Schreibwerkstätten
"WörterWiese": Im Literaturzentrum Nord (Kuno) startet im Herbst 2011 eine neue Reihe mit Schreibwerkstätten. Zum Auftakt gibt es fünf Angebote, beispielsweise: Kreatives Schreiben, Kurzgeschichte oder einen Text-Check. Mehr Infos hier:
WörterWiese
Von der Lächerlichkeit
Mir ist die Lächerlichkeit, Gedichte zu schreiben, lieber als die Lächerlichkeit, keine zu schreiben. (Wislawa Szymborska)
Flüstern ist Intimität mit der Stimme
Andreas Séché
Andreas Séché hat mit “Namiko und das Flüstern” ein poetisches Roman- debüt vorgelegt, in dem er eine Lie- besgeschichte in Japan erzählt. In seinem Gastbeitrag für den NN-Litera- turblog wirft der Schriftsteller, der in der Nähe von Köln lebt, einen ganz persönlichen Blick auf seinen Erstling und geht auch auf die Philosophie ein, die zum Zauber des Romans beiträgt.
Flüstern ist Intimität mit der Stimme. Meist dringt Gewispertes tiefer, weil man automatisch die Ohren und die Wahrnehmung spitzt. Im Buchtitel „Namiko und das Flüstern“ steht das Flüstern allerdings nicht nur für Worte, denn das Leise artikuliert sich manchmal auch in Taten, Gesten, Berührungen oder Gedanken. Bei Namiko, der Hauptfigur des Buchs, ist das Flüstern quasi ein Synonym für die leise und deshalb um so innigere Liebe.
Im Roman reist ein deutscher Reporter nach Kyoto, um über japanische Gärten zu schreiben. Die Studentin, die er dort kennen lernt, öffnet ihm den Blick auf die Sprache der Gärten, und er erkennt sie als einen Ort, an dem sich unzählige leise, aber intensive Geschichten verstecken – so wie in der Liebe. Der Reisende nach Japan und ins Innere seiner selbst verliebt sich in die flüsternde Frau.
In solchen Situationen beginnen auch tief in uns zwei Stimmen leise auf uns einzureden. Sie kommen aus Gehirn und Bauch. Tu das Vernünftige, sagt das Denken. Tu das Richtige, sagt die Intuition. Offenbar sind das Vernünftige und das Richtige nicht immer dasselbe.
Ein Protagonist, der sich zwischen seiner eigenen Welt und der einer Frau, in die er sich verliebt, entscheiden muss – das ist ein Konflikt, den man auch in der Hintergrundsprache einer Geschichte gut wiederspiegeln kann. In „Namiko und das Flüstern“ stehen deshalb Wasser und Land für die beiden Welten der Protagonisten. Wir neigen zu bipolarem Denken und unterteilen alles in gut und böse, groß und klein, Vergangenheit und Gegenwart, mein und dein. Klare Ansagen machen die Welt scheinbar kalkulierbarer, und unser Gehirn freut sich, weil Vernunft zum Durchrechnen von Zukunftsvarianten neigt und die Beschränkung auf zwei klar voneinander getrennte Alternativen die Sache irgendwie übersichtlicher macht.
Übersichtlicher ja – leichter nein. Wenn wir Dinge als Gegensätze wahrnehmen, erschwert das auch Entscheidungen. Man eröffnet scheinbar miteinander konkurrierende Extreme und glaubt, die Entscheidung für die eine Möglichkeit bedeute gleichzeitig den Verzicht auf die andere: Mit dem Gewinn entscheidet man sich also immer auch für den implizierten Verlust.
Andreas Séché: Namiko und das Flüstern (ars vivendi, 2011)
Wirklich? Wasser und Land scheinen solche nebeneinander liegenden Welten zu sein – doch sie können auch anders wahrgenommen werden. Namiko und der Ich-Erzähler sitzen an Teichen, wandern am Strand und fliegen auf eine Insel, weil diese Orte Beispiele dafür ist, dass die beiden Welten Wasser und Land (also ihre und seine) eben nicht getrennt voneinander gedacht werden müssen: Eine Insel ist Land, inmitten von Wasser. Und ein Teich Wasser, eingebettet in Land. Zwei Welten können ineinanderfließen. Weshalb in dieser Geschichte der Mond (unter anderem) als Auslöser von Ebbe und Flut die Grenzen eben dieser beiden Welten, Wasser und Land, verschwimmen lässt. So wie ein Fischer oder eine Möwe, die sich sowohl an Land als auch auf dem Wasser wohlfühlen und vermutlich nicht auf die Idee kämen, beides voneinander zu trennen. Oder Nebel, der aus einem heißen Bad oder aus einer Wiese quillt und die Landwelt durchdringendes Wasser ist.
Gleich zu Beginn der Geschichte sitzt der Protagonist in Japan in seinem Hotel und starrt durchs Fenster auf die fremde Stadt dort draußen wie in die abgeschlossene Wasserwelt eines Aquariums. Dass wir die Dinge auch als weniger getrennt wahrnehmen können, zeigt Namiko: Während beide an einem Teichufer sitzen, schiebt sie, wie eine Einladung, ihre Hand ins Wasser.
Geflüsterte Gesten und überhaupt die leisen Töne können tief dringen. Um sie wahrnehmen zu können, brauchen wir, besonders in der Liebe, vor allem eines: Nähe.
Andreas Séché
Tipp: Am morgigen Samstag wird Andreas Séché im NN-Literaturblog mit einer stimmungsvollen Videolesung zu sehen sein, in der er seinen Roman “Namiko und das Flüstern” vorstellt. In der NN-Rezension von Steffen Radlmaier heißt es über das Erstlingswerk: “Andreas Séché hat eine poetische Liebesgeschichte der besonderen Art geschrieben, die philosophischen Exkurse erinnern dabei an die besten Romane von Paulo Coelho. Ein Buch über die Kraft der Stille und die Entdeckung der Langsamkeit in diesen lärmenden, hektischen Zeiten.” (Zur NN-Rezension)