Thomas Bernhard soll den Grillparzerpreis erhalten. Zwei Stunden vor der Preisverleihung kommt ihm in den Sinn, dass er in der Wiener “Akademie der Wissenschaften” vielleicht doch nicht in Hose und Pullover auftauchen sollte. Er geht in ein Geschäft, probiert einen teuren Anzug, Sakko und Hose passen, perfekt.

Kurz darauf: Treffen mit der 81 Jahre alten Tante, die den Autor begleitet. Angekommen in der Eingangshalle der Akademie, sieht sich Bernhard um. Doch niemand hält Ausschau nach ihm, dem Schriftsteller, der doch Mittelpunkt des Abends ist, niemand geleitet ihn an seinen Platz. Bernhard wartet mit seiner Tante in der Eingangstür zum Saal, sie stehen anderen Gästen im Weg, keiner kümmert sich um sie.

Musiker nehmen auf dem Podium Platz, der Saal füllt sich, und der Schriftsteller hat einen Gedanken, und diesen Gedanken setzt er sofort um: Er geht mit seiner Tante in die Saalmitte und setzt sich auf einen freien Platz inmitten der Menge.

Ehrengäste treffen ein, die zu ihren Plätzen geleitet werden, natürlich auch die Wissenschaftsministerin, die vom Akademiepräsidenten persönlich empfangen wird.

Schließlich gibt es Aufregung… wo bleibt Bernhard?

Ein Akademiemitglied entdeckt ihn. Bernhard registriert das, rührt sich aber nicht. Das Akademiemitglied zwängt sich an Sitzenden vorbei, bittet Bernhard – im Auftrag des Präsidenten -, nach vorn zu kommen. Doch Bernhard meint: Er setze sich nur in die erste Reihe, wenn ihn der Akademiepräsident persönlich auffordere…

So geschieht es, der Akademiepräsident kommt, zwängt sich durch die Reihen…

In der Laudatio schreibt dieser Präsident Bernhard Theaterstücke zu, die der gar nicht geschrieben hat. Nach der Verleihung beachtet abermals niemand den Autor, alle scharen sich um die Ministerin, die obendrein fragt, wo denn der Dichterling sei – ohne zu bemerken, dass er neben ihr steht.

Bernhard und seine Tante schleichen sich hinaus, gehen mit Freunden essen. Im Freundeskreis wundert man sich, dass dieser Preis mit gar keiner Summe verbunden ist. Unverschämt. Nein, mehr noch: Nach so einer Preisverleihung ist Bernhard doppelt beschämt, mehrfach gedemütigt.

Es stellt sich das Gefühl ein, dass der neue Anzug doch nicht passt.

Bernhard geht in das Kohlmarktgeschäft und tauscht, mit der nötigen Entschlossenheit, den getragenen Anzug gegen einen neuen, gegen einen, der groß genug ist.

(Weitere “Preisgeschichten” berichtet Bernhard himself in “Meine Preise”, Suhrkamp 2009)